Der Messeranschlag von Solingen mit drei Toten und acht zum Teil Schwerverletzten hat erneut gezeigt: Gewalttäter bekämpfen unseren Lifestyle. Ausgerechnet in der freizügigen Popmusik-Szene sind freiheitsfeindliche Fanatiker en vogue. Arabische Terroristen werden gedeckt, Israel hingegen dämonisiert. Wieso greift Antisemitismus um sich?
Meinungstext von Wolf Achim Wiegand
Hamburg (waw) – Kürzlich in Wien: US-Superstar Taylor Swift sagt wegen konkreter Terrorbedrohung alle drei Konzerte in Wien ab. Sie lässt mehr als 200.000 schwer enttäuschte Fans aus aller Welt vor der Tür. Sich öffentlich dazu äußern tat die sonst so anhängerfreundliche Swift zunächst nicht.
Umso redefreudiger ist ihre gleichfalls zum Superstar avancierte Sangeskollegin Dua Lipa. Schon seit Wochen verkündet sie auf Bühnen und in sozialen Medien ihre Solidarität „mit der palästinensischen Sache“. Das zielt gegen den Kampf der israelischen Armee im Gazastreifen gegen die Terrormiliz Hamas.
Ein Wort des Mitleids mit den Opfern des terroristischen Massakers in Süd-Israel am 7. Oktober, das unter anderem feiernde junge Leute beim vergnügten Supernova-Musikfestival traf, kommt Dua Lipa nicht über die Lippen. Sympathisiert die millionenschwere Sängerin mit menschenverachtenden Gewalttätern? Ist das Antisemitismus?

Dua Lipa ist eine kluge Frau. Mit gerade 28 Jahren hat sie allein in Deutschland über 6,4 Millionen Tonträger verkauft, weltweit noch viel mehr. Die erfolgreichsten Hits der Geschäftsfrau sind richtig gute Ohrwürmer: “Be The One”, “Don’t Start Now” und “Cold Heart”. Diese Partymusik mit den eingängigen Melodien höre ich mir gerne stundenlang an. Lautstärke bitte aufdrehen.
Vielleicht ist Dua Lipa aber nur musikalisch und kommerziell schlau. Und unintelligent, was Politik angeht. Der anonyme Anti-Israel-Aktivist “@Resist_05” zitiert die Soundkünstlerin mit folgendem Satz:
Mir ist egal, ob ich schikaniert, auf eine schwarze Liste gesetzt oder mir Arbeitsmöglichkeiten verweigert werde. Die Sache ist wichtiger als ich. WIDERSTEHT!
Ist das Antisemitismus?
In dem Bekennerpost trägt Dua Lipa ein sexy Outfit. Sie macht eine Gestik, die für Islamisten – die sie ja offensichtlich unterstützt – provozieren müsste. Ob in Gaza bei den Hamas-Terroristen, ob bei der libanesischen Hisbollah oder in den Reihen der Huthi im Jemen: So eine leichtbekleidete Frau würde eingefangen. Sie würde eingesperrt, womöglich gefoltert und eventuell getötet. Bei den Mullahs im „Gottesstaat“ Iran, den Geldgebern der genannten Mörderbanden, muss frau bereits mit Beseitigung rechnen, wenn sie auf der Straße das Kopftuch falsch trägt
Lipas Engagement kommt, weil sie aus einem muslimischen Kulturkreis stammt. Ihr Vater ist Kosovare, ihre Mutter hat bosnische Wurzeln. Sie selbst ist in London geboren, hat sich aber einen albanischen Pass schenken lassen. In ihren Kreisen ist es ein Muss, sich gegen Israel zu positionieren. Eine Diskussion über Antisemitismus findet nicht statt.
Schon 2021 hatten jüdische Kreise in den USA die Multimillionärin, die seit 2015 im Geschäft ist (größter Erfolg: “Levitating”, fast 16 Millionen mal verkauft), öffentlich der Judenfeindlichkeit bezichtigt. Der Vorwurf traf auch ihre Supermodel-Freundinnen Bella und Gigi Hadid. Die sind Töchter eines zum Milliardär gewordenen Immobilienhändlers Mohamed Anwar Hadid. Seine Eltern waren nach der Staatsgründung aus der israelischen Stadt Nazareth ausgewandert.

Als die Anzeige in “The New York Times” erschien, wehrte sich Dua Lipa. “Jeder – Juden, Muslime und Christen – hat das Recht als gleichberechtigter Bürger eines Staates, den er wählt, in Frieden zu leben.”
Fakt heute ist: Dua Lipa beschuldigt Israel, einen “Völkermord” zu begehen. Dies ist ein Vorwurf ohne jede juristische Grundlage. Er wird einfach aus dem politischen Raum nachgeplappert. Ein juristisches Urteil gegen Israel gibt es nicht. Die Genozid-Sprüche sind falsche Tatsachenbehauptungen.
