Venezuela, Iran, Europa: Alles hängt mit allem zusammen. Ob Ölinter­essen in der Karibik, geostra­te­gische Pakte in der Golf-Region oder der Krieg von Russland gegen die Ukraine – Europas Sicher­heits­ordnung könnte sich nachhaltig verändern. – Dazu habe ich eine Analyse.

Europa im Blickpunkt
Wiegand wills wissen

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Von Wolf Achim Wiegand

Hamburg/Brüssel (waw) – Seit Langem hat kein Ereignis die Welt so aufge­wühlt, wie der erzwungene Fall des sozia­lis­ti­schen Regimes in Venezuela und die Gefan­gen­nahme seines Macht­habers Nicolás Maduro durch die USA. Zu recht! Denn die drama­ti­schen Ereig­nisse in dem herun­ter­ge­wirt­schaf­teten südame­ri­ka­ni­schen Ölstaat werden wohl enorme Auswir­kungen auf die Macht­ba­lance der Welt – insbe­ondere Europas – haben.

Rückblick: Die Regie­renden in Caracas haben den imperialen Inter­essen Russlands und Chinas seit Jahrzehnten ein freizü­giges Terrain geboten. Obwohl zehntau­sende Kilometer entfernt diente Venezuela besonders einem der rabiaten Mitspieler im antiwest­lichen Dreieck Moskau-Peking-Teheran als Flanken­schutz für politische, ideolo­gische und kommer­zielle Einfluss­nahme – dem Iran. Das sanktio­nierte Mullah-Régime profi­tierte von venezo­la­ni­schen Öl-Swaps, Luftver­kehrs­ver­bin­dungen und Umgehungs­mög­lich­keiten für Sanktionen sowie politi­schen Schutz.

Westliche Geheim­dienste haben Venezuela wiederholt als freund­liches Terrain für iranische Proxy-Aktivi­täten identifiziert: 

Diese Beziehung (zwischen Venezuela und Iran) war nie ideolo­gi­sches Theater, sondern ein Überle­benspakt. - So schildert es “Israel Unwired”, ein Netzwerk zur Verbreitung von Online-Videos über Israel und das organi­sierte Judentum.

Gerade die große Entfernung zum Nahen Osten hat Venezuela so wertvoll für die Achse der Mullahs gemacht – es lag außerhalb der unmit­tel­baren Reich­weite Israels. So taugte es ideal als logis­tische Rücken­de­ckung für iranische Interessen: 

Venezuela hat die Rolle eines Backoffice gespielt – still, beugbar und nützlich, um den Druck auf Israel aufrecht­zu­er­halten, ohne einen Schuss aus dem Libanon oder Gaza abzufeuern. - Nochmals Israel Unwired.

Iran selbst steht seit der Jahres­wende 2025/26 mit landesweit aufge­fla­ckerten Protesten im Brenn­punkt. Dabei geht es nicht nur um das Schicksal einer Unfrieden stiftenden Nation, sondern um ein geopo­li­ti­sches Weltbündnis. 

Die Ereig­nisse rund um das Mullah-Régime beein­flussen

  • die verfins­terte Nahost-Region, 
  • die Handelswege zwischen Asien und dem Mittelmeer, 
  • die Dynamik des russi­schen Angriffs­krieges gegen den Ukraine-Krieg und damit
  • die komplette Sicher­heits­ar­chi­tektur Europas. 

Die jetzt aufge­flammten inner­i­ra­ni­schen Proteste könnten das Aus bedeuten für die gepflegte enge strate­gische Annäherung der Mullahs an Russland. Was vor Jahren als Zweck­ge­mein­schaft zwischen zwei inter­na­tional isolierten Staaten begann, hat sich inzwi­schen zu einer explo­siven Beziehung entwi­ckelt. Die Spreng­kraft reicht weit über den politi­schen Wandel im Iran selbst hinaus.

Russland, Iran und militärische Kooperation

Seit Langem beobachtet man in Brüssel und anderen europäi­schen Haupt­städten die inten­siver gewordene Zusam­men­arbeit zwischen Moskau und Teheran. Die Europäische Union hat mehrfach die militä­rische Unter­stützung kriti­siert, die Russland im Krieg gegen die Ukraine aus dem Iran erhält.Das Land zwischen Kaspi­schem Meer und Golf-Region produ­ziert Kampf­drohnen, Militär­zu­be­hör­teile und etliche Kompo­nenten für die russi­schen Angriffe gegen Kyjiw.

