Von Wolf Achim Wiegand (Foto: PA, Jane Barlow, verbreitet auf Twitter)

Hamburg/London (waw) – Seit ich 1980 als Korre­spondent der Deutschen Presse-Agentur (dpa) nach London geschickt wurde, begleite ich das Verei­nigte König­reich mit einer Mischung aus Faszi­nation und Grausen. Bewun­derung für seine Fähigkeit auch widrige Zeitläufte ohne Volks­auf­stände, Unruhen und tiefe Erschüt­te­rungen zu bestehen. Und zugleich Fassungs­lo­sigkeit über das halsstarrige Festhalten an plüschigen Sitten und Gebräuchen. 

Nirgendwo sonst auf der Welt als im Viervöl­ker­staat aus den Ländern England, Schottland, Wales und Nordirland scheint die Zeit so stehen­zu­bleiben. Und das, während sich die Welt um die Insel herum – und in ihr selbst natürlich auch – rasant verändert. Ein Wider­spruch? Nicht in Großbritannien.

“Im Laufe der letzten 70 Jahre hat sich unsere Gesell­schaft zu einer Gesell­schaft mit vielen Kulturen und vielen Religionen entwi­ckelt… Aber durch alle Verän­de­rungen und Heraus­for­de­rungen hindurch … sind unsere Werte konstant geblieben.”

Charles III. in seiner ersten Ansprache (Wortlaut, Original: siehe Video ganz unten)

Das Symbol dieses eigen­ar­tigen Schwe­be­zu­standes zwischen Vergan­genheit und Zukunft war die Queen. Sie nährte allein durch ihr Dauer­dasein die Illusion, selbst plüschige Sitten und Gebräuche könnten widrige Zeitläufte überstehen und in die Neuzeit hinüber­ge­rettet werden. 

“Für viele Menschen war Ihre Majestät ein fester Bestandteil unseres Lebens. Während sich die Welt um uns herum verän­derte und Politiker kamen und gingen, war sie die Konstante unserer Nation.”

Ed Davey, Vorsit­zender der Liberal­de­mo­kraten, im Unterhaus

“Ich verstehe den Frust”

Elisabeth II. hat mit ihrem Tod am 8. September 2022 im geliebten schot­ti­schen Schloss Balmoral einen jahrzehn­telang festge­zurrten Anker gelichtet. Nun sitzt König Charles III. auf dem Staats­schiff. Mit ihm am Ruder kommen ein neuer Stil und ein neues Selbstverständnis.

Der 73jährige Neu-Monarch wird voraus­sichtlich kein Leise­treter sein – wenn er sich treu bleibt. Als Thron­folger im Warte­stand jeden­falls hat der älteste Sohn der Queen des Öfteren sehr freimütige Ansichten geäußert. Seine Mutter hätte die so nie heraus­ge­lassen. Bemer­kenswert ist etwa sein offenes Verständnis für Klima­de­mons­tranten:

„Ich verstehe den Frust völlig. Wir müssen verstehen, wie verzweifelt vor allem viele junge Menschen sind, die protes­tieren. Die Schwie­rigkeit besteht darin, diesen Frust in eine Weise zu lenken, die konstruktiv statt destruktiv ist.

Prinz Charles, 11. Oktober 2021

Als Prince of Wales prangerte Charles III. unser Wirtschafts­system an, das anderen Gesetzen unter­liege, als die Natur 

Ein zweites Thema, das Charles III. umtreibt, ist die moderne Archi­tektur. Ausge­rechnet 1984 zum 150-jährigen Jubiläum des König­lichen Instituts Briti­scher Archi­tekten (RIBA) – hielt er der leicht indignierten Festge­sell­schaft den Spiegel vor. Den damals geplanten Erwei­te­rungsbau der National Gallery in London nannte er ein “monströses Karbunkel auf dem Gesicht eines sehr geliebten und eleganten Freundes.” Das Gebäude blieb tatsächlich auf dem Reißbrett stecken.

Später forderte der Freund natur­be­las­sener Gärten und Parks, Gebäude müssten “den mensch­lichen Propor­tionen entsprechen” und veröf­fent­lichte “10 Grund­sätze für die Archi­tektur”. Immer wieder inter­ve­nierte er gegen Bauvor­haben. Darunter gegen ein Büroge­bäude des deutschen Archi­tekten Mies van der Rohe nahe der Bank of England oder eine Platz­um­ge­staltung neben der St. Paul’s Cathedral. 

Charles III. provoziert Widerspruch

Seine flotten Meinungen haben den heutigen König angreifbar gemacht. “Wenn Charles gegen die moderne Archi­tektur wettert, wettert er im Grunde genommen gegen histo­rische Prozesse der indus­tri­ellen Revolution und beklagt die damit einher­ge­hende Schwä­chung seiner könig­lichen Macht,” kriti­siert Douglas Murphy, Autor des Fachbuches “von “The Archi­tecture of Failure” und Archi­tek­tur­re­dakteur der Zeitschrift Icon. Andere Kritiker werfen dem König vor, ein Faible für Pseudo­wis­sen­schaften zu haben. 

Charles III. haben die Anwürfe nie verun­si­chert. Er redet aus Überzeugung. Die kommu­ni­kative Nicht­kom­mu­ni­kation der “stiff upper lip” (steife Oberlippe), wie sie die stets betont meinungs­neu­trale Queen geübt hatte, und die auch etwas Hölzernes bis Schroffes haben konnte, ist auf dem Schutt­platz der Historie gelandet. Wird Charles III. der König der Diskussionen? 

Der neue auf dem Thron wird, so könnte es kommen, in fast präsi­dialem Stil von Zeit zu Zeit als Mahner und Gewissen seiner Nation auftreten. Das würde die absehbar eher kurze Regie­rungszeit des Monarchen radikal von der über 70jährigen Regent­schaft seiner Mutter unterscheiden. 

Nach einer Ewigkeit kommt eine neue Zeit 

Aber die Öffnung für das simple weltliche Tages­ge­schehen – an sich etwas Positives – birgt Gefahr für die 1.000 Jahre alte monar­chische Tradition. Sie kann das heutige Königshaus sogar bedrohen und erschüttern. Begibt sich Charles III. mit Stellung­nahmen in tages­ak­tuelle politische, soziale und kultu­relle Niede­rungen lädt er automa­tisch zu Wider­spruch ein. 

Viele werden von jetzt an ganz genau zuhören, wenn der Souverän spricht. Sie werden jede noch so kleine Andeutung wägen, inter­pre­tieren, zu eigenen Gunsten nutzen. Und dieje­nigen werden lauter werden, die in Monar­chien ohnehin nur Opium fürs Volk sehen.

Das sagte Charles III. in seiner ersten natio­nalen Ansprache

Die Unantast­barkeit des Oberhauptes von Nation, Angli­ka­ner­kirche und des Hahses Windsor kst beendet. Britan­niens Zustand der Gleich­zei­tigkeit von Vergan­genheit und Zukunft könnte aus der Balance geraten. Das wäre in der Tat eine Zeiten­wende für das United Kingdom. 

Die Queen als Stütze einer stolzen Nation ist jeden­falls erloschen. Es gibt sie nicht mehr, die warm wirkende Bewah­rerin des briti­schen Gefühls, trotz aller Neuerungen gäbe es so etwas wie Ewigkeit in der Geschichte. Die Zeit geht weiter. Auch in dem König­reich zwischen Ärmel­kanal und Shetland Inseln, das keineswegs so vereinigt ist, wie die Queen es uns erscheinen ließ. 

Das gelobte die Queen ihrem Volk


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