Nahost Gaza Araber Israel – Zwischen Solidaritäts-Rhetorik und politischer Kälte: Warum arabische Staaten Palästinenser öffentlich unterstützen, sie aber praktisch meiden – oder sogar bekämpfen.
Nahost Gaza Araber Israel
Hamburg / Jerusalem / Gaza Stadt (waw) – Es sind Bilder, die um die Welt gehen: zerstörte Häuser, weinende Kinder, Flucht unter Bombenhagel. Und stets ertönt aus den Hauptstädten der arabischen Welt dieselbe Litanei. Israel wird verurteilt, Solidarität mit den „palästinensischen Brüdern und Schwestern“ bekundet, humanitäre Hilfe versprochen.
Doch ein Blick hinter die Kulissen zeigt ein anderes Bild: Der Gazastreifen ist nicht nur durch Israel abgeriegelt – sondern auch durch seine arabischen Nachbarn. Die Grenze zu Ägypten ist chronisch geschlossen. Jordanien schweigt. Die meisten Golfstaaten schicken Statements statt Schutz.
Gaza ist politisch isoliert – auch in der arabischen Welt. Woran liegt das?

Ägypten – Mehr Misstrauen als Mitgefühl
Am ägyptischen Grenzübergang Rafah, dem einzigen direkten Tor aus Gaza in die arabische Welt, regiert das Misstrauen. Seit die Hamas 2007 im Gazastreifen die Macht übernommen hat, betrachtet Ägypten die Enklave als Bedrohung. Denn die Hamas ist ideologisch mit der ägyptischen Muslimbruderschaft verwandt. Jene Organisation also, die Ägyptens Régime seit dem Sturz von Präsident Mohammed Mursi 2013 erbittert verfolgt.
Hier ist die Story: 2014 ließ Ägypten große Teile der eigenen Grenzstadt Rafah abreißen. Ziel: Schaffung einer Pufferzone zu Gaza. Tausende Menschen wurden damals vertrieben – mit kaum internationaler Beachtung. Hätte Israel Ähnliches gemacht – undenkbar ohne globale Proteste.

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Der Grund für diese Härte: Die militärisch basierte Regierung in Kairo befürchtet, dass Kämpfer und Waffen aus Gaza den Terror in die ägyptische Gaza-Grenzregion Sinai tragen könnten. Geöffnete Tore würden aus Sicht des Regimes nicht nur Flüchtlinge bringen – sondern auch Unruhe, Islamismus, Unsicherheit.
Jordanien – Trauma des Schwarzen Septembers
Auch Jordanien hält sich zurück. Dabei leben dort heute mehr Palästinenser als im Westjordanland. Doch gerade diese Erfahrung prägt in der Hauptstadt Amman die Skepsis.
Das steckt dahinter: 1970 versuchte die Palästinensische Befreiungs-Organisation (PLO) unter Jassir Arafat einen „Staat im Staat“ im haschemitischen Königreich zu etablieren. Die Auseinandersetzung eskalierte zum Bürgerkrieg – Zehntausende starben. Die PLO wurde ausgewiesen und ging in den Libanon.
Seitdem weiß man in Amman: Palästinensische Milizen bringen nicht nur Israel in Rage, sondern gefährden auch die eigene staatliche Ordnung. Folglich bleibt Jordanien auf Distanz – auch aus Angst, dauerhaft mehr Verantwortung für Gaza übernehmen zu müssen.
Arabische Staaten und Gaza – eine kurze Bilanz
| Land | Historisches Verhältnis zur PLO/Hamas | Haltung 2024/2025 zum Gazakonflikt |
|---|---|---|
| Ägypten | Kurzzeitige Allianz unter Mursi, danach Repression | Grenze meist geschlossen, keine Flüchtlingsaufnahme |
| Jordanien | Bürgerkrieg 1970 („Schwarzer September“) | Symbolische Solidarität, keine Aufnahme |
| Kuwait | 300.000 Palästinenser nach 1991 ausgewiesen | Keine Rückkehr erlaubt, diplomatisch reserviert |
| Libanon | PLO mitverantwortlich für Bürgerkrieg | Palästinenser in Lagern, kein Bürgerrecht |
| Tunesien | Exil der PLO 1982–1993 | Kein politischer Einfluss mehr, symbolisch |
| Golfstaaten | Finanziell engagiert, aber distanziert | Humanitäre Hilfe, aber keine Aufnahmebereitschaft |
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Kuwait – Vom Gastgeber zum Verstoßer

