Das Volk auf Taiwan hat gesprochen und ein neues Staats­ober­haupt gewählt. Peking-Kritiker Lai Ching-te gehört der Regie­rungs­partei an und steht insofern für Konti­nuität. Dennoch wird es neue Akzente geben. Gespannt schaut die Welt, wie sich nun das explosive Verhältnis der selbst regierten abtrün­nigen Provinz zum einstigen Mutterland hin entwi­ckelt. Hängt der Weltfrieden davon ab, welches Schicksal das weltwirt­schaftlich bedeu­tende Land nimmt?

Von Wolf Achim Wiegand

Hamburg/Taipeh (waw) – Der frühere Polizeichef und Bürger­meister der taiwa­ne­si­schen Haupt­stadt Taipeh, Hou You-ih, wäre gerne oberster Aufpasser über die gesamte Insel­nation geworden. Es kam anders. Bei der Präsi­den­tenwahl musste sich der 66-jährige Opposi­ti­ons­po­li­tiker von der Tradi­ti­ons­partei Kuomintang (KMT) dem liberalen Regie­rungs­kan­di­daten Lai Ching-te (im Westen auch bekannt als William Lai) geschlagen geben. Und so bleibt in der westlich orien­tierten Demokratie vor der Küste des gefrä­ßigen Nachbarn China erstmal alles beim Alten – fast, denn die Regie­rungs­partei hat die Mehrheit im Parlament verloren und Lai wird gegen fast 60 Prozent der Abgeord­neten regieren müssen.

„Wir haben der Welt gezeigt, wie sehr wir unsere Demokratie wertschätzen“, sagte der 64-Jährige Sieger nach Feststehen des Wahler­geb­nisses. Das Volk habe bewiesen, dass es äußeren Einflüssen stand­halten könne. Nur die 23 Millionen Taiwa­neser könnten die Zukunft ihres Landes bestimmen – “und niemand sonst.” 

Das war ein klarer Seitenhieb auf China, das den Spitzen­kan­di­daten der Regie­rungs­partei nur zur zwei Tage vor den Wahlen scharf angegriffen hatte: Sollte Lai gewählt werden, würde dies eine ernst­hafte Bedrohung für den Frieden darstellen, tönte es aus Peking. Es war eine offene Einmi­schung in die inneren Angele­gen­heiten des De-facto-Staates. Sie war zwar letztlich kontra­pro­duktiv, aber womöglich ein Vorge­schmack auf Kommendes.

“Taiwan hat sich nicht beein­drucken lassen”

Jörg Lau, Die Zeit
Lai Ching-te Präsident Taiwan
Lai Ching-te, gewählter Präsident von Taiwan / Foto: BNN

Mit Lai – der mit rund 40 Prozent den Kontra­henten Hou deutlich hinter sich ließ (33,5 Prozent, ein dritter Kandidat bekam 26 Prozent – zieht wieder die Democratic Progressive Party (DPP) in die Schalt­zen­tralen des Staates ein – mit einem nicht ganz so neuen Kopf. Lai war Stell­ver­treter seiner Partei­freundin Tsai Ing-wen, die Taiwan ein Jahrzehnt lang gelenkt hat. 

Außen­po­li­tisch furchtlos hatte Tsai ihr Land enger an die USA heran­ge­führt. Innen­po­li­tisch sorgte sie für Frischluft, symbo­li­siert durch Perso­nalien wie des ehema­ligen Mannes Audrey Tang, der einst ein Software-Guru war und dann als inter­na­tional hochge­schätzte Digital­mi­nis­terin diente.

Tsai Ing-Wen: Inter­na­tional gefeiert, innen­po­li­tisch eher glücklos 

Aller­dings musste Tsai zuletzt eine herbe Niederlage ihrer DPP bei Kommu­nal­wahlen hinnehmen und als Partei­chefin abtreten. Der Absturz kam wegen innen­po­li­ti­scher Probleme, nicht wegen Tsais China-Politik. 

Kontinuität mit neuen Akzenten

“Für Peking stellt der Wahlausgang tatsächlich einen herben Rückschlag dar.” 

Fabian Kretschmer, taz

Wahlsieger Lai ist ein erfah­rener Mann. Er war Bürger­meister von Tainan, der ältesten und ehema­ligen Haupt­stadt Taiwans. Er diente als Premier­mi­nister. Er ist von Beruf Arzt und hat an der US-Elite­uni­ver­sität Harvard studiert.

In einem “Vier-Säulen-Plan für den Frieden” hat Lai skizziert, mit welchen Rezepten er das politische Fieber an der Taiwan­straße kurieren möchte, die im Welthandel eine der wichtigsten Schiff­fahrts­routen darstellt. Im Kern geht es dem neuen Präsi­denten darum, sein Land wider­stands­fä­higer gegen die andau­ernden Nadel­stiche der 1,5‑Milliarden-Volksrepublik zu machen, die in Taiwan kein eigen­stän­diges Land sieht, sondern nur eine “abtrünnige Provinz”:

  • Stärkung der militä­ri­schen Verteidigung. 
  • Noch engere wirtschaft­liche Bündnisse auf der Weltbühne. 
  • Ausbau des guten Images der Insel, die in einem Demokra­tie­index in Asien hinter Japan auf Platz zwei rangiert und weltweit vor Frank­reich und den USA.
  • Zudem spricht sich Lai sich für die Förderung sicherer Liefer­ketten und die Bildung von Partner­schaften mit Demokratien aus.

