Kaum ist das denk-würdige Krisenjahr 2020 beendet, da zeichnen sich bereits die neuen Konflikte für 2021 ab. “Das neue Jahr wird wahrscheinlich von ungelösten Hinter­las­sen­schaften des alten geplagt sein: COVID-19, wirtschaft­liche Abschwünge, unbere­chenbare US-Politik und zerstö­re­rische Kriege, die die Diplo­matie nicht stoppen konnte,” prophezeit Robert Malley. 

Der ehemalige Mitar­beiter des US-Sicher­heits­rates unter Präsident Barack Obama ist Präsident der Inter­na­tional Crisis Group. Das ist eine unabhängige Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sation mit Sitzen in Brüssel, New York, Washington und London. Ihr Ziel ist es, zur Vermeidung von Kriegen beizu­tragen. US-Präsident Joe Biden hat Malley zum neuen ameri­ka­ni­schen Botschafter im Iran berufen.

Die nachfol­genden Szenarien “2021: Zehn Konflikte” beruhen weitgehend auf ICG-Angaben. Es geht um Afgha­nistan, Äthiopien, die Sahelhttps://twitter.com/Refugees/status/1352588951551422464/video/1zone, Jemen, Venezuela, Somalia, Libyen, USA/Iran, Russland/Türkei und den Klima­wandel

Von Wolf Achim Wiegand

2021: Zehn Konflikte fashion man people woman

1. Afghanistan 🇱🇾

“Trotz kleiner, aber wichtiger Fortschritte bei den Friedens­ge­sprächen könnte für Afgha­nistan im Jahr 2021 Vieles schief gehen.”

Crisis Group

Nach zwei Jahrzehnten Kampf hat die US-Regierung unter Präsident Donald Trump Anfang 2020 mit den Taliban-Rebellen ein Friedens­ab­kommen geschlossen. Es könnte schon bald sein Papier nicht mehr wert sein. Top-Offizielle der westlich gesinnten Regierung in Kabul misstrauen den Islamisten – offenbar anders als Trump – zutiefst. 

Der Abzug aller US- und NATO-Truppen (also auch die der Bundeswehr) aus dem Land am Hindu­kusch soll schon im Mai 2021 vollzogen sein. Trump hat zuvor einseitig rund tausende Soldaten heim beordert. Das freute die Taliban und beunruhigt die afgha­nische Regierung. 

Krieg oder Frieden am Hindukusch?

Der Ball liegt nun bei den Taliban. Werden sie zu Kompro­missen mit der Regierung bereit sein? Der künftige US-Präsident Joe Biden will Zugeständ­nisse der Aufstän­di­schen zur Vorbe­dingung für den endgül­tigen Abzug machen. Nach seinen Vorstel­lungen sollen zunächst einige tausend ameri­ka­nische Anti-Terror-Kräfte in Afgha­nistan bleiben. Schon dieser Wunsch hat afgha­nische Stammes­führer aufge­bracht. Auch die Taliban, die inzwi­schen sogar mit Drohnen bewaffnet sind, werden andau­ernde US-Truppen­präsenz kaum hinnehmen. 

Im Mai könnte sich in Afgha­nistan die folgende Alter­native stellen: Entweder US-Präsenz und weiter Krieg wie gehabt oder Frieden ohne westliche Truppen und eine geschwächte afgha­nische Regierung. 

Letzteres Szenario könnte neue Kämpfe auslösen. 2021: Zehn Konflikte – die Ausein­an­der­set­zungen in Afgha­nistan könnten sich verschärfen. Damit wäre die “größte Chance Afgha­ni­stans seit einer Generation” (Crisis Group) zunichte gemacht worden…

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2. Äthiopien 🇪🇹

“Es wäre entscheidend, zu einem natio­nalen Dialog überzu­gehen, um die tiefen Spaltungen des Landes in Tigray und anderen Regionen zu heilen. Andern­falls sind die Aussichten düster.”

