“Europa im Blickpunkt – Wiegand wills wissen” – Kolumne für FORUM – Das Wochenmagazin. Heutiges Stichwort: Zeigt das EU-Parlament Zähne? Die Volksvertretung könnte nicht genehme EU-Kommissionsanwärter ablehnen. Wer sind die Wackelkandidaten?
Titelfoto KI-generiert

Europa im Blickpunkt
Wiegand wills wissen
Wenn das neu gewählte Europäische Parlament am Montag (16. Oktober 2024) zur ersten Sitzung nach der Konstituierung zusammentritt, werden wir erfahren, ob die Volksvertretung Einspruch gegen einzelne EU-Kommissionsanwärter einlegen wird.
Die Volksvertretung muss das 26-köpfige Kollegium insgesamt abnicken. Einspruch gegen Einzelne ist nicht möglich. Er kann aber durch die Zustimmungsverweigerung für das Gesamtteam ausgedrückt werden.
Damit könnte die Kommissarsriege zusammenfallen. Christdemokratin Ursula von der Leyen hat sie mühselig aus Vorschlägen der EU-Regierungen zusammengestellt, inklusive Ressortzuweisung. Ein Puzzle, das politische und nationale Befindlichkeiten zusammenfügt.
Bislang zeichnen sich drei Wackelkandidaten ab.
Der italienische Europaminister und EU-Kommissionsanwärter Raffaele Fitto soll künftig für Wirtschaft verantwortlich sein und sogar Vize von der Leyens werden. Die Liberalen lehnen den 55-jährigen Rechtsaußen von der neofaschistischen Partei Fratelli d’Italia – zumindest bislang – ab. Schließen sich ihnen genügend andere EU-Fraktionen an, wäre das Aus ein herber Rückschlag für Fittos Mentorin. Das ist die italienische Regierungschefin Giorgia Meloni.



Das zweite Problem ist die derzeitige Außenministerin des EU-Gastgeberlandes Belgien, Hadja Lahbib (54). Die Liberale gilt ihren Kritikern als unerfahren und inkompetent. Lahbib war vor zwei Jahren von einer TV-Sprecherin zur Chefdiplomatin hochkatapultiert worden und beging mehrere Fauxpas. Das EU-Parlament wird sie wohl bei einer Anhörung „grillen“ wollen. Im komplizierten innerbelgischen Politikgeflecht könnte ein “Nein” erhebliche Konsequenzen haben.
Atomkraft spaltet EU-Parlament
Die Sozialistin Teresa Ribera, die von der spanischen Umweltministerin zur Klimakommissarin aufsteigen möchte, findet ebenfalls nicht überall Zuspruch. Osteuropäische EU-Abgeordnete kritisieren die strikt negative Haltung der 55-jährigen zur Atomkraft. Das sei „inakzeptabel“. Die Frage ist, ob sich unter Rechten und Konservativen genügend weitere Stimmen zur Rebellion finden. Falls ja, würde das der vorschlagenden linken Regierung von Pedro Sánchez in Madrid einen Dämpfer versetzen. Ausweg: Von der Leyen erwägt, Ribera zur einflussreichen Wettbewerbskommissarin hochzupuschen. Das könnte ihr und Sánchez Gesicht wahren.
Insgesamt wird die künftige EU-Kommission so farbenreich sein, wie der Staatenverbund es ist. Die Farbe Schwarz wird aber dominieren: Leyens Mitte-Rechts-Partei EVP wird Schlüsselpositionen besetzen. Ihre „Koalitions“-Partner Sozialdemokraten und Liberale verlieren an Einfluss. Nächste Woche mehr.
Eine Kolumne von Wolf Achim Wiegand, freier Journalist mit EU-Spezialisierung
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