⇒ Inhalt dieses Blog: Die EU-Kommission regt an, Plastik­ge­schirr und ähnliche Kunst­stoff­pro­dukte zu verbieten. Und das ist auch gut so. Doch Manche glauben, die Welt ginge unter…

LETZTE MELDUNG: Das EU-Parlament hat dem Plan der Kommission für ein Verbot von Wegwerf­pro­dukten aus Plastik am 24.10.2018 in erster Lesung zugestimmt

Von Wolf Achim Wiegand

Hamburg (waw) - Ein wesent­liches Element der deutschen Leitkultur sei in Gefahr ausge­löscht zu werden: das Fleisch­garen am Heiligen Grill. So jeden­falls sahen es Schwarz­maler, als die Europäische Kommission jetzt für ein Verbot von Plastik­ge­schirr warb. Ja, das Ende aller Dorf- und Volks­feste sei nahe, hieß es empört in Social­Media. Denn heutzutage wolle niemand mehr freiwillig Keramikteller nebst Stahl­be­steck abwaschen oder Spülma­schinen sortieren…

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Ein Szenario, das mit der Wahrheit nichts zu tun hat. Denn der Handel bietet längst nachhaltige Einweg­al­ter­na­tiven an. Staat Messer aus Plastik, mit denen sich Grill­fleisch sowieso eher mühselig schneiden lässt, kann man Messer aus Holz einsetzen. In Online­an­ge­boten finden sich deswei­teren der gute alte Pappbecher, schicke Partyteller aus kompos­tier­baren Palmblättern und Suppen­schüsseln made aus Bambus. Die Party gelingt auch mit kompos­tier­baren Trink­halmen aus dem Biokunst­stoff Mater-Bi (Basis: Maisstärke) oder mit retro­mä­ßigen Stroh-Halmen “wie früher”, gewonnen aus deutschem Bio-Roggen.

Mit ihrer Verbotsidee, die vor der Umsetzung von den EU-Regie­rungen und vom Europäi­schen Parlament gebilligt werden müsste, zieht die Kommission eine Reißleine wenigstens in einem Teilbe­reich der schlimmsten neuzeit­lichen Umwelt­geißel. Auch, wenn manche (erwartbar) kriti­sieren, es sei alles nur “symbo­lische Verbots­po­litik” aus Brüssel, ist das Kommis­si­ons­vor­haben erstmal begrüßenwert.

Der Zwang soll Plastikalternativen fördern

Das jahrhun­der­telang nicht abbaubare Plastik ist weltweit eine bedroh­liche Realität nicht nur an Land geworden, sondern vor allem in Meeren und Ozeanen. Auch wenn es in anderen Weltre­gionen viel, viel schlimmer ist – selbst in der EU werden nach Kommis­si­ons­an­gaben jährlich bis zu 500.000 Tonnen Kunst­stoffe in Gewässer einge­tragen. Das entspricht der 25fachen Menge einer guten Saison­ernte Branden­burger Spargelbauern.

Frans TIMMERMANS
Timmermans

“Plastikmüll ist unbestreitbar ein riesiges Problem,” sagt der EU-Zuständige für nachhaltige Entwicklung und Vizeprä­sident Frans Timmermans (Nieder­lande): “Deshalb wollen wir Kunst­stoff durch sauberere Alter­na­tiven ersetzen.” Und der EU-Inves­ti­ti­ons­kom­missar Jyrki Katainen (Finnland) fügt hinzu: “Einweg­plastik ist weder unter ökono­mi­schen noch unter ökolo­gi­schen Gesichts­punkten eine schlaue Idee.

Mit ihrem Vorschlag zum Bann von zehn Kunst­stoff­pro­dukten, die vor den Küsten am häufigsten gefunden werden (auch Luftbal­lon­hal­te­rungen gehören dazu), erweitert die Europäische Kommission ihre Mitte Januar 2018 vorge­legte Plastik­stra­tegie. Darin ist festgelegt, wie Plastik­pro­dukte in der EU “designt, herge­stellt, verwendet und recycelt” werden müssen. Denn: die Art und Weise, in der Kunst­stoffe gegen­wärtig herge­stellt, verwendet und entsorgt würden, “lässt allzu oft die wirtschaft­lichen Vorteile einer stärker kreis­lauf­ori­en­tierten Wirtschaft ungenutzt und schadet der Umwelt,” heißt es in dem EU-Papier. Ziel sei es, dass bis zum Jahr 2030 weniger Kunst­stoffe in der Umwelt landen.