Crisis Group

2021: Zehn Konflikte. Einer davon: Die gewalt­samen Reibe­reien zwischen der äthio­pi­schen Zentral­re­gierung und Tigray, der nördlichsten Region des Landes. Die Armee ist am 4. November 2020 in die Provinz­haupt­stadt Mekelle einmar­schiert. Damit hat sie höchstes Konflikt­po­tenzial geschaffen. Die Besetzung folgte, nachdem die örtlich tonan­ge­bende Tigray Volks­be­frei­ungs­front (TPLF) lokale Militär­ein­rich­tungen an sich gerissen hatte. 

Dahinter steckt ein jahrzehn­te­alter Macht­kon­flikt. Premier­mi­nister Abiy Ahmed hatte 2018 nach Massen­pro­testen in Addis Abeba die Regierung übernommen. Er verdrängte die seit 1991 in Äthiopien macht­po­li­tisch dominie­rende TPLF aus der Hauptstadt.

Zorn und Separatismusgelüste

Die gegen­wärtige Lage in dem aus mehr als 80 ethni­schen Gruppen zusam­men­ge­setzten Staat ist wegen der Medien­zensur unklar. Aber ber das weiß man:

  • Vermutlich Tausende Tote, darunter Zivilisten,
  • eine Million inlän­disch Heimatvertriebene,
  • 50.000 in den Sudan Geflüchtete.

Die TPLF wirft Abiy vor, die einst einfluss­reichen Führer aus Tigray gezielt von der Macht fernzu­halten. Der Premier wiederum wirft der TPLF vor, unange­messene Ansprüche zu stellen, Reformen auszu­bremsen und Gewalt zu schüren.

Die Zentral­re­gierung versucht den Einfluss der TPLF-Führung durch repressive Mittel zu brechen. Doch die regio­nalen Köpfe bleiben stark im Volk verankert. Schon weitet sich der Konflikt aus: Das Nachbarland Eritrea scheint der äthio­pi­schen Regierung militä­risch zu Hilfe gekommen sein. Das heizt Zorn und Separa­tis­mus­ge­lüste in Tigray an.

Nur ein natio­naler Dialog über einen Inter­es­sen­aus­gleich könnte verhindern, dass Äthiopien nicht in einen blutigen Bürger­krieg zwischen Volks­gruppen schlittert. 

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3. Sahelzone (Afrika) 🌍

“Auslän­dische Militär­ein­sätze sind unerlässlich, aber inter­na­tionale Akteure sollten die lokale Friedens­stiftung hervor­heben und auf eine Reform der Regie­rungs­führung drängen.

Crisis Group

Hören Sie den Podcast der Crisis Group: Hold Your Fire! mit Rob Malley, Naz Modirzadeh und Richard Atwood zum Thema “10 Conflicts to Watch in 2021”

2020 war das tödlichste Jahr seit Beginn der Konflikte in der Sahelzone. Die dürre­ge­plagte Übergangszone zwischen der Wüste Sahara und der afrika­ni­schen Feucht­sa­vanne gerät immer mehr in den Strudel inter­eth­ni­scher Gewalt. Grausam agierende Dschi­ha­disten nutzen das Chaos zur Verbreitung extremer islamis­ti­scher Ansichten. 

Westliche Truppen, wie die franzö­sische Armee oder die Bundeswehr, können wenig Durch­grei­fendes gegen die Gewalt­spirale unter­nehmen. Weite Landstriche in Nationen wie Mali, Burkina Faso und Teile von Niger sind ihrem Zugriff entzogen. Während­dessen wenden die Islamisten asymme­trische Krieg­führung an. Sie sind damit – vor allem in ländlichen Regionen – bislang unbesiegbar. 

