Das Brexit-Drama hält Großbri­tannien und die Europäische Union seit 2016 in Atem. Der Schlussakt ist noch nicht erreicht. Viele Betroffene lecken sich die Wunden – aber: es gibt auch Gewinner.

Von Wolf Achim Wiegand (Text erschienen bei FORUM – Das Wochen­ma­gazin)

London (waw) – Seit drei Jahren führen die Briten einen erbit­terten Kampf. Er richtet sich gegen sich selbst: der Brexit-Streit hat tiefe Wunden geschlagen. Nicht nur die Parteien, sondern ganze Familien haben sich darüber entzweit, ob das Verei­nigte König­reich die Europäische Union (EU) verlassen soll oder nicht.

„Brexit ist ein hervor­ra­gendes Beispiel für eine Nation, die sich selbst ins Knie schießt”, meinte Hugh Grant kürzlich in einem Interview. In einem Tweet an Premier­mi­nister Boris Johnson wurde der proeu­ro­päische Schau­spieler noch deutlicher: „Du wirst nicht die Zukunft meiner Kinder versauen … Verpiss dich, du aufge­bla­senes Gummi-Badespielzeug.” Lohn des Gefühls­aus­bruches: über 250.000 Likes innerhalb eines Tages.

Eine der bittersten Erkennt­nisse aus der Brexit-Saga ist: Das Land hat sich verändert. Auf der Insel, deren Bewohner dafür weltbe­rühmt sind, dass die Formvoll­endetheit bis zur Stock­steife gewahrt bleibt, haben manche jede Höflichkeit über Bord geworfen, allen voran die politische Élite. „Wir leben in einem Land autori­tärer Populisten”, stellten die Meinungs­for­scher Joe Greenwood and Joe Twyman in einer Studie der London School of Economics fest.

Die über die Jahre unklare Lage hat viele Verlierer hervor­ge­bracht – aber auch Gewinner. Für einige Wirtschafts­zweige lief es seit dem Austritts­re­fe­rendum 2016 ausge­sprochen gut. Dazu gehören die Wettan­bieter, eine Zunft, die nirgendwo auf der Welt so floriert wie in Großbri­tannien. Wettan­bieter gehören zum Natio­nal­cha­rakter. Es gibt sie schon seit dem Ende des 18. Jahrhunderts.

„Land autori­tärer Populisten”

Buchma­chern wie Paddy Power, Ladbrokes oder Betfair hat der Brexit ein kleines Labsal neuer Einnah­me­quellen gebracht. Die Branche brauchte das. Der Druck von Online-Wettbüros und gesetz­liche Beschrän­kungen führten dazu, dass die Kette William Hill vor Kurzem die Schließung von 700 Wettbüros ankün­digte, was 4.500 Jobs betrifft.

Die Brexit-Wetten haben viele Laden­kunden dazu veran­lasst, nicht nur auf Fußball­matches, Pferde­derbys oder Windhund­rennen zu setzen, sondern politi­sches Tippen zu wagen. Kommt es zur Loslösung vom europäi­schen Kontinent? Stürzt die Regierung? Gibt es Neuwahlen?

Dabei trieb es gelegentlich seltsame Blüten. So bot ein „Bookie” die Wette an, wie wahrscheinlich es ist, dass der Schwer­ge­wichts-Boxer Tyson Fury neuer Premier­mi­nister wird. Bei einer Wettquote von 1000:1 betrug die Wahrschein­lichkeit nur 0,1 Prozent. Kasse machten nur wenige – die Wettbüros aber schon.

Wettbüros sind in Großbri­tannien aber mehr als eine Schrul­ligkeit. Oft schon entsprachen ihre Einschät­zungen der Realität, zeigt eine Studie der angese­henen Univer­sität Cambridge. So sagte die Branche eher als die Finanzindus­trie richtig voraus, dass die Briten beim Brexit-Referendum mit „Yes” (also „Ja” zum Austritt) stimmen würden. Vermutlich rührt die Zuver­läs­sigkeit daher, dass die Wettwil­ligen bares Geld inves­tieren – und somit ehrlichen finan­zi­ellen Inter­essen folgen, deuten die Forscher.

Auch anderen Wirtschafts­zweigen in England, Schottland, Wales und Nordirland passen die Abspal­tungs­sze­narien für Großbri­tannien in den Kram. Eine davon ist die Touris­mus­branche. Ein fallendes Pfund könnte viele Briten dazu veran­lassen, die schönsten Tage des Jahres im Inland zu verbringen. Und für auslän­dische Touristen wird das Land von Königin Elizabeth II. erschwing­licher bei Unter­künften, beim Essen oder Shoppen.

Noch für das laufende Jahr rechnet die Marke­ting­or­ga­ni­sation ­Visit ­Britain mit Rekord­aus­gaben von Reisenden in Höhe von 27 Milli­arden Euro (Vorjahr: 23 Milli­arden). Reise­spe­zialist Forward Keys meldet ein Plus an Sommer­ur­laubern von sechs Prozent. Allein die Kaufkraft von Chinesen sei um fünf Prozent gestiegen. Ein Trend, der bleiben werde, glaubt Nick Varney, Chef der Branchen­ver­ei­nigung British Hospi­tality Association: „Das Pfund wird sich bei einem wettbe­werbs­fä­hi­geren Kurs einpendeln.”

Gewinn­margen durch den Brexit rechnen sich des Weiteren bestimmte Großkon­zerne aus. Der Pharma­gigant Astra Zeneca UK plant, im Ausland günstigere Medika­mente anzubieten. Der Trieb­werks­her­steller Rolls-Royce erwartet bessere Absatz­mög­lich­keiten für seine Kunden in über 150 Ländern. Und britische Online­shops wie amazon.co.uk werden weltweit manches Schnäppchen aufrufen können.

„Das beste Land der Welt”

Zu den auslän­di­schen Unter­nehmen, denen der Brexit echte Geschäfts­chancen bietet, gehören allen voran Immobi­li­en­in­ves­toren. In Büroge­bieten wie der City of London geben sich deren Kaufleute die Klinke in die Hand. Vor allem asiatische Aufkäufer inter­es­sieren sich für günstiger gewordene Gebäude, aus denen sich Firmen, Behörden und Insti­tu­tionen in Richtung eines Sitzes im Gebiet des ­EU-Binnen­marktes abgesetzt haben.

Selbst auf der Nachbar­insel Großbri­tan­niens, in der Republik Irland, deren Schicksal zum kompli­zier­testen Thema der Brexit-Verhand­lungen geworden ist, stehen Einzelne schon jetzt auf der Sonnen­seite. So verzeichnen irische Internate mehr Anmel­dungen auch von deutschen Eltern, die ihre Kinder lieber auf der grünen Insel als im Unver­ei­nigten König­reich beschulen lassen wollen.

Die Brexit-Ära hat sehr viele Schatten, aber eben auch Sonnen­seiten. Ob die Strahlung aller­dings ausreicht, die Vision des konser­va­tiven Premiers wachsen zu lassen, wird sich zeigen.

Ganz im Stile der neuen briti­schen Tonalität bedachte Boris Johnson die Sorgen der Wirtschaft vor dem Brexit mit dem überlie­ferten Kommentar: „Fuck business” („Scheiß auf die Wirtschaft”). Heute spricht Boris Johnson unver­drossen davon, Großbri­tannien werde „das beste Land der Welt” sein. Abwarten und engli­schen Tee trinken.


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