Der Fall Dua Lipa ist kein Einzelfall in der westlichen Kulturszene. Die Zuneigung zu Palästinensern zieht sich durch die Musikwelt. Viele Kreative halten sich für besonders woke und lehnen das “normale” Bürgertum in Selbstüberhöhung als spießig-miefig ab. Das führt bis zur Nähe von Antisemitismus.
Bildungsbürger und Antisemitismus
Der in Tel Aviv geborene deutsche Historiker und Publizist Michael Wolffsohn spricht vom “neuen Antisemitismus”. Der komme von “gebildeten Barbaren”. Es ist nicht mehr nur das käsig-muffige Nazimilieu, das gegen Israel und Juden mobilisiert. Es sind auch kulturbeflissene Lesesalons, eifrige Gesprächskreise und Bühnenshows.
Der Antisemitismus hat nach dem Massaker vom 7. Oktober weltweit Kreise erfasst, die vordergründig besonders entschieden für Gewaltfreiheit und Minderheitenschutz eintreten. Ganz vorne mit dabei ist die sich links gerierende Intelligenzija aus der Popszene. Nur gegenüber Juden vergisst man den vielfach penetrant vorgebrachten Anspruch, divers, bunt und offen zu sein.

Nach meinem Eindruck gibt es zu viele Pop-Akteure, die auf Abwegen wandeln. Wer sich differenzierter äußert, wird gecancelt. So, wie Bono. Der 64-jährige Frontmann der legendären irischen Rockband U2 hatte es nach dem Hamas-Massaker bei einem Konzert in Las Vegas gewagt. Er gedachte der vielen israelischen Festivaltoten und sagte unter anderem: “Sie gehörten zu uns!”
Es ist schon erstaunlich, was die Kinder Abrahams sich seit Jahrtausenden auf der ganzen Welt antun, und auch heute noch. Es ist schon verwirrend, wenn man das Leid palästinensischer Kinder sieht, nachdem man sich mit dem Leid israelischer Kinder auseinandergesetzt hat. – Bono
Antisemitismus hat Pop-Tradition
Jetzt steht Bono auf der Abschussliste von Künstlerkollegen. Sie behaupten, er habe einen “Hang zu Israel” und framen das als verwerflich. Nach Schnüffeleien in seinen Geschäften tauchten „Beweise“ auf. Bono nutze die Streamingsoftware einer israelischen Firma, die auch das israelische Militär beliefere. Er habe für sein Hotel “The Clarence” in Dublin den Kredit einer israelischen Bank aufgenommen. Außerdem investiere er in ein großes israelisches Start-up.
Ich habe keinerlei Respekt mehr vor ihm. - Mary Coughlan, irische Sängerin und Schauspielerin, hat Bono die Freundschaft gekündigt. Musikgröße und Antisemitismus-Apologet Roger Waters nennt Bono “ekelhaft” und einen “miesen Scheißer”.
Auch wenn man nur Musik im Kopf hat und wie Dua Lipa auch das ganz große Geld. Man sollte erkennen können, dass Popmusiker seit Jahren ein Hauptziel islamistischer Attentäter sind. Genauer: Seit über einem Jahrzehnt suchen sich die selbsternannten Gotteskrieger (die Höllenhunden ähneln) den Pop für ihre Scheußlichkeiten aus. Ist er doch ein Symbol freien Lebensstils.
- 2015: Anschlag auf den Bataclan-Club in Paris, in dem die bekannte Band “Eagles of Death Metal” (EoDM) spielte. IS-Terroristen erschossen dort und an vier anderen Locations 130 Menschen.
- 2017: Es starben 23 junge Leute in der Manchester Arena, England. Dort war die US-amerikanische Sängerin und Schauspielerin Ariana Grande aufgetreten, der 375 Millionen Follower auf Instagram folgen.
- 2023: In Reʿim in der Negev-Wüste (Israel) starben beim “Supernova”-Freiluftfestival 350 Teilnehmer. Hamas-Terroristen und Zivilisten aus Gaza hatten die Grenze zu Israel durchbrochen und gezielt Menschen erschossen, angezündet, vergewaltigt, gefoltert und entführt.
- 2024: Krasnogorsk nahe Moskau in der Crocus City Hall. Vor einem Konzert der bekannten russischen Band “Piknik” mähten IS-Mörder mit Maschinenpistolen 133 Menschen nieder.
- 2024: Wien. Anfang August werden drei Taylor-Swift-Konzerte abgesagt, weil die österreichische Polizei konkrete Anschlagspläne aufgedeckt hatte.