Terror in Städten

Ursache des blutigen Chaos ist nach Analyse von Beobachtern der Vertei­lungs­kampf um Ressourcen in unwirt­lichen Gebieten. Tradi­tio­nelle Streit­lö­sungs­brauch­tümer sind zusam­men­ge­brochen. Dazu kommt: Örtliche Regie­rungs­kräfte haben sich durch deplat­zierte Gewalt­taten und Einsatz ethnisch zusam­men­ge­setzter Milizen bei den Menschen diskreditiert. 

Das alles befördert den Zulauf zu Extre­misten, stellt die Crisis Group fest. Vor beson­deren Heraus­for­de­rungen steht dabei der Tschad. Dessen Armee unter­stützt einer­seits die inter­na­tio­nalen Partner beim Anti-Terror­kampf. Anderer­seits sind die Soldaten selbst eine mögliche Quelle für Insta­bi­lität, weil sie nicht in der Breite der Bevöl­kerung verankert ist und die Profes­sio­na­lität zu wünschen übrig lässt. . 

Längst spielt sich die Krise in der Sahelzone nicht mehr nur auf dem Lande ab. Sie hat auch die Städte erreicht. Dort herrscht enormer Unmut über Korruption und inkom­pe­tentes Regie­rungs­handeln. Vor diesem Hinter­grund erscheint eine politische Lösung der Krise kaum erreichbar.

2021: Zehn Konflikte. Nur, wenn es den inter­na­tio­nalen Einsatz­kräften gelingt, örtliche Friedens­schlüsse zu befördern und Reformen einzu­leiten, gäbe es eine Chance, dass die Sahelzone nicht mehr zu den Weltge­genden gehört, in denen Unfrieden herrscht. 

Blick über den Golf von Aden 2021: Zehn Konflikte

4. Jemen 🇾🇪

“Ohne eine Kurskor­rektur dürfte 2021 ein weiteres trost­loses Jahr für die Jemeniten werden. Der Krieg zieht sich hin, Krank­heiten und poten­zielle Hungersnöte breiten sich aus, die Aussichten auf eine Befriedung verschwinden und Millionen von Jemeniten werden von Tag zu Tag kranker und hungriger.”

Crisis Group (Foto: http://www.piqs.de)

Der erbar­mungslose Krieg im bitter­armen Jemen unter Betei­ligung der Erzgegner Saudi-Arabien und Iran sowie der arabi­schen Emirate gilt als die schlimmste humanitäre Katastrophe der Welt. Krank­heiten, Covid-19 und Hunger breiten sich inmitten erbar­mungs­loser Gewalt ungehemmt aus. Die Staats­struk­turen sind zusam­men­ge­brochen, während das Land 90 Prozent seines Weizen­be­darfs und seine gesamten Reisvorräte impor­tieren muss.

Hinter der blutigen Zersplit­terung des Jemen in lokale Inter­es­sens­sphären stecken wirtschaft­liche Inter­essen. Es geht um die Kontrolle von Öl- und Gasvor­kommen sowie Kraft­werken und Häfen.

Vermitt­lungs­ver­suche der Vereinten Nationen (UN) stoßen bei den rivia­li­sie­renden Regie­rungen der Huthi-Rebellen und der offizi­ellen Macht­haber auf bislang unüber­wind­liche Barrieren. Das aggressive und terro­ris­tische Auftreten des „islami­schen Staates“ im Land ist eine weitere Stufe der Eskalation, sagt Günter Meyer vom Zentrum für Forschung zur Arabi­schen Welt der Univer­sität Mainz.

“2021 wird ein weiteres schwarzen Jahr für die Jemeniten werden,” prophezeit die Crisis Group. “Millionen Menschen werden mit jedem Tag kranker und hungriger werden.” 2021: Zehn Konflikte – der Jemen wird nicht auf der Liste fehlen.

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5. Venezuela 🇻🇪

“Gegen­wärtig zeigt die Regierung von Maduro keine Anzeichen dafür, dass sie faire Wahlen abhalten würde. Die meisten seiner Rivalen wollen ihn stürzen und straf­rechtlich verfolgen. Eine Befriedung ist so fern wie immer.”

