Der Sturz von Baschar Hafiz al-Assad am 8. Dezember 2024 ist ein Wendepunkt für Syrien und den Nahen Osten. Das Ende seiner Herrschaft folgt auf Jahre brutalen Bürgerkriegs. Das hat weitreichende geopolitische Folgen. Sie löst gemischte Reaktionen in der Region aus. Während einige von einer neuen Ära träumen, warnen Experten vor den Herausforderungen, die der Machtwechsel mit sich bringt.
Hamburg/Jerusalem/Beirut (waw) – Selten hat man so viel Optimismus bis hin zur Freude im Nahen Osten wahrgenommen, wie am Sonntag, 8. Dezember 2024. Jubel auf den Straßen in Damaskus. Stürzende Assad-Statuen. Freudige Exil-Syrer bei Spontan-Kundgebungen in aller Welt.
Der Sturz von Baschar Hafiz al-Assad in Syrien und die Flucht des Diktators nach Moskau markiert eine elektrisierende Zäsur. Er hat weitreichende geopolitische Folgen. Das spüren die Menschen bei den sich überstürzenden Meldungen. Manche träumen schon von einer neuen politischen Landkarte ohne das Mullah-Régime der Assad-Schutzmacht Iran.
Aber Vorsicht: Syrien ist nur frei von Assad, jedoch nicht von Unterdrückung! Es ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt längst nicht klar, was die zersplitterten siegreichen Islamisten und Dschihadisten vorhaben. Der teilweise in Damaskus, Beirut, Jerusalem und anderswo spürbare Siegestaumel ist zu früh.
Syrien: Zwischen Hoffnungen und Gefahren
Die islamistische Gruppe Hayat Tahrir al-Sham (HTS), die eine entscheidende Rolle im Sturz Assads spielte, übernimmt zunehmend die Kontrolle. Ihre ersten Maßnahmen senden Zeichen von Inklusion. Dazu gehört die Ernennung eines christlichen Gouverneurs in Aleppo und die geplante Präsidentschaft eines Drusen. Dennoch bleibt die HTS-Vergangenheit als dschihadistische Organisation problematisch.

HTS-Führer, Abu Muhammad al-Julani, versucht, sich moderater zu präsentieren. Dennoch gibt es Misstrauen wegen seiner Verbindung zu al-Kaida. Auch der Name der Gruppe, der auf “Groß-Syrien” abzielt, trägt dazu bei. Er ist ein geborener Saudi und Sohn syrischer Eltern aus den Golanhöhen (daher sein Name „al-Julani“, der „Golani“).
Al-Julani war Dschihadist im Irak. Er verwischte seine Identität und verbarg sein Gesicht. Seit 2011 operiert der Berufsterrorist in Syrien. Dort gründete er den syrischen Ableger von al-Kaida, ein loses internationales Terror-Netzwerk.
Viele Syrer hoffen auf demokratische Reformen. Doch die fragmentierte Opposition und autoritäre Tendenzen der HTS könnten diese Hoffnungen zunichtemachen. Das fragile Gleichgewicht zwischen den verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppen der “Befreier” stellt das Land vor eine Zerreißprobe.
Israel: Chancen und Risiken
Eines ist klar: Ohne Israels massiven Krieg gegen die Hamas-Terroristen in Gaza hätte Assad den Palast nicht verlassen. Auch die Entmannung der Hisbollah-Verbrecher im Libanon spielte eine Rolle. In ersten Kommentaren wird das übersehen.
Nun steht Israel vor einer doppelten Herausforderung. Einerseits hat der Umsturz den Einfluss Irans und der Hisbollah in Syrien geschwächt. Nachschublinien für Waffen und Milizen in Richtung Westbank und israelisches Staatsgebiet sind unterbrochen.
Andererseits muss Israels Armee in Syrien durch gezielte Präventivschläge Waffendepots neutralisieren, die „in falsche Hände“ geraten könnten. Sie zerstört auch mögliche Rückzugsorte der fliehenden Hisbollah.
Dennoch besteht die Gefahr, dass sich extremistische Gruppen entlang der Golanhöhen festsetzen. Das Das Abkommen über den Rückzug (Agreement on Disengagement), das 1974 den Jom-Kippur-Krieg offiziell beendete, ist hinfällig. Der Vertragspartner syrische Armee besteht ja nicht mehr.

