Europa Deutschland Merz: Mein Beitrag in FORUM – Das Wochen­ma­gazin. Heute: Seit der Kanzlerwahl vom 6. Mai 2025 ist noch nicht viel Zeit vergangen. Dennoch steht Friedrich Merz bereits erheblich unter Druck. In Europa sind die Erwar­tungen angesichts der Krisen im und rund um den Kontinent herum hoch. Was wollen Nachbarn, Verbündete und Anrainer von Berlin?

Europa Europäische Union Flagge

Europa im Blickpunkt
Wiegand wills wissen

Moin, liebe Mitmen­schen in Europa,

Europa hat die Wahl von Friedrich Merz mit Spannung verfolgt. Der Christ­de­mokrat trägt nun Hoffnungen und Ängste eines Konti­nents auf seinen Schultern. Die Erwar­tungen an den neuen Taktgeber in Berlin könnten kaum höher sein. Sie erstrecken sich von Portugal bis Polen und von Kopen­hagen bis Kyjiw. Eine Analyse.

Europa Deutschland Merz

Von Wolf Achim Wiegand

Hamburg/Berlin/Brüssel (waw) – “Deutschland steht am Schei­deweg“, analy­siert Daniela Schwarzer, die Polito­login mit Insider­blick auf Europas Macht­gefüge. Als Vorständin der Bertelsmann Stiftung weiß sie: Merz’ Erfolg hängt davon ab, ob er seine Reform­ver­sprechen mit Tatkraft umsetzt. Nur so kann Deutschland die Führungs­rolle in Europa zurück­er­obern – und dem Schatten populis­ti­scher Kräfte entkommen, die überall lauern.

Nach den als träge empfun­denen Jahren unter Olaf Scholz sehnt sich Europa nach einem Deutschland, das nicht nur zahlt, sondern auch denkt und lenkt. Frank­reichs Emmanuel Macron spricht vom „deutsch-franzö­si­schen Motor“, der die EU auch gegenüber den USA wieder auf Touren bringen müsse. „Wir brauchen europäische Souve­rä­nität, und Deutschland ist der Schlüssel“, sagt Macron mit Nachdruck.

Besonders kleinere EU-Staaten wie Dänemark warten auf die Wende. „Deutsch­lands Stärke sichert unsere Werte“, betont Minis­ter­prä­si­dentin Mette Frede­riksen. Lettlands Ex-Außen­mi­nister Krišjānis Kariņš glaubt:

Ein starkes Deutschland heißt ein sicheres Baltikum.

Europa Deutschland Merz


Vergessen sind die Zeiten, als ein starkes Deutschland Ängste weckte. François Mitterrand, der einstige Staats­prä­sident Frank­reichs, sagte einst ironisch: 

Ich liebe Deutschland so sehr, dass ich froh bin, dass es zwei davon gibt.

Das klingt wie ein Relikt aus einer anderen Ära. Ist es ja auch. Heute fleht Europa: „Deutschland, steig in den Pilotensitz!“ Ist Merz, der Hobby­flieger, genau der Mann, den Europa sich am Steuer­knüppel der größten EU-Nation erhofft?

Merz spürt den Druck – und reagierte bereits vor Regie­rungs­über­nahme. Außen­po­litik sei Chefsache, kündigte der 69-Jährige an. Sein Außen­mi­nister und Partei­freund Johann Wadephul wird seine Diplo­matie eng mit dem Kanzleramt aus einem Guss formen.

Bild: KI (Grok)

Ein Mann, ein Plan, ein Regierungsflieger

Die neue geopo­li­tische Ausrichtung der Bundes­re­publik lässt sich an den Merz’schen Auftakt­reisen ablesen. Kaum im Amt, jettet er nach Paris zu Macron. Am selben Tag noch fliegt Merz wieder über Berlin hinweg nach Warschau zu Donald Tusk.

Dann folgt ein symbol­träch­tiger Trip nach Kyjiw, gemeinsam mit Macron, Tusk und dem briti­schen Premier Keir Starmer. Vielleicht ein Thema: Taurus-Liefe­rungen für die Ukraine? Anders als sein zögernder Vorgänger ist Merz dazu bereit – „in Abstimmung mit den Partnern“. Er nannte die Zerstörung der Krim-Brücke von Kertsch als ein Ziel. Dies trug ihm aus Moskau die rüde Bezeichnung „Nazi“ ein.

