Europa Rumänien Präsi­den­tenwahl: Europäische Union und NATO sind nur knapp einer politi­schen Katastrophe entgangen. Nicușor Dan hat verhindert, dass das strate­gisch wichtige Land in Kremlhand fällt. Dennoch: Fast jeder zweite Rumäne war bei der Präsi­den­tenwahl bereit, die Macht in Bukarest einem Kreml-Kandi­daten zu übergeben.

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Europa Rumänien Präsidentenwahl

Von Wolf Achim Wiegand

Hamburg/Bukarest/Brüssel (waw) – Nach monate­langem Schreck­ge­spenst eines beinharten Rechts­extre­misten als Präsident von Rumänien hat sich die Mehrheit des Ukraine-Nachbar­landes doch für einen Gemäßigten entschieden. Mit knapp über 54 % übernimmt der Bukarester Bürger­meister Nicușor Dan unerwartet deutlich das einfluss­reiche Amt.

Der als Favorit gehan­delte Ultra­na­tio­nalist George Simion hatte mit etwa 46 % das Nachsehen – somit bleibt Rumänien auf Westkurs. Dan folgt auf den glücklos abgetre­tenen Klaus Iohannis, einen deutsch­ori­en­tierten Sieben­bürger. Er galt als selbst­herrlich und volksfern.

Der knappe Sieg des charis­ma­tisch kaum nennens­werten Dans kann den Frust von Millionen Rumänen über die politische Führung nicht überdecken. Korruption, gebro­chene Wahlver­sprechen und Posten­ge­schacher haben das Vertrauen in die Demokratie erschüttert – seit 1989 mühsam erkämpft. Damals hatten Offiziere den gelernten Schuh­macher und späteren kommu­nis­ti­schen Despoten Nicolae Ceaușescu erschossen worden.

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Ein Viertel­jahr­hundert später speist sich die Enttäu­schung in Rumänien aus Missachtung, Still­stand und Macht­miss­brauch der Politiker und Parteien. Der „Justiz­abbau“ der 2010er-Jahre empört bis heute. Verspro­chene Reformen im Bildungs- und Gesund­heits­wesen stocken. Immer wieder stehen Staats­diener und Gewählte wegen Berei­cherung oder Vettern­wirt­schaft vor Gericht.

Vor diesem Hinter­grund empfinden Viele die demokra­ti­schen Struk­turen und ihre Führungs­fi­guren als korrupt und reali­tätsfern. Dazu kommt: Nicht wenige spüren nichts von den Segnungen des EU-Beitritts – vor allem auf dem Land.

Während Bukarest boomt, ist die Infra­struktur in Regionen trotz Milli­ar­den­hilfen marode. Städte wachsen, doch in ländlichen Gegenden herrschen teils prekäre Verhält­nisse. Rentner, Kinder und Minder­heiten profi­tieren kaum vom wirtschaft­lichen Aufschwung seit dem Beitritt zur EU im Jahre 2007, deren Vorgaben nur halbherzig umgesetzt werden.

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Bei solchen Zuständen ist es kein Wunder, dass das Vertrauen in Brüssel ebenso leidet, wie der Optimismus über die Perspektive im eigenen Land. Laut Initiative „Junge Wähler“ glauben 68 % der 18- bis 35-Jährigen, Rumänien entwickle sich in die falsche Richtung. 

Wir sind eine im Verschwinden begriffene Nation. – Marian Hanganu, Geschäfts­führer der rumäni­schen Perso­nal­ver­mitt­lungs­firma Colorful

Hundert­tau­sende junge Menschen sind bereits ausge­wandert – das ist klassi­scher Brain-Drain. Mehr als 3,5 Millionen Rumänen leben inzwi­schen im Ausland – viele gut ausge­bildet. Darunter sind Ärzte – in Rumänien schlecht bezahlt suchen sie einen auskömm­li­cheren Lebens­un­terhalt. Sie gehlen in Dörfern, wo ein Arzt erst in der weit entfernten Stadt zu finden ist.

Man findet ausge­wan­derte Rumänen in westeu­ro­päi­schen Zielen wie Italien, Spanien, Deutschland. Dort kommen sie meist gut zurecht, aber zuhause fehlen sie eben. Familien werden zerrissen, während die Bindung in die Heimat schwindet.

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Die rumänische Politik hat es bis heute nicht vermocht, mit echten Taten gegen­zu­steuern. Insta­bi­lität, Skandale und über 15 Regie­rungs­wechsel seit 1989 lähmen das Vertrauen in die Parteien. Die meisten Volks­ver­treter gelten als abgehoben und taub für die Sorgen der Menschen.

So wuchs der Nährboden für rechts­extreme Kräfte. Bei der Parla­mentswahl im Dezember 2024 verdop­pelte die Natio­na­lis­ten­partei AUR ihren Stimmen­anteil auf 18 %. Die regie­renden Sozial­de­mo­kraten (PSD) fielen auf 23 %.

Höhepunkt des rechten Aufwinds: Der prorus­sische Rechts­extreme Călin Georgescu gewann im Dezember 2024 den ersten Wahlgang zur Präsi­dent­schaft. Er war ein Unbekannter, warb fast nur online und mit viel Geld. Die Finan­zierung seiner Kampagne mit einfachen Slogans und großen Verspre­chungen kam offenbar aus dem Ausland. Das oberste Gericht annul­lierte die Wahl wegen „hybrider russi­scher Einflussnahme“.

Diese Wieder­holung stärkte George Simion als Ersatz­kan­didat Georgescus – er nutzte sein Chance als selbst­er­nannter Rächer des Enterbten. Simion wetterte gegen Bukarest und Brüssel, träumte von einem Groß-Rumänien mit Moldau und Teilen der Ukraine. Er liebäu­gelte sogar mit Wieder­ein­führung der Monarchie, die 1947 gewaltsam beendet wurde.

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Dass Simion beinahe Präsident wurde, ist ein Warnsignal – für Rumänien, Europa und die NATO. Denn der Präsident bestimmt Außen- und Sicherheitspolitik, beruft die Regierung und kann Volksabstimmungen initiieren. Simion hätte Rumänien von EU und NATO lösen wollen.

Mit der Wahl Dans ist Europa nur knapp einer politi­schen Katastrophe entgangen. Und das in einer sensiblen Region. Seit Russlands Angriff auf die Ukraine dient das Schwarzmeer- und Karpa­tenland als Transit­kor­ridor für militä­rische Hilfe. Südlich von Constanța entsteht der größte NATO-Stütz­punkt Europas, “Mihail Kogăl­niceanu”. Er wird US-Truppen beher­bergen und fast doppelt so groß wie Ramstein sein.

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Das sagte der einstige NATO-Chef Jens Stoltenberg. Doch ausge­rechnet hier war fast jeder zweite Wähler bereit, eine kreml­freund­liche Präsi­dent­schaft zu riskieren. Das ist ein Warnsignal an die rumänische Élite und an Europa: Der politische Frust in Rumänien ist existen­ziell. Also gibt es viel zu tun für den künftigen Präsi­denten Nicușor Dan. Der einstige Mathe­matik-Professor dürfte sich das wohl selbst ausge­rechnet haben.

Ein Bericht von Wolf Achim Wiegand, freier Journalist mit EU-Spezialisierung

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