Europa im Blick­punkt – Wiegand wills wissen” – Kommentar für FORUM – Das Wochen­ma­gazin – Europäi­sches Parlament, eine Wundettüte mit wechselnden Mehrheiten? Geht es weiter mit Gezerre, wie im Falle der Ursula von der Leyen? 

Titelbild: KI-generiert

Europa Kommentar

Europa im Blickpunkt
Wiegand wills wissen

Das Hinter­zim­mer­ge­zerre um Ursula von der Leyen zeigt: In diesem Europäi­schen Parlament werden Mehrheiten immer wieder erkämpft werden müssen. Anders als nationale Volks­ver­tre­tungen pflegt man keinen „Frakti­ons­zwang“. Das kann Unruhe schaffen, weil nicht immer feststeht, wie Abstim­mungen ausgehen. Anderer­seits: An sich eine schöne demokra­tische Gepflo­genheit, die dem einzelnen Abgeord­neten mehr Macht lässt.

Stellen wir uns also darauf ein: In der zersplit­terten Volks­ver­tretung wird es mal Mehrheiten der bürger­lichen Mitte aus Christ­de­mo­kraten, Sozial­de­mo­kraten und Liberalen geben, mal werden weit rechts­ste­hende Fraktionen mitmi­schen. Ob die gegen Rechts verab­redete Brand­mauer („cordon sanitaire“) hält wird man sehen. Die Absage von Zusam­men­arbeit ist proble­ma­tisch: Die Ausge­sperrten können Opfer spielen und brauchen nicht zeigen, ob sie zu konstruk­tiver Arbeit fähig sind.

Eine besondere Rolle als Dauer­op­po­sition werden die “Patrioten für Europa” spielen. Das ist die Fraktion um die Fidesz-Partei des EU-Querkopfes Viktor Orbán. Mit dabei: Frank­reichs Le-Pen-Bündnis RN, Öster­reichs FPÖ, die nieder­län­di­schen PVV-Regie­renden und weitere Natio­na­listen bis Rechts­ra­dikale. Die Neofa­schisten von Italiens starker Frau Giorgia Meloni sind nicht dabei, dennoch ist die Fraktion dritt­stärkste Kraft.

Was treibt Patrioten-Initiator Orbán an? Der chinaaffine Putin-Freund aus Budapest hat sich mittels Europäi­sches Parlament eine Bühne geschaffen. Er jettet durch die Welt und spielt Rächer aller Rechten. Zu Hause träumt Orbán von neuer Größe Ungarns, das mit den Habsburgern 800 Jahre bis 1918 über die Slowaken herrschte. 

Es wird wenig bei uns berichtet: Orbán quält seine Nachbarn mit Forde­rungen zu Gunsten ungari­scher Minder­heiten. Deshalb ist er dort wenig beliebt. Nicht einmal vor Einmi­schung in Wahlen schreckt Orbán zurück.

Die ungari­schen Natio­na­listen leiden heute nicht nur hinter verschlos­senen Türen, sondern jetzt sogar öffentlich darunter, dass Ungarn nach dem Ersten Weltkrieg 1918 zwei Drittel seines Landes verloren hat, etwa ­Trans­syl­vanien im heutigen Rumänien, Teile Serbiens, der Ukraine und Kroatiens. – Erich Rathfelder, taz-Korre­spondent in Südosteuropa

Ein Kommentar von Wolf Achim Wiegand, freier Journalist mit EU-Spezialisierung

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