London / Hamburg (waw) – Das waren noch Zeiten! The Beatles und die Rolling Stones regierten im Pophimmel. Kurz darunter schwebten Pink Floyd, Elton John oder David Bowie. Fast im Monatstakt schwappten in den 60, 70er, 80er, 90er Jahren und bis vor Kurzem ständig neue Popmusiktitanen von der Insel Großbritannien über den Ärmelkanal. Und die setzten Trends:
+++ Adele, Annie Lennox, Bonnie Tyler, Brian Ferry, Cat Stevens, Colosseum, Cream, Dido, Duran Duran, Ed Sheeran, Ellie Goulding, Eric Clapton, Eurythmics, Freddy Mercury, George Michael, Ginger Baker, Jessie J, Jethro Tull, Kate Bush, Kim Wilde, Led Zeppelin, Leona Lewis, Liam Gallagher, Natasha Bedingfield, Ozzy Osbourne, Paul McCartney, Peter Gabriel, Phil Collins, Queen, Rita Ora, Robbie Williams, Robert Plant, Rod Stewart, Sandie Shaw, Seal, Slade, Spencer Davis Group, Spice Girls, Sting, Talk Talk, Tom Jones… usw. usf. +++
Eine bei Weitem unvollständige Liste der erfolgreichsten britischen Künstler – nur wenige Namen dürften Sie nicht kennen.
Pop-Himmel Großbritannien
Die oben aufgeführten Künstler und viele Andere haben seit Mitte des 20. Jahrhunderts die Rock- und Popmusik entscheidend geprägt. Manche wurden von der Queen (oder dem King) geschlagen – zu Rittern. Und um alle rissen sich die Konzertveranstalter auf dem europäischen Kontinent. Hit auf Hit, Auftritt auf Auftritt prasselten aus dem United Kingdom auf begeisterte Fans und Groupies ein. Weltweit.
Doch heute sieht alles ganz anders aus…

Es ist ruhig geworden um das einstige Mutterland der populären Klangkunst. Selbst beim Eurovision Song Contest ESC kommen Vertreter aus dem Vereinigten Königreich meistens nicht mehr weit. Dabei haben ihn viele Engländer, Schotten, Waliser oder Nordiren gewonnen, fast gewonnen oder zumindest stark beeinflusst.
Väter der Misere gibt es viele.
Ein gewichtiger Grund ist nun dazugekommen:
Der Brexit. Und das kommt so:
Die meisten Popkünstler aus London, Liverpool, Birmingham oder Glasgow haben ihre Wurzeln in der Pubkultur. Nicht von ungefähr. Denn Kneipen erfüllen in Großbritannien eine soziale Rolle als verlängerte Wohnzimmer. Hier zischt man beim Small Talk gemütlich ein Bier, kommt nach der Arbeit auf einen kurzen Drink zusammen oder bespricht Geschäfte. Nadelstreifenanzüge stehen neben Punk-Outfits. Arm, reich, unbekannt, prominent? Hier findet jeder Brite ein Zuhause -
… und Musik!

Großbritannien-Pop entsteht in der Kneipe
Unzählige Pubs – es sollen über 40.000 sein – bieten im Reich Ihrer Majestät King Charles III. regelmäßig Hauskonzerte. Das ist die Chance für Nachwuchstalente. So manche Superband und so mancher Welthit hat in einem Pub das Licht der Welt erblickt. Ob Steve Winwood von der späteren Spencer Davis Group in einem Pub in Birmingham oder Amy Whinehouse im The London Castle im Londoner Stadtteil Camden – in stickiger Atmosphäre und drangvoller Enge haben sie die erste Feuerprobe bestanden.
Und weil Großbritannien eine Insel ist kann der nächste Laufbahnschritt nur auf den europäischen Kontinent führen. Schon die Beatles gingen von Liverpool nach Hamburg, um aufzufallen. Ähnlich machten es Generationen anderer Musiker. Immer zogen sie über den Ärmelkanal, um auf dem Festland zu arbeiten, zu lernen und ein Publikum aufzubauen.
“Ohne die Briten hätten nicht nur die Deutschen, sondern auch die kunstsinnigen Franzosen nie den Pop gelernt.”
Robert Rotifer, Deutschlandfunk

