Das neue Jahr 2022 fängt besorg­nis­er­regend an: Russland bedroht seit Monaten die Ukraine, China nimmt Taiwan ins Visier und in vielen Ländern ist das Corona­virus immer noch eine tödliche Bedrohung. Die Welt wird in den nächsten 365 Tagen weiter knirschen. Das prophezeit die Inter­na­tional Crisis Group (ICG). Die unabhängige Organi­sation mit Hauptsitz in Brüssel beobachtet die Welt und setzt sich dafür ein, Kriege zu verhindern und eine fried­li­chere Politik zu gestalten.

Von Wolf Achim Wiegand

Hamburg (waw) – Das vergangene Jahr habe gezeigt, wie die Welt “aus den Gleisen rast.” So bilan­ziert die Inter­na­tional Crisis Group (ICG) die Welt von 2021. Als Beleg für ihre Inter­pre­tation führt die Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sation unter anderem den Angriff eines extre­mis­ti­schen Mobs auf das US-Kapitol an, angeheizt vom damaligen US-Präsi­denten Donald Trump. Außerdem hebt das ICG das grausige Blutver­gießen in Äthiopien ebenso hervor, wie den Triumph der Taliban in Afgha­nistan, die Macht­kämpfe der USA und Russlands bzw. Chinas um die Ukraine und Taiwan sowie das global verbreitete Corona-Todes­virus und den Klimanotstand. 

Für das Jahr 2022 könne keineswegs Entwarnung gegeben werden – im Gegenteil, so die ICG-Krisen­be­ob­achter, die viele Regie­rungen und inter­na­tionale Organi­sa­tionen beraten. Unter ihren Kunden sind die Vereinten Nationen, die Europäische Union und die Weltbank. Viele schon jetzt schlimme Situa­tionen auf der Welt könnten sich noch verschlimmern – unter anderem, weil sie von äußeren Akteuren befeuert würden: 

Auslän­dische Betei­li­gungen an Konflikten bergen die Gefahr, dass lokale Zusam­men­stöße größere Brände entfachen.” 

Inter­na­tional Crisis Group (ICG)

“Crisis­Watch”, der globale Konflikt-Tracker von ICG, beobachtet Entwick­lungen von über 70 Konflikten und Krisen. Er erkennt gefähr­liche Trends und macht auf Eskala­ti­ons­ri­siken und Chancen zur Friedens­för­derung aufmerksam. Zum Jahresende meldet das Tool zwölf VERSCHLECHTERTE SITUATIONEN (in Burkina Faso, Demokra­tische Republik Kongo, Uganda, Somalia, Bangla­desch, Salomonen, Armenien, Aserbai­dschan, Weißrussland, El Salvador, Nicaragua, Westsahara). In der Rubrik VERBESSERTE SITUATIONEN steht lakonisch: “keine”.


ICG identifiziert zehn Konflikte, die man 2022 im Auge behalten sollte…


🇺🇦 Ukraine

Die Drohung einer russi­schen Invasion der Ukraine als Bluff abzutun, wäre ein Fehler, so ICG. Ein offener Konflikt könne erschre­ckende Auswir­kungen haben und mögli­cher­weise NATO-Mitglieder einbeziehen. 

Hier müssten die Westmächte klarstellen, was sie tun würden, um die Ukraine zu unter­stützen, Moskau entspre­chend unter­richten und an ihren roten Linien festhalten. Mehr hier.

“Russland mag beabsich­tigen, mit dem militä­rische Aufmarsch an der ukrai­ni­schen Ostgrenze nur Zugeständ­nisse der NATO zu erzwingen, aber angesichts von Putins Erfolgs­bilanz sollte niemand ein weiteres militä­ri­sches Abenteuer ausschließen.”

Inter­na­tional Crisis Group (ICG)

Russlands Optionen reichen von einer begrenzten Unter­stützung der Separa­tisten bis hin zu einem umfas­senden Angriff, rechnet ICG vor. Anderer­seits: In Wirklichkeit werde niemand aus der Pattsi­tuation einen Erfolg ziehen können. Die Ukraine müsse weiter das Minsker Abkommen schlucken, da nur dieses der inter­na­tional akzep­tierte Weg aus der Krise sei. Zugleich sei Putins Hoffnung auf einen nachgie­bigen Nachbarn nur ein Wunsch­traum. Und Europa und die Verei­nigten Staaten könnten ohne ein gewisses Eskala­ti­ons­risiko in Kauf zu nehmen weder abschrecken noch die Ukraine-Krise lösen.


