Vor den EU-Wahlen publiziere ich immer donnerstags meine Kurzkolumne “Wiegands Wahl Watch” im Printformat von FORUM – Das Wochenmagazin. Es geht um den Europawahlkampf und die Europawahl am 9. Juni. Was tut sich in den 27 EU-Ländern?
Sie können das auch online lesen. Hier Ausgabe 13 / 2024:
Auf dem Weg zur EU-Wahl

In Deutschland wabern bisweilen schwarz-grüne Koalitionsträume. In Europa dagegen leben sich Grüne und Christdemokraten immer weiter auseinander. Manfred Weber (CSU), Chef der größten Fraktion im EU-Parlament, hat Grüne als Bündnispartner abgeschrieben. Er wirft ihnen Rechthaberei und Zwangspolitik vor: „Die grüne Art der Politik hat etwas Freiheitsraubendes.“
Webers Parteifreundin, die Architektin des europäischen „Green Deal“ und Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, rückt auch von den Grünen ab. Für eine zweite Amtszeit scheint ihr eine Allianz mit Nationalkonservativen aussichtsreicher zu sein.
EU-Wahlen: Grüne kein großer Machtfaktor
Tatsächlich ist es so, dass die Habeck- und Baerbockpartei auf europäischer Ebene kein zwingender Machtfaktor ist. Parteien mit Priorität auf Umweltschonung, Klimaschutz und Nachhaltigkeit sind neben Deutschland nur in drei der 27 EU-Regierungen vertreten: Österreich, Belgien und Irland. Die Amtszeit des einzigen grünen EU-Regierungschefs liegt lange zurück und war kurz: Indulis Emsis in Lettland – von März bis Dezember 2004. Längst nicht jedes nationale Parlament hat grüne Abgeordnete in seinen Reihen.

Grüne Konzepte sind dennoch eine feste Größe zwischen Portugal bis Polen. Jede renommierte Partei schreibt sich das auf die Fahnen, auch wenn die streitbare Fraktion „Grüne/Europäische Freie Allianz“ (G/EFA) das Thema im EU-Parlament für sich reklamiert. Mit 75 Abgeordneten aus 16 Ländern ist sie die viertstärkste Gruppe der Volksvertretung (nach Christdemokraten, Sozialdemokarten und Liberalen).
Als Ökoanwälte präsentierten sich die EU-Grünen speziell im Streit über das Verbot klimaschädlicher Automotoren und bei der Renaturierung ganzer Landstriche. Das führte zum Clash mit wütenden Landwirten. Die spanische Rechtspartei Vox mit ihrem Führer Santiago Abascal inszeniert sich bewusst als Gegenbild zu Grünen und geriert sich als Verteidiger der ländlichen Welt und ihrer Bräuche.
“Green Deal” – bei EU-Wahlen weiter umstritten
Im Europawahlkampf steht der „Green Deal“ auf dem Prüfstand. Diese Klimaschutzverordnung soll die 27 EU-Mitgliedstaaten bis 2050 klimaneutral machen. Es war das wichtigste politische Programm der EU-Kommission unter Präsidentin Ursula von der Leyen. Erst etliche Kompromisse hoben es knapp durchs Parlament.
Immer noch gibt es Gegenwind. Das grüne EU-Spitzenkandidatenduo Terry Reintke (Deutschland) und Bas Eickhout (Niederlande) steht in der Kritik, zu lau gewesen zu sein. Das Lager rechts von der Mitte dagegen findet den „Green Deal“ zu strikt.

Der französische Präsident Emmanuel Macron und der belgische Premierminister Alexander De Croo fordern eine Pause bei Umweltinitiativen. Begründung: Die Wirtschaft brauche mehr Anpassungszeit und Industrien könnten in Länder mit laxeren Gesetzen abwandern. Andere Regierungen wünschen eine Obergrenze für die Kohlenstoffpreise im EU-Emissionshandelssystem.
Unterdessen ist Klimaschutz für europäische Bürgerinnen und Bürger eine Top-Priorität:
Laut einer Umfrage halten 29 % der Befragten Klimaschutz für eines der wichtigsten Themen neben Kampf gegen Armut und soziale Ausgrenzung sowie Gesundheit. Aber: Ökologie steht in der Wertigkeit gleichauf mit Unterstützung der Wirtschaft und Schaffung von Arbeitsplätzen. Man wird sehen, wie die Wähler entscheiden. Ein Monat noch…
Nächste Woche mehr.
Wolf Achim Wiegand ist freier Journalist mit EU-Spezialisierung.
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