China, Russland und Nordkorea haben sie wohl im Militär­ar­senal. Hyper­schall­waffen. Die USA haben sie noch nicht. Die ansonsten hochge­rüstete westliche Weltmacht hadert, ob die Entwicklung extrem schneller manövrier­barer Gefechts­flug­körper sinnvoll ist.

Von Wolf Achim Wiegand

Hamburg / Washington (waw) – Es dürfte eines der teuersten Waffen­systeme der Geschichte sein: Bis zu 106 Millionen Dollar pro Stück soll ein einziger fernge­lenkter Gleit­flieger kosten. “Das ist ein ernstes Problem,” analy­siert US-Rüstungs­experte Alex Hollings in Sandboxx, einer digitalen Plattform für Militärs. Das Projekt könne “sehr schnell ein Loch werden, in das man einen ganzen Haufen Geld werfen kann.” Deshalb schauen die Haushalts­po­li­tiker in Washington, bewaffnet mit gespitztem Rotstift, sehr genau hin, was die Waffen­schmiede derzeit basteln. 

Auch in den USA sind die Mittel nicht unendlich. Und Hyper­schall­an­griffs­systeme sind techno­lo­gisch extrem aufwändig. Die Beson­derheit ist, dass diese anders als starr ausge­richtete Raketen nach dem Auftrieb über die Erdat­mo­sphäre steuerbar sind. Sie rasen – ohne dass der endgültige Kurs berechenbar wäre – mit Hyper­schall­tempo (also schneller als Mach 5) präzise ins Ziel. Dagegen ist bislang kein Abwehr­system gewappnet.

So eine Techno­logie kostet. Aber was bringt sie? Hollings: “Eine einzige Hyper­schall­rakete kann mehr kosten als das fortschritt­lichste Flugzeug der Geschichte. Die billigste Hyper­schall­rakete kostet etwa halb so viel wie ein ameri­ka­ni­scher Tarnkap­pen­jäger der Spitzen­klasse. Diese hohen Kosten machen es nicht nur schwierig (wenn nicht gar unmöglich), diese Waffen in großen Mengen zu kaufen, sondern sie werfen auch ein Schlag­licht auf einen der größten Kritik­punkte an diesen Waffen.”

Schlagzeilen sind kein Kriegsziel

Denn herkömm­liche Tomahawk-Raketen, die sich mit “nur” rund 900 km/h fortbe­wegen, kosten jeweils maximal “nur” zwei Millionen Dollar. Man könne also 50 Tomahawks zum gleichen Preis wie eine einzige Hyper­schall­waffe auf ein Ziel abschießen und damit rechnen, dass mindestens eine immer dort ankommt, wo sie hin soll, rechnet Hollings vor. “Eine große Anzahl kosten­güns­tiger Waffen könnte sich bei einer großen Anzahl von Einsätzen als ebenso effektiv erweisen wie eine geringe Anzahl teurerer Waffen.” Und diese kosten­güns­ti­geren Waffen seien nun mal längst im Einsatz – wozu also etwas Kompli­ziertes erfinden, das im Grunde wenig leistet?

Hollings warnt: “Die überstürzte Entwicklung von Hyper­schall­waffen, nur um den Schlag­zei­len­krieg darüber zu gewinnen, wer als erster über schnelle Raketen verfügt, bietet natürlich inter­na­tio­nales Prestige und Aufmerk­samkeit.” Die Verei­nigten Staaten hätten jedoch wenig zu beweisen, wenn es darum gehe, fortschritt­liche Militär­tech­no­logien auf den Markt zu bringen. Ihr Ansatz – Entwicklung von Waffen mit echten takti­schen Fähig­keiten – sei weniger schlag­zei­len­freundlich, ziele aber letztlich darauf ab, Kriege zu gewinnen, anstatt Aufmerk­samkeit zu erregen. 

“Schnelle Raketen zu bauen, nur um zu sagen, dass man sie gebaut hat, ist eine Sache. Sie auf Scheunen in der Ukraine abzufeuern, mag eine andere sein. Aber das Hyper­schall-Wettrüsten zu gewinnen, ist eine Frage des Mehrwerts, nicht der Schlag­zeilen, die man damit macht.”

Alex Hollings, sandboxx
Werbe­video von Lockheed Martin

Putinsche Hyperschallwaffen – nur ein Bluff?

