ESC2024: In wenigen Tagen werden wir wissen, ob Musik ohne Kultur­kampf möglich ist. Oder ob radikale Minder­heiten es schaffen, unbeschwerter Fröhlichkeit einen Schlag zu versetzen. Ich meine den 68. Eurovision Song Contest (ESC) in Malmö, Schweden. Das ist das weltweit wohl vielfäl­tigste, farbigste und unter­halt­samste Pop-Event droht. Dieses Jahr droht es in einen Strudel des Hasses, der Kunst­un­ter­drü­ckung und der Intoleranz hinein­ge­zogen zu werden.

Von Wolf Achim Wiegand

Hamburg/Malmö (waw) – Massive Schutz- und Überwa­chungs­maß­nahmen sollen dafür sorgen, dass der ESC2024 in der Malmö Arena reibungslos abläuft. Hier finden norma­ler­weise Eishockey-Spiele und Konzerte mit bis zu 15.500 Zuschauern statt. Nun müssen Schwedens Sicher­heits­kräfte nicht nur diese Location abschirmen, sondern die ganze 350.000-Einwohner-Stadt an der Ostsee nahe der Öresund-Brücke nach Dänemark. Man rechnet mit rund 100.000 Besuchern aus aller Welt. 

Allen Betei­ligten ist klar: Der Krieg, zu dem die Terror­or­ga­ni­sation Hamas aus Gaza die Armee von Israel provo­ziert hat, wirkt sich bis auf die ESC-Konzert­bühne aus. An die 40.000 zum Teil gewalt­be­reite Personen wollen Kundge­bungen gegen den jüdischen Staat abhalten. Es sind Islamisten und ihre Sympa­thi­santen. Manche von Ihnen könnten ein gefähr­liches Süppchen kochen. 

Polizei und Geheim­dienste gehen alle möglichen Szenarien durch – bis hin zu Anschlägen. Die Überwa­chung ist so massiv, wie bei keinem anderen ESC zuvor. 

Es ist ein Albtraum für die Sicher­heits­kräfte. – Terro­rismus-Experte Magnus Ranstorp

Foto: BBC

Israelische Sängerin bleibt selbstbewusst

Im Fokus der Kritiker steht der Auftritt von Eden Golan. Die 20jährige Israelin hat den natio­nalen ESC-Wettbewerb gewonnen. Seit Monaten trommelt eine Volks­front pro-paläs­ti­nen­si­scher Extre­misten, Israel-Kritiker und Antise­miten gegen die Teilnahme der jungen Sängerin. Und damit ausge­rechnet gegen das Land, das nach der Jahrtau­send­wende 2009 das erste war, das mit einem Duett auch die arabische Sprache auf die ESC-Bühne brachte – der Song hieß “There Must Be Another Way”.

Eden Golan, Kind russisch-ukrai­ni­scher Juden, das in Israel geboren wurde, ist bereits eine Woche vor dem Turnier in Malmö einge­troffen. Es hat die Auftakt­proben hinter sich (erste Reaktionen hier). Einige von Hass zerfres­sende Menschen buhten, pfiffen und schrien, als die junge Frau bei einem Durchlauf vor Publikum probte. Was das mit einem jungen Menschen macht ließ sich die coole Israelin nicht anmerken.

Es ist eine Ehre für mich, mein Land zu vertreten - Eden Golan

Auf dem Flughafen zeigte sich Eden Golan fit wie ein Turnschuh. Angst vor Angriffen auf sie in Schweden habe sie nicht: “, sagte Golan: “Es wird alles gut gehen.”

Bei der Ankunft in Malmö trug Golan eine Ansteck­nadel. Damit zeigte sie Solida­rität mit den 133 Geiseln, die am 7. Oktober in Süd-Israel verschleppt wurden. Die Terror­or­ga­ni­sation Hamas hat diese unglück­lichen Menschen immer noch irgendwo im Gaza-Streifen einge­kerkert und die grausamen Entführer wollen sie nicht ziehen lassen, weshalb Israel den Krieg fortsetzt. Selbst ein Baby und Klein­kinder sind unter den elendig gefan­genen Geiseln.

Nur eine große bunte Pop-Show?

Meist Künstler aus der links­po­li­ti­schen Szene hatten die Europäische Rundfunk­union (EBU) als Veran­stalter aufge­fordert, Golan und das israe­lische Fernsehen vom Sanges­turnier auszu­schließen. Das Argument: Israel betreibe bei seiner Aktion gegen Terro­risten in Gaza „Völkermord“.

Auslöser des Krieges war, dass die Hamas-Miliz 1.239 Menschen zum Teil unfassbar brutal umbringen ließ. Leichen und Lebendige verschleppten die Gnaden­losen in den Gazastreifen. Von den 334 verschleppten und zur Hälfte inzwi­schen freige­las­senen Menschen ist über ein halbes Jahr nach dem Grauen keine Rede mehr.

Die EBU ist trotz des massiven Drucks auch aus politi­schen Kreisen stabil geblieben. Golan wird auftreten. Da ist sich der heterogene Verbund von 72 Sendern in 56 Staaten Europas, Nordafrikas und Vorder­asiens einig. Die angekün­digten Massen­de­mons­tra­tionen haben an dieser Haltung nichts geändert. 