🇪🇹 Äthiopien

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Addis Abeba: Photo by Nemuel Sereti on Pexels.com

Die Kämpfe zwischen der natio­nalen Armee unter dem Friedens­no­bel­preis­träger und heutigen Premier­mi­nister Abiy Ahmed und abgespal­teten Truppen aus der nördlichen Region Tigray reißen das Land ausein­ander. “Allen Seiten werden Gräuel­taten vorge­worfen,” beklagt ICG: Massaker, Verge­wal­ti­gungen und Verwüs­tungen. Aller­dings werde wohl keine Seite dem anderen einen tödlichen Schlag versetzen. 

Mehr Krieg aller­dings würde “noch mehr Katastrophe” bedeuten, gibt ICG zu bedenken. Ein Großteil von Tigray, dem die Bundes­be­hörden die Hilfe verweigert hätten, stehe “kurz vor einer Hungersnot.” Die Wunden im sozialen Gefüge Äthio­piens würden schwer zu heilen sein. Angesichts der Turbu­lenzen im Nachbarland könnte der Sudan – zusammen mit Ägypten – einen Moment sehen, um seinen Vorteil zu nutzen und zur Sicherung seiner Wasser­po­litik eingreifen.

Die inter­na­tionale Diplo­matie solle auf eine Einstellung der Feind­se­lig­keiten drängen, humanitäre Hilfe gegen eine drohende Hungersnot in der rebel­li­schen Provinz organi­sieren und versuchen, die Parteien zu Friedens­ge­sprächen zu bewegen. Mehr hier.


🇦🇫 Afghanistan

In Afgha­nistan droht nach der ICG-Analyse eine humanitäre Katastrophe. Sie sei vor allem dadurch ausgelöst worden, dass westliche Regie­rungen nach der Macht­über­nahme der Taliban ihre Hilfe einstellt hätten. Laut UNO würden bis zum Frühjahr 23 Millionen Menschen – das ist mehr als die Hälfte der Bevöl­kerung – an Hunger leiden. 

Das neue afgha­nische Régime habe mit frauen- und volks­grup­pen­feind­lichen Entschei­dungen für inter­na­tionale Empörung gesorgt. Dennoch trügen westliche Entschei­dungs­träger den “Löwen­anteil der Verant­wortung” für die Notlage der Afghanen. Der plötz­liche Hilfs­ab­bruch für den vollständig von Entwick­lungs­hilfe abhän­gigen Staat habe verhee­rende Folgen gehabt: Über 23 Millionen Menschen – mehr als die Hälfte der Bevöl­kerung – werde bald an Hunger leiden. 

Nötig sei nun das Eingreifen inter­na­tio­naler Finanz­in­sti­tu­tionen sowie das Aufheben von Sanktionen durch die USA und die Vereinten Nationen und die Stützung der Gesund­heits­ver­sorgung, des Bildungs­systems, der Nahrungs­mit­tel­ver­sorgung und anderer grund­le­gender Dienst­leis­tungen – auch um den Preis der Zusam­men­arbeit mit Taliban-Ministerien. 

Die Alter­native besteht darin, Afghanen sterben zu lassen, darunter Millionen von Kindern. Von allen Fehlern, die der Westen in Afgha­nistan gemacht hat, würde dieser den hässlichsten Fleck hinter­lassen.”

Inter­na­tional Crisis Group (ICG)

Mehr hier.


🇺🇸🇨🇳 USA / China

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Taipeh: Photo by Markus Winkler on Pexels.com

Ein direkter Konflikt zwischen den USA und China wegen Taiwan ist im kommenden Jahr unwahr­scheinlich, glauben die Krisen­ana­lysten. Aber die Nadel­stiche der Volks­re­publik gegen die demokra­tische Muster­insel würden weiter­gehen. Längst komme es zwischen festland­chi­ne­si­schen und US-ameri­ka­ni­schen Flugzeugen und Kriegs­schiffen zu “engen Begeg­nungen” rund um Taiwan oder nahe umstrit­tener Felsen und Riffen im Südchi­ne­si­schen Meer. Unbeab­sich­tigte Zusam­men­stöße könnten großen Krisen auslösen. Mehr hier.