Pop-Frauen im Terrorfokus
Die Absage unserer Wiener Konzerte war niederschmetternd. Der Grund hat in mir ein neues Gefühl der Angst ausgelöst. Und riesige Schuldgefühle, weil so viele Leute geplant hatten, zu diesen Shows zu kommen. – Taylor Swift
Die Anschlagspläne in Wien hatten Konzerte der US-Sängerin Taylor Swift zum Ziel. Dies ist für Kulturwissenschaftler wenig überraschend. Der Grazer Popularmusikforscher André Doehring meint, gerade die populäre Musik sei das Spielfeld für manifeste Machtkämpfe. Das berichtet die österreichische Nachrichtenagentur APA. Die deutsche Kulturforscherin Katja Kauer sagt, die “popfeministische Resonanz” der Swift sei für Anhänger der radikalislamischen Terrormiliz “Islamischer Staat” (IS) “besonders ärgerlich”.
„Taylor Swift ist eine große homosoziale Identifikationsfigur und steht für den ‚american way of life‘ und Lebensfreude; das konterkariert ein homosozial männlich geprägtes System” – Katja Kauer
Taylor Swift selbst hatte Vorahnungen. Vor der Tourabreise sagte sie in einem Interview, sie habe “große Angst” vor ihrer Welttournee gehabt. “Weil ich nicht wusste, wie wir drei Millionen Fans sieben Monate lang schützen sollten.“
Diejenigen, die friedliche Konzertbesucher töten wollen, lauern Behördenerkenntnissen zufolge mitten unter uns. Sie kommen nicht über eine Grenze, sondern sie sind schon da. Dazu gehören hier lebende Teenager aus migrantisch verwurzelten Familien, sagen europäische Sicherheitsbehörden.
Es geht gegen unser westliches Lebensmodell. Der Hass richtet sich speziell gegen selbstbewusste und exaltierte Frauen, die sich freizügig – ja, sexy – auf die Bühne stellen. Ein Beispiel dafür ist ausgerechnet Dua Lipa (siehe X‑Post oben).
Videos in sozialen Medien befördern die Radikalisierung. Es scheint kein großer Schritt zu sein von hasserfüllten, pro-terroristischen Demos, angeeigneten Uni-Räumen und Kalifats-Kundgebungen bis hin zu Attentatsfantasien.
Grausame Sitten
Die Mullahs im Iran lassen Frauen von der Straße ins Gefängnis und an den Galgen zerren, wenn sie sich nicht an die Kleiderordnung halten. Islamisten werfen Schwule, die von der Polizei aufgeflogen sind, von Dächern – ist ein grausameres Vorgehen gegen die LGBTI*-Community denkbar?
Die libanesische Band “Mashrou‘ Leila” hat wegen eines schwulen Mitglieds und ihres queeren Engagements Auftrittsverbote in arabischen Ländern wie Saudi-Arabien oder Jordanien. Auf einem Konzert in Ägypten sind Regenbogenfahnen schwenkende Zuschauer inhaftiert worden.
Was also treibt die in der Musikszene besonders gut verankerten “Gays for Palestine” dazu, sich mit Fundamentalisten zu identifizieren? Diese empfinden Schwule, Lesben und Transsexuelle als Sünder oder Kranke. Warum treten palästinenseraffine Künstler letztlich ausgerechnet gegen unsere Gesellschaft an, die verfolgten LGBTQ-Palästinensern Asyl gewährt?
Für Befürworter solcher Zustände gehen in Boston wie in Berlin Zehntausende auf die Straße. In London haben Künstler wenige Wochen nach dem Supernova-Massaker die Palästina-Solidarität zur Bedingung für Auftrittsgenehmigungen gemacht. Mehr als 300 Personen haben dort zum Boykott von Veranstaltungsorten aufgerufen, die sich nicht mit Palästina solidarisieren.
Darf Kunst nach Ansicht dieser Signatare nur von Leuten gemacht werden, die eine bestimmte politische Meinung haben? Wieso sind israelische Künstler im Fadenkreuz, nicht aber deren Peiniger? Die Grenze zum Antisemitismus ist überschritten.
Die Cancel Culture schlägt zu
Da ich eine Person bin, die sich als links versteht, hat mich besonders verunsichert, wie verbreitet in (vermeintlich) eigenen Milieus Antisemitismus ist. – Linus Volkmann, Journalist beim Musikexpress
Israel-feindliche Einstellungen sind in der Musikindustrie nichts Neues. Schon 2021 haben sich 600 Musiker in einem offenen Brief an ihre Kollegen gewandt. In einem Manifest der “Musicians for Palestine” riefen sie dazu auf, sich mit dem “palästinensischen Volk” (was auch immer das ist) zu solidarisieren. Der Gipfel: Die Initiatoren riefen Musiker dazu auf, nicht mehr in Israel aufzutreten. Sie forderten, das Land und seine Kultur zu isolieren und zu boykottieren.