Crisis Group

Eines der ölreichsten Länder Welt ist zu einem Sorgenkind der Welt geworden: Venezuela. Seit zwei Jahren stehen sich in der südame­ri­ka­ni­schen Republik von der zweiein­halb­fachen Größe Deutsch­lands zwei Macht­zentren gegenüber. Da ist einer­seits der von den USA und Europa anerkannte selbst­pro­kla­mierte Interims­prä­sident Juan Guaidó. Er bekämpft den autoritär handelnden offizi­ellen Staatschef Nicolás Maduro. Weder Sanktionen, inter­na­tionale Isolation, das Corona­virus oder Putsch­ver­suche haben es vermocht, Letzteren zu verdrängen. Maduro kann fest aufs Militär zählen.

Die Lage wird sich auf absehbare Zeit nicht ändern. Die Opposition in Venezuela ist zerstritten. Ihr unkluger Wahlboykott im Dezember 2020 hat zum Verlust der seit 2015 bestehenden Mehrheit für Guaidó in der Natio­nal­ver­sammlung geführt. Aller­dings nahmen nur zwanzig Prozent der Wahlbe­rech­tigten teil. Die Europäische Union (EU) hat die Abstimmung in einer Erklärung als “nicht reprä­sen­tativ” bezeichnet. 

Kurswechsel unter Biden?

Venezuela ist wirtschaftlich und finan­ziell ausge­blutet. Hunger, Fehlernährung und ökono­mi­scher Ruin sind tägliche Begleiter bis hinein in den Mittel­stand geworden. Mehr als fünf Millionen Menschen haben wegen der Not ihre Heimat überwiegend in Richtung des Nachbar­landes Kolumbien verlassen.

Doch immer noch suchen viele Bürger nicht in der amtie­renden Regierung die Schuld, sondern bei der Opposition. Sie habe die scharf wirkenden Sanktionen verur­sacht, heißt es von der Maduro-Seite. 2021: Zehn Konflikte sicherlich auch mit Venezuela.

Die neue US-Regierung könnte einen Kurswechsel einleiten: Anerkennung Maduros als Gesprächs­partner unter Einbe­ziehung von dessen Verbün­deten Russland, China und Kuba sowie Betei­ligung der Europäi­schen Union. Ziel müssten vertrau­ens­würdige Präsi­dent­schafts­wahlen spätestens im Jahre 2024 sein. 

Doch noch – so die Crisis Group – gibt es keinerlei Anzeichen für ein Einschwenken Maduros. Seine Rivalen wollten nur Eines: Den Präsi­denten stürzen und anklagen. “Eine Lösung ist weiter entfernt, denn je.”

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6. Somalia 🇸🇴

“Viel hängt von der Präsi­dent­schaftswahl im Februar ab. Eine einiger­maßen saubere Wahl könnte eine Einigung beschleu­nigen. Eine umstrittene Abstimmung könnte anderer­seits eine politische Krise hervor­rufen, die das Risiko birgt, die islamis­tische Terror­miliz al-Shabaab zu ermutigen.”

Crisis Group

Somalia, das Land am Horn von Afrika, gilt seit langem als lost state, als geschei­tertes Staats­wesen. Präsident Mohamed Abdullahi Mohamed, genannt “Farmajo”, herrscht faktisch höchstens über die Zwei-Millionen-Haupt­stadt Mogadischu. Seine größten Gegner, die islamis­ti­schen Milizen Al-Shabaab, versetzen die Küsten­re­publik seit 15 Jahren in Angst und Schrecken. Auch von der EU und anderen Spendern finan­zierte Blauhelm­mi­litärs im Auftrag der Afrika­ni­schen Union (AU) haben das nicht geändert.