Bidens China-Strategie ziele auf den Erhalt der Verei­nigten Staaten als dominie­rende Macht im Indopa­zifik. Konkret bedeutet dies, US-Allianzen und ‑Partner­schaften in Asien zu stärken und die Bedeutung von Taiwans Sicherheit für die US-Inter­essen zu erhöhen. 

Die chine­sische Führung indes sei enttäuscht über US-Präsident Joe Bidens Entscheidung, die Handels­zölle oder Sanktionen gegen die Volks­re­publik nicht zurück­zu­nehmen und Dritt­länder gegen Peking zu mobili­sieren. Im Wesent­lichen wolle Peking einen Einfluss­be­reich aufbauen, in dem seine Nachbarn souverän, aber ehrerbietig sind. Im vergan­genen Jahr verstärkten die Kommu­nisten militä­rische Aktivi­täten nahe von Taiwan, flogen Rekord­zahlen von Jets und Bombern über die Insel und führten Marine­übungen vor ihren Küsten durch. Das alles nährt in Washington düstere Gefahreneinschätzungen. 

“Als 2001 zwischen Peking und Washington ameri­ka­nische und chine­sische Flugzeuge kolli­dierten, dauerte es Monate inten­siver Diplo­matie, um den Streit beizu­legen. Heute wäre es schwie­riger – und die Gefahr einer Eskalation größer.”

Inter­na­tional Crisis Group (ICG)

🇮🇷us🇮🇱 Iran/USA/Israel

Die Hoffnungen auf eine Wieder­be­lebung des irani­schen Atomab­kommens schwinden, warnt ICG. Wenn der Pakt zusam­men­bricht, könnten die USA oder Israel versucht sein, iranische Nukle­ar­an­lagen auszu­schalten. Das wiederum könnte die Mullah-Regierung in Teheran dazu veran­lassen, die Entwicklung einer Atomwaffe intensiv voran­zu­treiben und so einen gefähr­lichen Vergel­tungs­zyklus über der Levante auslösen. Mehr hier.

Im vergan­genen Jahr hat Ebrahim Raisi die Präsi­dent­schafts­wahlen im Iran gewonnen und damit die Hardlinern in den Macht­zentren der Islami­schen Republik. Zwar sei der Iran zu den inter­na­tio­nalen Verhand­lungen zum Abbau seiner Atompo­litik zurück­ge­kehrt. Aber gleich­zeitig beschleu­nigte es die nukleare Entwicklung, gibt ICG zu bedenken. Das Land könne innerhaln von drei bis sechs Wochen spalt­bares Material für eine Atomwaffe anrei­chern. Vor sechs Jahren, als die Verhand­lungen begannen, hätte der Iran für die Herstellung einer eigenen Atombombe noch zwölf Monate gebraucht. 

Zwischen­fälle könnten die Gefahr einer direkten Konfron­tation zwischen dem Iran und den USA, Israel oder den beiden Verbün­deten zusammen erhöhen, warnt ICG. Solche Zusam­men­stöße könnten auf dem Boden, auf See, im Cyber­space oder durch verdeckte Opera­tionen leicht außer Kontrolle geraten.

Teheran spielt immer noch mit dem Feuer.

Inter­na­tional Crisis Group (ICG)

🇾🇪 Jemen

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Jemen: Photo by Anthony Beck on Pexels.com

Der verhee­rende Krieg im Jemen könnte nach Auffassung des ICG noch schlimmer werden. Huthi-Rebellen hätten das öl- und gasreiche Gouver­nement Marib einge­kreist und seien in dieses vorge­drungen. Eine Schlacht um die Stadt Ma’rib (arabisch مأرب), der De-facto-Haupt­stadt der allgemein anerkannten Regierung, würde tödlich enden und den Krieg eher verlängern als beenden.

Der Krieg im Jemen verschwand 2021 aus den Schlag­zeilen, bleibt aber verheerend und könnte noch schlimmer werden.”

