Über 10.000 Kilometer liegen zwischen den Hafen­städten Guayaquil in Ecuador und Hamburg. Und doch sind sie eng verbunden. Neben kommer­zi­ellem Handel hat sich ein illegaler Drogen­markt ausge­breitet. Der Arm der Dealer von der südame­ri­ka­ni­schen Pazifik­küste reicht bis zur Elbe in die Freie und Hanse­stadt Hamburg und andere europäische Hafenmetropolen…

Von Wolf Achim Wiegand

Hamburg/Guayaquil (waw) – So spannend war lange keine Fernseh­sendung mehr im südame­ri­ka­ni­schen Staat Ecuador. Es war ein heißer Mittag in der Finanz-und Hafen­stadt Guayaquil. Kurz vor dem üblichen Siesta-Nickerchen wollten die Zuschauer des Senders TC Televisión noch kurz in den Nachrichten gucken, was so so tat in ihrem Heimatland Ecuador, gelegen zwischen Amazo­nas­dschungel, Anden­hochland und Amerikas Pazifi­küste.…

Plötzlich flimmerte ein Life-Krimi auf den Mattscheiben. Schüsse peitschten durch das Studio der staat­lichen Station. Auf dem Sofa sitzend hörten die Zuschauer Schreie. Entsetzt wurden sie Zeugen, wie maskierte Männer vor ihren Augen mit Maschi­nen­ge­wehren und Granaten hantierten. Einer der etwa zwei Dutzend Eindring­linge trat einem Überfal­lenen gegen den Kopf. 

“Wir sind auf Sendung, damit Sie wissen, dass man nicht mit der Mafia spielt”, erklärte einer der Vermummten theatra­lisch. Studio­mit­ar­beiter mussten sich mit den Händen auf dem Kopf auf den Boden legen. Sie sollten als Geiseln genommen werden.

Brutalos live

Die, die da versuchten, den Sender zu besetzen und Angestellte zu kidnappen, waren keine politi­schen Rebellen, sondern schlicht Krimi­nelle. Doch sie zogen an diesem Tag den Kürzeren. Sicher­heits­kräfte stürmten nach nur 15 Minuten das Studio und verhaf­teten alle Angreifer. 

Die Staats­spitze nahm den Fehde­hand­schuh auf. Der 36jährige Präsident Daniel Noboa – eben erst ins Amt gekommen – befahl den Streit­kräften, im ganzen Land Einsätze gegen rund 20 Mafia-Organi­sa­tionen. Über die Medien erklärte er, sein bislang fried­liches Land träte in eine neue Ära ein:

„Wir befinden uns im Kriegszustand“.

Präsident Daniel Noboa, Ecuador

Zahlreiche bekannte Banden­mit­glieder kamen in Präven­tivhaft. Außerdem ließ Noboa die Abschiebung von 1.500 inhaf­tierten Drogen­tätern aus dem Nachbarland Kolumbien gesetzlich verankern. Nun können nach dem ecuado­ria­ni­schen Straf­ge­setzbuch gegen Ausländer verhängte Urteile „im Herkunftsland oder im Land der Staats­an­ge­hö­rigkeit des Verur­teilten vollstreckt werden“. Ziel ist der Abbau der notori­schen Überbe­legung der ecuado­ria­ni­schen Gefäng­nisse und mehr Platz zum Einsperren von Landsleuten.

Als im überfal­lenen Studio alles vorbei war bedankte sich Modera­torin Saskia Bermeo schluchzend bei den Zuschauern für die ihre Gebete und bei der natio­nalen Polizei und den Streit­kräften für das erfolg­reiche Eingreifen. 