Merz’ weitere Auslands­ziele sind Priori­täten geschuldet. Dicht getaktet folgten der Nato- und EU-Sitz Brüssel und Europas neues Kraft­zentrum London. Das derzeitige Problem­pflaster Washington kommt noch. Es folgen der weltpo­li­tische G7-Gipfel in Kananaskis (Kanada) und das Treffen der Europäi­schen Politi­schen Gemein­schaft in Tirana (Albanien).

Im Mai will Merz so die Weltbühne erobert haben.

Warten auf die Wende


Doch Europa will mehr als Show. Es brennt auf ein Deutschland, das nicht nur wirtschaftlich wieder glänzen, sondern auch militä­risch Muskeln zeigen soll. So drängen besonders die europäi­schen Christ­de­mo­kraten unter Manfred Weber (EVP/CSU) auf eine europäische Vertei­di­gungs­union – notfalls mit EU-Schulden finanziert.

Dabei ist Merz dem CDU-Wahlpro­gramm verpflichtet, das verlangt: „Unser Europa muss eine Vertei­di­gungs­union werden!“ In diesem Punkt steht Merz unter internem Zugzwang, obwohl andere EU-Regie­rungen vorsich­tiger sind. Aber für die Willigen ist klar: Ohne Deutschland bleibt gemeinsame Sicher­heits­po­litik bis jetzt nur ein Luftschloss.

Deutschland ist heute in Europa auch ein Mitge­stalter europäi­scher Autonomie – gegenüber den abtrünnig gewor­denen USA wie gegenüber dem System­ri­valen China. Mit Merz’ wirtschafts­li­be­raler und sicher­heits­po­li­ti­scher Haltung verbinden viele Haupt­städte die Hoffnung auf engeren Schulterschluss.

Bild: KI

Die angekün­digte massive Aufsto­ckung des deutschen Vertei­di­gungs­haus­halts durch Schwarz-Rot wird vor allem in den meisten östlichen EU-Ländern mit Wohlwollen regis­triert. Je weiter man sich von der russi­schen Grenze entfernt, desto mehr ändern sich aller­dings die Erwar­tungen an die Bundesrepublik.

So hoffen Spanien, Italien und Portugal besonders auf frische wirtschaft­liche Dynamik. Pedro Sánchez, Spaniens Premier­mi­nister, sieht in einem ökono­misch fitten „Alemania“ einen „Motor für Europas sozialen Zusam­menhalt.“ Das Aufweichen der Schul­den­bremse empfindet der Sozial­de­mokrat als Schaffung neuer Inves­ti­ti­ons­spiel­räume, die dem gesamten Binnen­markt zugutekämen.

Weimarer Dreieck als Kraftzentrum

Europa Deutschland Merz

In die erwar­tungs­frohe Sympathie mischt sich Sorge. So wird der Aufstieg der AfD in ganz Europa genau beobachtet. Die Frage ist, ob die CDU/C­SU/SPD-Koalition dem Populismus mit einem größeren finan­zi­ellen Spielraum entge­gen­treten kann. Dies gilt als Lackmustest für die gesamte EU. In fast allen 27 EU-Ländern sind radikale Kräfte auf dem Vormarsch. Sie bedrohen, wie jüngst im EU- und Nato-Land Rumänien, die Bündnisse und die westliche Werte­ge­mein­schaft. Nun erwarten viele in Brüssel und Berlin einen morali­schen Kompass, der auch ihnen ihre Richtung vorgibt.

Nirgends brennt die Erwartung an Deutschland heißer als in der Ukraine. „Wir vertei­digen, dass Berlin nachts ruhig schläft“, sagt Botschafter Oleksij Makejew mit bitterem Unterton. Kyjiw hofft auf Merz’ klare Kante: mehr Waffen, mehr Geld, mehr Rückhalt. 