Inter­na­tional Crisis Group (ICG)

Der Krieg im Jemen sei ein Mehrpar­tei­en­kon­flikt, kein binärer Macht­kampf; jede Hoffnung auf eine echte Einigung erfordere daher mehr Sitze am Tisch. Die aufstän­di­schen Huthi-Milizen kämpfen gegen die jemeni­tische Armee und bekommen Know-how und Waffen aus dem Iran. Das richtet sich gegen das mit Iran verfeindete Saudi-Arabien, das mit Bomben­an­griffen direkt eingreift und eine inter­na­tionale Militär­ko­alition im Jemen anführt. Sie besteht überwiegend aus arabi­schen Staaten. 

Der neue UN-Gesandte Hans Grundberg (Schweden) sollte seine Bemühungen verdoppeln, eine Offensive gegen Marib abzuwenden, und gleich­zeitig auf einen Ansatz zur Friedens­stiftung drängen, der über die Zweipar­tei­en­gespräche zwischen den Huthis auf der einen Seite und der Hadi-Regierung und ihren saudi­schen Unter­stützern auf der anderen Seite hinausgeht,” wünscht sich ICB. Mehr hier.

Seit Beginn des Krieges hat sich die humanitäre Lage im Jemen drama­tisch verschlechtert. 

Hier Zahlen der Welthun­ger­hilfe:

  • 3,6 Millionen Binnenflüchtlinge
  • Über 24 Millionen von insgesamt ca. 30,5 Millionen Einwohnern benötigen humanitäre Unterstützung
  • Mehr als 20 Millionen Menschen haben keinen sicheren Zugang zu Nahrung. 
  • 14,4 Millionen Menschen benötigen sofortige Unter­stützung fürs Überleben
  • Knapp 311.000 Kinder leiden an schwerer akuter Unterernährung
  • Etwa 14,5 Millionen Menschen benötigen Hilfe im Bereich Wasser, Sanitär-Einrich­tungen und Hygiene (WASH) sowie 14,8 Millionen in der Gesundheitsversorgung.

🇮🇱🇵🇸 Israel/Palästina

Im abgelau­fenen Jahr fand “der zerstö­re­rischste Gaza-Israel-Krieg seit etwas mehr als einem Jahrzehnt” statt, blickt ICG zurück. Zudem kam es 2021 zu Zusam­men­stößen in Jerusalem, im Westjor­danland und in israe­li­schen Städten. Die Eskalation habe einmal mehr gezeigt, dass der Status Quo in der Region “unhaltbar” sei. Israels alte und neue Regierung hätten die Paläs­ti­nenser “weiterhin unter­drückt und das Westjor­danland de facto annek­tiert.”

Für alle mit Interesse an neuen Verhand­lungen (zwischen Israel und Paläs­ti­nensern) war das vorige Jahr ein Grund zur Verzweiflung.

Inter­na­tional Crisis Group (ICG)
brown cathedral
Jerusalem: Photo by Toa Heftiba Şinca on Pexels.com

Die israe­lische Politik habe sich längst vom Frieden wegbewegt. Die meisten Paläs­ti­nenser glaubten nicht mehr an Erfolg durch Verhand­lungen über Eigen­staat­lichkeit. Der Friedens­prozess im Nahen Osten sei “längst tot” . Die Hoffnung auf eine Zweistaa­ten­lösung, wie sie im Westen hochge­halten werde, “stirbt schnell” . Die Frage im neuen Jahr 2022 sei, ob die Weltpo­litik ihr Tempo bei der Lösungs­suche vergrößern könne. Mehr hier.

ICG sieht theore­tisch folgende Möglich­keiten, zumindest vorüber­gehend Ruhe zu erkaufen: einen länger­fris­tigen Waffen­still­stand und die Öffnung von Gaza; Beendigung der Vertrei­bungen von Paläs­ti­nensern in Ostje­ru­salem; Rückkehr zu bereits bestehenden Arran­ge­ments, die die heiligen Stätten einiger­maßen ruhig hielten.Aber auch das könne den nächsten Krieg “nur aufhalten” . Israel treibe unter­dessen die De-facto-Annexion des Westjor­dan­landes weiter voran. 