Drogenkampf mit Fernwirkung

Nur einen Tag nach den Vorfällen hat die Europäische Union die blutigen Kämpfe Ecuador verur­teilt. Aber: Was inter­es­siert Europa, dass die Westküste Südame­rikas von schwerer Gewalt erschüttert wird? Insofern eine Menge, als die EU ein Haupt­ab­satz­markt für Drogen­kri­mi­nelle ist, was Europa nervt. Der EU-Außen­be­auf­tragte Josep Borrell sprach der Regierung in Ecuador Mut im Kampf gegen den „direkten Angriff auf die Demokratie und den Rechts­staat“ zu. Erst Ende Januar 2024 hatte die Polizei in Ecuador Hunderte Kilogramm versand­fer­tiges Kokain entdeckt, das aus Guayaquil auch nach Belgien und Spanien gehen sollte.

Tatsache ist: Schmug­gel­routen aus Ecuador und Kolumbien führen direkt in europäische Häfen. Auch nach Hamburg. Kurz vor Weihnachten 2023 war bei einer Razzia in der Region rund um Hamburg herum knapp eine Tonne Kokain im Wert von 50 Millionen Euro beschlag­nahmt worden. Noch mehr Kokain war schon fast auf den Tag ein Jahr zuvor im Hamburger Hafen sicher­ge­stellt worden: 3,6 Tonnen lagen zwischen Thunfisch-Konserven. Absender der 100-Millionen-Euro-Fracht: Eine Fake-Adresse in Ecuador.

Hafen Hamburg

“Die Rolle des Hamburger Hafens im globalen Kokain­schmuggel wächst,” stellt NDR-Reporter Benedikt Strunz fest. Ermittler sprächen von einem wahren “Kokain-Tsunami”. Nach seinen Infor­ma­tionen dürfte die Menge bei deutlich über 40 Tonnen jährlich liegen – alles nur Schät­zungen, da nicht alle Kokain­funde statis­tisch erfasst seien. Noch vor wenigen Jahren wären solche sicher­ge­stellten Mengen in Deutschland undenkbar gewesen. 

Revierkampf in Europa mit harten Bandagen 

“Offenbar kaufen krimi­nelle Banden immer mehr Kokain in Latein­amerika ein, um die Droge anschließend hier mit satten Gewinnen zu verkaufen.” 

NDR-Reporter Benedikt Strunz

In einigen europäi­schen Städten, wie Rotterdam oder Antwerpen, werden Strei­tig­keiten zwischen Kokain­banden äußerst brutal ausge­tragen. Immer wieder kommt es zu Todes­opfern, berichtet Strunz. Auch in Hamburg habe es im vergan­genen Jahr eine Reihe von Schie­ße­reien gegeben, die im Zusam­menhang mit Drogen­banden stehen sollen.

Die Methoden der Drogen-Mafia alarmieren Fahnder. Seit Sommer vergan­genen Jahres arbeiten sechs EU-Länder mit großen Häfen – Belgien, die Nieder­lande, Frank­reich, Italien, Deutschland und Spanien – zusammen gegen gegen das organi­sierte Verbrechen.

“Wir müssen die Punkte mitein­ander verbinden und sicher­stellen, dass, wenn die Maßnahmen in einem Hafen ergriffen werden, [die krimi­nellen Gruppen] nicht sofort in einen anderen Hafen umziehen”

EU-Innen­kom­mis­sarin Ylva Johansson

EU-Hafenstädte im Würgegriff

Besonders in Europas “Schnee-Zentrum” Antwerpen ist der Kokain-Krieg der Mafiosi eskaliert. Über den belgi­schen Hafen strömt Kokain mit einem geschätzten Mindestwert von 20 Milli­arden Euro nach Europa. Mord und Folter gehören zum Arbeitsstil der Absahner. 

Obwohl nirgendwo sonst in Europa mehr Kokain beschlag­nahmt wird als in Antwerpen scheint der Staat machtlos zu sein – und das nicht nur in Antwerpen. Das Problem: Die Drogen­händler höhlen in den Hafen­städten nach und nach die Rechts­staat­lichkeit aus. Das geschieht, indem sie Logis­tik­mit­ar­beiter korrum­pieren, IT-Systeme übernehmen und die lokale Regierung und sogar Gerichte und Polizei unter­wandern. Selbst liberale Politiker haben schon erwogen die Armee zu Hilfe zu rufen.

