Verspätet sind in Brüssel die vorgesehenen Namen für die neue EU-Kommission bekanntgegeben worden. Die oberste Verwaltungsbehörde der Europäischen Union wird so bunt werden, wie Europa vielfältig ist. Jedes der 27 Mitgliedsländer stellt einen Posten. Entscheidungen werden gemeinsam im kollegialen Plenum getroffen, auch wenn die Kommissare ähnlich wie nationale Minister ein präzises Ressort leiten. Die Liste der künftigen Brüsseler Spitze enthält einige Überraschungen.
Brüssel (waw) – Nun hat sie es also geschafft. Fast viereinhalb Monate nach der Europawahl hat Ursula von der Leyen ihr voraussichtliches Team bekanntgegeben. Mit dieser Crew will sie die EU als Kommissionspräsidentin die nächsten fünf Jahre verwalten.
Fast 50:50 bei Frauen und Männern
Die Personalfindung war holprig. Es kann sein, dass bei den nun folgenden Anhörungen des Europäischen Parlaments jemand auf der Strecke bleibt. Die Aufgaben indes sind gewaltiger und größer, als je zuvor in der EU, seit sie 1993 durch den Vertrag von Maastricht gegründet worden ist.
Keine Regierung, aber Impulsgeber: Die Aufgabe der EU-Kommission
Die Kommission stößt politische Initiativen der EU an. Sie ist als Exekutivorgan (Behörde) für die Ausführung von Gesetzen und Programmen zuständig. Die Institution verwaltet überdies den EU-Haushalt und handelt internationale Abkommen aus.
Ein propagiertes Ziel hat von der Leyen nur fast erreicht: Genderparität. Trotz massiven Drucks auf bestimmte Regierungen ist ihr “nur” eine Quote von 40 % gelungen. Die EU-Regierungen haben ihr zu wenig weibliche Führungskräfte vorgeschlagen. Vielleicht war die Besetzung der allerobersten Spitzenjobs eine Art Rache dafür? Jedenfalls hat von der Leyen den Spieß umgedreht: Als ihre Stellvertreter hat sie vier Frauen und zwei Männer berufen. Damit steht es on top 5:2.
“Queen Uschi” hat Haare auf den Zähnen. Dies zeigte sie ein weiteres Mal durch Rückstufung von gleich drei Amtsinhabern auf weniger wichtige Posten. Der Bannstrahl traf besonders empfindlich die Veteranen Maroš Šefčovič (58, Slowakei) und Valdis Dombrovskis (53, Litauen):
Ex-Kommunist und Ex-Diplomat Šefčovič ist seit 2009 Mitglied der EU-Kommission. Er soll nun Handel und wirtschaftliche Entwicklung bearbeiten. Somit ist er Nachfolger von Dombrovskis, der schon unter Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker EU-Vizepräsident war und zuletzt Soziales verantwortete. Dubrovskis Ressort heißt jetzt “Wirtschaft, Produktivität, Vereinfachung”. Als dritte Osteuropäerin wurde die Kroatin Dubravka Šuica degradiert. Sie hat aber mit Mittelmeerfragen ein durchaus spannendes Ressort (siehe unten).
Wer hat wirklich etwas zu sagen?
Mit die wichtigsten Jobs halten eine harsche liberale Russland-Kritikerin, eine spanische Sozialistin und ein italienischer Neofaschist:



- Kaja Kallas (47) tauscht das Ministerpräsidentenamt im vermeintlich beschaulichen Estland mit der Position der Hohen Vertreterin und Vizepräsidentin. Sie muss also die 450 Millionen EU-Einwohner als EU-Chefdiplomatin durch eine krisengetränkte Welt steuern. Herkunftsmäßig hat die ausgebildete Juristin einen besonders geschärften Blick auf Russland. Als Einzige wurde Kallas gemäß den Statuten nicht von der Kommissionschefin benannt, sondern von den EU-Regierungschefs.
- Teresa Ribera (55) wechselt vom Madrider Umweltministerium in die einflussreiche Aufgabe als Wettbewerbskommissarin – wenn das EU-Parlament mitmacht. Die ehrgeizige Sozialistin muss taffe Taktiken zur Zähmung mächtiger Weltkonzerne anwenden. Die eigentlich gewünschte Aufgabe als Klimakommissarin wurde ihr als drastischer Atomkraftgegnerin versagt. Doch auf dem Papier darf sie als Vizepräsidentin den 48-jährigen Niederländer Wopke Hoekstra beaufsichtigen. Er bleibt Klimakommissar. Zusätzlich soll der Christdemokrat “sauberes Wachstum” schaffen.
- Rafaele Fitto (55), Europaminister der italienischen Regierungschefin Giorgia Meloni ist als Vize und Regionalfondskommissar vorgesehen. Er dürfte vom Europäischen Parlament (EP) so gut wie sicher noch kritisch durchleuchtet werden. Die Anhörung (EU-Jargon: “Der Grill”) wird strenger sein als bei anderen Anwärtern:
Fittos als postfaschistisch klassifizierte Partei Fratelli d’Italia hat EU-Reformen immer bis aufs Blut bekämpft. Nun soll er geschäftsführender Vizepräsident der EU-Kommission werden sowie den Europäischen Sozialfonds und einen Fonds für regionale Entwicklung leiten. Damit ist er für die Unterstützung der ärmsten EU-Regionen verantwortlich. Ob das alle EU-Volksvertreter mitmachen ist offen.
Italiens Mann im Schussfeld

