⇒ Inhalt dieses Blogs: Noch ist Tsche­chien nicht verloren… kann der unflätige Miloš Zeman als Präsident verhindert werden?

Kommentar von Wolf Achim Wiegand 

Hamburg/Prag/Brüssel (waw) – Die Tschechen haben am Wochenende 26./27. Januar eine klare Wahl: entweder sie entscheiden sich in der zweiten Runde der Präsi­den­tenkür für den bishe­rigen Amtsin­haber Miloš Zeman oder für den partei­losen Chemie­pro­fessor Jiří Drahoš. Zwischen denen liegen Gräben. Tiefe Gräben.

Tschechien-Präsident-Milos-Zeman
Miloš Zeman

Während der 68jährige parteilose Drahos ausge­sprochen pro-europäisch ist und sich besorgt über die Zunahme von Extre­mismus und Populismus in der EU äußert, steht Zeman (73) für alles andere. Das ehemalige KP-Mitglied ist pro-russisch, pro-chine­sisch, pro-trumpis­tisch sowie ein empathie­loser Flücht­lings­gegner und engagierter Befür­worter einer Volks­ab­stimmung über den Verbleib Tsche­chiens in der EU. Er sei ein “Kämpfer für die kleinen Leute”, behauptet Zeman, der im ersten Wahlgang knapp unter 39 Prozent erhielt.

Tschechien-Kandidat-Jiří Drahoš
Jiří Drahoš

Sein Gegner Drahos dagegen ist ein Mann der stillen Töne. Damit erreichte er 26,6 Prozent. Als früherer Präsident der tsche­chi­schen Akademie der Wissen­schaften ist Drahos weltoffen, lehnt aller­dings die EU-Flücht­lings­quote ab. Die Einführung des Euro in Tsche­chien wiederum hält Drahos für wünschenswert. Eine diffe­ren­zierte Persön­lichkeit also, die über sich sagt: “Ich denke erst und rede dann.

Obwohl sich die sechs anderen nicht in die Stichwahl einge­zo­genen Kandi­daten jetzt für Drahos einsetzen, gehen fast alle Beobachter letztlich von einem Sieg Zemans aus. Damit käme erneut ein Mann ans Ruder, den außer seinen Wählern (vor allem auf dem Lande) keiner so recht ernst nimmt. Einer seiner erbit­tertsten Gegner, der einstige Außen­mi­nister Karel Schwar­zenberg, vermutete vor einiger Zeit öffentlich, Zeman habe durch jahre­langen Alkohol­konsum moralische Hemmungen verloren und sei nur noch an seiner persön­lichen Macht inter­es­siert. Medien berichten: “Er leidet an Diabetes, die Ärzte empfehlen ihm, das Ketten­rauchen sowie den Alkohol­konsum einzu­schränken.

Zeman gefällt sich darin, ein Enfant terrible zu sein. Er sei “zutiefst überzeugt”, dass die Ankunft Schutz­su­chender in Europa “keine spontane Flucht­be­wegung ist, sondern eine organi­sierte Invasion” sei, sagte Zeman in seiner Weihnachts­an­sprache 2015. Nach einem Radio-Interview Zemans, in dem der Präsident vulgär auf die russische Punkband Pussy Riot einging, verar­bei­teten Kritiker sein Fäkal­vo­ka­bular unter Verwendung von Origi­nal­mit­schnitten zu einem Rap, unterlegt mit Musik der Dieter-Bohlen-Band Modern Talking: Kunda sem, kunda tam („Fotze hier, Fotze da…“).

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Andrej Babiš

Wird Tsche­chien also seinem Ruf die Ehre machen, eine “Republik der unzufrie­denen Bürger” zu sein? Dieses Etikett klebt an dem 10,5‑Millionen-Volk, seit der populis­tische Milli­ardär Andrej Babiš die Politische Bewegung ANO 2011 gründete, sie zur größten Partei und sich zum Regie­rungschef machte – aller­dings ohne Partner zu finden, denn niemand mag ANO… Das Kürzel ANO (für tsche­chisch “akce nespo­ko­jených občanů”) bedeutet auf Deutsch “Aktion unzufrie­dener Bürger”.

Erschwerend kommt hinzu: der Zeman-Unter­stützer und Selfmademan am tsche­chi­schen Politik­ruder Babiš ist schweren Betrugs­vor­würfen ausge­setzt. Er und sein Frakti­onschef Jaroslav Faltynek müssen mit Straf­ver­folgung rechnen. Kein Wunder, dass auch über Babiš ein satiri­sches Schmäh­video mit echten Zitaten kursiert: der Babiš song – Kurva jako (“ficken wie…”).

Tschechien-Wahlspruch-Wahrheit-siegtWie dem Niveau der politi­schen Ausein­an­der­setzung in Prag auch sei – jede Tschechin und jeder Tscheche hat die Wahl. Soll das Land in der Phalanx derje­nigen Länder bleiben, die bei der EU in Brüssel gerne die Hand aufhalten, aber sie rasch zusam­men­ballen, wenn es um Gemein­sames geht? Oder soll sie ein Mann reprä­sen­tieren, der laut Programm verbinden möchte, nicht spalten?

Dass bei der ersten Wahlrunde etwa 62 Prozent der abstim­menden Menschen kein Kreuz für Zeman gemacht haben, das lässt für die beiden Stimmtage am letzten Januar­wo­chenende ein wenig hoffen. Schließlich lautet die nationale Losung der Republik Tsche­chien: “Pravda vítězí” – “Die Wahrheit siegt.


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