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Vor dem Golfkrieg 1991 lebten rund 400.000 Palästinenser im Golf-Scheichtum Kuwait – viele von ihnen integriert im öffentlichen Leben. Doch als die PLO den Diktator Saddam Hussein aus dem Nachbarland Irak bei seiner Invasion unterstützte, kippte die Stimmung. Kuwait war empört – und reagierte mit kollektiver Ausweisung.
UN-Schätzungen zufolge mussten rund 300.000 Palästinenser das Land verlassen – eine Vertreibung, über die in Europa kaum jemand spricht. Bis heute ist das Verhältnis der konstitutionellen Erbmonarchie gegenüber den Palästinensern unterkühlt. Emir Scheich Meshal Al Ahmad Al Jaber Al Sabah engagiert sich humanitär, aber politisch bleibt die Tür für Gaza verschlossen.
Libanon und Tunesien – Gäste auf Abruf
Auch der Libanon ist für viele Palästinenser ein trügerisches Exil. Offiziell wird in der Hauptstadt Beirut Solidarität betont. Aber faktisch leben Hunderttausende Menschen dort in permanenten Flüchtlingslagern – ohne Bürgerrechte, ohne Integration, ohne Hoffnung.
Die Ursache liegt im libanesischen Bürgerkrieg (1975–1990). Den bringen viele Libanesen mit der bewaffneten Präsenz der PLO in Verbindung.
Ähnlich ist es in Tunesien. Dort fand die PLO nach dem Libanon-Krieg 1982 Zuflucht. Doch 1985 machte ihr ein israelischer Luftangriff auf das Exil-Hauptquartier den Garaus. Der tunesische Staat zog sich von den Palästinensern zurück, um keinen neuen Konflikt mit Israel zu importieren.

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Eine Nation ohne Staat – und ohne Schutz
Ein oft verdrängter Punkt in der Debatte ist die palästinensische Identität selbst. Die „Palästinenser“ sind kein historisch gewachsenes Volk mit eigenem Staat, sondern heterogene Araber mit gemeinsamer Erfahrung: Flucht, Besatzung, Fremdherrschaft.
Diese offene Identität ist politisch explosiv. Viele arabische Staaten fürchten, dass die Aufnahme der “Palästinenser” ethnische Spannungen in den eigenen Ländern anheizen könnte. Oder, dass islamistische Gruppen sich legitimiert fühlen, aktiv zu werden. Deshalb betreiben die meisten arabischen Staaten – vor allem die Anrainer – ein doppeltes Spiel. Einerseits Solidaritätsbekundung mit dem Mund nach außen, in Wirklichkeit aber politischer Sicherheitsabstand nach innen.
Gaza ist nicht nur Opfer Israels – sondern auch arabischer Realpolitik
Wer heute über Gaza spricht, darf nicht nur auf Israel zeigen. Auch die arabische Welt hat sich entschieden – gegen Aufnahme, gegen Verantwortung, gegen dauerhafte Nähe. Gaza wird von seinen Anrainern betrauert, aber nicht getragen. Der Streifen an der östlichen Mittelmeerküste ist ein wohlfeiles Symbol, aber kein Schützling, wie es westliche Linke fälschlich glauben wollen.
Und vielleicht ist das der tragischste Teil der Geschichte: Dass ausgerechnet jene, die sich vor Ort als „Brüder“ bezeichnen, im Ernstfall die Grenzen schließen. Für Nahost-Laien mag das paradox erscheinen – für regionale Machteliten ist es nüchterne Interessenpolitik.
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