Letzt­endlich ist dies eine Unter­hal­tungsshow für die ganze Familie und nicht die Arena, um einen Nahost­kon­flikt zu lösen. – Martin Österdahl, Executive Super­visor des ESC2024

ESC2024 Malmö Innenstadt City

Malmö, die dritt­größte Stadt Schwedens, liegt in der lieblichen Südprovinz Schonen. In der ist Ikea-Kultde­signer Gillis Lundgren (“Billi”-Regal) aufge­wachsen. Litera­tur­no­bel­preis­trä­gerin Selma Lagerlöf hat hier die Abenteuer des Däumlings Nils Holgersson ersonnen. 

Malmös Muslime bleiben unter sich

Rund 55.000 Muslime leben in Malmö. Das ist ein Sechstel der Gesamt­be­völ­kerung. Die Zuwan­derer und ihre Nachkommen bilden eine enge Gemein­schaft. Die meisten grenzen sich von der freiheit­lichen schwe­di­schen Gesell­schaft ab. Sie betreiben eine eigene Moschee, ein islami­sches Zentrum, eine islamische Schule und eine eigene Bibliothek. 

Die Neu-Schweden mit oder ohne Staats­bür­ger­schaft lösen bei genera­tio­nenlang verwur­zelten Bürgern Unver­ständnis bis Aggression aus. Die Moschee war schon drei Mal das Ziel von Brand­an­schlägen. Einmal schoss ein bis heute Unbekannter durch die Fenster islami­scher Läden. Er traf auch Büros und Wohnungen. 

Erst dieses Wochenende kam es kurz vor Eröffnung der Eurovi­si­ons­ver­an­stal­tungen zu einer Koran- und Paläs­ti­nen­ser­flag­gen­ver­brennung im Zentrum von Malmö. Die schwe­dische Polizei wurde dafür kriti­siert, die Tat so kurz vor der Großver­an­staltung zugelassen zu haben. Im vergan­genen Jahr war es nach einer ähnlichen Provo­kation – es waren dieselben Antrag­steller – zur Gewalt gekommen: Im Einwan­de­rer­viertel Värnhemstorget hagelten Steine auf Polizisten. Dutzende Autos gingen in Flammen auf.

Eine Partei nur für Muslime

Muslime sind in Malmö aber nicht nur Opfer, sondern auch Täter. Viele gelten als hartnä­ckige Juden­feinde. Inter­na­tionale Experten nennen die Stadt ein “Symbol für den neuen Antise­mi­tismus”. Tatsache ist: Nicht immer sind Muslime schuld. Auch Rechts­ra­dikale mischen mit. Dennoch:

Für die jüdische Bevöl­kerung hat sich seit dem 7. Oktober 2023 das Leben in der Stadt verändert - DAS ERSTE

In vergan­genen Jahren wurden ein jüdisches Beerdi­gungs­in­stitut und ein jüdisches Gemein­de­zentrum angegriffen. Jüdische Studenten und Schüler fühlen sich wegen verbaler und physi­scher Attacken von Muslimen nicht mehr sicher. Das stellte die Stadt­ver­waltung schon 2021 in einem Bericht fest.

Auch politisch grenzen sich Muslime in Malmö lieber ab. Die bestehenden Parteien lehnt eine Großzahl ab. Große Aufmerk­samkeit erhielt bei den natio­nalen Wahlen 2022 die neue Islam­partei “Nyans” (Die Neuen). Sie verbuchte in gleich drei sozialen Brenn­punkt­stadt­teilen Malmös aus dem Stand heraus fast 30 Prozent der abgege­benen Stimmen. 

Ist die offizielle Integra­ti­ons­po­litik schief­ge­gangen? Auf jeden Fall ist die Lebens­weise der meisten musli­mi­schen Neuschweden und der angestammten Schweden trotz aller Bemühungen stark unter­schiedlich geblieben.

Malmö möchte an vorderster Front stehen, wenn es um die Bekämpfung aller Formen von Rassismus geht. – Bürger­meis­terin Katrin Stjern­feldt Jammeh, Sozialdemokraten

Scharfer Schutz für Israelis, Juden, Gäste

Die Radika­li­sierung in Malmö gilt als so drama­tisch, dass der israe­lische Inlands­ge­heim­dienst Shin Bet schon vor Wochen vor dem ESC2024 nach Malmö gefahren ist. Er hat ausbal­dowert, wie Golan und die israe­lische Delegation geschützt werden können. Sorge bereitet ein kürzlicher Anschlag in der fernen Europa­haupt­stadt Brüssel: Dort hatten Islamisten zwei schwe­dische Fußballfans erschossen – eine Warnung? 

