Von Wolf Achim Wiegand

Hamburg/Kiew/Brüssel – Ja, wo bleibt sie denn, die wirklich massive militä­rische Unter­stützung Deutsch­lands für die Ukraine? Das fragen sich immer mehr Menschen. Eine knappe Mehrheit der Deutschen ist dafür, dass die Bundes­re­gierung die Ukraine im Kampf gegen Russland mit Kampf­panzern unterstützt. 

Besonders jetzt muss laut Militär­ex­perten dringend Panzer­hilfe kommen. Gerade jetzt, wo das von Russland bestial angegriffene Land beacht­liche Erfolge auf dem Kriegs­schau­platz vorweisen kann. Die Rückerobe­rungen der Vertei­diger müssen abgesi­chert und ausgebaut werden. Gelän­de­ge­winne bedeuten nicht, dass Erfolge der Ukraine automa­tisch so weiter gehen.

Twitterauszug zur Ukraine-Panzerfrage

Immer drängender werden die Fragen insbe­sondere an den deutschen Bundes­kanzler. Die leierhaft vorge­tragene Formel von Olaf Scholz (SPD), ohne Absprache mit den Verbün­deten werde es keine deutschen Allein­gänge geben, wirkt von Mal zu Mal abgenutzter. Zumal jetzt selbst die USA die Deutschen in einem unmiss­ver­ständ­lichen Post öffentlich dazu drängen doch bitte­schön voranzugehen: 

Twitterauszug zur Ukraine-Panzerfrage

Nato-General­se­kretär Jens Stoltenberg hat sogar deutliche Zweifel an den deutschen Argumenten geäußert. Der sonst so vorsichtige Norweger sagte, eine Niederlage der Ukraine sei gefähr­licher als ausge­dünnte Waffen­lager in Nato-Staaten. Die Nutzung der Waffen­be­stände von Nato-Staaten könne mit bewirken, dass das Risiko aggres­siver Handlungen Russlands gegen Nato-Länder verringert werde. 

“Wenn Russland aufhört zu kämpfen, wird es Frieden geben. Wenn die Ukraine aufhört zu kämpfen, wird sie als unabhängige Nation nicht mehr existieren.”

Jens Stoltenberg, Nato-General­se­kretär

Ist der offenbar von Koali­ti­ons­partnern nicht einzu­he­gende Bundes­kanzler dabei, den seit WKII immer besser gewor­denen Ruf Deutsch­lands gehörig zu ruinieren? Folgt man tausenden Posts in sozialen Medien lautet die Antwort: Ja. 

Leiterin des ukrai­ni­schen Anti-Korrup­ti­ons­zen­trums AntAC
Außen­mi­nister der Ukraine
Mehrfacher Schach­welt­meister, Russland-Opposi­tio­neller im Exil

Warum, warum keine Panzer?

In dieser prekären Situation, die Putin eine breite Uneinig­keits­lücke des Westens offenbart, drängen die Partner Berlins die deutsche Bundes­re­gierung plötzlich, nun auch Panzer zu verschicken. Der deutsche Beitrag müsse über bereits gelie­ferte schwere Offen­siv­waffen wie Panzer­hau­bitzen und Mehrfach­ra­ke­ten­werfer vom Typ Mars II hinaus­gehen. Da bislang niemand Panzer in die Ukraine liefert bedeutet das: Deutschland soll als erstes Land die bisherige rote NATO-Linie überschreiten – und zwar ohne dass die Verbün­deten ebenfalls lieferten. 

Nun, es gibt aus militä­ri­scher Sicht tatsächlich eine Menge ratio­naler Gründe für eine deutsche Pionier­funktion. Das macht meine Auswertung von Exper­ten­äu­ße­rungen deutlich:

Erstens:

Der M1 Abrams-Panzer der USA ist wenig für die Ukraine geeignet. So gilt der klassische Kampf­panzer mit 4‑Mann-Besatzung als logis­ti­scher Albtraum, wiegt er doch je nach Ausrüstung zwischen 54 bis zu 62 Tonnen. Damit ist der Seetransport von den USA über den Atlantik und dann auf dem Landweg in die Ukraine eine echte Herausforderung. 

Experten behaupten: Die Panzer­bri­gaden der US-Armee seien häufig “zu fett zum Fliegen und zu leicht zum Kämpfen”. 

Zweitens:

Der ameri­ka­nische M1 Abrams-Panzer (Stück­preis: ca. 2,6 Millionen Euro) ist ein wahres Schluck­monster. Auf einer Strecke von 500 Kilometern verbraucht er rund 1.908 Liter – nicht etwa normalen Treib­stoff, sondern Kerosin (Flugzeug­kraft­stoff). Diese Menge nicht überall erhält­lichen Sprits muss erstmal an den Panzer herbei­ge­schafft werden, soll der Abrams mit seinen 1.521 PS auch nur einen Zenti­meter rollen. 

