Schon wieder Stabwechsel in der 10 Downing Street. Jetzt wird Rishi Sunak (42) das Verei­nigte König­reich regieren. Kann er die vielen Dauer­krisen bewäl­tigen?

Von Wolf Achim Wiegand

Hamburg / London (waw) – Der König hatte es als Erster begriffen. „Im Laufe der vergan­genen 70 Jahre haben wir erlebt, wie sich unsere Gesell­schaft zu einer mit vielen Kulturen und Glaubens­rich­tungen entwi­ckelt hat,” sagte Charles III. in seiner ersten Ansprache nach dem Tod seiner Mutter Queen Elizabeth II. Damit spielte der 73ährige Thron­novize auf die Tatsache an, dass laut Studien bereits im Jahr 2050 jeder dritte Brite einer ethni­schen Minderheit angehören wird. 

Suni Rishak ist so ein Mann. Seine Aufstieg als Premier­mi­nister ist symbo­lisch. Großbri­tannien ist längst eine multi­eth­nische Gesell­schaft geworden – “British Lifestyle” mit Fünfuhrtee, Tweet­sakko, Porridge und Whisky gehören für Millionen Menschen längst nicht mehr zur Lebens­wirk­lichkeit. Statt­dessen beseelen sie pakista­nisch-indische Curry­ge­richte, karibische Reggae-Klänge oder basar­ähn­liche Einkaufs­at­mo­sphäre in den Quartieren arabisch­stäm­miger Menschen. In der zweit­größten briti­schen Stadt Birmingham (1,2 Millionen Einwohner) haben heute schon 30 Prozent einen Migrationshintergrund.

So sehr hat sich Großbri­tannien verändert, dass jetzt mit Sunak ein beken­nender Hindu das politisch höchste Amt in jenem Land bekleiden kann, dessen Monarch in Perso­nal­union das Oberhaupt der christ­lichen Angli­ka­ni­schen Kirche ist. Als der Nachfahrer indisch stämmiger Immigranten 2015 in das Unterhaus einzog, leistet er seinen Eid auf die Bhagavad Gita, ein sanskri­ti­sches Gedicht, das eine der zentralen Schriften des Hindu­ismus ist. Diesem Glauben gemäß ist Sunak strikter Absti­nenzler und isst kein Rindfleisch. Weihnachten feiert er in Familie trotzdem:

Reicher als der König

Der erste Nicht­christ und farbige Politiker an der Regie­rungs­spitze des Verei­nigten König­reiches ist ein Parade­bei­spiel für dieje­nigen Einwan­de­rer­fa­milien, die es geschafft haben. Der Sohn eines Arztes und einer Apothe­kerin wurde in der südeng­li­schen Hafen­stadt Southampton geboren. Seine wohlha­benden indischen Eltern hatten in Ostafrika gelebt, bevor sie nach Großbri­tannien einwanderten.

Das Migran­tenkind Sunak ist heute einer der reichsten Männer im Lande. Es heißt, er sei schon mit Mitte zwanzig durch Börsen­ge­schäfte zum Multi­mil­lionär geworden sein. Später betrieb er Wertpa­pier­handel bei Goldman Sachs. Sein Vermögen vermehrte der Konser­vative mit Gründung einer privaten Inves­ti­ti­ons­part­ner­schaft. Heute gehören ihm mehrere Anwesen und Wohnungen im UK und in den USA.

Noch wohlha­bender als Sunak ist seine Frau Akshata Murthy, mit der er die zwei schul­pflich­tigen Töchter Anoushka und Krishna hat. Sie ist die künftige Erbin des indischen Milli­ardärs N.R. Narayana Murthy, dem mit Infosys einer der weltweit größten IT-Konzerne gehört, präzise: Die Mutter der indischen IT-Industrie. Zusammen sollen die Eheleute über rund 920 Millionen Euro verfügen, mehr als der König.

Schön­heits­fehler des smarten Traum­paares: Murthy hat ihren ständigen Wohnsitz in Neu-Delhi. So braucht sie ihr auslän­di­sches Vermögen nicht in Großbri­tannien zu versteuern. Das ist legal und sie zahlt alle Inlands­ab­gaben. Aber die BBC rechnet vor, dem Staat, den ihr Mann nun führt, seien geschätzte 23 Millionen Euro Steuern flöten gegangen. Das führt zu bösen Zungen.

Sunaks Partei liegt am Boden

Der sunny­boyhaft wirkende Sunak, der meistens akkurat gestärkte weiße Hemden und teure Maßanzüge trägt, ist der Liebling seiner Fraktion und des briti­schen Geldadels. Als Finanz­mi­nister war er nach Johnson der zweit­mäch­tigste Mann im Staate. Seit er jedoch durch Rücktritt als Erster das Messer gegen den skandal­um­wit­terten Boris Johnson hob, bezeichnen ihn viele als „die Schlange“.

Der nun im zweiten Anlauf an der Downing Street einge­zogene Sunak hat wahre Herku­les­arbeit zu leisten. Seine Partei, die Konser­va­tiven, leistet sich einen unwür­digen internen Bürger­krieg zwischen radikal rechts­ge­rich­teten Kräften und Gemäßigten. Das wirkt sich in den Umfragen desaströs aus: Die “Torys” würden im Falle einer Neuwahl von der absoluten Mehrheit zu einer Margi­nal­partei mit nur noch einer Handvoll Sitzen verdampfen. 

Aber wie sollen die Torys wieder an Ansehen gewinnen, wenn die von Truss verur­sachten hohen Kredit­kosten weitere unpopuläre Ausga­ben­kür­zungen erfordern? Gleich­zeitig liegt der staat­liche Gesund­heits­dienst NHS in Scherben. Und die Insel­mon­archie hat noch ein Handels­zer­würfnis mit der Europäi­schen Union zu klären… ach ja, die Unabhän­gig­keits­ge­lüste in Schottland kommen auch noch dazu.

Steinige Stolperfallen pflastern den Weg

Das alles passiert, während die Menschen in den Landes­teilen England, Schottland, Wales und Nordirland sowieso von Krise zu Krise stolpern. Erst Brexit, dann Corona und nun die Folgen des Ukraine-Krieges. Letztere sind spürbar in Energie­knappheit, obwohl Großbri­tannien eigenes Öl und Gas aus der Nordsee fördert. Heizkosten und Strom­rech­nungen gehen wie auf dem Kontinent in jedem Haushalt so sehr durch die Decke, dass Einkom­mens­schwache nur die Wahl zwischen „heating or eating“ (heizen oder essen) bleibt, kriti­siert die sozial­de­mo­kra­tische Labour-Opposition unter Opposi­ti­ons­führer Keir Starmer (60).

Dazu kommt, dass Sunak den Makel des nicht Legiti­mierten hat. 

„Die Öffent­lichkeit hat nicht für Rishi Sunak als Premier­mi­nister gestimmt,“ schimpft ein Brite auf Twitter. „Auch die Partei­mit­glieder haben ihn nicht gewählt. Sunaks einziges Mandat ist die Unter­stützung einiger Tory-Abgeord­neter. Das ist keine Demokratie. Es ist ein abgekar­tetes Spiel.“ 

Wie lange sich der dritte britische Premier­mi­nister innerhalb von acht Wochen auf seinem Stuhl halten und wohin ihn sein schwerer Weg führen wird wird, das wollen Beobachter lieber nicht voraus­zu­sagen. In diesen tollen Tagen ist in London jederzeit alles möglich.


Entdecke mehr von http://www.european.expert

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E‑Mail zu erhalten.