Premierminister Benjamin Netanjahu hat eine direkte Intervention in Syrien ausgeschlossen. Unterdessen sieht die israelische Öffentlichkeit sowohl die Bedrohungen als auch Chancen.
Libanon: Der Ruf nach Neuordnung
Als Nachbarsstaaten müssen wir Libanesen und Israelis jetzt gegenseitig unsere Grenzen schützen. Ich möchte einfach in Beirut in den Bus steigen, nach Haifa fahren und dort einen Kaffee trinken. – “Phoenician Ozzie”, Libanese, Host eines Talks (Space) auf der Plattform X.
Im Syrien- und Israel-Grenzstaat Libanon wird der Sturz Assads bei Hisbollah-Gegnern als Gelegenheit für einen Neuanfang gesehen. Vor allem christliche Gemeinschaften fordern die Entwaffnung der Islamisten. Diese Terroristen destabilisieren seit Jahrzehnten das politische Gleichgewicht des stark zersplitterten Landes. Sie tun dies auch als politische Partei.
Im Libanon gewinnt nun die Idee eines Friedensschlusses mit Israel und einer reformierten politischen Struktur an Bedeutung. Doch die Frage bleibt: Hätte die libanesische Armee genug Stärke, um die Hisbollah zu entwaffnen? Könnte sie dies tun, ohne neue Konflikte zu provozieren?
Wenn wir Hilfe von Israel benötigen – was hält uns davon ab, sie anzufordern? Wir Libanesen erledigen die Arbeit am Boden, die Israelis stellen die Luftunterstützung bereit. – Ein libanesischer Maronit (Christ) auf X.
Russland und Iran: Schwächung der Verbündeten
Russlands Rückzug aus Syrien markiert einen strategischen Rückschlag für Moskau. Die russischen Stützpunkte in Syrien, einschließlich der Marinebasis in Tartus, sind größtenteils aufgegeben worden. Der Kreml ist plötzlich ein wackliger weltpolitischer Sekundant.

Der Iran, ein weiterer wichtiger Unterstützer Assads, hat ebenfalls an politischem und militärischem Einfluss verloren. Mit seinem Verschwinden sind die Anti-Israel-Akteure des Mullah-Regimes praktisch pulverisiert.
Iran hat kaum noch Möglichkeiten, effektive Nachschublinien für Hisbollah und Hamas aufrechtzuerhalten. Auch die zuletzt beobachteten Waffenschmuggeleien aus Jordanien in die besetzte Westbank und ins israelische Staatsgebiet sind zerschnitten. Die Blamage – ja, Niederlage – könnte die Machtstruktur in Teheran ins Wanken bringen.
Internationale Reaktionen
Die Türkei zeigt verstärkt Präsenz im nördlichen Syrien. Sie strebt an, ihre Position als Schutzmacht sunnitischer Fraktionen auszubauen. Präsident Recep Tayyip Erdogan spricht von einer friedlichen Zukunft für Syrien. Kritiker werfen der Türkei jedoch vor, sie fördere ethnische Säuberungen in kurdischen Gebieten.
Erdogan selbst erklärt über X zur Lage hinter seiner fast 1000 Kilometer langen Grenze zu Syrien:
… Das Régime in Damaskus hat den Wert der ausgestreckten Hand der Türkei nicht verstanden und nicht begriffen, was dies bedeutet … Wir wollen ein Syrien, in dem unterschiedliche Identitäten friedlich nebeneinander existieren … Der beste Weg für unsere Region wäre, wenn verantwortungsbewusste Akteure und alle internationalen Organisationen die Wahrung der territorialen Integrität Syriens unterstützen würden… – Recep Tayyip Erdogan, Präsident Türkei

Die USA und die EU reagieren bislang vorsichtig. Der künftige US-Präsident Donald Trump hat am Wochenende in Paris mit Nêçîrvan Barzanî gesprochen. Der ist Ministerpräsident des autonomen Kurdengebietes im Irak. Solche Gespräche – über die keine Details bekannt sind – zeigen das Interesse der USA an einer Stabilisierung der strategisch wichtigen Region. Die EU betont die Notwendigkeit von Stabilität, während Washington seinen Fokus auf die kurdischen Gebiete im Norden Syriens legt:
Das Ende der Assad-Diktatur ist eine positive und lang erwartete Entwicklung. Sie zeigt auch die Schwäche der Unterstützer Assads, Russland und Iran. Unsere Priorität ist es, die Sicherheit in der Region zu gewährleisten. Ich werde mit allen konstruktiven Partnern in Syrien und in der Region zusammenarbeiten. - Kaja Kallas, EU-Außenbeauftragte.
Fazit: Unsicherheiten und Möglichkeiten
Der Umsturz in Syrien öffnet eine Tür für Veränderung, birgt jedoch erhebliche Risiken. Die fragmentierte Opposition erschwert den Weg zu einer stabilen Zukunft. Erneute extremistische Gewalt stellt eine Gefahr dar. Die geopolitischen Interessen externer Akteure sind womöglich ebenfalls nicht hilfreich. Viele Syrer hoffen auf Demokratie und Frieden. Trotzdem bleibt die Region in einer prekären Balance zwischen neuen Chancen und alten Konflikten.

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