TV-Duelle mit Schärfe: Sunak und Truss wollen in Großbritannien ganz nach oben
TV-Duelle mit Schärfe: Sunak und Truss wollen ganz nach oben

Von Wolf Achim Wiegand (Titel­fotos: Sky News, BBC / Großbritannien)

Hamburg / London (waw) – Ein Maßanzug im Wert von über 4.000 Euro und Ohrringe im Ramschwert von 5,30 Euro – werden sie darüber entscheiden, wer künftig Großbri­tannien regiert? Diesen Eindruck konnte man stellen­weise haben, als sich die konser­va­tiven Kontra­henten Rishi Sunak und Liz Truss kürzlich vor der Fernseh­nation das erste Rededuell lieferten. Zeitungen hatten zuvor über den krass unter­schied­lichen Beklei­dungsstil des schwer­reichen Ex-Finanz­mi­nisters und der amtie­renden Außen­mi­nis­terin berichtet. Das ließen sich die fragenden TV-Journa­listen nicht entgehen… 

Dennoch: Die hitzige Debatte kreist im Lande Ihrer Majestät Elizabeth II. letztlich um die Frage, wie die Anwärter für die Nachfolge des Skandal-Premiers Boris Johnson es anstellen wollen, die steigenden Lebens­hal­tungs­kosten zu bekämpfen. 

Die Urwahl durch die rund 160.000 Mitglieder der konser­va­tiven Partei (Torys) war nötig geworden, nachdem Skandal-Premier Boris Johnson sein Amt unter unrühm­lichen Umständen zur Verfügung gestellt hatte. Der umtriebige Blond­schopf war durch eine Revolte des eigenen Kabinetts regel­recht wegge­putscht worden. Anführer der Rebellen: Sunak (seitdem weigert sich Johnson ankom­mende Telefonate seines Ex-Ministers entge­gen­zu­nehmen).

Am 5. September wird feststehen, wie sich die konser­vative Partei­basis – die nun zur Urwahl aufge­rufen ist – entschieden hat. Obwohl Truss und Sunak zwei der höchsten Regie­rungs­ämter bekleidet haben, sind sie in der briti­schen Öffent­lichkeit relativ unbekannt. Und in der Weltöf­fent­lichkeit sowieso. 

Beide Bewerber vertreten sehr gegen­sätz­liche Konzepte, obwohl sie in der Wolle gefärbte Konser­vative sind. So ist Truss bereit, die Steuern zu senken und dies durch Kredit­auf­nahme zu finan­zieren. Das kommt an. Sunak, der zunächst contra Staats­ver­schuldung argumen­tierte, versucht nun Truss zu übertrumpfen. Er verspricht jetzt die größte Senkung der Einkom­mens­steuer seit 30 Jahren. Sollte er Premier­mi­nister werden, werde er den Grund­steu­ersatz von 20 auf 16 Prozent senken. Damit kontert er den Anwurf von Truss, seine Infla­ti­ons­war­nungen seien nichts als ein “Projekt Angst”.

Gegenseitig über den Tisch gezogen?

Der “Wahlkampf” kommt für Großbri­tannien zur Unzeit: Die Lebens­mittel- und Energie­preise schießen wie auch anderswo in Europa durch die Decke. Die prekäre Lage wird verschärft durch wirtschaft­liche Turbu­lenzen, angefacht vom Austritt (Brexit) des Verei­nigten König­reiches aus der Europäi­schen Union. Die Reise- und Geschäfts­be­zie­hungen mit der EU als größtem Handels­partner des Landes sind zum Zerreißen gespannt.

Sunak ist der Liebling in der konser­va­tiven Parla­ments­fraktion und in Elite­kreisen des Verei­nigten König­reiches. Er war als Finanz­mi­nister der zweit­mäch­tigste Mann im Lande und gilt deshalb als kompe­tenter. Dazu kommt: Trotz seines dandy­haften Auftretens stellt Sunak die mächtigen Gewerk­schaften nicht in Frage und hält zugleich die freie Markt­wirt­schaft hoch. Das lässt ihn modern und flexibel erscheinen.

Auch die äußerlich hölzern wirkende Truss gilt als wendig. Sie hatte in den vergan­genen zehn Jahren bereits mehrere Kabinetts­posten inne – ein Ausweis als formbare Mehrzweck­waffe. Sie schaffte das politische Kunst­stück, sich nach und nach als Banner­trä­gerin für die Abspaltung aus der EU darzu­stellen. Dabei hatte sie beim Brexit-Referendum 2016 noch leiden­schaftlich für den EU-Verbleib geworben. 