Um den wegen seiner Atomam­bi­tionen ohnehin bestraften Iran weiter einzu­hegen hat die EU iranische Personen und Organi­sa­tionen sanktio­niert, die an der Übertragung von Kriegs­tech­no­logien beteiligt sind. Diese Maßnahmen reichen bis hin zu Betäti­gungs­ver­boten für große Fluglinien wie Saha Airlines, Mahan Air und Iran Air. Für iranische Politiker, Militärs und Wissen­schaftler gelten Restrik­tionen wie das Einfrieren ihrer Vermö­gens­werte und ein EU-Einreiseverbot.

Diese Personen sind jeweils für die Weitergabe und die Lieferung von UAV aus irani­scher Herstellung und damit zusam­men­hän­genden Kompo­nenten und Techno­logien über trans­na­tionale Beschaf­fungs­netze an Russland zur Verwendung in seinem Angriffs­krieg gegen die Ukraine verant­wortlich.EU-Erklärung.

Westliche Geheim­dienst­kreise hatten 2024 entdeckt, dass Russland hundertfach Kurzstre­cken­ra­keten vom Typ Fath-360 aus dem Iran bezogen hat – trotz Warnungen des Westens. Die raketen­ge­trie­benen Geschosse mit 150 Kilogramm schwerem Sprengkopf haben die enorme Geschwin­digkeit von mehr als 3.200 km/h. Mit ihrer Verwendung schont Russland seine eigene Munition und greift ukrai­nische Front­linien sowie Ziele im Hinterland an. 

Ein weiteres Beispiel für Irans antieu­ro­päische Aktivi­täten sind die Drohnen vom Typ Šāhed 136 (übersetzt: “Märtyrer”). Das unbemannte Einweg-Luftfahrzeug kann wegen einfacher Konstruktion und geringer Kosten in großen Mengen einge­setzt werden. Russland setzt es spätestens seit 2023 massiv gegen zivile Ziele in der Ukraine ein. Die Drohne wird auch unter Lizenz in hohen Stück­zahlen in Russland produ­ziert und weiterentwickelt.

All das hat Moskaus Kriegs­fä­higkeit erheblich verstärkt und Europa vor neue strate­gische Fragen gestellt.

Auch China hat sowohl in den Iran als auch in Venezuela stark inves­tiert, “angetrieben von Energie­si­cherheit, Einfluss und langfris­tiger Konkurrenz mit Washington” (Israel Unwired). Dabei setzte es auf Stabi­lität, Vorher­seh­barkeit und Rückzahlung. “Regionale Explo­sionen” mit Inter­ven­tionen der USA hat es versucht zu vermeiden – aber mit Maduro haben die Akteure überreizt. Pekings scharfe Reaktion auf die Festnahme Maduros wirkt auf Analysten weniger wie Loyalität, sondern eher wie Sorge um einen Präze­denzfall. Für China ist es nun in Venezuela dünn – und bald auch im Iran?

Immer wieder wird speku­liert, Israel könnte mit Duldung der USA erneut einen Angriff zur Auslö­schung irani­scher Militär­ka­pa­zi­täten fliegen. Russland selbst scheint davon auszu­gehen, denn Moskau ruft wiederholt zur „Zurück­haltung“ auf: 

Wir glauben, dass es notwendig ist, von allen Schritten abzusehen, die die Spannungen in der Region verschärfen könnten, und wir glauben, dass in erster Linie ein Dialog mit dem Iran nötig ist. - Kreml­sprecher Dmitri Peskow.

Aber Russland trägt nicht gerade zur Beruhigung bei, wenn es, wie jüngst geschehen, gemeinsam mit Teheran drei Satel­liten in den Orbit bringt. Das sei eine “rein wissen­schaft­liche Mission”, erklärte der iranische Außen­mi­nister Abbas Araghchi. Doch Geheim­dienst­for­scher Adrian Hänni vom Leibniz-Institut für Zeitge­schichte in München sieht jetzt “mehr Augen am Himmel” – eine verbes­serte Fähigkeit des Irans, “Bedrohung zu entdecken”. 

