Rotes Meer: Für die inter­na­tionale Handels­schiff­fahrt ist die Route vor dem Suezkanal ein Nadelöhr. Und das ist empfindlich bedroht durch Angriffe von Huthi-Terro­risten aus dem Jemen. Die deutsche Marine hat sich am Einsatz zur Sicherung der Handels­route beteiligt. Die Angriffe gehen weiter.

Titelfoto: FORUM Magazin

Von Wolf Achim Wiegand

(erschienen in FORUM – Das Wochen­ma­gazin)

Hamburg / Sanaa (waw) – Warum ist der Latte Macciato im Café so teuer geworden? Antwort: Die Schuld haben die Huthi. Wie bitte? Zugegeben, der Satz ist sehr verein­facht. Aber die arabische Terror­gruppe im fernen Jemen hat tatsächlich etwas damit zu tun. Wehen ihr müssen wir für Kaffee immer mehr auf den Tisch legen. Was ist da los?

Es liegt an der Kaffee­sorte Robusta, ein wichtiger Bestandteil von Bohnen­mi­schungen mit schöner Cremabildung für Espresso und andere Spezia­li­täten. Sie wächst in Südost­asien, überwiegend in Vietnam. Nun aber erschweren kriege­rische Handlungen der mächtigen Huthi-Miliz die Verschiffung über das Rote Meer. Dadurch wird auch der Suezkanal betroffen. Er ist die wichtigste Handels­route zwischen Asien und Europa.

Operationsgebiet der Huthi-Terroristen
Karte: Wikipedia

Die wichtigsten Großree­de­reien der Welt – darunter Hapag-Lloyd (Deutschland) – leiten ihre Frachter rund um Südafrika um. Das bedeutet bis zu zwei Wochen längere Fahrzeiten und somit explo­dierte Fracht­raten, die auch Kaffee-Impor­teure auf die Verbraucher abwälzen. Mehr als 26.000 Schiffe jährlich befuhren das Gebiet Rotes Meer / Suezkanal zuletzt. Das entspricht zwölf Prozent des Welthandels und 30 Prozent des globalen Contai­ner­ver­kehrs. Im Mai 2024 gab es im Vergleich zum Vorjah­res­monat fast 80 Prozent weniger Passagen.

Huthi-Terroristen ein Faktor der Weltpolitik

Der Konflikt mit den aus Teheran geför­derten Huthi am Roten Meer ist zum Krieg neben dem Krieg geworden. Die Welt schaut auf das von allen Seiten bedrohte Israel. Sie beobachtet die Lage in Gaza und die Aktivi­täten des Mullah-Regimes in Iran mit seinen Terror-Proxys Hamas und Hisbollah. Im Windschatten sind die Huthi zum festen Bestandteil der „Achse des Wider­standes“ geworden. So nennen sich die Gegner Israels unter Führung des Mullah-Regimes im Iran.

Vor dem Jemen ist zur Abwehr eine mächtige US-geführte Kriegs­armada aufge­fahren. Diese Flotte umfasst Flugzeug­träger und Fregatten aus mehr als 20 Staaten, darunter Großbri­tannien. Program­ma­ti­scher Name: „Prosperity Guardian“ (Wohlstands­wächter). Auftrag: Sicherung der Freiheit der Schiff­fahrt mittels robuster Mittel. Das bedeutet: Bombar­dierung von Huthi-Militärstrukturen.

Bis vor Kurzem waren die wild ausse­henden Huthi-Krieger nur Insidern bekannt. Jetzt sind sie ein Faktor der Weltpo­litik. Sie ignorieren die Auffor­derung des UN-Sicher­heitsrats, umgehend alle Angriffe einzu­stellen. Ihre Opera­ti­ons­basis ist eines der ärmsten Länder der Welt. 

Der Jemen ist seit Jahren zerrissen durch einen Bürger­krieg. Fast 4,5 Millionen Binnen­flücht­linge, jeder zweite Einwohner braucht humanitäre Unter­stützung, circa 17,6 Millionen Menschen sind ohne regel­mäßige Nahrung. Das ist laut Vereinte Nationen eine der größten humani­tären Katastrophen unserer Zeit.

Und doch schaffen es die Huthi, die vermö­gendsten Staaten der Welt auf der Route Rotes Meer vor sich herzu­treiben. Sie malträ­tieren mit irani­scher Finan­zierung und Ausbildung Handels­schiffe mit Raketen, Drohnen und fernge­lenkten Spreng­stoff­booten. Und sie fahren todes­mutige Angriffe in kleinen Booten, feuern Panzer­fäuste auf die Stahl­wände von Ozean­riesen ab. Den liberia­ni­schen Kohle-Frachter „Tutor“ versenkten sie mit gleich zwei fernge­steu­erten Spreng­stoff­booten, die Crew entkam in Rettungs­booten. Angriffs­be­gründung: Ein Schwes­ter­schiff habe einen israe­li­schen Hafen besucht.