Harter Ratschlag der ICG: “Besser wäre es jetzt, zu versuchen, die israe­lische Straf­lo­sigkeit für Verlet­zungen der paläs­ti­nen­si­schen Rechte zu beenden. Mit anderen Worten, es ist an der Zeit, die Situation vor Ort so anzugehen, wie sie ist.


🇭🇹 Haiti

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Haiti: Photo by M. Bafande on Pexels.com

Pessi­mismus zeigt ICG bei der Lagebe­schreibung für die völlig verarmte Republik Haiti (elf Millionen Einwohner), dem nach der franzö­si­schen Koloni­alzeit ersten unabhän­gigen Staat der Karibik. In der Nacht zum 7. Juli 2021 wurde Staats­prä­sident Jovenel Moïse von bis heute Unbekannten erschossen. Zur schwachen Wirtschaft auf der Insel kommt eine instabile politische Lage mit zahlreichen Unruhen, weshalb – so Wikipedia – seit Mitte der 1990er-Jahre über drei Millionen Haitianer ausge­wandert sind. 

Vor Reisen nach Haiti wird derzeit gewarnt,” stellt das Auswärtige Amt fest. Die Lage sei unüber­sichtlich, auch Ausländer seien gefährdet. Gewalt­tätige krimi­neller Banden beein­träch­tigten das Leben in weiten Teilen des Landes, und im Großraum der Haupt­stadt Port-au-Prince komme es nahezu täglich zu Entfüh­rungen mit bisweilen großer Brutalität.

Nur wenige erwarten in Haiti ein besseres Jahr 2022.”

Inter­na­tional Crisis Group (ICG)

Die erste Priorität bestehe jetzt darin, dass die haitia­ni­schen politi­schen Fraktionen einen Konsens über einen neuen Verwal­tungs- und Übergangsplan erzielen. Ohne diesen werde sich die Verzweiflung der Haitianer über die Zukunft vertiefen. “Mehr Menschen werden auf der Suche nach einem besseren Leben anderswo aufbrechen.” Mehr hier.


🇲🇲 Myanmar

Der Militär­putsch vom Februar 2021 beendete ein Jahrzehnt der Reformen in Myanmar abrupt. Das brutale Vorgehen der Soldaten gegen meist fried­liche Proteste habe breiten Wider­stand ausgelöst. Er reiche von zivilem Ungehorsam bis hin zu bewaff­neten Angriffen auf Sicherheitskräfte. 

Die mensch­lichen Kosten der Pattsi­tuation sind verheerend,” stellt ICG fest. Myanmars Wirtschaft befinde sich im freien Fall, das Gesund­heits- und Bildungs­system sei zusam­men­ge­brochen. Die Aufmerk­samkeit der Welt für Myanmar schwinde indessen “trotz der Gefahr, dass im Herzen des Indopa­zifik ein geschei­terter Staat entsteht.Mehr hier.

“Die mensch­lichen Kosten der Pattsi­tuation sind verheerend. Myanmars Wirtschaft befindet sich im freien Fall, die Landes­währung ist zusam­men­ge­brochen, das Gesund­heits- und Bildungs­system ist zerfallen, die Armutsrate hat sich seit 2019 verdoppelt und die Hälfte aller Haushalte kann sich nicht genug Lebens­mittel leisten. Myanmars Generäle, überzeugt von ihrer Rolle an der Spitze des Landes, lassen es von der Klippe springen.”

Inter­na­tional Crisis Group (ICG)

🌍 Islamistische Militanz in Afrika

Afrika leidet heute unter einigen der heftigsten Kämpfe der Welt zwischen Staaten und islamis­ti­schen Militanten,” hält ICG fest. Zwar sollen vom Westen unter­stützte oder durch­ge­führte Militär­ope­ra­tionen dabei helfen, Dschi­ha­disten in Schach zu halten. Doch sie verun­si­cherten die Einhei­mi­schen oft, und es sei “nicht viel zu sehen” von den jahre­langen Bemühungen des Auslands, Armeen bestehend aus Einhei­mi­schen aufzubauen.

Ein Umdenken ist längst überfällig und sollte die Möglichkeit von Gesprächen mit einigen militanten Führern einschließen.”