Putins Panzer in der Ukraine haben das Nachschub­problem bei ihrer “Spezi­al­ope­ration” von Anfang an bitter erfahren müssen – sie blieben einfach liegen. 

Das zeigen Videos.
offizielles Foto vom Bundeswehr-Panzer Leopard 2
Leopard 2, Foto: bundeswehr.de

Drittens:

Das Haupt­waf­fen­system der deutschen Panzer­truppe, der Kampf­panzer Leopard 2, hat smartere Eigen­schaften als der US-Abrams. Er hat bei Vergleichs­übungen der NATO-Panzer quasi regelhaft den M1 Abrams übertroffen. Der ‘Leo” bringt zwar je nach Ausführung bei 1.500 PS ähnlich wie der M1 Abrams rund 60 Tonnen Gewicht auf die Waage. Dafür verbraucht er aber statt Kerosin normalen Diesel (Verbrauch im Mittel 410 l/100 km). Den könnte die deutsche Logis­tik­truppe wesentlich leichter beschaffen. 

Viertens:

Die Entfernung von Deutschland aus in die Ukraine ist verglichen mit den US-Trans­port­wegen kurz. Das erleichtert nicht nur die Panzer­lie­fe­rungen selbst, sondern gleich­falls das bilden einer lücken­losen Liefer­kette für Ersatz­teile und Wartung. Der Parkplatz der US Army für ca. 4.000 M1 Abrams-Panzer liegt in der kalifor­ni­schen Wüste…

“In der Panzer­ent­wicklung hat kein Land hat mehr Erfahrung und Kompetenz als Deutschland.” 

Nicholas Drummond, Strate­gie­be­rater aus Großbritannien

Fünftens:

Ein weiteres Argument für eine Belie­ferung der Ukraine mit Panzern deutscher Machart ist, dass die trans­at­lan­tische Liefer­kette nicht vollge­stopft würde, sondern für andere Dinge genutzt werden könnte. Denn ihre Kapazität ist nicht unbegrenzt.

Aber:

Wenn der Panzer­transport aus den USA so schwierig ist – warum liefern die europäi­schen Militär­mächte Frank­reich oder Großbri­tannien keine Panzer in die Ukraine? 

Die Antwort ist einfach: Paris und London haben schlicht zu wenig fahrbares Material in den Depots stehen, das sie überholen und verschicken könnten. Laut Experten sind nur jeweils rund 200 Exemplare des franzö­si­schen “Leclerc” bzw. des briti­schen “Challenger 2” in Betrieb.

“Der ‘Leopard’-2 ist der einzige Kampf­panzer, der rasch an die Ukraine geliefert werden kann, weil er anders als der franzö­sische ‘Leclerc’ noch so, wie er ist, produ­ziert wird samt Motoren, Getriebe und Ersatz­teilen, sodass man Verluste auffüllen kann.”

Gustav Gressel, Militär­ex­perte

Hätte Deutschland denn überhaupt genügend Leopard 2 für den Export in die Ukraine zur Verfügung? Eindeutig ja, ergeben meine Nachfor­schungen. Allein die Rüstungs­fabrik Rhein­metall könnte 88 Leo 1 und weitere Leo 2 aus alten Bundes­wehr­be­ständen auffri­schen und an die Ukraine liefern – es fehlt nur die Ausfuhr­ge­neh­migung der Bundes­re­gierung. Zu gut Deutsch: Es fehlt am politi­schen Willen. 

offizielles Foto Olaf Scholz. Er lehnt Panzer für die Ukraine ab.
Olaf Scholz, Foto: Bundesregierung

Was kann man nun tun, um dem zaudernden Bundes­kanzler und seiner ängst­lichen SPD eine gesichts­wah­rende Brücke zur Aufgabe des “Njet!” zu bauen? 

Der europäische Panzerweg – Gesichtswahrung für Scholz?

Selbst wenn die Bundes­re­gierung an ihrer Teamwork-Prämisse festhalte, wäre eine Lieferung des Leopard 2 mittel­fristig durchaus möglich – wenn man das Thema europäi­sieren würde, so Gressel. Das begehrte Kampf­fahrzeug fahre schließlich nicht nur bei der Bundeswehr, sondern auch in zwölf anderen europäi­schen Ländern. Um genau zu sein: In Dänemark, Finnland, Griechenland, Nieder­lande, Norwegen, Öster­reich, Polen, Portugal, Schweiz, Schweden, Spanien, Türkei, Tsche­chien und Ungarn. Insgesamt sollen es sich um mindestens 2.000 Stück handeln. 