Der natürliche Markt für britische Popmusiker liegt im wahrsten Sinne des Wortes vor der Tür. Mit dem Beitritt zur EU 1973 wurden Reisen aus Großbritannien in die Länder südlich der Kreidefelsen von Dover problemlos. Als Brite konnte man ohne Reglementierung in jedem EU-Staat arbeiten. Beim Transport der Geräte gab es keine Zollkomplikationen. Der Weg in europäische Klubs, Konzerthallen und Arenen war frei.
| Angaben des Branchenverbandes UK Music (inkl. Klassik) | |
| Bruttowertschöpfung (2022) | rund 8 Milliarden Euro |
| Exporte (2022) | fast 5 Milliarden Euro |
| Beschäftigte (2022) | 210.000 |
Mit dem Brexit hat alles schlagartig aufgehört.
Der Austritt aus der Europäischen Union (EU) hat eine virtuelle Betonwand geschaffen. Auf sie prallt das gesamte britische Logistikgewerbe. Und damit auch auf Musiker. Denn die sind auf funktionierende Lieferketten angewiesen. Schließlich führen sie in Lkws und Vans für gewöhnlich viel Technik mit: Schlagzeuge, Verstärker, Lichtanlagen, elektrische Gitarren und andere Instrumente, dazu Mikrofone, Pedale und Mixgeräte, nicht zu vergessen Merchandise.
Seit dem EU-Austrittsabkommen vom 24. Januar 2020 sitzen Künstler, Roadies und Fahrer bei der Aus- und Einreise fest. Sie müssen hochbürokratische Arbeitserlaubnisanträge und komplizierte Zollpapiere bewältigen:
“Jedes Carnet (Zollerklärung) kostet uns über 1.200 EUR. Jedes mitgeführte Ausrüstungsteil muss einzeln aufgeführt werden. Das bedeutet acht Stunden Wartezeit in Dover, obwohl meistens niemand einen Blick auf das Equipment wirft.”
MATT CARGILL IST SEIT 2015 MITGLIED EINER TOURBAND
Bürokratie stupid
Für große Bands und Künstler sind solche Visagebühren und Umstände sicherlich machbar. Aber für diejenigen, die erst am Anfang stehen und sich bekanntmachen müssen, ist die Abgabe kein Pappenstiel und die Wartezeit verlorene geldwerte Zeit. Die Mehrheit der Musiker verdient auch in Großbritannien keinen wirklichen Lebensunterhalt mit ihrer Kunst oder hält sich damit gerade so über Wasser.
Das Carnet vom Zoll bestätigt, dass mitgeführte Instrumente verkauft werden dürfen. Es muss sowohl bei der Abreise als auch bei der Einreise gestempelt werden. Für Klassik-Musiker gibt es dabei ein weiteres Problem: Alte Celli und Geigen sind oft mit Ebenholz und Elfenbein verziert. Die gelten in der EU als geschützte Materialien. Um sie einführen zu dürfen benötigt man ein sogenanntes Musical Instrument Certificate, das vorab bei britischen Behörden besorgt werden muss.

Als seien die Musiker nicht hart genug getroffen worden – jetzt wird es noch schlimmer! Eine neue Brexit-Steuererhöhung wird ab 1. April 2024 alle britischen Bands und Orchester treffen. Das könnte Reisen nach Europa noch unrentabler machen, fürchten viele in der Szene.
Zur gleichen Zeit fallen Steuererleichterungen in Höhe von 50 Prozent für Auftritte im Europäischen Wirtschaftsraum weg. Die britische Regierung begründet das mit Anpassungen an die Regeln der Welthandelsorganisation (WTO).

Fast die Hälfte der britischen Musiker haben nach dem Brexit ihre Arbeit in Europa verloren, geht aus einem Bericht der Gesellschaft Unabhängiger Musiker (ISM) hervor. Das Angebot für europäische Auftritte sei “völlig ausgetrocknet”, heißt es. Aber vom britischen Markt allein könne man einfach nicht leben.
Investmentbremse Brexit
Und so werden sich die Folgen wohl auch im Inland negativ auswirken, sagt Hanna Madalska-Gayer von der Britischen Orchestervereinigung (ABO). Sie selbst hat in jungen Jahren Flöte und Klavier studiert und klassischen und zeitgenössischen Tanz trainiert. “Ausländische Einkünfte ermöglichen es britischen Orchestern bislang, im Vereinigten Königreich zu investieren und Werke weiterzuentwickeln” – dafür könnte nun kein Geld mehr übrig sein.
Die Kampagne Face The Music (britische Doppelbedeutung: “Die Suppe auslöffeln”) fordert jetzt das Kabinett von Premierminister Rishi Sunak auf, eine Lösung herbeizuführen. Ihr Vorschlag: Ein bilaterales Abkommen mit der EU. Es soll gemeinsame Regelungen schaffen für britische Musiker, die in der EU arbeiten und touren möchten, und für ihre europäischen Kollegen, die im Vereinigten Königreich auftreten müssen und wollen. Der Druck ist aber bislang erfolglos.
Für Großbritannien ist es zum Jammern…
„Es ist absolut niederschmetternd, weil Großbritannien so reich an Musik und Talenten ist. Wir haben jetzt im Grunde keine europäischen Kunden mehr“
Sabina Allen-Kormylo, Gitarrenbauerin, Merthyr Tydfil, Wales
„Der Austritt aus der EU hat die Karrieren von Menschen zerstört“
James Henshaw, eines der größten Dirigenten-Jungtalente, aktiv u. a. Staatsoper Hamburg und an der Bayerischen Staatsoper.
Fazit:
Der Brexit hat für den britischen Musiksektor nichts Positives gebracht, nur Hürden. Jüngere Musiker planen die ersten Tourneen ihrer Laufbahn und erleben wegen der Brexit-Bürokratie womöglich nie die Freuden des Tourens mit einer Band. Der britische Live-Musiksektor braucht neue Regelungen, damit die Talente der Musiknation wieder Gehör finden.
“Es tut mir sehr leid, sagen zu müssen, dass die Musikindustrie im Vereinigten Königreich meiner Meinung nach im Sterben liegt”
Rachel Nicholls, Klassik-Sopranistin, Royal College of Music, London

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