Die Präsi­dent­schaftswahl im Februar 2021 steht unter keinem guten Stern. Schon jetzt zeichnen sich für den Fall von Mohameds Wiederwahl Betrugs­vor­würfe aus Regionen wie Puntland und Jubaland ab. Unter­dessen punktet Al-Shabaab weiter, kontrol­liert weite Landes­teile in der Mitte und im Süden Somalias und verübt Terror­an­schläge sogar inmitten der Haupt­stadt. Inmitten des Durch­ein­anders werden die USA sich mit ihren 700 Soldaten in Kürze auch aus diesem Landstrich zurück­ziehen

2021: Zehn Konflikte, darunter Somalia

Eine klare Strategie zur Überwindung des Chaos ist in Somalia nirgendwo in Sicht. Es darf bezweifelt werden, dass die für Jahresende angepeilte Übergabe von Sicher­heits­auf­gaben an die natio­nalen Kräfte – wie es Trump verordnet hat – etwas ändern wird. Die somalische Armee und die Polizei sind zu schwach und zu unvor­be­reitet. Dass die Türkei der Regierung jetzt mit Waffen zu Hilfe eilen möchte, das dürfte nur ein verdamp­fender Tropfen auf einem viel zu heiß gewor­denen Stein sein. 

Mit 50 Luftschlägen hat die US Air Force im vergan­genen Jahr versucht das Terror­netzwerk al-Shabaab auszu­schalten – ohne Ergebnis. Für Extre­misten hingegen ist das instabile islamische Afrika seit dem Zusam­men­bruch des IS-Kalifats in Syrien und Irak eine attraktive Opera­ti­ons­region geworden.

Es bestehe die Gefahr, dass die politische Krise in Somalia “den Riss zwischen Mogadischu und den anderen somali­schen Landes­teilen weitet und Gewalt auslöst, die Al-Shabaab stärkt,” warnt die Crisis Group. 2021: Zehn Konflikte, zu denen Somalia in jedem Falle gehören wird.

Landkarte Libyen Mittelmeer 2021: Zehn Konflikte

7. Libyen 🇱🇾

“Rivali­sie­rende Militär­ko­ali­tionen in Libyen kämpfen nicht mehr, und die Vereinten Nationen haben die Verhand­lungen zur Wieder­ver­ei­nigung des Landes wieder aufge­nommen. Aber dauer­haften Frieden zu erreichen, wird immer noch ein harter Kampf sein.”

Crisis Group

Obwohl die rivali­sie­renden Kräfte in Libyen zur Jahres­wende praktisch kaum noch gekämpft haben und die Vereinten Nationen (UN) wieder Konflikt­ge­spräche starten konnten, dürfte ein wirklicher Frieden in dem Land an der Mittelmeer-Südküste noch weit entfernt sein. 2021: Zehn Konflikte – darunter wird Libyen sein. Dort stehen sich diese Kräfte gegenüber:

  • Die inter­na­tional – auch von der EU – anerkannte Regierung der Natio­nalen Einheit (GNA) unter Präsident Fayez al-Sarraj, militä­risch unter­stützt von der Türkei, die syrische Söldner rekru­tiert hat, und vom Golfstaat Katar. Türkische Kriegs­schiffe verhin­derten sogar die Kontrolle eines Frachters durch die EU-Mission “Irini”, die das Libyen-Embargo im Auftrag des UN-Sicher­heits­rates überwachen soll. Der GNA-Einfluss beschränkt sich weitgehend auf das Gebiet rund um die Haupt­stadt Tripolis.
  • Die Natio­nal­armee Libyens (LNA) unter General Khalifa Haftar, unter­stützt von Ägypten, den Verei­nigten Arabi­schen Emiraten, Saudi-Arabien und Russland, das Parami­litärs entsandt hat. Haftar kontrol­liert beinahe alle Ölfelder und Export­häfen des Landes. Auch Frank­reich steht trotz der konträren EU-Position auf Haftars Seite.
  • Terror­gruppen, Sklaven­händler und andere organi­sierte Krimi­nelle nutzen das Macht­vakuum aus. Extre­mis­ten­mi­lizen wie Islami­scher Staat und Al-Qaida haben freie Hand. Hundert­tau­sende Migranten und Flücht­linge aus anderen afrika­ni­schen Staaten werden oftmals in Konzen­tra­ti­ons­lagern ähnlichen Unter­künften gefangen gehalten. Dort sind Verbrechen wie Mord, Körper­ver­let­zungen und Verge­wal­ti­gungen sowie Sklaverei üblich. Andere werden von libyschen Schleppern auf meistens seeun­tüchtige Boote gelockt, um Richtung Europa zu fahren. Etliche ertrinken auf der gefähr­lichen Überfahrt oder sie werden beim Scheitern der Reise unter den geschil­derten Umständen in Libyen inter­niert bzw. als Zwangs­ar­beiter verkauft.