Ameri­ka­nische Vertei­di­gungs­po­li­tiker sind jeden­falls gespalten, was den Nutzen solcher Systeme angeht. Die einen – darunter etliche in der Politik – meinen, diese neuen Waffen verur­sachten mehr Probleme, als sie nützten. Andere glauben, dass Hyper­schall­ra­keten die Zukunft der Kriegs­führung darstellen. Zu den Letzteren gehört dem Vernehmen nach die Führung der US-Luftwaffe. Sie warnen, poten­zielle Gegner könnten bereits in der Lage sein, Ziele aus der Ferne innerhalb von Minuten zu treffen, während US-Waffen für die gleichen Entfer­nungen Dutzende von Minuten oder länger brauchen.

“Hyper­schall­waffen sind eine entschei­dende Fähigkeit, um poten­zielle Gegner im 21. Jahrhundert abzuschrecken und zu besiegen, und sie müssen von den USA selbst mit Überschall­ge­schwin­digkeit entwi­ckelt werden.”

Tate Nurkin, Atlantic Council

Die US-Luftwaffe plant bis Ende September 2022 ein Unter­nehmen für die Entwicklung und den Bau eines Hyper­schall-Angriffs-Marsch­flug­körper (HACM) auszu­wählen, erklärte der Programm­leiter und Briga­de­ge­neral Heath Collins dem Vertei­di­gungs­journal Breaking Defense. Ins Rennen gehen Raytheon, Lockheed Martin und Boeing. In ihrem Haushalts­entwurf für das Jahr 2023 hat die Air Force zunächst 316,8 Millionen Dollar Entwick­lungs­kosten beantragt – eine Erhöhung um fast 257 Millionen Dollar gegenüber dem Haushaltsjahr 2002.

Unter­dessen wächst der Verdacht, das Russlands Präsident Wladimir Putin nur geblufft hat, als er sich großspurig damit brüstete, eine Hyper­schall­rakete vom Typ Kh-47M2 Kinzhal (Dagger) auf ein Waffen­depot im Dorf Delyatyn (Westukraine) gefeuert zu haben. Womöglich war die Operation nur ein weiterer Putin­scher Einschüch­te­rungs­versuch, vermutet Mark Galeotti in The Spectator. Auch in sei nichts in trockenen Tüchern, denn bislang sei nur eine einzige weitere Kinzhal abgefeuert worden – als Test in Syrien. 

Auch Großbri­tannien mischt mit

Vernichtungspotenzial mit Zukunftsaussicht

Auch gegenüber China gibt es Skepsis. Physiker und Experten stellen in Frage, ob die Behaup­tungen aus Peking über einen erfolg­reichen Test im vergan­genen Sommer einer Überprüfung stand­halten. “Sie haben eine Langstre­cken­rakete gestartet”, wiegelte der damalige Vizechef des US-General­stabs­chefs, General John Hyten, kurz nach den Meldungen ab. “Sie flog um die Welt, setzte ein Hyper­schall-Gleit­fahrzeug ab, das den ganzen Weg zurück nach China glitt und ein Ziel in China traf.” Auf die Frage, ob das HGV das Ziel getroffen habe, antwortete Hyten: “Nah genug.”

Aber es sind nicht nur Russland und China, deren Aktivi­täten mit Hyper­schall­waffen Druck auf die US-Regierung ausüben. Auch Nordkorea behauptet, eine Rakete getestet zu haben. Freilich: Beobachter finden dies zweifelhaft. 

Und Verbündete und Partner der USA wie Großbri­tannien, Japan, Frank­reich, Südkorea, Australien (in Zusam­men­arbeit mit den USA) und Indien betreiben ebenfalls Hyper­schall­pro­gramme. Selbst Deutschland scheint dabei zu sein. Es ist also davon auszu­gehen, dass diese Waffen neue Rollen bei der Abschre­ckung und, wenn nötig, bei der Bekämpfung neuer Bedro­hungen übernehmen werden. 

Meldung nach Redak­ti­ons­schluss:Die wichtigste Hyper­schall­waffe der US-Luftwaffe hat einen zweiten erfolg­reichen Test in weniger als zwei Monaten absol­viert – eine Trend­wende nach drei früheren Misserfolgenhttps://trib.al/kOYt3MY


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