Ein Jahr Massaker in Israel: Der Judenhass ist trotz jahrzehntelanger Versuche der Eindämmung erneut auf dem Vormarsch. Das zeigen erschütternd die neusten Statistiken. Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, bringt es auf den Punkt. Das Massaker palästinensischer Terroristen an Israelis und anderen Staatsbürgern vom 7. Oktober 2023 sei ein weltweiter Katalysator für antisemitische Strömungen gewesen.
Von Wolf Achim Wiegand (aktualisiert)
Hamburg (Tel Aviv) – Man kann kaum glauben, was man sieht. Wir, die meisten jetzt lebenden Deutschen, fühlten uns bisher gesegnet durch die späte Geburt. Sie ließ uns das Grauen von 1933 bis 1945 so fern erscheinen – wie aus einer anderen Welt. Doch nun sehen wir auf europäischen – und deutschen – Straßen hier in unserer Welt mit eigenen Augen einen hasserfüllten, geifernden Mob.
Können Demokraten das ertragen? Sie sollten es nicht. Die jüdische Gemeinschaft kann es gar nicht ertragen – sie lebt wieder in Angst.
Heute, am Montag, dem 7. Oktober 2024, gedenken wir des ersten Jahrestages des grausamen Massenmordes an Israelis. Dieser schreckliche Tag löste Israels militärische Reaktion und damit Leid für viele weitere am ungelösten Nahostkonflikt unbeteiligte Menschen aus. Er befeuerte gleichzeitig eine kalkulierte und weltweit organisierte pro-terroristische Propagandamaschinerie.
Bedrückend, wie schnell Kritik an der israelischen Regierung fast automatisch übertragen wurde auf Jüdinnen und Juden in Europa. Josef Schuster in Jüdische Allgemeine

1 Jahr Massaker in Israel
Kritik an Israel ist legitim. Auch ich stehe nicht uneingeschränkt hinter jeder Handlung der israelischen Regierung. Die Innenpolitik der aktuellen Koalition in Jerusalem, so demokratisch sie auch gewählt wurde, widerspricht meinem freiheitlichen und ethischen Verständnis. Besonders das Vorgehen der Siedler und der Armee im Westjordanland erfüllt mich mit Sorge – so sehen es übrigens auch viele Israelis.
Aber es gibt eine klare Grenze: Diese liegt dort, wo das Existenzrecht des multiethnischen und freiheitlich verfassten Staates Israel infrage gestellt wird. Da mache ich nicht mit.
Viele Israelkritiker werfen der israelischen Armee in schrillem Ton Völkermord vor. Betrachtet man nüchtern diesbezügliche juristische Definitionen ist der Genozid-Vorwurf unhaltbar. Oftmals sprechen sie aus Unwissenheit. Ihre linksextremistischen Einflüsterer „übersehen“, dass es Hamas und Hisbollah sind, die die Vernichtung der Juden propagieren. Sie blenden zudem aus, dass Israel seit Jahren unaufhörlich unter Raketenbeschuss auf seine Zivilisten leidet.
Die Israelkritik ist längst in Antisemitismus umgeschlagen. Das ist inakzeptabel. Nirgendwo kann man das hinnehmen – und ganz besonders nicht in Deutschland.
Ein besonders klares und unmissverständliches Statement habe ich dazu von Berlins regierendem Bürgermeister Kai Wegner (CDU) gehört. Deutlich. Entschlossen. Furchtlos.
1 Jahr Massaker in Israel
Vergleichen Sie dies mit der oft belehrenden und unüberlegt wirkenden Haltung unserer Außenministerin. Oder mit der Zurückhaltung von Olaf Scholz, dem Bundeskanzler.
In unserem Land hat sich ein schamloser Antisemitismus Bahn gebrochen. Auf unseren Straßen werden wieder israel- und judenfeindliche Parolen skandiert. Mich verstört zutiefst, dass einige Menschen den Terror gegen Israel gar feiern. Bei diesem Thema darf es keine zwei Meinungen geben: Dieser schamlose Israel- und Judenhass gehört konsequent und bis an die Wurzel bekämpft. – Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger, FDP
Auch Emmanuel Macron trägt zur Verwirrung bei. Durch eigene Fehlentscheidungen hat er sich ein Parlament geschaffen, das von rechts- und linksextremen Kräften dominiert wird. Ausgerechnet zum Jahrestag des Hamas-Massakers kündigt er nun an, die Waffenlieferungen an Israel zu stoppen – während er sicher im Élysée-Palast sitzt.
Frankreich hat mit 4,5 Millionen Muslimen den größten muslimischen Bevölkerungsanteil eines Landes in Europa. Einige radikale Gruppen unter ihnen fordern, unterstützt von linken Aktivisten, mehr politischen und kulturellen Einfluss auf das Land. Darauf muss Macron achten.
Aber: Frankreich ist auch die Heimat von 450.000 Bürgern jüdischen Glaubens. Das ist immerhin die drittgrößte jüdische Gemeinschaft weltweit. Diese ohnehin schon bedrängten Bürgerinnen und Bürger treibt Macron in eine unsichere Lage.
Außenpolitisch riskiert der französische Präsident einen Bruch mit Israel. Premierminister Benjamin Netanjahu hat schon in einer leidenschaftlichen Rede reagiert. „Schande“, rief er dem einst gefeierten europäischen Staatsmann zu und versicherte: „Herr Präsident, Israel wird mit oder ohne Ihre Unterstützung gewinnen.“
1 Jahr Massaker in Israel
Erinnern wir uns nochmals.
Am 7. Oktober 2023 verübten Terroristen aus Gaza das schlimmste Massaker an Juden seit dem Holocaust. Die Bilanz: 1200 Tote, über 5000 Verletzte und 230 Entführte. Noch heute befinden sich 101 Geiseln in unterirdischen Tunneln oder in der Gewalt von Entführern, darunter ein Baby. Viele von ihnen sind wohl tot. Die übrigen werden allein durch die Tatsache des Eingekertseins auf unvorstellbare Weise gequält.
Während wir den Jahrestag dieses Massakers begehen, marschieren in ganz Europa pro-terroristische Kräfte. Es ist schwer verständlich, dass die Behörden von Barcelona bis Berlin und von Stockholm bis Sizilien dies zulassen.
Wir sehen Studenten in Palästinensertüchern unter den Flaggen eines Fantasiestaates in guerillahafter Maskierung protestieren – ohne jede Gefahr für sie selbst. Die Demokratie nimmt das hin. Doch zugleich gefährdet sich die Demokratie.
Unterstützung von Terroristen ist undemokratisch und richtet sich gegen das Grundgesetz.


