NEUESTE ENTWICKLUNG: EU-Kommission will, dass Bulgarien, ZypernMalta und weitere Länder aufhören, die EU-Staats­bür­ger­schaft an zum Teil windige Großin­ves­toren verkaufen (Stand: 23.01.2019)

⇒ Inhalt dieses Blogs: Während hundert­tau­sende Flücht­linge im Elend leben müssen, vergeben EU-Staaten sündhaft teure Visa an zwielichtige Reiche aus Ländern mit zweifel­haftem Ruf. Das Geschäft lohnt sich. Aber es muss aufhören!

Gebt den „Goldvisa“ den goldenen Schuss!

Von Wolf Achim Wiegand

Hamburg/Brüssel (waw) – Halbseidene Wohlha­bende und gesottene Gangster aus aller Welt haben in der Europäi­schen Union (EU) so etwas wie Narren­freiheit. Sie erwerben einfach für viel Geld ein sogenanntes „Goldvisum“ zur Einreise in ein EU-Land und sichern sich damit – schwupps – die norma­ler­weise kaum erreichbare jeweilige Staats­bür­ger­schaft inklusive Nieder­las­sungs- wie Wohnrecht.

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in ’t Veld

Das gehe wirklich zu weit, moniert die Abgeordnete Sophie in ’t Veld von der liberalen Fraktion im Europa­par­lament. „Goldvisa sind unfair und ein Einfallstor für Kriminelle!“

Auch die weltweit aktive Nicht­re­gie­rungs-Organi­sation Trans­pa­rency Inter­na­tional warnt: „Die Goldvisa stellen für Europa eine erheb­liche Korrup­ti­ons­gefahr dar.“ Europäische Länder verkauften den Zugang zur kontroll­be­freiten Schengen-Zone „ohne merkliche Überprüfung, Trans­parenz oder angemessene Sorgfalt.“

Erfunden wurde der goldwerte Handel mit Visa vor gut dreißig Jahren in der sonnigen Karibik, dem Hort unzäh­liger Brief­kas­ten­firmen. Inzwi­schen ist den Angaben zufolge fast jeder zweite EU-Staat in diese fragwür­digen Deals verwi­ckelt. Genannt werden Belgien, Bulgarien, Zypern, Griechenland, Großbri­tannien, Lettland, Litauen, Malta, Öster­reich, Portugal und Spanien sowie die an das Schengen-Abkommen gekop­pelten Länder Schweiz und Monaco.

Malta-fredigitalphotos.netMitar­beiter des nicht­kom­mer­zi­ellen Inves­ti­ga­tiv­zen­trums Crime and Corruption Reporting Project (OCCRP) haben bei monate­langen Recherchen erfahren müssen, dass alle Goldvisa-Programme von Geheim­nis­krä­merei umgeben sind. Die Namen der Personen, die sich in die EU einkaufen, bleiben ungenannt. „Das verschafft tätigen und ehema­ligen Politikern die Chance, einer Anklage zu entgehen und illegal Vermögen über Grenzen zu schieben.“

Auf Malta, so ist bekannt, gehören schwer­reiche Russen und Ukrainer zu den Antrag­stellern. Die im vorigen Herbst auf der Insel ermordete Journa­listin Daphne Galizia Caruana hatte genau dieses Thema im Visier. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

  • Wie lukrativ das Geschäft ist, zeigt sich beim Insel­staat Zypern. Er zog laut ZEIT allein 2016 aus dem Verkauf von Pässen rund vier Milli­arden Euro. Der Tourismus habe im gleichen Zeitraum nur 2,5 Milli­arden Euro abgeworfen.
  • In Lettland sind laut eigener Statistik im besten Geschäftsjahr 2014 rund 6.000 Anträge bearbeitet worden. Damit wurden vor allem Russen, aber auch Chinesen, Ukrainer, Kasachen und Usbeker über Nacht Staats­bürger des kleinen Baltenstaates.
  • Beim EU-Beitritts­kan­di­daten Monte­negro sollen ein ehema­liger Premier aus Thailand und ein Ex-Sicher­heitschef aus Palästina einge­bürgert worden sein.