Israel, Europa und die Eskalationsgefahr

Vor diesem Hinter­grund gärt in Israel nach dem spekta­ku­lären Schlag gegen Luftabwehr und Atoman­lagen des Iran im Juni 2025 weiter eine Debatte darüber, wie mit der Rüstungs­pro­duktion des ärgsten Feindes umzugehen sei. Klar ist: Die Regierung in Jerusalem betrachtet iranische Raketen- und Drohnen­tech­no­logie als existen­zi­elles Sicher­heits­risiko. Sie hat daher wiederholt Militär­ak­tionen gegen iranische Stellungen in der Region durch­ge­führt, aber – trotz der Aktion 2025 – noch keinen ganz großen Vernichtungsschlag.

Das direkte Ausschalten irani­scher Produk­ti­ons­stätten wäre laut Exper­ten­ein­schätzung ein extrem riskanter Schritt. Er könnte zu einer massiven regio­nalen Eskalation führen. Denn Russland wäre direkt tangiert, wenn es von irani­schem Rüstungs­nach­schub abgeschnitten würde. 

Europa steht indessen vor einem Dilemma: Einer­seits seine immer noch bestehenden Pflichten gegenüber den USA und Israel, anderer­seits die Warnung vor einem unkon­trol­lierten Flächen­brand im Nahen Osten. Aller­dings ist Europa heutzutage nirgendwo mehr ein ernsthaft mitmi­schender Player mehr, mag man sich das in den 27 EU-Haupt­städten und in Brüssel auch noch so sehr einreden. Das skrupellose Vorgehen von US-Präsident Donald Trump in Caracas hat die Schwäche Europas eindrucksvoll bestätigt.

Proteste im Iran und der innenpolitische Druck

Während außen­po­li­tisch die Spannungen steigen, erlebt der Iran im Innern eine der größten Protest­wellen seit Jahren. Der massive Verfall der Währung, hohe Inflation, wirtschaft­liche Not und gesell­schaft­liche Frustra­tionen haben zu landes­weiten Demons­tra­tionen geführt. Sie breiten sich derzeit konti­nu­ierlich aus und haben offenbar mehr als 30 Städte erfasst. Die Proteste begannen als soziale Unzufrie­denheit, entwi­ckelten sich aber schnell zu offenen Forde­rungen nach politi­schem Wandel und Systemkritik.

Berichte inter­na­tio­naler Medien beschreiben junge Demons­tranten, die zunehmend direkt den obersten Macht­haber Ayatollah Khamenei angreifen und mit Parolen gegen das theokra­tische Régime protes­tieren. Tote und Festnahmen werden gemeldet. Auf Social­Media betonen viele Aktivisten, dass sie „keine Zukunft“ mehr unter der aktuellen Führung sehen. Das gilt als ein Hinweis darauf, dass die Proteste längst nicht nur ein soziales, sondern ein politi­sches Momentum darstellen.

Reza Pahlavi: die Stimme der Exil-Opposition

In diesem politi­schen Umfeld tritt eine Persön­lichkeit besonders hervor: Reza Pahlavi. Der im Exil lebende Sohn des letzten Schahs von Iran ist die bekann­teste Opposi­ti­ons­figur gegen das islamische Régime. Seit Jahrzehnten fordert der gemäßigte Exil-Politiker einen fried­lichen Übergang zu Demokratie und Freiheit.

Pahlavi lebt in den USA. Er steht in engem Austausch mit Opposi­tio­nellen, Aktivisten und westlichen Kontakten, wenngleich seine tatsäch­liche Einfluss­kraft im Inland umstritten bleibt. Die Vision des Polito­logen und dreifachen Töchter-Vaters für einen neuen Iran hat Pahlavi mehrfach in deutlichen Worten formu­liert. In einem seiner jüngsten Aufrufe bezeichnet er die aktuelle Situation als „unseren Berliner-Mauer-Moment“ – eine Anspielung auf das Ende der kommu­nis­ti­schen Régime in Osteuropa: „Die Funda­mente der 46-jährigen Tyrannei erzittern“.

Der ehemals designierte Kronprinz des Pfauen­throns (Schahzade) ruft seine Lands­leute zur Einheit auf. Der 65-jährige betont die Notwen­digkeit eines säkulären, demokra­ti­schen Irans. Und er stellt klar, dass er “keine Rückkehr zur Monarchie” beabsichtige. Seine Rolle sei die als Vermittler eines natio­nalen Übergangs­pro­zesses. Die Basis: Terri­to­riale Integrität, indivi­duelle Freiheit und Trennung von Staat und Religion.