Fata Morgana “Nationale Einheit”

Im Kern geht es seit dem Sturz des stabi­li­sie­renden Diktators Muammar al-Gaddafi im Jahr 2011 um Streit über die Macht­ver­teilung in dem öl- und gasreichen Land. Daran sind auch die auslän­di­schen Akteure inter­es­siert, teils aus geostra­te­gi­schen Gründen (Zugang zum Mittelmeer), teils aus ideolo­gi­schen Beweg­gründen (Verhältnis zu Islamisten). 

Der gegen­wärtige Waffen­still­stand scheint nur deshalb einiger­maßen zu halten, weil alle Seiten ihre derzei­tigen Einfluss­zonen halten wollen. Ein Wieder­auf­flammen des Bürger­krieges könnte nur verhindert werden, wenn die UN zusammen mit den Konflikt­par­teien einen Fahrplan zum Erlangen natio­naler Einheit verein­baren würde. Experten fordern: “Die Schlüs­sel­staaten Europas müssen Libyen zur gemein­samen außen­po­li­ti­schen Sache machen und ihre Rivali­täten beiseite legen.” 

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8. USA/Iran 🇺🇸🇮🇷

“Die europäi­schen Regie­rungen prüfen die Möglichkeit, den Iran und die arabi­schen Golfstaaten zu einem Dialog zu bewegen, um regionale Spannungen abzubauen und einen verse­hent­lichen Kriegs­aus­bruch zu verhindern. Die neue US-Regierung könnte ihr volles diplo­ma­ti­sches Gewicht hinter eine solche Anstrengung stellen.”

Crisis Group

Die Tötung des irani­schen Komman­deurs Qassem Suleimani im Jahr 2020 durch die US-Regierung unter Präsident Donald Trump hat das extrem angespannte Verhältnis zwischen beiden Ländern fast zum Zerreißen gebracht. Positiv stimmt dabei nur die Tatsache, dass die Mullah-Regierung in Teheran trotz wütender Worte von ausufernden Gewalt­maß­nahmen abgesehen hat. Der neuen Adminis­tration in Washington unter Joe Biden obliegt es nun, einen der weltweit gefähr­lichsten Konflikt­herde zu beruhigen. Schon jetzt aber ist klar für 2021: Zehn Konflikte werden Sorgen machen, darunter der Iran.

Das Haupt­problem ist, dass der Iran sich nicht mehr an den “Gemein­samen umfas­senden Aktionsplan” (Joint Compre­hensive Plan of Action, JCPOA) gebunden fühlt, der Iran Fesseln bei der militä­ri­schen Entwicklung von Atomkraft auferlegt. Er war 2015 mühsam unter EU-Vermittlung zustande gekommen und 2018 von Trump einseitig gekündigt worden. Daraufhin hat der Iran mehrere vertrag­liche Verpflich­tungen reduziert und nukleare Uranan­rei­che­rungs­zen­tri­fugen sowie die Entwicklung ballis­ti­scher Raketen hochgefahren. 

EU erneut als Vermittler?