In was für einer Welt leben wir? Als ich das hörte, fing ich fast an zu weinen. - Janne Andersson, Fussball-Natio­nal­trainer von Schweden

Die European Broad­casting Union (EBU) als Veran­stal­terin koope­riert mit den einge­flo­genen israe­li­schen Perso­nen­schützern. Die wiederum koordi­nieren sich mit Kollegen aus Schweden und weiteren Spezia­listen aus Dänemark und Norwegen. Die nun ergrif­fenen Maßnahmen sind drastisch:

  • Die angereisten Israelis dürfen ihre Hotel­zimmer in Malmö nur zu ihren Auftritten verlassen schreiben die Jerusalem Post und die Times of Israel.
  • Israel-Fans dürfen auf Wunsch der Polizei keine weißblauen David­stern-Flaggen zeigen.
  • Öffent­liche Veran­stal­tungen – etwa Public Viewing – werden nur in geschlos­senen Sälen stattfinden.

Die ESC2024-Verant­wort­lichen greifen das Thema Sicherheit auf ihrer Webseite extra in einer „Fragen & Antworten“-Sektion auf.

Streit um den Song-Text

Foto: BBC

Die Sorgen um die Israelis hatten unmit­telbar nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober begonnen. Eigentlich wollte das Land mit dem Titel „October Rain“ beim ESC2024 antreten. Die Veran­stalter lehnten es jedoch als zu politisch ab. Der Text sei ein “, da es als “zu starker” Kommentar zur blutigen Terrortat in Südisrael.

Das neue akzep­tierte Lied „Hurricane“ enthält einen unver­fäng­li­cheren Text. Es kann dennoch als Statement gewertet werden. Das dazuge­hörige Songvideo enthält Andeu­tungen auf das Supernova-Musik­fes­tival in der Negev-Wüste. Das war für viele fröhliche junge Menschen zur Todes­falle geworden, als die paläs­ti­nen­si­schen Terro­risten und Einwohner aus Gaza dort einfielen. Jugend­liche wurden gequält, erschossen, entführt. 

Trotz der Anfein­dungen: „Hurricane“ liegt in Wettta­bellen des ESC2024 unter den Top 10 der 37 Anwärtersongs

Unpoli­tisch war der ESC trotz seines Anspruchs noch nie. “In der Realität ist das für ein Event, bei dem dieses Jahr 40 Länder gegen­ein­ander antreten, nahezu unmöglich – egal wie viel Glitzer man darüber­streut,” heißt es in der Jugend­zeit­schrift fluter, einem Magazin der Bundes­zen­trale für politische Bildung. 

Politik beim ESC 

Kein ESC2024 ESC2026 Jamala
Jamala aus der Ukraine siegt 2016 mit einem hochpo­li­ti­schen Lied
  • Am 7. April 1973 soll die israe­lische Sängerin Ilanit bei „Ey Sham“ eine schuss­si­chere Weste getragen haben.
  • 1982 siegte die Deutsche Nicole mit dem harmlosen Wunsch nach “Ein bisschen Frieden”. Der wurde in Zeiten des kalten Krieges als hochpo­li­tisch gedeutet.
  • 2009 sollte das russisch bedrängte Georgien den Text seines Beitrages von Stefane & 3G ändern, weil der Titel “We Don’t Wanna Put In” gesungen klang wie “Wir wollen Putin nicht”; das Land knickte nicht ein, sondern verzichtete lieber auf die ESC-Teilnahme.
  • 2016 siegte Jamala aus der Ukraine zwei Jahre nach der russi­schen Besetzung der ukrai­ni­schen Halbinsel Krim mit „1944“, einem Song über UdSSR-Diktator Josef Stalins Depor­tation der Krimtataren.
  • 2019 schwenkte die islän­dische Band “Hatari” eine Palästina-Flagge.
  • Seit 2022 ist Russland wegen des Großan­griffs auf die Ukraine beim ESC gesperrt – Begründung: Die russi­schen Sender betrieben syste­ma­tisch Kriegs-Desin­for­mation und verletzten so eine EBU-Grundregel.
  • Ebenfalls 2022 räumte die ukrai­nische Band “Kalush Orchestra” mit dem sonst eher nicht so mehrheits­fä­higen Folklore-HipHop-Titel “Stefania” ab – offen­sichtlich eine Solida­ri­tätsakt natio­naler Jurys kurz nach dem russi­schen Angriff auf die Ukraine (der darauf­fol­gende ESC kam aber aus Sicher­heits­gründen nicht nach Kyjiw, sondern nach Liverpool, auch das ein Politikum).

Texte, Ansprachen und Gesten politi­scher Natur sind während des Contests untersagt ESC-Wettkampf­regeln.

Eines haben die Extre­misten und ihre Sympa­thi­santen erreicht: “Von ausge­las­sener Vorfreude ist in Malmö in diesen Tagen wenig zu spüren,” berichtet ARD-Korre­spon­dentin Sofie Donges. Vielleicht stellen sich die früher charak­te­ris­tische Fröhlichkeit, die Leich­tigkeit und die poppige Stimmung ja noch ein. 

Eines ist klar: Dann, wenn alles vorbei ist, werden sehr viele ESC2024-Verant­wort­liche sehr tief aufatmen! Und vielleicht konnten die Sicher­heits­kräfte etwas lernen – für die enorm gefähr­deten Fußball-EM in Kürze in Deutschland und die Olympi­schen Spiele im Sommer in Paris und Marseille…


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