Anders als der zöger­liche Scholz zeigt Merz Mut. In der Sendung „Caren Miosga“ sprach er offen über Taurus-Marsch­flug­körper für die Ukraine. Trotz der danach giftigen Belei­digung aus Moskau: Merz gibt sich unbeein­druckt. Viele – wenn auch nicht alle – Teile Europas applau­dieren. Moskau schäumt…

Klippen in Seine und Spree

In Frank­reich, dem Partnerland der legen­dären deutsch-franzö­si­schen Freund­schaft, herrscht frühlings­hafte Aufbruchs­stimmung. Die Frost­zeiten zwischen Scholz und Macron sind passé; Merz soll die Liebe neu entfachen. Paris träumt von einem politisch, wirtschaftlich und militä­risch unabhän­gigen Europa. Es wünscht sich EU-„Champions“, die bei Produktion und Handel mit China und den USA konkur­rieren. Und es will ein Deutschland, das die Atomkraft nicht länger verteufelt. 

Das „Weimarer Dreieck“ – Deutschland, Frank­reich, Polen – soll wieder pulsieren. Alle drei haben ein Interesse eng zusam­men­ar­beiten. Frank­reich ist als zweit­größte Volks­wirt­schaft der EU innen­po­li­tisch durch den Aufstieg des rechts­extremen Rassem­blement National schwer angeschlagen. Daher hat es auch inter­na­tional an Gewicht verloren – das will Macron nun wettmachen. Und Tusk als Nachbar Putins braucht Profi­lierung gegen die starke natio­na­lis­tische Opposition – Merz geht es abgestuft ähnlich.

Bild: KI

Europa Deutschland Merz

Was Frank­reich und Deutschland angeht: Es gibt auch Klippen in Seine und Spree. So stößt Frank­reichs Push für Eurobonds und Vertei­di­gungs­an­leihen in Berlin auf Skepsis. Die paneu­ro­päische H2Med-Wasser­stoff­pipeline, ein Presti­ge­projekt durch den Kontinent für grüne Energie, sorgt in Paris für Stirn­runzeln wegen Kosten und Umweltfragen. 

Sprengsatz Nahost

Und dann ist das Thema Nahost. Merz erklärt Israels Schutz weiter zur deutschen Staats­räson. Er will Wege finden, den israe­li­schen Premier Netanjahu zu empfangen, der vom Inter­na­tio­nalen Straf­ge­richtshof in Den Haag per Haftbefehl gesucht wird. Macron hingegen plant die Anerkennung des inexis­tenten Staates Palästina. Das ist ein Tanz auf Messers Schneide, der die deutsche Diplo­matie fordern wird.

Vielen im Ausland ist Merz als Person aller­dings ein Rätsel. Sein Bekannt­heitsgrad ist nicht überall hoch, da er noch nie ein Regie­rungsamt innehatte. Dennoch erwartet man von ihm und seinem Kabinett viel. Europäer, die Merz kennen, sehen den „Neuen“ als klaren Redner und wirtschafts­li­be­ralen Hardliner mit sicher­heits­po­li­ti­schem Biss. Seine Herku­les­aufgabe lautet: die Bundes­re­publik als Anker­staat der EU neu zu erfinden. Und das inmitten von Kriegen, Wirtschafts­krisen und populis­ti­schen Winden.

Der Blick aus dem europäi­schen Ausland ist daher nicht nur gespannt – auch fordernd. Von Italien bis Irland, aber auch von Peking bis Washington – die Welt schaut auf Berlin. Sie will Stärke vom deutschen Staat sehen. Diese Kraft soll aber ohne Dominanz sein. Und erst recht ohne deutsche Beleh­rungen. „Voran­gehen, ja – bevor­munden, nein“, lautet die Botschaft.

Eine Kolumne von Wolf Achim Wiegand, freier Journalist mit EU-Spezialisierung

Demnächst mehr aus Europa.

Europa Deutschland Merz

☕ Du kannst meine journa­lis­tische Arbeit unter­stützen. Kaufe mir eine Tasse Kaffee. Hier klicken: https://buymeacoffee.com/european.expert

Europa Deutschland Merz


Entdecke mehr von http://www.european.expert

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E‑Mail zu erhalten.