Parallel betreibt der Iran in der Golfregion und auf der arabi­schen Halbinsel eine asymme­trische Kriegs­führung. Er beschlag­nahmte auslän­di­scher Öltanker, sabotierte Fracht­schiffe in dem Gebiet und schoss gegen saudische Industrieziele.

Die Regierung in Teheran sitzt unter­dessen fest im Sattel. Die Tötung ihres höchsten Atomwis­sen­schaftlers – angeblich durch Israel – hat die Mullahs eher noch gestärkt. Trotzig haben sie Drohungen umgesetzt und die Produktion von höher angerei­chertem Uran in der unter­ir­di­schen Forschungs­anlage Fordo angekurbelt – ein provo­kanter und klarer Verstoß gegen das Atomabkommen.

Ob der neue US-Präsident Biden den Iran zur Wieder­ein­haltung des Atomab­kommens bringen und ihm neue Zusiche­rungen zur militä­ri­schen Zurück­haltung abringen kann, ist mehr als fraglich. Viel hängt auch davon ab, ob die Europäische Union erneut als Vermittler zwischen dem Staat am Golf und ihrem trans­at­lan­ti­schen Partner auftreten kann.

photo of apartment building 2021: Zehn Konflikte

9. Russland / Türkei 🇷🇺 🇹🇷

“Mit ihren jewei­ligen Streit­kräften, die so nahe an mehreren Front­linien liegen, gibt es viele poten­zielle Flamm­punkte. Eine Verschlech­terung ihrer Bezie­hungen könnte für beide Nationen und mehr als ein Kriegs­gebiet Ärger bedeuten.”

Crisis Group

Vor der Tür Europas spielt sich der Konflikt zwischen Russland und der Türkei ab. Es ist ein merkwür­diger Konflikt, da beide Seiten auf der inter­na­tio­nalen Bühne zum Teil gegen­ein­ander und anderer­seits fürein­ander arbeiten. Mal sind sie zugleich erbit­terte Gegner – wie in Libyen und Syrien -, und dann wieder Partner. Letzteres etwa bei der Rüstungs­ko­ope­ration, die Ankara trotz Sanktionen der USA ausbaut. So kaufte die Türkei das russische Luftab­wehr­system S‑400 und verär­gerte damit ihre NATO-Partner. 

Auch im jüngsten Bergka­ra­bach­kon­flikt standen sich Russland und die Türkei im Krieg der Staaten Armenien und Aserbai­dschan feindlich gegenüber – und gewannen jeweils an Wirkmög­lich­keiten. So hielt Russland trotz seiner Militär­al­lianz mit Armenien still, vermit­telte dann einen Waffen­still­stand und sicherte sich durch Statio­nierung russi­scher Blauhelme deutlich mehr Einfluss in der Region. Die Türkei wiederum unter­stützte das siegreiche Aserbei­dschan indirekt durch Diplo­matie und Waffen gegen türkische (und istrae­lische) Drohnen und bekam dafür einen Handelskorridor.

Miteinander gegeneinander

Das Mitein­ander und gleich­zeitige Gegen­ein­ander Russlands und der Türkei birgt das Risiko, dass sich ein Konflikt, in dem sie sich gegen­über­stehen, durch ein Missge­schick verschärft, befürchtet die Crisis Group. Es könnte aber auch sein, dass sich hier zwei Mächte zuein­ander finden, die im Westen voller Skepsis gesehen werden. So steht Russland wegen seiner Ukraine‑, Syrien- und Menschen­rechts­po­litik ähnlich in der Kritik, wie die Türkei, die immer wieder wegen der Kurden- und Opposi­tio­nel­len­ver­folgung sowie ihrer Macht­an­sprüche nicht nur im östlichen Mittelmeer andauernd an den Pranger kommt.