Vielerorts ist Plastik bereits gebannt 

Kritiker hielten die Initiative der EU bislang zu Recht für zu sanft. So bemängelt die deutsche Bundes­re­gierung, die EU formu­liere schöne Ziele, lasse aber griffige Vorschläge zur prakti­schen Umsetzung vermissen. “Mir ist das zu zahnlos”, erklärte Maria Kraut­z­berger, die Präsi­dentin des Umwelt­bun­des­amtes. “Auch der Meeres­schutz kommt zu kurz.” Nun ist die Kommission begrü­ßenswert konkret geworden, indem sie verbots­würdige Produkte beim Namen nennt.

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Westminster Palace

Neu ist der Gedanke, Plastik zu bannen, übrigens keineswegs. Das Noch-EU-Mitglied Großbri­tannien hat diesbe­züglich Einiges vor: auf der meerum­schlun­genen Insel soll jedes vermeidbare Plastik­produkt mit Einmal­nutzen wie Cocktail-Rührlöffel im Rahmen eines bis 2042 reichenden “Natio­nalen Aktions­plans” verschwinden. Das Parlament in London geht schon mal mit gutem Beispiel voran: im Westminster Palace werden bis Ende 2019 alle Geträn­ke­fla­schen, Kaffee­becher und Essbe­stecke aus Kunst­stoff ausgemustert.

Es wird bereits gehandelt:

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Hurtig­ruten
  • In Spanien soll nach dem Willen des natio­nalen Umwelt­aus­schusses ab 2020 jedes nicht­re­cy­celbare Plastik­ge­schirr verboten sein – Vermarktung, Einfuhr und Ausfuhr stehen dann unter Strafe.
  • In Norwegen verzichtet die beliebte Postschiff- und Kreuz­fahr­tree­derei Hurtig­ruten bereits ab diesem Sommer auf jegliches Einwegplastik.
  • Das weltbe­rühmte Tennis­turnier von Wimbledon bannt jetzt schon jeden Kunstoff beim Catering.

Bei allen Bemühungen muss man sich freilich darüber im Klaren sein, dass Europa im Kampf gegen das Plastik nur einen kleinen Teil des riesigen Weltkunst­stoff­berges abtragen kann. Weltweit sind seit der Erfindung vor 60 Jahren gut 8,3 Milli­arden Kubik­tonnen synthe­ti­scher Produkte inklusive Kunst­fasern (Fleece) herge­stellt worden. Diese Menge würde ausreichen, um das nicht gerade kleine Land Argen­tinien (2.780.400 km², im Vgl. Deutschland: ‎357.400‎ km²) komplett abzudecken, berechnet eine Studie der Univer­sität von Kalifornien in Santa Barbara, USA, die 192 Staaten unter­sucht hat.

Kampf gegen Plastik noch nicht beendet

Nur neun Prozent der Riesen­menge wegge­wor­fenen Plastiks wurde laut Studie recycelt. Zwölf Prozent wurden verbrannt. Die Restmenge von 79 Prozent an jemals produ­ziertem Kunst­stoff steckt in der Erde, wird vom Wind verweht oder schwimmt auf und unterhalb der Wasser­ober­fläche in Meeren und Ozeanen herum – in großen Stücken, in kleine Teilchen zerbrochen oder als mikro­sko­pisch winzige Partikel.

“Selbst die Wissen­schaftler, die diese Zahlen erforscht haben, sind entsetzt über das schiere Ausmaß an Plastik,” weiß die angesehene Zeitschrift National Geographic.

Das Vertrackte am Plastik ist seine hohe Haltbarkeit und Leich­tigkeit. Ausge­rechnet deshalb ist er ja so beliebt, insbe­sondere als Verpa­ckungs­ma­terial. Bis sich Kunst­stoff auflöst dauert es aber über 400 Jahre. Nur Stahl und Zement haben eine ähnlich hohe Lebens­dauer, sind aber als festver­baute Teile keine Umwelt­be­drohung – außerdem fressen Fische als Nahrungs­ket­ten­teil­nehmer eher selten Beton…

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Die Suche nach einer Lösung für die Mensch­heits­geißel Plastik darf sich aber nicht auf Verbote beschränken. Die Haupt­ver­ur­sacher (China, Indien, USA) müssen rasch in eine erdum­span­nende Strategie mit einge­bunden werden. In Europa selbst könnten Zuschüsse bei Öl gestrichen werden, das zur Plastik­her­stellung einge­setzt wird und es müssen Pfand- und Recycling­systeme verbessert werden. Außerdem muss die Politik lohnende Anreize setzen, damit Wissen­schaft und Wirtschaft sich auf die Suche nach alter­na­tiven und markt­reifen Innova­tionen machen können.

Die Menschheit hat sich von der Steinzeit über die Bronzezeit bis zur Eisenzeit weiter­ent­wi­ckelt. Nun lasst uns die Plastikzeit so rasch wie möglich hinter uns bringen – sie ist nicht das rühmlichste Kapitel der Menschheitsgeschichte!

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