Viele Menschen auf den Straßen huldigen einer palästinensischen Gewalt, die den Gräueltaten der Nazis oder der Roten Khmer ähnelt. Auch Künstler- und Hochschulkrise können oder wollen es nicht sehen: Es sind Hassorganisationen wie Hisbollah, Hamas und Huthi, die keinen zivilisierten Umgang wollen und können.
Israel hAT DEN OLIVENZWEIG in den vergangenen 75 Jahren schon mehrfach hingehalten. Weggeschlagen haben ihn stets die palästinensischen Führer. HEUTE SORGEN ZUDEM DIE MULLAHS IN TEHERAN DAFÜR, DASS FRIEDEN GAR NICHT ERST AUFKEIMEN KANN.
1 Jahr Massaker in Israel
Und die Opfer des Massakers?
„Die israelische Gesellschaft ist zutiefst verletzt. Der Gesellschaftsvertrag des jüdischen Staates wurde zerstört“, sagte ein Augenzeuge des Massakers gestern in einer Videokonferenz, der ich beiwohnen durfte.
„Nachts werde ich die schrecklichen Bilder nicht los“, berichtete ein Überlebender, der seit einem Jahr evakuiert ist, weil sein Heim zerstört ist. „Wie sollen wir eines Tages in unsere Häuser zurückkehren, wenn wir wissen, dass nebenan der Nachbar geköpft wurde?“
„Wir sind erleichtert, zu wissen, dass unsere Tochter tot ist. Nun wissen wir, dass sie nicht leidet“, sagt Ricarda Louk ernst. Sie ist die deutsch-israelische Mutter von Schani. Die damals 22-jährige Tanzbegeisterte besuchte des Supernova-Freiluftfestival, das brutal überfallen wurde. Allein dort sind 364 Todesopfer zu beklagen, das ist jeder zehnte Besucher. Zudem wurden vierzig junge Menschen von dort in den Gazastreifen verschleppt. Auch Schani galt monatelang als entführt und lebend. Soldaten fanden die Leiche abgelegt in einem Tunnel und in einen Plastiksack gestopft.
Trotz all dem Unglück: Es gibt positiv denkende Menschen wie den 85-jährigen ehemaligen Reiseleiter Chanan Cohen aus dem Kibbuz Nir Oz. Er sagt zwar: „Ein paar Monate Leid kann man ertragen, aber 365 Tage sind eigentlich zu viel.“ Sechs Verwandte Cohens wurden entführt. Darunter seine schwerkranke Schwester Margalit und zwei kleine Kinder. Sie wurden später freigelassen. Von den anderen fehlt jedes Lebenszeichen.
Dennoch denkt Cohen, der als Freiwilliger kostenlos kranke Palästinenser aus Gaza zur Behandlung bei israelischen Ärzten gefahren hat, weiter optimistisch. Er will die Hoffnung nicht verlieren. Seit dem Massaker vom 7. Oktober 2023 verwahrt der alte Mann sorgsam eine fest verkorkte Flasche Wein im Schrank. „Ich hoffe, ich werde sie nicht allein trinken müssen.“

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