⇒ Topic dieses Blogs: Die USA stehen vor einem schweren Image­verlust. Das hat Konse­quenzen für das Verhältnis zu Europa. Schuld daran sind die Flege­leien von Präsident Trump. Das muss aufhören, sonst knallen die trans­at­lan­ti­schen Bezie­hungen ausein­ander. Gegenüber dem Weißen Haus handeln müssen die US-Ameri­kaner freilich selbst.

Von Wolf Achim Wiegand

Hamburg (waw) – Demokratie lebt vom zivili­sierten Umgang mitein­ander. So ist es bei uns Usus, dass jedermann und jedefrau die Meinung anderer Menschen kriti­sieren und anzweifeln kann. Insbe­sondere Majes­täts­be­lei­digung ist abgeschafft. Trotz dieser Toleranz gibt es rote Linien. Wer Anders­den­kende durch persönlich verlet­zende Angriffe ehrkränkend an den Pranger stellt, der hat das Recht verwirkt, im Kreise der Demokraten geachtet zu werden.

US-Präsident Donald J. Trump hat die roten Linien für den zivili­sierten Umgang bei uns im Westen längst überschritten. Und das nicht erst mit seinen jüngsten Attacken auf einzelne Journa­listen. Schon im Wahlkampf führte sich der damalige Präsi­dent­schafts­be­werber wie ein Flegel auf. Nun gut, dachten wir alle, er wird es schon nicht ins Weiße Haus schaffen. Jetzt sitzt er genau dort.

Seit der ersten Minute seiner Amtszeit, nämlich schon mit der erschre­ckend primitiv geschnit­tenen und aufwieg­le­ri­schen Antrittsrede, hat Trump rüpelhaft auf Krawall gemacht: “Vom heutigen Tag an wird es nur noch Amerika zuerst heißen, Amerika zuerst…” Nun gut, dachten wir alle, der rabiate Baulöwe wird sich schon beruhigen, wenn er erstmal im Weißen Haus die Krallen entschärft bekommt. Wieder weit gefehlt.

Inzwi­schen überschreitet die getweetete Kakophonie an Unver­schämt­heiten jedes für denkbar gehaltene Maß. Mehrfach in den vergan­genen Wochen hatte ich gedacht, eine Steigerung der unwür­digen Gier nach Selbst­ver­herr­li­chung, Selbst­über­stei­gerung und Selbst­ge­rech­tigkeit sei nicht mehr möglich. Und doch: jeden Tag aufs Neue zieht Trump wie eine Sau massenhaft Dreck durch unsere Welt – wie schmud­delig wird es eigentlich noch werden?

Die Folge des Tuns dieser charak­terlich – sagen wir es vorsichtig – schwie­rigen Person ist fatal. Immer mehr Menschen hier in Europa wenden sich mit Grausen von den USA ab. Das Land der Träume ist zum Reich der Alpträume geworden. Die in jahrzehn­te­langer Mühe geschmiedete unver­brüch­liche trans­at­lan­tische Freund­schaft erscheint nur noch wie ein Papier­tiger – und das ist unheilvoll. Hatten wir Europäer nämlich bislang eine Art Urver­trauen in die schüt­zende Hand Washingtons, kursiert bei uns nun die Frage: brauchen wir die US-Ameri­kaner eigentlich noch?

Ich sage: Nein, ohne die Verei­nigten Staaten von Amerika können wir Europäer nicht. Noch nicht. Denn noch sind wir nicht die Verei­nigten Staaten von Europa, sondern nur ein eher nicht so festge­fügter Verbund einzelner Nationen, die sich in vielen Fragen weniger einig sind, als es nötig wäre. Wir Europäer stehen zudem zwischen allen Stühlen: links thront Trump, rechts ist Putin platziert und dahinter sitzen die Chinesen.

Wichtig ist nun: lasst uns genau auf die USA schauen!

Vergesst nicht: es gibt auf der anderen Seite des Großen Teichs nicht nur den Bengel im Oval Office. Vergesst nicht: die Mehrheit der Wähler hat Trump nicht gewählt. Vergesst nicht: zu Trumps Amtsein­führung strömten bei Weitem weniger Menschen auf die Plätze in Washington, als bei seinem charis­ma­ti­schen Vorgänger Barack Obama. Und vergesst nicht: es war der demokra­tische Ex-Präsident Bill Clinton, der am Sarg von Helmut Kohl die bewegendste, empathischste und intel­li­gen­teste Trauerrede hielt. DAS ist das “gute” Amerika. Oder jeden­falls der Teil, mit dem es eine Bezie­hungs­ebene gibt.

Noch sind die USA nicht verloren – obwohl der ungeho­belte Typ an ihrer Spitze ein Rekord­welt­meister in Antipathie ist und zu Recht schärfste Kritik auf sich zieht.

Eine Frage sei übrigens erlaubt: wann hat eigentlich jemand zwischen Miami und Seattle den Mut, das rasche politische Aus des Donald J. Trump herbei­zu­führen? Zuallererst geht diese Frage an die Partei der Republi­kaner. In ihren Reihen befinden sich viele aufrechte Frauen und Männer, denen nicht daran gelegen sein kann, dass ein Trumpeltier das wertvolle Porzellan der trans­at­lan­ti­schen Freund­schaft zerdeppert.

Der in Königsberg geborene deutsche Histo­riker Heinrich August Winkler sagt: “Es gibt keine europäi­schen Werte, nur westliche Werte.” Heute ist zu fragen: was aber ist, wenn der – wirklich? – mächtigste Mann der Welt sich auf genau diese Werte ein Ei brät? Dann wird es gefährlich, weil das jeweilige Urver­trauen in den Partner jenseits des Atlantiks zerfällt.

Entweder bringt jemand Donald J. Trump dieses Faktum bei und weist ihn auf die explo­siven Konse­quenzen hin, oder: es kann in unserer trans­at­lan­ti­schen Beziehung knallen. Freilich: wird der Wüterich in Washington D.C. den Schuss überhaupt recht­zeitig hören (wollen/können)? Man kann daran zweifeln. Und verzweifeln. Und muss dennoch hoffen…


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