Geworben wird für das dunkle Geschäft ganz offen im Hellen. So stößt man nach kurzem Googlen auf die Website goldenvisas.com, die nach eigenen Angaben Kunden aus über 60 Ländern betreut. „Residency by investment“ (Wohnrecht gegen Investment) heißt das Programm im Namen der fünf EU-Länder Portugal, Spanien, Griechenland, Zypern und Malta. „Wir machen das, was wie eine teure und schwierige Option aussieht, erschwinglich und frei von Kompli­ka­tionen… Wir verstehen Ihre Gründe und haben die beste Lösung für Ihre Lage.“

Tatsächlich – und das ist der Skandal – tun die betei­ligten Länder nichts Illegales. Doch die ethisch-moralische Frage stellt sich wohl. Denn mit dem Verkauf einer Staats­bür­ger­schaft vergibt ein Land seinen vielleicht wertvollsten Besitz an womöglich windige oder saturierte Personen. Zugleich wissen schutz­be­dürftige Flücht­linge aus Kriegs­ge­bieten womöglich jahrelang nicht, wie es mit ihnen weitergeht.

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Orbán

Nur ein Land unter den Ausweis-Dealern hat bislang kalte Füße bekommen: Ungarn. Das Land des EU-Abweichlers Victor Orbán (rechts) hat sein Goldvisum-Programm 2017 nach heftiger Kritik am Verkaufs­system abgebrochen. Bis dahin – so die OCCRP-Experten – habe die Eintritts­karte via Budapest in die EU bis zu 300.000 Euro gekostet. Der nieder­län­dische Europa­ab­ge­ordnete Péter Nieder­müller schätzt, dass Firmen, die der regie­renden Fidesz-Partei nahestehen, an rund 20.000 Goldvisa verdient haben. Aufgebaut hatte die Goldgrube ein späterer Kabinettschef Orbáns.

Trans­pa­rency Inter­na­tional fordert die EU-Kommission auf, die Goldvisa-Programme in der Union zu überprüfen. „Die EU-Bürger haben ein Recht zu erfahren, wer da kommt und woher das Geld stammt,“ fordert Ulrich Ladurner in der ZEIT. Doch das wird wohl nur geschehen, wenn die Öffent­lichkeit am Thema dranbleibt.

Das EU-Parlament hat jetzt über Goldvisa debat­tiert. Die Liberalen verlangten dabei “Trans­parenz”. Die Goldvisa hätten weitreiche Auswir­kungen für Europas Sicherheit und den Rechts­staat. Es gehe unter anderem um “dubiose Aktionen auslän­di­scher Oligarchen, die sich inter­na­tio­nalen Fahndungen entziehen.”

Den EU-Abgeord­neten lag ein Arbeits­papier vor. Darin heißt es, das Europäische Parlament habe bereits früher sein “Unbehagen” zum Ausdruck geracht und die Besorgnis geäußert, dass “nationale Programme, die den direkten oder unver­hoh­lenen Verkauf der Unions­bür­ger­schaft mit sich bringen, die Idee der Unions­bür­ger­schaft an sich unter­graben.” Das war bereits im Jahre 2014.

Geschehen ist seitdem nichts. Und das ist auch kein Wunder, unter­liegt die Erteilung von Goldvisa doch natio­nalen Gesetzen, in die sich die EU nicht einmi­schen darf. Es besteht also derzeit wenig Hoffnung, dass jemand den Goldvisa einen “goldenen Schuss” verpasst – und es war wohl ein Menetekel, dass die Debatte im Europäi­schen Parlament wegen Feuer­alarms frühzeitig abgebrochen werden musste…


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