Inhalt dieses Kommentars: Das neben Deutschland wichtigste Land in Europa ist derzeit nur noch ein Schatten seiner einstigen Größe. Die machtlose Minderheitsregierung ist in der Nacht zum Donnerstag abgesetzt worden. Damit ist das Frankreich unter Präsident Emmanuel Macron in der Europäischen Union so gut wie abgemeldet. Und das in Zeiten, in denen die EU starke Regierungen gut gebrauchen könnte …
Hamburg/Paris (waw) – Frankreich-Präsident Emmanuel Macron steht vor einem politischen Scherbenhaufen. Allerdings: Er hat das Porzellan selbst zerdeppert. Seine überraschende Entscheidung, Neuwahlen auszurufen, hat die Grande Nation in eine Sackgasse geführt. Darin ist die machtlose Minderheitsregierung unter dem konservativen Michel Barnier zerschellt.
Damit fehlt Europa eine weitere zentrale Kraft. Auch das Scholz’sche Minderheitskabinett in Deutschland ist europapolitisch eine lahme Ente.
Diese Entwicklung kommt zu einem kritischen Zeitpunkt. Die Europäische Union kämpft mit enormen Herausforderungen. Dazu gehört die Energiekrise. Aber auch der Ukraine-Krieg und interne Spannungen wie das Vordringen extremer Parteien sind präsent. Nicht zu vergessen der Klimaschutz. Doch die Konsensbildung innerhalb der EU ist jetzt erschwert. Das gilt besonders in Bereichen, in denen Frankreich eine Schlüsselrolle spielt, z. B. bei Reformen der Eurozone oder in der Außen- und Sicherheitspolitik.
Macron scheint in einer ausweglosen Position zu sein. Ohne ein politisches Wunder wird er so schnell keine Regierung einsetzen können. Und selbst wenn – wie soll sie im radikalisierten Parlament einen Haushalt durchkriegen? Das Zusammenzimmern einer neuen Regierung dürfte die Quadratur des Kreises bedeuten. Eine Neuwahl des Parlaments kommt laut Gesetzeslage frühestens im Sommer in Frage.
Schon munkeln Beobachter, Macron selbst könnte vorzeitig zurücktreten und den Weg zu einem kompletten Neuanfang freimachen.

Mehrheiten sind unmöglich
Die politische Landschaft Frankreichs ist seit Macrons viel zu eilfertig angesetzten Neuwahlen polarisiert. Die starken Kräfte sowohl am rechten als auch am linken Rand zeigen kaum Interesse an konstruktiven Lösungen. Macrons Partei hat nur 170 von 577 Sitzen im Parlament. Keine Allianz kann zur Mehrheit führen.
Die fehlende Kontrolle des Parlaments hat Macrons Handlungsspielraum praktisch auf Null reduziert. Zentrale Aufgaben bleiben unerledigt. Die Verabschiedung des Haushalts wäre entscheidend gewesen, um das Vertrauen der Finanzmärkte in Frankreich zu stärken.
Die Staatsverschuldung liegt derzeit bei über 111 % des Bruttoinlandsprodukts (Stand: 2024). Das sorgt international für Besorgnis. Frankreich verletzt alle EU-Budgetvorgaben und ist im Grunde bankrott.
Unterdessen verfolgen die rechtsextreme Marine Le Pen und der linksextreme Jean-Luc Mélenchon unbeirrt ihre Ambitionen auf den Chefposten im Élysée-Palast. Sie erreichten in den Präsidentschaftswahlen 2022 gemeinsam fast 50 % der Stimmen. Die beiden eigentlich herzlich verfeindeten Politiker eint ein Ziel: Den Amtsinhaber zu verdrängen. Dafür nehmen sie die komplette Lähmung in Kauf.

Macrons Probleme hatten im Sommer begonnen. Nach einer Niederlage seiner liberalen Partei „Renaissance“ bei den Europawahlen, löste er die Nationalversammlung auf. Dann rief er die vorgezogenen Wahlen aus. Dieser Schritt, der als strategisches Wagnis gedacht war, erwies sich als schwerer Fehler.
Die Wahlbeteiligung lag bei lediglich 48 %. Das war ein historischer Tiefstand. Die Gemäßigten waren zu Hause geblieben, aber die Extremen gingen zur Urne. Der Versuch, die Wähler durch die Angst vor einem Rechtsruck zu mobilisieren, misslang gründlich. Stärkste wurden die radikalen Linkskräfte, nicht die Rechten – Macron hatte sich komplett verrechnet.
Macron in der Zwickmühle
Das Ergebnis führte also zu einem zersplitterten Parlament. Keine Seite hat mehr die Oberhand. Damit war der Plan einer Stabilisierung Frankreichs eigentlich schon am Wahltag gescheitert.
Vor diesem Hintergrund bleiben Macron nur zwei Optionen. Entweder er ernennt eine neue Regierung und versucht, sich durch die verbleibende Amtszeit zu retten. Oder er tritt zurück – ein Szenario, das seine Gegner längst fordern.

Momentan erscheint es wenig wahrscheinlich, dass Macron seinen Rückzug in Betracht zieht. Stattdessen wird er wohl weiter versuchen, sich durchzumanövrieren.
Das politische System Frankreichs stagniert indessen. Es fällt für große europäische Projekte aus. Es herrscht Nebel in Paris…
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