Taiwan vermeidet den Selbstmord

Von der Aufnahme gezielter Gespräche mit China, der propa­gierten Arznei seines unter­le­genen Rivalen Hou, hält Lai wenig. Seit 18 Jahren schon sprechen die beiden Länder an den Küsten der 180 Kilometer breiten Formo­sa­straße nicht mehr mitein­ander. Taiwan wird unter Lai auch künftig den eigenen Weg weiter­gehen – und ihn verteidigen. 

“Wir sind entschlossen, Taiwan vor anhal­tenden Bedro­hungen und Einschüch­te­rungen durch China zu schützen”

Lai Ching-te, gewählter Präsident Taiwan

Unter­stel­lungen, er strebe die volle Unabhän­gigkeit der laut UN nicht existenten Nation an (was er früher einmal tatsächlich postu­liert hatte), weist Li zurück. Öffentlich bekennt er sich zum Status Quo, also zu der in Taipeh und Peking unter­schiedlich ausge­legten Fiktion, es gäbe nur “ein China”. Dieser “Ein-China-Politik” folgen auch die USA und der nördliche Nachbar Japan, sondern auch Deutschland und die EU. Sie ist eines der Grund­prin­zipien der Volks­re­publik. Daran zu rütteln käme dem Selbstmord nahe. Nur 13 Länder erkennen die Republik China an, wie Taiwan offiziell heißt, alle sind Klein- und Kleinst­st­staaten.

Dennoch behauptet Peking, die taiwa­ne­sische Politik plane 75 Jahre nach dem Ausscheren aus der chine­si­schen Einheit die endgültige Abspaltung. Der Sprecher des Büros für taiwa­nische Angele­gen­heiten, Chen Binhua, erklärte nach Bekannt­werden des Wahler­geb­nisses, das Resultat werde die “unaus­weich­liche” Wieder­ver­ei­nigung nicht verhindern. China werde keine “separa­tis­ti­schen Aktivi­täten” auf der selbst verwal­teten Insel dulden.

Taiwan China Xi Jinping

Damit ist klar (und das ist eine Binse): China wird den Anspruch auf Taiwan nach dem Wahlsieg Lais nicht aufgeben. Den Kader von Präsident Xi Jinping in Peking beein­druckt nicht, dass die Taiwa­nesen zum dritten Mal hinter­ein­ander der peking­re­sis­tenten DPP das Vertrauen geschenkt haben. Die Bestän­digkeit im Volks­willen führt den Kommu­nisten zwar erneut vor Augen, dass das wirtschaftlich und gesell­schaftlich hochent­wi­ckelte Wunsch­objekt ihrer Begierde keine Zukunft unter kommu­nis­ti­schen Vorzeichen wünscht – aber das spielt im Denken einer “Diktatur des Prole­ta­riats” keine Rolle.

Bedrohung bleibt

Die militä­rische Bedrohung könnte sich sogar verschärfen – insbe­sondere nach einem möglichen Wahlsieg des US-Irrlichtes Donald Trump im Herbst. Unruhige Zeiten innerhalb der westlich orien­tierten Welt wären Xi willkommen. Er könnte sogar danach trachten, zumindest weiter desta­bi­li­sie­rende Maßnahmen möglichst bald umzusetzen. Denn China steht unter Zeitdruck. Es muss den Zahn der Zeit einkal­ku­lieren, also das, was die Analystin Ivy Kwek von der Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sation Inter­na­tional Crisis Group, Brüssel, so beschreibt:

“Die Bevöl­kerung der Insel verliert jegliches Interesse daran, Teil Chinas zu werden, da eine eigene taiwa­ne­sische Identität und Lebens­weise wächst.” 

Taiwan Taipeh Straßenszene

Taiwan wird weiter zittern müssen

Nach so viel Tamtam kann es sich Riesen­reich­regent Xi nicht leisten, dem kleinen Wider­borst gegenüber Weichheit zu zeigen. Das könnte im natio­na­lis­tisch aufge­heizten Klima der Volks­re­publik als Gesichts­verlust erscheinen. Trotz seiner Macht­fülle gibt es in Xis Führungs­ap­parat lauernde Wölfe. Deshalb wird der KP-General­se­kretär, Vorsit­zende der Zentralen Militär­kom­mission und Staats­prä­sident gegenüber Taiwan weiter mit Zwang und kaum mit Verlo­ckung reagieren.