Inter­na­tional Crisis Group (ICG)

Islamis­tische Militanz auf dem Kontinent sei zwar nichts Neues. Aber Revolten im Zusam­menhang mit den Terror­or­ga­ni­sa­tionen Islami­scher Staat und Al-Qaida hätten in den vergan­genen Jahren zugenommen. Sie operierten im Hinterland schwacher Staaten, in dem die Zentral­re­gie­rungen wenig Einfluss hätten. Die Reich­weite gehe vom Norden Malis über Niger und Burkina Faso bis nach Nigeria (Boko Haram)

In Ostafrika bleibe al-Shabab, die älteste islamis­tische Rebel­len­gruppe des Konti­nents, trotz mehr als 15-jähriger Bemühungen, sie zu besiegen, eine mächtige Kraft. Die Gruppe hält große Teile Somalias, betreibt Schat­ten­ge­richte, erpresst “Steuern” und führt Angriffe in Nachbar­ländern durch. 

Neuste Meldung: Zusam­men­stöße zwischen zwei rivali­sie­renden Fraktionen der Sicher­heits­kräfte in einer Hafen­stadt im Nordosten Somalias haben Hunderte von Familien zur Flucht gezwungen. Zudem drohen in Somalia erneut Straßen­kämpfe statt des längst überfäl­ligen Urnen­gangs – ein einstiger Hoffnungs­träger hat sich mittler­weile als kompro­miss­loser Macht­po­li­tiker heraus­ge­stellt.

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Afrika: Photo by Jessie Crettenden on Pexels.com

Die jüngsten Dschihad-Fronten Afrikas liegen nach den ICG-Angaben im Norden von Mosambik sowie im Osten der Demokra­ti­schen Republik Kongo – und “sie sind besorg­nis­er­regend.” Die Angriffe richteten sich gegen Sicher­heits­kräfte und Zivilisten. Fast eine Million Menschen seien vor den Kämpfen geflohen. Im Osten des Kongo habe eine Fraktion der Allied Democratic Forces (einst aus Uganda) einen “Islami­schen Staat” ausge­rufen und Angriffe in der ugandi­schen Haupt­stadt Kampala gestartet.

Statio­nierte UNO-Blauhelme und vom Westen entsandte Streit­kräfte haben laut ICG wenig vorzu­weisen. So hätten malische Oberste innerhalb von etwas mehr als einem Jahr nichts Besseres zu tun gehabt, als zweimal zu putschen, während die regionale G5-Sahel-Truppe mit Soldaten aus Mali und seinen Nachbarn gegen Dschi­ha­disten kämpfte. Somalische Sicher­heits­kräfte schössen unter­dessen aus politi­schem Gezänk aufeinander.

Die Dynamik auf dem Schlachtfeld kann sich, vielleicht entscheidend, zu Gunsten der Militanten verschieben. In Somalia könnte al-Shabab sogar die Macht übernehmen.” 

Inter­na­tional Crisis Group (ICG)

Die auslän­di­schen Helfer seien unter­dessen “unfähig, ihre Ziele zu erreichen” und hätten zugleich “Angst vor dem, was nach ihrem Rückzug folgt.” Trotzdem sei ein Umdenken überfällig – mit einer stärkeren zivilen Rolle neben militä­ri­schen Feldzügen. So müssten insbe­sondere die Regie­rungen der Sahelzone bessere Bezie­hungen zu Bürgern auf dem Land aufbauen. Somalia müsse die Bezie­hungen zwischen den Eliten “reparieren”.

Die Krisen­ex­perten raten dazu, Gespräche mit afrika­ni­schen Dschi­ha­disten aufzu­nehmen, auch wenn das nicht einfach werde, denn sowohl in Afrika selbst wie bei den helfenden auslän­di­schen Regie­rungen seien solche Kontakte umstritten. “Aber der militär­z­entrierte Ansatz hat meistens mehr Gewalt hervor­ge­bracht. Wenn auslän­dische Mächte nicht wollen, dass sie das gleiche Dilemma in einem Jahrzehnt verfolgt, müssen sie jetzt den Boden für Gespräche mit militanten Führern bereiten.” (ICG)


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