Auf jeden Fall bleibt das eigen­artige Verhältnis zwischen Russlands Präsident Wladimir Putin und seinem türki­schen Kollegen Recep Tayyip Erdoğan ein Unsicher­heits­faktor für die inter­na­tionale Sicherheit.

cold iceberg melting snow

10. Klima­wandel 🌎☀️🌧️

“Es gibt Grund zum Optimismus. Die neue US-Regierung hat die Klima­krise auf ihre Tages­ordnung gesetzt. Westliche Regie­rungen und Unter­nehmen haben sich verpflichtet, ärmeren Ländern ab 2020 jährlich 100 Milli­arden US-Dollar für die Klima­an­passung zur Verfügung zu stellen. Sie sollten diesen Verpflich­tungen nachkommen.”

Crisis Group

Was hat der Klima­wandel mit Kriegen und Konflikten zu tun? Ganz einfach: Dort, wo sich die Lebens­be­din­gungen von Menschen (und Natur) verschlechtern, ist Gewalt wahrschein­licher. Und dort, wo es gelingt, den Anstieg der Erdtem­pe­ratur im Lot zu halten, wird es fried­licher zugehen. Schon vor einiger Zeit habe ich darüber geschrieben, wie der Klima­wandel längst in militä­rische Handlungen einge­flossen ist.

“Der allge­meine Trend ist klar: Ohne rasche Aktion werden klimage­triebene Konflikte in den kommenden Jahren zunehmen.”

Crisis Group
  • Beispiel Nord-Nigeria. Im Norden des bevöl­ke­rungs­reichsten Land Afrikas (200 Millionen) haben Dürren zu kämpfe­ri­schen Ausein­an­der­set­zungen um Wasser­stellen zwischen Hirten und Bauern geführt. Die Zahl der Opfer ist doppelt so hoch, als die der Toten durch Anschläge der islamis­ti­schen Terror­miliz Boko Haram. 
  • Beispiel Nil. Ägypten und Äthiopien drogen sich gegen­seitig mit Militär­einsatz wegen des Staudamm­pro­jektes Grand Ethiopian Renais­sance Dams, das die abflie­ßende Wasser­menge des längsten Flusses der Erde (6.650 Km) steuerbar macht.
  • Weitere Beispiele: Ähnliche klimage­triebene Ressour­cen­kon­flikte drohen in Teilen Asiens sowie in Latein­amerika und im Nahen Osten.

Vergeigen Industrieländer ein Jahrhundertthema?

Es liegt auf der Hand: Rekord­hit­ze­wellen, extreme und außerhalb der Saison eintre­tende Regen­fälle oder steigende Meeres­spiegel bringen Insta­bi­lität mit sich. Mehr Menschen werden den unwirt­lichen Lebens­be­din­gungen zu entfliehen versuchen. Eine neuere Unter­su­chung zeigt: Ein Anstieg der durch­schnitt­lichen Erdtem­pe­ratur um zwei Grad Celsius bedeutet, dass die Wahrschein­lichkeit bewaff­neter Konflikte um 13 Prozent steigt. 

“Es gibt aber Gründe für Optimismus,” stellt die Crisis Group fest. Die künftige US-Regierung unter Joe Biden hat angekündigt, den Klima­wandel an die Spitze ihrer Vorhaben zu stellen. Westliche Länder und Unter­nehmen haben armen Ländern rund 100 Milli­arden US$ jährlich an Unter­stützung für die Anpassung an den Klima­wandel zugesagt. 

“Die selbst einge­gan­genen Verpflich­tungen müssen nun einge­halten werden,” so die Crisis Group. Entwick­lungs­na­tionen bedürfen zuneh­mender Unter­stützung durch dieje­nigen, deren unmäßiger Verbrauch fossiler Brenn­stoffe die Krise erst ausgelöst hat.”

P.S.: Inzwi­schen gehen Wissen­schaftler davon aus, dass sich die Erder­wärmung tatsächlich abschwächen wird, wenn die notwen­digen Schritte einge­leitet werden…

insideclimatenews.org

Auch ein Konflikt­po­tenzial: Das Corona­virus… / Grafik: Gary Varvel / © 2020 Creators Syndicate

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