Das Ereignis ist schon einige Monate her, ist aber politisch-histo­risch gesehen immer noch eine Betrachtung wert: die holly­wood­reife Neujahrsrede des nordko­rea­ni­schen Macht­habers Kim Jong-un zu Beginn des Jahres 2019. Sie hatte visuell und damit propa­gan­dis­tisch etliche Signale um die Welt gesendet… was war damals los?

Von Wolf Achim Wiegand

Hamburg/Pjöngjang (waw) - Bilder machen Geschichte und Kleider machen Leute. Dass dieses nicht nur geflü­gelte Worte sind, das hat Nordkoreas Partei- und Staatschef Kim Jong-un zum Auftakt des Jahres 2019 eindrucksvoll bestätigt. Die ein halbes Jahr nach dem Gipfel von Singapur gehaltene Neujahrsrede war PR-mäßig sehr speziell, weil noch nie ein Führer des isolierten Landes eine Ansprache so insze­niert hatten.

Nordkorea Kim Jong un Januar 2018 Ausschnitt 6 Treppe

Zu Beginn war das huldvolle Hinab­steigen des „Obersten Führer“ über eine längere Treppe – wie bei einem Showauf­tritt großer Stars. Dem 36jährigen Macht­haber der Demokra­ti­schen Volks­re­publik Korea folgten drei Personen: Kim Chang-son, der Stabschef und ZK-Vollmit­glied, Jo Yong-won, der Vizedi­rektor der allmäch­tigen „Leitungs- und Führungs­ab­teilung“ der Staats­partei, und Kims einfluss­reiche Schwester und Propa­gan­d­aex­pertin Kim Yo-jong, Kandi­datin des Polit­büros. Das Hinab­schreiten sollte ein einiges Quartett demons­trieren. Dass Kim immer einen Schritt vorausging sollte zeigen, wer aber das Sagen hat.

Inter­essant ist, dass die nordko­rea­nische Führung die TV-gerecht ausge­leuchtete Treppe zum Gongschlag einer Glocke hinab­zu­gehen begann. Beobachter fühlten sich an die UdSSR zu Zeiten Josef Stalins erinnert. Damals pflegte das staat­liche Sowjet­radio in Moskau den neuen Tag pünktlich um null Uhr mit dem Klang einer Kreml­glocke anzukün­digen (wen’s inter­es­siert: hier mehr dazu).

Der große Führer nahm anschließend in einer mit großer Wahrschein­lichkeit eigens zurecht­ge­zim­merten und mit dunklem Holz getäfelten Bibliothek in einem großen Leder­sessel Platz. Das war anders als frühere Auftritte, wo eher karge Umgebungen gewählt wurden – nach dem Motto: auch die Führung darbt. Offen­sichtlich sollte dieses Mal das freudlos-sozia­lis­tische Staubimage abgelegt und ein “westlicher Stil” simuliert werden. Kim saß da, wie es US-Präsi­denten zu tun pflegen – schaut her, ich bin euch ebenbürtig!

Nordkorea Kim Jong un Januar 2018 Ausschnitt 2

Anders als sonst war auch die Art, wie Kim auftrat. Er sprach nicht zu großen Massen, zu “seinem Volk”, also von einem Podium in einer Halle oder im Freien aus, sondern 1:1 zum Fernseh­zu­schauer. Auch das war offen­sichtlich ngelehnt an den Habitus von US-Präsi­denten bei wichtigen Ansprachen an die Ameri­kaner und die Welt.

Für den Nordkorea-Experten ebenfalls erwäh­nenswert: Kim trug einen westlich gestylten Anzug mit Krawatte, nicht die übliche Kader­uniform in Schwarz – er wollte wohl den “kosmo­po­li­ti­schen Staatsmann abgeben”, analy­siert Rüdiger Frank, Ostasien-Professor an der Univer­sität Wien.

So ganz überzeugend gelang Kim die präsi­diale Geste jedoch nicht, beobachtete Frank: “Die Sitzhaltung schien nicht sehr bequem zu sein; Kim bewegte sich ein bisschen hin und her, während er redete – vielleicht wäre ein Sessel mit niedri­geren oder gar keinen Armlehnen besser für ihn gewesen.”

Nordkorea Kim Jong un Januar 2018 Ausschnitt 4 mit PFEILEN

Es passierten noch mehr verrä­te­rische Pannen. Sie zeigten, dass die Regis­seure der Kim-Show das neue Format nicht ganz im Griff hatten. So war leicht zu erkennen, dass die wie live wirkende Sendung in Wahrheit aufge­zeichnet war. Denn zu Beginn der Übertragung stand die Uhr hinter Kim auf 12:03, am Ende auf 12:55 – dabei war die Sendung nur 31 Minuten lang. Es bleibt eine Lücke von 21 Minuten, die heraus­ge­schnitten wurden, weil der nordko­rea­nische Macht­haber sich verhaspelt hatte, eine Pause brauchte oder weil der Inhalt nicht mehr opportun war… wer weiß das schon. Festzu­halten ist laut Frank:

Das Régime kann nicht einmal eine 31-Minuten-Rede des Führers ohne Macken orches­trieren – wie will es dann fachkun­digen Besuchern des Landes über mehrere Tage lang perfekte Potemkin’sche Dörfer präsen­tieren?

Es gab noch mehr Ungereimt­heiten. So hielt Kim zwar ein auf simplen Papier­seiten gedrucktes Manuskript in der Hand, auf das er jedoch nur selten schaute. Da nicht anzunehmen ist, dass der 35jährige Dynastie­sprössling die Rede auswendig hersagen konnte, schaute er vermutlich in einen Teleprompter. Das aber machte er nicht geübt – die Augen wanderten unüber­sehbar lesend immer wieder von rechts nach links.

Nordkorea Kim Jong un Januar 2018 Ausschnitt

Zugleich vermied Kim den direkten Blick in die Kamera (siehe Foto oben), wie es einem Führer, der sein Volk anspricht, eigentlich geziemte. Ebenfalls fehl am Platz: einge­blen­deter Applaus zu Beginn und am Ende der Rede – das gibt es nicht in einem intimen Biblio­theksset und “das wirkte ein bisschen wie eine US Sitcom,” mokiert sich Frank.

Wie gesagt: es ist schon einige Zeit her, dass Kim diese Rede hielt. Sie sollte der Welt einen Image­wandel vorführen, offen­sichtlich mit Blick auf das wenige Wochen später in Vietnam anberaumte zweite Treffen mit US-Präsident Donald J. Trump, an das hohe Erwar­tungen gestellt wurden. Dazu fuhr Kim eigens in einem kugel­si­cheren Zug etwa 4500 Kilometer weit bis nach Hanoi – wo der Gipfel vollkommen ergeb­nislos endete. Kim war dabei nicht der begossene Pudel.

Dieser Tage setzte Kim seinen Widerpart mit der Verlaut­barung unter Druck, er erwarte von den USA bis Ende 2019 ein angemes­senes Angebot für den Abbau der Atomrüstung. Schon möglich, dass die Nordko­reaner politische Potemkin’sche Dörfer besser insze­nieren können, als biedere Biblio­theken fürs Fernsehen. Noch…

Nordkorea Trump Kim Hanoi 2019 2

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