“Wenn jedes der 13 Länder nur eine geringe Zahl an Panzern abgibt, würde man damit schon eine kritische Masse zusammen bekommen”

Gustav Gressel, Militär­ex­perte

Vielleicht ist DAS ja ein Ausweg zur Umgehung der Berliner Harthörigkeit:

Die Berliner Denkfabrik European Council on Foreign Relations (ECFR) schlägt die Bildung eines europäi­schen “Leopard-2-Konsortium” vor. Gemeint ist eine Art Sicher­heitspakt zur militä­ri­schen Unter­stützung der Ukraine. Dazu gehörten Sicher­heits­ga­rantien im Falle einer russi­schen Eskalation, wirtschaft­liche Unter­stützung inklusive Zugang zum EU-Binnen­markt und Hilfe bei der Sicherung der ukrai­ni­schen Energieversorgung. 

“Dieser Plan würde das Engagement der Europäer für die Unter­stützung der Ukraine signa­li­sieren und Kiew, Moskau und der Weltge­mein­schaft im weiteren Sinne zeigen, dass die EU auf lange Sicht an der Sache inter­es­siert ist,” heißt es bei ECFR. 

Die Europäische Union und ihre Mitglied­staaten … sollten ganzheit­licher überlegen, wie sie die Ukraine in dem langen Krieg unter­stützen werden…”

ECFR

Gegen­liebe für die Idee hat Michael Roth, der Vorsit­zende des Auswär­tigen Ausschusses. Der SPD-Politiker erklärt: “Wir haben 13 europäische Staaten, die verfügen über insgesamt 2000 Leopard-2-Panzer. Ich schlage vor, dass wir gemeinsam ein Kontingent von Leopard-2-Panzern zusam­men­stellen, die wir dann möglichst rasch der Ukraine liefern”.

Doch obwohl auch EU-Kommis­si­ons­prä­si­dentin Ursula von der Leyen klar für Panzer­lie­fe­rungen an die Ukraine plädiert (siehe Tweet oben), deutet sich derzeit im deutschen Kanzleramt keine Flexi­bi­lität an. Ein Sprecher des Vertei­di­gungs­mi­nis­te­riums sagte zu BILD, die von Scholz formu­lierte Haltung “keine Allein­gänge” gelte weiter. Ein Mantra, das immer mehr ausge­leiert klingt. Es wird in der Ampel­ko­alition auch nicht überall geteilt, unter anderem nicht von Außen­mi­nis­terin Annalena Baerbock (Grüne).

Baerbock in ukrainischen Kleidungsfarben in Kiew - Sie ist bei Panzer-Lieferungen flexibel
Baerbock in Kiew, Foto: deutschland.de

“Am Ende könnte es so wirken, als würde die SPD für die Hoffnung auf einen niedri­geren Gaspreis die Freiheit der Ukraine opfern wollen.”

Sascha Lobo

Unter­dessen zieht sich Deutschland im Ausland immer mehr Unmut zu. Die Ankün­digung von Scholz, die Bundes­re­publik werde der Ukraine das Luftver­tei­di­gungs­system Iris‑T zur Verfügung stellen, mit dem Ziele in bis zu 40 km Entfernung bekämpft werden können, ist begrü­ßenswert, ändert aber an der bereits tief einge­brannten verhee­renden Außen­wirkung nichts: 

“Deutschland hat die Panzer, die die Ukraine braucht. Es muss sie so schnell wie möglich schicken”

Washington Post

“Sollte Scholz seinen Worten Taten folgen lassen und der Ukraine helfen wollen, würde er als mutige Führungs­per­sön­lichkeit in die Geschichte eingehen, die sich der Aggression wider­setzt und dazu beigetragen hat, dass Europa intakt bleibt. Wenn er das nicht tut, wird man sich an ihn als einen weiteren deutschen Schreib­tisch­täter erinnern. Ende.”

Matthew Karnit­schnig, Chef Deutschland-Büro von Politico.eu

“Wenn man eine militä­risch führende Nation sein will, muss man – verdammt noch mal! – irgendwann mal anfangen, diese Rolle auch einzu­nehmen”

“The Ice Axe”, Twitter­nutzer

Die britische “Financial Times” druckt den Satz: “Wenn es der Bundes­re­gierung mit ihrer Führungs­rolle in Europa ernst ist, sollte sie ihre Militär­hilfe für die Ukraine verstärken.” Ein Ruf, der weltweites Echo erzeugt. Er verhallt bislang folgenlos im Tal der Bedenkenträger… 

P.S.

Übrigens: Deutschland verfügt noch über ältere Leopard-1-Kampf­panzer. Diese könnten ohne deutschen Alleingang im Rahmen der Mobile Protected Firepower (MPF) einge­setzt werden. Das ist ein Programm der US-Armee zur Beschaffung eines leichten Panzers, der mobiles, geschütztes, direktes Offen­siv­feuer geben kann.

Armin Papperger, der Vorstands­vor­sit­zende von Rhein­metall, erklärt: Er könne innerhalb weniger Monate 50 Leo 1 ausliefern. Weitere 100 Stück befinden sich offenbar bei der Umrüs­tungs­firma FFG Flens­burger Fahrzeugbau Gesell­schaft mbH im Lager. 


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