Unter den Unterzeichnern des Manifests war der offen Antisemitismus propagierende Pink-Floyd-Mitbegründer Roger Waters (80). Sein gleichaltriger Freund, der musikalisch großartige Gitarrist und mittlerweile zum Corona-Querdenker gewandelte Eric Clapton war auch dabei. Er steht Waters schon seit den 70ern mit rassistischen Äußerungen zur Seite. Auch der Rapper Kanye West ist beim Antisemitismus ganz vorne mit dabei.
Ist Clapton vielleicht auch bipolar wie West?– Musikjournalist Detlef Diederichsen in der taz
Wichtige Teile der “gebildeten” Kulturszene vereint in Judenhass? Wolffsohn sagt, dass man sich nicht auf eine Ausbildung verlassen kann, wenn es um Menschlichkeit geht. Er vermisst „gesellschaftliche Empathie“. Das komme, weil Herzensbildung nicht an Schulen und Universitäten gelehrt werde. Zumindest nicht im Sinne eines Schulfachs.
Kulturleben geht derweil fröhlich weiter.
Eine selbsternannte woke Élite feiert sich bei Vernissagen, Premieren und Preisverleihungen mit Champagner als aufgeklärte Menschenrechtler und Genozid-Bekämpfer. Gegen Israel zu sein ist chic geworden. Der karierte Palästinenserschal ist ein modisches Accessoire. Der Gedanke an Antisemitismus kommt ihnen nicht in den Kopf.
“Terror wird als antikolonialer Widerstand verklärt, ohne Antisemitismus ist das schwer zu erklären” – Nicholas Potter, britisch-deutscher Journalist von der Amadeu Antonio Stiftung in Berlin.
Viele Musiker und DJs hätten sowieso noch nie in Israel gespielt, sagt Potter. Ein Verzicht auf den jüdischen Staat kostet ihre Karrieren nichts. Bezeichnend sei, dass fast keiner dieser Boykotteure im palästinensischen Ramallah oder in den Nachbarländern spiele: “Dafür reicht ihre Solidarität offenbar nicht.”
Das postet Dua Lipa vom diesjährigen Glastonbury-Festival.
Gab es in Israel keine Opfer…?
OK, kann ich nur sagen. Nichts dagegen, dass man singt, tanzt, weint und durchfeiert. Aber die über 350 jungen Menschen, die beim Supernova-Festival bestialisch ermordet worden sind, wären sicher gerne dabei. Und die Hunderte teils Schwerstverletzten. Und die Opfer sexualisierter Gewalt. Und die etwa 40 Menschen, die als Geiseln vom Festivalgelände weg in den Gazastreifen verschleppt worden sind.
Zu den entführten Feiernden gehörte die Deutsch-Israelin Shani Louk. Israelische Soldaten haben ihren verwesenden Körper mehrere Monate nach dem Mord in der Ecke eines dunklen Terrortunnels entdeckt. Die junge Frau war in einen Plastiksack gestopft. Shani wurde nur 23 Jahre alt.
Anders als Shani hat Festivalteilnehmerin Maya Regev (21) überlebt. Sie war 50 Tage lang in der Hand der Hamas. Sie wurde bei der Entführung am Bein angeschossen. Sie kam schwer verletzt in ihre Geiselhaft. Die Täter haben ihr Säure und Essig in die Schusswunde gegossen.
Nach ihrer Freilassung hatte Maya Angst, nie wieder gehen zu können.
Erst ein halbes Jahr nach dem Ende des Martyriums und mehreren Operationen konnte Maya ein bisschen laufen. Mit Krücken. Ihr Freund Shem-Tov ist immer noch in Gaza gefangen – mittlerweile schon weit über 300 Tage. Es handelt sich um eine von 111 Geiseln. Diese befinden sich bis heute irgendwo in einem unterirdischen Verlies. Die Leichen von 39 in Haft gestorbenen Menschen liegen ebenfalls im Gazastreifen verstreut.
Beim Hören der tollen Dua-Lipa-Songs muss ich immer an das Supernova-Festival in der israelischen Wüste denken. Dann zirkulieren Bilder von den Helmkameras der Täter in meinem Kopf. Die Verbrecher haben ihre taten triumphierend aufgezeichnet und zynisch ins Netz gestellt. Dass das keine wütende Empörung und enge Solidarisierung auslöst, zeigt, auf welchen Abwegen tonangebende Teile der Musikszene wandeln.
Es würde der Debatte sicherlich gut tun, wenn alle, die daran teilnehmen wollen, mehr lesen, als Instagram-Kacheln. – Stefan Lauer, Herausgeber “Judenhass Underground”
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