“Europa hat ein Problem und sollte aufwachen”

Bart De Wever, Bürger­meister von Antwerpen. Der Rechts­po­pulist und belgische Premier­mi­nis­ter­kan­didat hat seine Kollegen in anderen EU-Hafen­städten davor gewarnt, das organi­sierte Drogen­ver­brechen nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Deren Millio­nen­ge­winne würden gezielt so in die lokale Wirtschaft inves­tiert, dass Abhän­gig­keiten entstünden. 
Bart De Waever / Foto: grenzecho, belga

Ecuador spielt neben Kolumbien, Bolivien und Peru eine wichtige Rolle als Umschlag­platz für den globalen Drogen­handel. Die Vertei­lungs­kämpfe um Kontrolle über die heiße wertvolle Ware wird mit allen Bandagen geführt. Mitte Januar nahmen Insassen in mehreren ecuado­ria­ni­schen Gefäng­nissen 178 Wärter und anderes Personal als Geiseln. Die Krimi­nellen entführten Polizisten, zündeten Spreng­sätze und drohten Wider­sa­chern mit willkür­lichen Hinrich­tungen selbst von Kindern.

la perla del pacifico
Guayaquil / Photo: Alejandro Robles Duque, Pexels

Die Durch­dringung der Gesell­schaft durch die Mafia hat in Ecuador selbst abgele­genste Ort erreicht. Selbst die für Natur­wunder weltbe­rühmten Galápagos-Inseln, die mehr als 1.200 km von der Küste Ecuadors entfernt liegen, sind darin verwi­ckelt. Drogen­händler haben die einsamen Pazifik-Inseln für die Verschiffung illegaler Liefe­rungen in die USA und nach Mexiko genutzt. 

Um das zu bekämpfen hat die Regierung Ecuadors den Nachbar­ländern Peru und Kolumbien die Einrichtung maritimer Patrouil­len­netze vorge­schlagen. Außerdem gilt auf Galápagos gilt eine Sicher­heits­über­prüfung für Einrei­sende. Dennoch:

Die Situation ist außer Kontrolle geraten, denn das Gebiet der Galapagos-Inseln ist sehr groß, vor allem die Seezone“

Andrés Ordoñez, Geschäfts­führer der Galápagos-Tourismuskammer

Ecuador-Armee im Dauereinsatz

Der Angriff auf den TV-Sender in Guayaquil war offenbar Teil einer koordi­nierten Aktion. Parallel kam es zu Rebel­lionen in Gefäng­nissen. Der Boss der einfluss­reichen Bande “Los Choneros”, der 44jährige Adolfo Macías alias “Fito”, konnte bereits zum zweiten Mal aus einem Hochsi­cher­heits­knast entkommen, wo er 34 Jahre absitzen sollte. Sein Geld macht er nach Medien­be­richten mit den Zusatz­ge­schäften Erpressung, Menschen- und Waffen­handel sowie als Filial­leiter des mexika­ni­schen Sinaloa-Kartells.

Seitdem sind Polizei und Armee von Ecuador im Dauereinsatz.

Drogenboss “Fito” bei einer seiner Festnahmen / Foto: Armee von Ecuador

Unter­dessen haben die Macht­kämpfe der Drogen­kar­telle dem bislang nach außen hin eher fried­lichen Land Ecuadors erheb­lichen Schaden zugefügt. So hat der Konflikt nach offizi­ellen Angaben spürbar zu Stornie­rungen touris­ti­scher Buchungen geführt. Dabei hatte sich die Regierung Noboas vorge­nommen, die „Perle des Pazifiks“ noch gezielter als Reiseland zu verkaufen. Immerhin kamen nach dem Pandemie-Lockdown im Jahre 2023 wieder rund 1,4 Millionen Ausländer nach Ecuador, das sind fast 200.000 mehr als im Vorjahr. Das zarte Pflänzchen Tourismus begann wieder zu sprießen.