Pahlavi besänftigt, Trump droht

In einer Rede im Juni 2025 betonte Pahlavi, der Iran befinde sich am Rand des Zusam­men­bruchs: „Das islamische Régime ist besiegt, taumelt am Rande des Zusam­men­bruchs und darf nicht weiter­exis­tieren“. Er warnte die inter­na­tionale Gemein­schaft davor, dem Régime durch Verhand­lungen „eine Lebensader“ zu geben: 

Die Zeit ist gekommen, um dieses neue Kapitel in Iran zu beginnen.

In seinen Appellen richtet sich der ausge­bildete Kampfjet-Pilot explizit auch an Teile der Sicher­heits­kräfte. In einer Twitter-Botschaft vom 2. Januar 2026 fordert er die Menschen auf, „zusam­men­zu­gehen und Iran zurück­zu­er­obern“. Sie sollten in großer Zahl die zentralen Straßen der Städte füllen – erst dann werde die Repression der Sicher­heits­kräfte nicht mehr standhalten.

Begleitet wird dieser Ruf von Unter­stützern im Exil: Bei einer großen Opposi­ti­ons­kon­ferenz in München betonte Pahlavi, mehr als 50.000 Angehörige von Militär, Polizei und staat­lichen Insti­tu­tionen hätten signa­li­siert, sie wollten den Regime­wechsel unter­stützen. Er forderte zugleich alle Dissi­den­ten­gruppen auf, sich um eine gemeinsame Vision für die Zukunft Irans zu einen. Seiner Ansicht nach werde „nur die Überwindung des Regimes und die Einrichtung einer demokra­ti­schen Republik“ dem Land dauer­haften Frieden und Sicherheit bringen.

Europa zwischen Menschenrecht und Machtpolitik

Die Rolle Pahlavis ist für Europa doppelt relevant: Zum einen symbo­li­siert er den wachsenden innen­po­li­ti­schen Druck auf das iranische Régime und die Hoffnung vieler Demons­trie­render auf Verän­derung. Zum anderen wirft seine Präsenz Fragen auf, wie westliche Demokratien mit Opposi­tio­nellen außerhalb klassi­scher diplo­ma­ti­scher Struk­turen umgehen sollten. 

Einige europäische Politiker warnen weiterhin vor einem angeblich drohenden chaoti­schen Macht­vakuum in Iran. Andere betonen, Europas Unter­stützung für Menschen­rechte und demokra­tische Entwicklung im Iran sei nicht nur moralisch geboten, sondern strate­gisch klug. US-Präsident Donald Trump hingegen ist klar:

Diese Zeit wird als Wende­punkt in Erinnerung bleiben, als das iranische Volk seine Zukunft wieder selbst in die Hand genommen hat. Ich rufe die Sicher­heits­kräfte dazu auf, sich dieser Bewegung des Volkes anzuschließen. Das Licht wird über die Dunkelheit siegen. – Die iranische Königin­mutter, Kaiserin Farah Pahlavi, an ihr Volk

Für Europa ist das oben bereits beschriebene Dilemma spürbar: 

Einer­seits steht die EU in der Kritik, den Iran zu sehr zu „beschwich­tigen“ statt das Volk zu unter­stützen. Das hatte auch Pahlavi selbst beklagt, als die damalige deutsche Außen­mi­nis­terin Annalena Baerbock im Frühjahr 2025 seine Teilnahme an der Münchner Sicher­heits­kon­ferenz nach anfäng­licher Zusage blockierte. Anderer­seits wollen viele europäische Staats- und Regie­rungs­chefs eine Eskalation vermeiden, die in einem irani­schen Macht­vakuum oder Bürger­krieg enden könnte.

Ein geopolitisches und gesellschaftliches Scharnierjahr

Am Beginn des Jahres 2026 zeigt sich also, wie sehr Europas geopo­li­tische Lage mit den Entwick­lungen im Iran und in Venezuela verflochten ist. Die strate­gische Koope­ration zwischen Russland, China, dem Iran und bislang Venezuela ist eine erheb­liche Heraus­for­derung für die europäische Sicher­heits­ordnung. Sie verlängert womöglich die Dynamik des Ukraine-Krieges und entflammt erneut die Frage von Rüstungs­exporten und Sanktionen. 

Quellen: Reuters, EU-Presse­mit­tei­lungen, inter­na­tionale Medien­be­richte, aktuelle Reden und Statements.

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