Die Taiwaner, in deren Haupt­stadt Taipeh an den Straßen Schilder mit Hinweisen zum nächsten Luftschutz­bunker stehen, haben sich fast schon daran gewöhnt, dass immer mal wieder automa­tische Alarm­mel­dungen auf dem Handy aufpoppen. Kurz vor der Wahl war es zu einem millio­nen­fachen Fehlalarm gekommen. Dennoch: Panik? Nein.

Ein Student berichtet:

Ich saß in der Bibliothek und man hörte einiges Getuschel, was sich schnell beruhigte. Nach einigen Minuten stellte sich heraus, dass die englische Übersetzung des Alarms falsch war, was dann irgendwann vom Vertei­di­gungs­mi­nis­terium richtig­ge­stellt wurde. Noch 4 Tage bis zur Wahl…”

Dazu kommt ein Cyber­krieg. Korre­spon­denten erleben gekappte Kabel und Propa­ganda-Attacken in Super­märkten: VIDEO: ZDF-Repor­terin Miriam Steiner berichtet.

“Ein globaler Frieden hängt vom Frieden in der Taiwan­straße ab”

Lai Ching-te, gewählter Präsident Taiwan

Weltpolitische Bedeutung

Auch wenn Beobachter meinen, mit dem china­kri­ti­schen Lai werde sich die Gefahr eines Kriegs zwischen China und Taiwan signi­fikant erhöhen, wird Peking erstmal abwägen müssen. Ein Angriff auf dieses für Europa und den gesamten Westen so wichtige Land wäre die größt­mög­liche Ohrfeige für den Westen. Sie hätte massive ökono­mische und womöglich militä­rische Folgen. 

Das Szenario ist momentan nicht günstig für Xi. Er muss eine schwierige Wirtschaftslage überstehen. Außerdem wäre eine Besetzung der Insel logis­tisch extrem schwierig. Eher denkbar wäre daher eine Abschnürung, etwa eine Seeblockade.

“Geopo­li­tisch wäre ein Krieg eine Katastrophe: Zweifellos würden die USA unter Biden Taiwan zu Hilfe eilen – aber zu welchem Preis?”

Martin Benninghoff, Handelsblatt

Denkbar ist auch, dass China zunächst versuchen wird, die taiwa­ne­sische Gesell­schaft mit Avancen an die Opposition, Desin­for­mation und Fakenews ausein­an­der­zu­treiben. Denn bei allem Jubel über den Wahlsieg Lais wird häufig übersehen, dass seine DPP gerade die Parla­ments­mehrheit verloren hat. Der Grund liegt in weit verbrei­teter Unzufrie­denheit meist jüngerer Taiwaner mit Lage des Landes. So können die Löhne nicht mit den Lebens­hal­tungs­kosten mithalten, das Arbeits­leben ist von zuviel täglicher Beschäf­ti­gungszeit geprägt und Wohnen ist für viele unerschwinglich geworden. Dazu kommen politische Affären. Das alles ist ein guter Nährboden für Spaltpilze.

“Nach der demüti­genden Taiwan-Wahl ist China-Führer Xi gleich doppelt gefährlich”

Alexander Görlach, Senior Fellow am Carnegie Council for Ethics in Inter­na­tional Affairs, New York

Eines ist sicher: Taiwan wird sich unter Lai weiterhin allen Okkupa­ti­ons­ge­lüsten vom anderen Ufer her entschlossen entge­gen­stellen. Noch am Tage seiner Wahl hat Lai die Chinesen dazu aufge­rufen, in der Meerenge zwischen beiden Staaten den Frieden zu bewahren. Auch die Volks­re­publik trage Verant­wortung, sagte er. 

Verant­wortung lastet auch auf US-Präsident Joe Biden. Er wird sich ausge­rechnet im Wahljahr weiterhin nicht militä­risch mit dem mächtigen China anlegen wollen. Nach der Wahl erklärte Biden auffällig rasch, er unter­stütze unver­ändert keine formelle Unabhän­gigkeit Taiwans von China. Jedoch wird Washington den Freund Taiwan zumindest unter der Präsi­dent­schaft der Demokraten weiter massiv diplo­ma­tisch und mit Armee­ma­terial versorgen (hallo Europa, das bindet Kräfte für die Ukraine!). 

Die Attacke der USA und Verbün­deter auf die islamis­ti­schen Huthi-Terro­risten im Roten Meer kann als Hinweis darauf gelten, dass der oft für Zöger­lichkeit gescholtene Westen nicht bereit ist, Störungen inter­na­tio­naler Handelswege hinzu­nehmen. Auch nicht in der Formo­sa­straße. In Erwartung des Taiwan-Wahler­geb­nisses soll die US-Marine vorige Woche in Abstimmung mit der philip­pi­ni­schen Regierung Hilfs­mittel einschließlich Treib­stoff von einigen Pazifik-Stütz­punkten im Pazifik zur ehema­ligen Militär­basis Subic Bay (Nord-Philip­pinen) verlegt haben.

Jetzt dürfte eine längere Zeit anbrechen, in der sich alle am Taiwan-Konflikt Betei­ligten gegen­seitig belauern werden – wer zuckt zuerst? 


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