“Europa im Blickpunkt – Wiegand wills wissen” – Kolumne für FORUM – Das Wochenmagazin. Heute: Die soeben installierte neue EU Kommission steht nach der Bestätigung durch das Europaparlament vor enormen Herausforderungen. Ausgerechnet die wichtigsten Länder Frankreich und Deutschland werden von handlungseingeschränkten Regierungen ohne Parlamentsmehrheit verwaltet. Dabei sind die Aufgaben, vor denen Europa, die Europäische Kommission und die Europäische Union stehen, gewaltig…
Europa im Blickpunkt – Umweltschutz Klimapolitik EU – Fotos: KI

Europa im Blickpunkt
Wiegand wills wissen
Europa im Blickpunkt – EU Kommission in der Krise
Hamburg / Brüssel (waw) – Die neue Europäische Kommission unter Ursula von der Leyen steht erst am Anfang. Doch die Herausforderungen und der kommende Stress sind bereits sichtbar. So ist das Scheitern der französischen Minderheitsregierung fast symbolhaft für die schweren Zeiten, in denen Europa steckt.
Nur drei Monate nach Amtsantritt seines Premiers Michel Barnier ist Präsident Emmanuel Macrons Plan zerkracht. Dabei wollte er mit dem erfahrenen Konservativen sein über die Maßen verschuldetes Land retten. Doch die Grande Nation ist in Extreme zerspalten, es hat nicht sollen sein. Wer nun ans Ruder kommt ist völlig unklar.
Auch Deutschland hat mit Olaf Scholz eine lahme Ente ohne Bundestagsrückendeckung. Daher fallen die zwei wichtigsten Führungsländer für grundlegende Projekte der frischgebackenen EU-Kommission aus. Die hat indessen genug um die Ohren. Es gibt komplexe Themen wie den Ukraine-Krieg, die Klimapolitik und die Wirtschaft. Aber auch die Frage der Mehrheitsbildung im zersplitterten Europäischen Parlament (EP) steht für sie im Mittelpunkt. Dort werden europaweit gültige Gesetze durchgewunken, abgeschwächt oder gestoppt.

Schon das Bestätigungsverfahren der Kommission hatte Risse in der pro-europäischen Allianz aus Christdemokraten, Sozialdemokraten und Liberalen gezeigt. Manfred Weber hatte trotz seiner Autorität als Chef der größten Fraktion EVP einige Mühe. Es war schwierig, die inoffiziellen Partner zusammenzuhalten (feste Koalitionen kennt das EP nicht). Das Ergebnis: die knappste Mehrheit zur Bestätigung einer Kommission seit Einführung des parlamentarischen Mitspracherechts. Selbst die SPD verweigerte dem Leyen-Team ihre Zustimmung.
Liberale versuchen den Ausgleich
Der machtorientierte Weber setzt nun auf „erweiterte Mehrheiten“. Die reichen für den Christdemokraten von den Grünen bis zu weit rechts stehenden Gruppierungen. Dieses Vorgehen über die eigentlich angepeilte Brandmauer hinaus („cordon sanitaire“, Sperrgürtel) heißt das in Brüssel, schürt Misstrauen bei den Sozialdemokraten.
Profitieren tun hingegen die Liberalen von der Fraktion Renew Europe. Ihre Vorsitzende Valérie Hayer positioniert sie sich geschickt als Vermittler zwischen Links und Rechts. Renew scheint bereit zu sein, je nach Thema wechselnde Bündnisse zu schmieden – auch mit konservativen und rechten Lagern.
Für die Kommission bedeutet das: Stabilität ist keine Selbstverständlichkeit. Brüssel muss sich bei der Vorlage von gesetzgeberischen Vorstößen auf Einzelfallentscheidungen einstellen, da das Parlament zunehmend fragmentiert agiert.
Ob das klassische Zentrum weiterhin als verbindende Kraft funktioniert? Oder nimmt die parlamentarische Zerfaserung von den Rändern her zu? Das wird die Kommissionsarbeit Arbeit der nächsten Jahre prägen.
Eine Kolumne von Wolf Achim Wiegand, freier Journalist mit EU-Spezialisierung
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