Babywagen rollt Treppe hinunter
Berühmte Filmszene: Babywagen rollt Treppe von Odessa hinab

Von Wolf Achim Wiegand

Hamburg / Odessa (waw) – Eine der berühm­testen Szenen der Filmge­schichte spielt in der ukrai­ni­schen Hafen­stadt Odessa. An diesen histo­ri­schen Drehort erinnere ich mich in diesen Stunden. Es sind die Stunden, in denen eine Million Menschen – oder: dieje­nigen, die noch da sind – sich seit Tagen vorbe­reiten auf Angriffe zur See, zur Luft und zu Land. Ausge­führt durch Marine, Luftwaffe und Heer aus Russland.

Ins Ziel der Invasoren kommt auch der weltweit berühmte Origi­nal­schau­platz aus dem Stummfilm “Panzer­kreuzer Potemkin” (Броненосец Потёмкин), die Potem­kinsche Treppe. Wird dieses Kultur­denkmal bald zerfetzt? 

Bis heute verbinden die Stufen über 142 Meter hinweg die hochge­legene Altstadt mit dem Hafen. Eine steinerne Stiege, gemauert in der Mitte des 19. Jahrhunderts.

Viele halten Odessa für die schönste Stadt der Ukraine. Angelegt wurde sie 1794 auf Anweisung von Katarina der Großen. Es war die erste Stadt Europas mit elektri­scher Beleuchtung. Wiener Archi­tekten errich­teten das Opernhaus, dessen Chor kürzlich auf dem davor­lie­genden Platz trotzig den Gefan­ge­nenchor aus Verdis “Nabucco” in den blauen Himmel schmet­terte.

Odessa wartet auf den Ansturm Russlands

Es gibt Parks und Alleen. Viele Fassaden erstrahlen frisch renoviert. Die Altstadt ist eine Perle. Die Menschen: eine bunte Vielvöl­ker­mi­schung. Ausflügler und Touristen besuchen den Seehafen gerne. 

Ein Muss für jeden Fremden ist die Potem­kinsche Treppe (anfangs: Richelieu-Treppe), die durch optische Täuschungen zur Bauzeit archi­tek­to­nisch neue Raffi­nessen setzte. Dieser Treppe hat Regisseur Sergei Eisen­stein (1898 – 1948) ein kinema­to­gra­phi­sches Denkmal gesetzt. In seinem Film wob er die fast 196 Stufen beim Dreh 1925 in die zentrale Aussage seines Revolu­ti­ons­filmes ein. Der handelt von der Meuterei der russi­schen Matrosen am 27. Juni 19O5 auf dem Panzer­kreuzer Potemkin im Schwarzen Meer vor Odessa. 

Das Marine­schiff war in seiner Zeit das modernste der fünfzig für den Zaren verfüg­baren Schiffe der Schwarz­meer­flotte. Der Aufstand der Marine­sol­daten entzündete sich durch ungenießbare verfaulte Essens­ra­tionen. Die Seeleute wollten das nicht länger hinnehmen, verwei­gerten die befohlene Nahrungs­auf­nahme trotz Gewalt­an­drohung, erschossen ihre Offiziere und setzten einen Matro­senrat ein. 

Das Grauen in Szene gesetzt

Der Aufstand auf dem Schiff vor Odessa weckt Hoffnungen bei den geknech­teten Menschen in der Stadt. Doch Soldaten des zaris­ti­schen Russland richten aber auf der Treppe ein blutiges Massaker unter der Zivil­be­völ­kerung an. Selbst Frauen, Alte und Kinder geraten in dem musika­lisch drama­tisch unter­legten Stummfilm ins Sperr­feuer der Unifor­mierten. Verletzt fallen Getroffene die Stufen hinunter. Tote bleiben auf der Treppe liegen, werden von der herab­flüch­tenden Menge zertreten. 

Die Schlüs­sel­szene des Schwarzweiß-Films zeigt, wie eine junge Mutter erschossen wird und ihr Kinder­wagen mitsamt Säugling die Treppe hinun­terrast (siehe unten). Diese Szene mit dem todge­weihten Kind findet sich in Hommagen von gut hundert weiteren Filmen wieder. 

Ja, es war ein Propa­gan­dafilm der damaligen Zeit. Pathe­tisch, verklärend, histo­risch in Teilen falsch. Aber er war und ist genial in Kamera­ein­stel­lungen, Insze­nierung und Schnitt. Eisen­steins Film wurde 1958 auf der Brüsseler Weltaus­stellung als “bester Film aller Zeiten” ausgezeichnet. 

Tweet von ZDF-Repor­terin Katrin Eigendorf

Nun wieder zum Wahrzeichen von Odessa, der “wahrscheinlich berühm­testen Treppe der Welt“. Eine Ikone des 20. Jahrhun­derts. Ein Ort, der Symbolik geradezu herbeizwingt.

Kinogeschichte wird Realität

Und nun sehen wir, wie sich die Filmversion in moderner Zeit wieder­holen könnte. Gerade richten die Waffen des neuen “Zaren” aus Russland, Wladimir Putin, in der ganzen Ukraine entsetz­liches Leid an. Es ist wie in Eisen­steins Film, der Verbrechen des “alten” Zaren anklagt. Selbst Kultur­stätten finden heute keine Gnade: Raketen sind in Kiew nahe der Holocaust-Gedenk­stätte Babyn Jar einge­schlagen und in Mariupul wurde das Stadtheater nieder­gemäht. Histo­ri­sches – für Putin nur ein Kollateralschaden. 

Tweet des Leiters des Präsi­den­ten­büros der Ukraine

Der “Kampf” des zum Faschisten geron­nenen Herrschers im Kreml ist auch ein Kultur­kampf. Eiskalte Respekt­lo­sigkeit gegen Ehrfurcht vor der Geschichte. Hasserfüllte Diktatur gegen das Recht auf bürger­liche Freiheiten. Grausamkeit gegen verwundbare Menschen. Respekt und Empathie: Fehlan­zeige. Die verbrannte Erde, die Putins Truppen in der zweiten ukrai­ni­schen Hafen­stadt Mariupol angerichtet haben, lassen Aller­schlimmstes erwarten.

Tweet aus Odessa

Wann Putin seine Truppen auf Odessa loslassen wird ist – während ich das hier schreibe – wohl nur noch eine Frage der Zeit. Ob die histo­rische Altstadt zum Ziel wird ist unklar. Aber die Potemkin-Treppe wirkt schon jetzt wie ein Mahnmal. Ich befürchte, dass sie Schaden nehmen wird. Und wir werden zeugen werden. Nicht im schumm­rigen Kino. Sondern in der grellen Realität. 


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