Es geht aber auch mit großem Besteck. So, wie im August bei einem tödlichen Drohnen­an­griff auf das 2.000 Kilometer entfernte Tel Aviv, was einen verhee­renden Angriff Israels auf die jemeni­tische Hafen­stadt Al-Hodeïda nach sich zog. Dort liegt seit November die auf den Bahamas regis­trierte „Galaxy Leader“ fest, ein großer Autotrans­porter mit Anteils­ver­bin­dungen nach Israel. Ein Huthi-Kommando hatte ihn mit Hubschrau­ber­hilfe auf offener See entführt. Die 25 Besat­zungs­mit­glieder befinden sich bis heute in Geiselhaft.

Von Huthi-Terroristen entführtes Frachtschiff
Foto: Jemen Press Agency

Wie profes­sionell die Huthi-Milizen sind, bestä­tigen ihre militä­ri­schen Erfolge. Sie beherr­schen seit Jahren den halben Jemen und die Weltkul­turerbe-Haupt­stadt Sanaa. Dies bestätigt Oran van Dort, Analyst der nieder­län­di­schen Rabobank. „Sie verwenden selbst Unter­was­ser­drohnen. Sie zeigen immer mehr, dass sie tatsächlich Schaden anrichten können.

Rotes Meer: Interessen auch von China und Russland

Der Arm der Huthi reicht bis nach Deutschland. Das gemein­nützige ameri­ka­nisch-israe­lische Recher­chebüro Middle East Media Research Institute (MEMRI) mit Sitz in Washington stellt fest: Eine bayerische Firma hostete bis ins Frühjahr weltweit verbreitete Propa­gan­da­videos. Darin skandieren heroisch darge­stellte Terro­risten „Tod den Juden“ und „Sieg für den Islam“. MEMRI-Experte Alberto Fernandez wertet es als Versuch junge Menschen, die den Westen hassen, zu radikalisieren. 

Die Huthi wollten „der Sache Paläs­tinas“ nicht nur mit Waffen helfen. Und nicht nur via Rotes Meer. Sondern außerdem durch eine massive Propagandamaschinerie.

Auch die Europäische Union engagiert sich im Roten Meer. Der Staaten­verbund ist hin- und herge­rissen. Einer­seits besteht die Treue zu den USA. Anderer­seits gibt es eigene Handels­in­ter­essen. Eine neue Front­linie in der Region kommt diesen in die Quere. 

Deutschland und andere EU-Staaten haben daher den Einsatz der EU-Marine­ope­ration „Eunavfor Aspides“ durch­ge­setzt. Diese Mission hat rein defen­siven Charakter: Aufklärung und Abschuss herein­kom­mender Projektile. Dazu operieren drei Schiffe im Roten Meer. Wesentlich ist die Rolle der deutschen Fregatte „Hamburg“ mit 700 Soldaten an Bord. Sie beobachtet mit Spezi­al­ra­daren ein Gebiet von Nordsee­größe und feuert sekun­den­schnell Abwehr ab.

Deutsche Marine gegen Huthi im Roten Meer
Foto: Bundeswehr

Aller­dings: Der griechische Kommandeur der EU-Mission, Konter­ad­miral Vasileios Gryparis, hält die gesamte Mission für wenig effektiv. Nach einer vertrau­lichen Sitzung in Brüssel wurde bekannt, dass er mindestens zehn Kriegs­schiffe und Drohnen­un­ter­stützung fordert. Das deutsche Radar könne Objekte im Tiefflug erst ab der Küsten­linie erkennen und nicht schon beim Abschuss im bergigen Jemen. So sei die EU-Flottille mit einem Drohnen­schwarm überlistet und ein Handels­schiff beschädigt worden.

Die Lage ist so sensibel, dass sich ein Großmacht­krieg entzünden könnte. Schon sind Marine­schiffe aus Russland ins Rote Meer vorge­drungen. Die Seestraße ist die wichtigste Transit­route für russi­sches Öl nach Indien. Die Huthi betrachten den Kreml als Verbün­deten, versprechen, seine Handels­schiffe nicht anzugreifen. China steht ebenfalls auf der Schon­liste. Es betrachtet den Jemen als Teil seiner länder­um­span­nenden „Neuen Seiden­straße“ und möchte den Handel mit Europa ungestört betreiben. Dass trotzdem Schiffe aus Russland und China attackiert worden sind, zeigt, dass die aggressive Bewegung nicht alles im Griff hat.

Wie es rund um Jemen und Rotes Meer weitergeht, ist unabsehbar. Farea Al-Muslimi von der inter­na­tio­nalen Londoner Denkfabrik Chatham House: 

Die Huthi sind die wohl unbere­chen­barste Gruppe, die es derzeit im Nahen Osten gibt.

Nur eines ist sicher: Der Konflikt trägt bei uns zu Teuerung von Importware bei. Auch die Kaffee­preise werden wohl noch lange Zeit hoch bleiben. Was halten SIE davon?


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