Truss, die keine begnadete Rednerin ist, strahlt Boden­stän­digkeit aus. Deshalb gilt sie als das Herzblatt der eher ältlichen, überwiegend männlichen und tenden­ziell rechts­ge­rich­teten konser­va­tiven Partei­basis. Und auf die kommt es jetzt an.

Großbritannien: Truss mimt die toughe Lady

Politische Gegner üben beißende Kritik am erbittert geführten Zweikampf, bei dem Sunak und Truss versuchen, sich als konser­vative Werte­be­wahrer gegen­seitig zu übertrumpfen. Molly Scott-Cato vom European Movement, der größten briti­schen Anti-Brexit-Bewegung, ätzt in einem offenen Brief an „Liebe Liz und Rishi“: „Glück­wunsch dazu, dass Sie sich und Ihre Mitkan­di­daten für das Amt des Premier­mi­nisters erfolg­reich gegen­seitig über den Tisch gezogen haben, um ideolo­gische Reinheit zu beweisen.“ 

Werbespot für Liz Truss

Truss ist die Favoritin. Sie hat unter drei Premier­mi­nistern gearbeitet. Ihre außen­po­li­tische Weltsicht lautet, dass Großbri­tannien an der Seite Amerikas gegen Russland und China steht und dabei nicht von den schwäch­lichen europäi­schen Nachbarn unter­stützt wird. Als Premier­mi­nis­terin wäre sie wahrscheinlich nicht zu Kompro­missen mit der EU bereit.

„Britain first“ lautet das unaus­ge­spro­chene Motto von Truss: „EU-Vorschriften behindern unsere Unter­nehmen, und das muss sich ändern.“ Das Abfer­ti­gungs­chaos ausrei­sender briti­scher Autour­lauber in den Fährhäfen am Ärmel­kanal mit bis zu sechs­stün­digen Warte­zeiten und tagelangem Lkw-Still­stand führt sie öffentlich und wahrheits­widrig auf „bürokra­tische Franzosen“ zurück. Dabei verdrängt Truss geflis­sentlich, dass Großbri­tannien aus eigenen Stücken ein EU-Drittland geworden ist und somit keine EU-Privi­legien mehr genießt.

Wichtiges bleibt in Großbritannien unausgesprochen

Truss kündigt im Falle ihrer Amtsüber­nahme ein “bürokra­ti­sches Freuden­feuer” gegen EU-Gesetze an. Alle Regeln, die im Verei­nigten König­reich nach dem Brexit gelten, sollen bis Ende 2023 überprüft werden. Damit schürt Boris Johnsons Außen­mi­nis­terin neue Vorbe­halte gegen den Staaten­verbund. Das ist wohlfeil in einer Zeit, in der Brüssel ein Verfahren gegen London wegen Missachtung von Zollver­ein­ba­rungen rund um Nordirland einge­leitet hat.

Sunak steht Truss in Sachen EU nicht nach. Auch er will die über 2.000 mit Festlan­d­europa verein­barten Rechts­vor­schriften durch­forsten und dafür einen Brexit-Minister ernennen. Aber insgesamt sind Sunaks außen­po­li­tische Überzeu­gungen weniger deutlich. Vor kaum drei Jahren war er noch ein kleiner Minister, der mit Gemein­de­räten über Boykott­aufrufe gegen Israel disku­tierte. Nun hat er sich mit Truss einen Schlag­ab­tausch über China geliefert. So will er die 30 Konfuzius-Institute im Verei­nigten König­reich schließen und ein “inter­na­tio­nales Bündnis im Stil der NATO” vorschlagen, um chine­si­schen Cyber-Bedro­hungen zu begegnen.

Aber keiner der beiden hat sich bisher mit den schwie­ri­geren Themen für Großbri­tannien befasst, etwa die Einschränkung des Energie­ver­brauchs. Solche Themen könnten aber schnell auf denje­nigen zurollen, der im September in die 10 Downing Street einzieht. “Der nächste Premier­mi­nister muss einigen der vielen außen­po­li­ti­schen Heraus­for­de­rungen, denen sich das Land gegen­über­sieht, Priorität einräumen und darf sich nicht nur auf Schlag­zeilen beschränken”, analy­siert der preis­ge­krönte inter­na­tionale Think-Tank European Council on Foreign Relations (ECFR).