Nach den Gewalt­bildern im TV-Sender in Guayaquil ging die Auslas­tungsrate der Hotels um 80 % zurück. Die nächt­liche Ausgangs­sperre wirkt auch nicht gerade anziehend. Das trifft eine ganze Wertschöp­fungs­kette. Vom Beher­bungs­ge­werbe über Souve­nir­ge­schäfte bis hin zu Klein­bauern, deren Erwerb auf die Fremden­ver­kehrs­ver­sorgung ausge­richtet ist.

So also hat das Jahr 2024 in Ecuador mit einer Eskalation der Gewalt begonnen. 

Langer Arm: Ecuador-Mafia reicht bis zu uns

Europa spürt die Auswir­kungen von Taten der südame­ri­ka­ni­schen Drogen­mafia sehr genau. Erst Ende Januar hat das Hamburger Landge­richt die Urteile in einem der größten Rausch­gift­pro­zesse der vergan­genen Jahre verkündet. Elf Männer wurden bis zu sechs bis 15 Jahren Haft verur­teilt, weil sie den Hamburger Hafen für banden­mä­ßigen Kokain-Schmuggel genutzt hatten.

Acht Tonnen Kokain hatten die Verur­teilten Teil einer inter­na­tional agierenden Bande in Schiffs­con­tainern versteckt geschmuggelt. Das Kokain hatte einen geschätzten Wert von 280 Millionen Euro. Einige hatten für ihre Geschäfte beruf­liche Positionen in Hafen­lo­gistik-Betrieben genutzt. 

Das Auffliegen der Bande hat die Dealer aber nicht verschreckt. Voriges Jahr beobach­teten Zoll, Polizei und Sicher­heits­dienst wochenlang, wie Dutzende junge Männer nachts gezielt in abgesperrte Contai­ner­ab­la­de­plätze des Hamburger Hafen eindrangen. Ganz offen­sichtlich waren sie auf der Suche nach verloren gegan­genen Kokain-Liefe­rungen. Nichts Genaues weiß man nicht, weil Festge­nommene über ihre vermutlich in den Nieder­landen ansäs­sigen Hinter­männer bis heute schweigen.

Die Öffent­lichkeit fragt sich unter­dessen: Wie sehr ist der Hafen Hamburg bereits vom organi­sierten Verbrechen unter­wandert? NDR-Inves­ti­gativ-Journalist Benedikt Strunz ist dieser Frage in einem Podcast nachgegangen:

Eines ist klar: Der Arm der südame­ri­ka­ni­schen Mafia reicht weit. Was in Ecuador, Kolumbien oder anderswo in dieser “Branche” vor sich geht, das wirkt sich bis vor unsere Haustür aus. 

Die Behörden versuchen dagegen zu halten – nicht nur mit repres­siven Mitteln, sondern auch in der Vorbeugung. So sollen Hafen­be­schäf­tigte für die Gefahren der Organi­sierten Krimi­na­lität sensi­bi­li­siert und “werden. Gleich­zeitig will man “Innen­täter” besser identi­fi­ziert werden. Das Gelingen wird aber auch davon abhängen, ob es Ursprungs­ländern wie Ecuador gelingt, am Ursprung einen Riegel vor das Geschäft zu ziehen – und danach sieht es momentan nicht unbedingt aus.

“Wir müssen aufpassen, dass diese Schat­ten­wirt­schaften nicht größer werden”

Benedikt Strunz, NDR

Ob die jetzt gegründete europäische Hafen­al­lianz etwas ausrichten wird? Die Zoll‑, Straf­ver­fol­gungs- und Hafen­be­hörden von Antwerpen, Rotterdam und Hamburg sowie 13 weiteren Städten wollen jeden­falls eng zusam­men­ar­beiten. Auch die Europäische Union und die EU-Polizei­be­hörde Europol sind dabei. Es wird aller­dings geheim­dienst­licher Aktivi­täten und sehr viel Kreati­vität benötigen, um dem organi­sierten Drogen­ver­brechen, das sich bei uns einge­nistet hat, den Garaus zu machen. 


Entdecke mehr von http://www.european.expert

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E‑Mail zu erhalten.