Großbritannien: Das künftige Glamourpaar in 10 Downing Street?
Künftiges Glamourpaar? Rishi Sunak und Akshata Murthy / Foto: thenationalnews

Die General­se­kre­tärin des mächtigen Gewerk­schafts­bundes TUC, Frances O’Grady, nennt die EU-Vorschläge der Spitzen­kan­di­daten „zynisch und rücksichtslos“. Denn sie könnten auch hart erkämpfte Arbeit­neh­mer­rechte aus der EU-Mitglied­schaft nieder­reißen, etwa Urlaubsgeld, gleicher Lohn für Frauen und Männer, Arbeits­zeit­be­gren­zungen sowie Eltern­urlaub. Diese Rechte seien für die Gewerk­schaften unver­zichtbar und nicht nur “nice to have”.

Hinduismus als Lebensrichtschnur 

Sunak – bei der Damenwelt beliebt – kann unter­dessen den größeren Glamour­faktor aufweisen. Ein Sohn indischer Einwan­derer im höchsten Staatsamt nach der Queen? Das mag überra­schen, gilt doch Großbri­tannien trotz millio­nen­facher Einwan­derung aus ehema­ligen Kolonien nicht unbedingt als Hort von Rassis­mus­freiheit. Vorur­teilen versucht Sunak durch Beteue­rungen über seine Boden­stän­digkeit zu begegnen: 

“Meine Familie ist vor 60 Jahren hierher ausge­wandert, ich habe von meiner Mutter erzählt. Sie leitete die örtliche Apotheke in Southampton. Deshalb wuchs ich mit der Arbeit im Laden auf und lieferte Medika­mente aus. Außerdem habe ich als Kellner in einem indischen Restaurant die Straße hinunter gearbeitet.”

Rishi Sunak

Mit Sunak käme zum ersten Mal ein Hindu an die Macht. Und zwar ein beken­nender. Im Unterhaus hat Sunak seinen Abgeord­ne­teneid auf die Bhagavad Gita abgelegt, die zentrale Schrift des Hindu­ismus. Er ist Absti­nenzler, entspricht damit seinem Glauben und lebt insofern konser­vative Werte vor.

Der Hinduismus ist mit rund einer Milliarde Anhängern und einem Anteil von etwa 15 % der Weltbevölkerung nach Christentum und Islam die drittgrößte Religionsgruppe der Erde.

Im Hinduismus gibt es fünf wichtige Regeln, die einzuhalten sind: Wir dürfen keinen Alkohol trinken, nicht lügen, niemanden umbringen, kein Fleisch essen – sowie die Ehe nicht brechen.

Großbritannien: Wahlkampfmotto des Kandidaten Sunak

In Indien hat die Aussicht, dass Sunak nächster Premier­mi­nister werden könnte, große Begeis­terung ausgelöst, insbe­sondere in Kreisen der regie­renden Hindu-Natio­na­listen. Manche sprechen – in völliger Überschätzung – von „Rache“ an den ehema­ligen Koloni­al­herren, war doch Indien bis zur erkämpften Unabhän­gigkeit 1947 die größte britische Kolonie. Solche überzo­genen Erwar­tungen könnten für Sunak aller­dings noch zur Belastung werden. Als Premier­mi­nister wäre er nicht gegen Druck gefeit, sich deutlich vom herrschenden indischen Hindu-Natio­na­lismus zu distanzieren.

In der Realität hat Sunak trotz Religion von der Herkunft her eher wenig mit Indien zu tun. Nicht nur, dass er 1980 in der engli­schen Hafen­stadt Southampton zur Welt kam. Seine Eltern waren zudem vor Jahrzehnten nicht aus Indien einge­wandert, sondern bereits in den 1960er Jahren aus Ostafrika. 

Milliardär mit Glamourfaktor

Frage­zeichen setzen Sunaks Gegner indessen auf dessen Ehefrau und Mutter der zwei gemein­samen Kinder Krishna und Anoushka, Akshata Murthy. Sie entstammt oberstem Geldadel: Die in Indien geborene 42jährige ist Erbtochter des Milli­ar­därs­paares Narayana Murthy und seiner Frau Sudha. Der Vater ist Software-Unter­nehmer, gilt als der “Steve Jobs Indiens” und schuf mit nur 250 Dollar Start­ka­pital mit Infosys das erste in den USA börsen­no­tierte indische Weltun­ter­nehmen. Akshatas Mutter Sudha ist eine bekannte Philan­thropin, Pionierin der Frauen­rechte und Schrift­stel­lerin, die 15 Kinder­bücher geschrieben hat.

Im Gerede ist der umstrittene Steuer­status von Sunaks Ehefrau, die als reicher als die Queen gilt. Die Inderin hat keinen Wohnsitz im Verei­nigten König­reich und braucht daher keine Steuern auf auslän­dische Einkünfte, Mietzah­lungen oder Bankzinsen zu zahlen. Da Indien seinen Bürgern keine Doppel­staats­bür­ger­schaft erlaubt, ist Frau Murthy für die UK-Steuer­be­hörde eine “Nicht-Bürgerin”. Sie zahle aber alle briti­schen Steuern auf Inlands­ein­kommen, lässt die mögliche First Lady Großbri­tan­niens mitteilen. Das ist alles legal, aber von Manchen nicht gern gesehen. 

Unter­dessen überbieten sich beide Anwärter mit innen­po­li­ti­schen Geschen­k­an­kün­di­gungen und außen­po­li­ti­schen Kampf­an­sagen. Sowohl Sunak wie Truss versprechen, den maroden öffent­lichen Gesund­heits­dienst NHS auf Vordermann bringen und noch bestehende Gesetze aus der EU-Mitglied­schaft abschaffen zu wollen.

Der NHS ist ein dankbares Wahlkampf­thema, weil die Warte­listen von Patienten des überbü­ro­kra­ti­schen Arzt- und Kranken­haus­wesens lang und länger werden. Laut briti­schen Medien warteten allein im Juni 6,5 Millionen Menschen in Großbri­tannien auf eine Routi­ne­be­handlung. Das ist die höchste Zahl seit Beginn der Aufzeich­nungen vor 15 Jahren. Die Zahl der Menschen, die länger als ein Jahr auf eine Kranken­haus­be­handlung warten, sei fast 200 Mal höher als vor der Pandemie, meldet Sky News. Sunak will eine “Taskforce ” schaffen, um “Bürokratie und Verschwendung“ abzubauen und radikale Reformen voran­zu­treiben. Priva­ti­sierung gehört nicht dazu.

Wählt Großbritannien den “Kandidat Kartoffel”?

Der abgetretene Premier­mi­nister Boris Johnson unter­dessen hält sich mit Empfeh­lungen zurück. Kenner wissen: Seine Wunsch­kan­di­datin ist Liz Truss – aus egois­ti­schen Motiven. Johnson glaube nämlich, die 10 Downing Street sei für Truss eine Nummer zu groß. Sie werde deshalb scheitern und ihm als starkem Mann ein Comeback verschaffen. 

Sehr deutlich äußert sich hingegen ein gewisser Dominic Cummings (Foto rechts). Der ist Johnsons engster Berater, gilt als graue Eminenz und ist wegen enger Russland­kon­takte umstritten. Auf Twitter nennt Cummings die Außen­mi­nis­terin „eine mensch­liche Handgranate“. Und erklärt in seinem Blog: „Warum ich ihr diesen Spitz­namen gegeben habe? Weil sie alles in die Luft jagt, was sie anfasst’.“ 

Will heißen: Boris erwartet, dass Truss die Regie­rungs­ge­schäfte über kurz oder lang zersprengt – das wäre seine Stunde, denkt er.

Johnsons schärfste Mehrzweckwaffe

Etliche Briten machen unter­dessen böse Witzchen über den Wettkampf der Kandi­daten. So auf Twitter:

„Was würde einen besseren Premier­mi­nister abgeben als Liz Truss oder Rishi Sunak? Eine Kartoffel. Die lügt nicht. Eine Kartoffel ist anpas­sungs­fähig. Ihr kann man vertrauen, dass sie liefert. Eine Kartoffel hat keinen Studi­engang in Philo­sophie, Politik und Economis (PPE) an der Uni Oxford absolviert.“

Wer in dem Ränke­spiel in Großbri­tannien schließlich die Oberhand behalten wird – der geschmeidige Manager oder die neue „Eiserne Lady“ – ist offen. Alles liegt in der Hand der 160.000 konser­va­tiven Partei­mit­glieder. Sicher ist nur eines: Johnson wird am 6. September die Tür der 10 Downing Street für die Nachfolge öffnen, anschließend heraus­gehen und sie hinter sich schließen lassen – aber für immer?

In seiner Abschiedsrede im Unterhaus hatte Johnson in Anspielung auf den „Termi­nator“ Arnold Schwar­zen­egger gewitzelt: „Hasta la vista, Baby!” („Ich komme wieder”). Vielleicht dachte er da an den legen­dären Winston Churchill. Der Mann mit Zigarre und Zylinder trat sechs Jahre nach seiner Entlassung kurz nach dem Zweiten Weltkrieg eine zweite Amtszeit an. Ob die 10 Downing Street also künftig von Rishi Sunak oder Liz Truss geführt wird – der bislang erste Mann bleibt in Lauerstellung.

Großbritannien: Karikaturisten sehen die Kandidaten als Witzfiguren


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