Dass ein Vertreter einer rechtsextremen Partei das Amt eines Exekutiv-Vizepräsidenten bekommen soll, ist völlig unverständlich. - Der grüne Europaabgeordnet Rasmus Andresen kündigt schon mal wütend Widerstand an.
Endlich ist Italien wieder ein Hauptdarsteller in Europa. Viel Glück, Raffaele. – Fittos bisherige Chefin Giorgia Meloni jubiliert, weil sie ihren Getreuen bestens platziert hat.
Interessant sind vier neue Ressorts, die von der Leyen geschaffen hat. Sie spiegeln die veränderte Weltlage seit ihrem ersten Amtsantritt 2019 wider. Damals sprach alles vom Klimaschutz. Heute stehen zusätzlich Krisen wie die Bedrohung durch Russland im Vordergrund. Auch die Handelsstreitigkeiten mit China sind wichtig. Darüber hinaus ist die Abhängigkeit Europas von Technologien, Rohstoffen und Handelsströmen ein zentrales Thema.
Ein Balte fürs Militär, eine Kroatin fürs Mittelmeer

Der Christdemokrat Andrius Kubilius (67) wird das Amt für Verteidigung und Weltraum übernehmen. Er soll erstmals europäische Rüstungsanstrengungen koordinieren. Kubilius hat allemal Motivation. Er war einst Premierminister der kleinen Baltenrepublik Lettland, die sich durch Russland besonders bedroht fühlt.
Kubilius hat sich laut Deutschlandfunk für eine Stärkung der europäischen Verteidigungsfähigkeit ausgesprochen. Russland könne innerhalb von sechs bis acht Jahren zu einem Angriff auf NATO-Staaten in der Lage sein. Um Europa abzusichern, seien zusätzliche Investitionen von mindestens 500 Milliarden Euro nötig. Kubilius will sich zudem für eine europäische Verteidigungsunion einsetzen.
Neue Ufer muss auch die Kommissarin für die Mittelmeer-Region betreten: Die kroatische Politikerin Dubravka Šuica. Die 67-jährige bisherige Vize-Kommissionspräsidentin war früher Bürgermeisterin von Dubrovnik. Damit ist sie eng verwoben mit dem neuen Aufgabengebiet. Die EU hat im Mittelmeer außer Fischerei‑, Ölbohr- und Migrationsinteressen den gesamten Raum im Blick. Er reicht von der Türkei über die nordafrikanischen “Nachbarn” bis nach Gibraltar und Marokko.

Ein weiteres neues Schlüsselressort soll Henna Virkkunen (52) bekommen. Es nennt sich “Technologische Souveränität, Sicherheit und Demokratie”. Virkkunen soll unter anderem Europas Abhängigkeit von Drittstaaten bei Schlüsseltechnologien beenden. Dazu muss Virkkunen sich um Spitzenforschung kümmern. Die mehrmalige finnische Ministerin und EU-Abgeordnete steigt zudem zum erlauchten Kreis der sechs Vizepräsidenten auf.
Unterschätzter Wohnungsbau
Erstmals wird sich die EU in Gestalt des dänischen Sozialdemokraten Dan Jørgensen um Wohnungsbau kümmern. Eine wichtige Aufgabe für den 49-jährigen, der sich bislang in Kopenhagen als Minister mit Entwicklungszusammenarbeit und Globaler Klimapolitik auseinandersetzt. Überall auf dem Kontinent fehlen erschwingliche vier Wände. Die Wohnungsfrage wird oftmals und fälschlich als lokales Thema betrachtet. Sie ist aber europäisch. Die EU hat weit mehr Einfluss darauf, als bekannt ist. Jørgensen soll zugleich das nicht minder schwierige Thema Energie wuppen.
Einer der einflussreichsten Posten fiel nur einen Tag vor der Bekanntgabe an den amtierenden Außenminister Frankreichs, Stephane Séjourné. Der erst 39-jährige Ehemann des einstigen französischen Premierministers Gabriel Atal soll der EU als Vize von der Leyens dienen. Er soll aber vor allem als Kommissar für die EU-Industriestrategie tätig sein. Diese Aufgabe hat von der Leyen als zentral vorgegeben – weniger Green Deal und mehr Ökonomie ist jetzt das Motto.
Präsident Emmanuel Macron hatte seinen Gefolgsmann erst in letzter Sekunde vorgeschlagen. Er hatte damit auf Druck der Kommissionspräsidentin den bereits nominierten erfahrenen Kommissar Thierry Bretin düpiert. Der zog daraufhin wütend über die mächtige EU-Behördenchefin her und trat umgehend zurück.
Ein Österreicher für Migration
Hier im raschen Überblick zu erwähnen ist noch Magnus Brunner (56). Der Finanzminister Österreichs soll der “Innenminister Europas” werden und damit vordringlich die Migrationsproblematik und Terrorgefahren bearbeiten. Beides sind Themen, die auch in Wien eine große Rolle spielen. Brunners Aufgabe sei es, “unsere Grenzen zu stärken, und eine neue interne Sicherheitsstrategie zu entwickeln“, sagt von der Leyen.
Wir stehen vor großen Herausforderungen, aber auch vor Chancen zur Stärkung der Werte und der Sicherheit Europas. – Magnus Brunner will das als EU-Innenkommissar packen.
Wie geht es weiter?
Das Europäische Parlament wird diverse Anhörungen der Nominierten vornehmen. Danach entscheiden die Abgeordneten mehrheitlich, ob sie das Kollegium in der Gesamtheit bestätigen. Eine Einzelablehnung ist nicht möglich. In der Vergangenheit haben Kandidaten allerdings das Handtuch von selbst geworfen, wenn sie zu viel Ablehnung spürten.
Ob die bunte Kommission von Brüssel so durchkommt, wie es von der Leyen gerne hätte, ist also noch offen. Die neue EU-Kommission dürfte frühestens am 1. November, vermutlich aber erst am 1. Dezember ins Amt kommen.
Vollständiger Überblick über die 2024 – 2029 vorgesehene EU-Kommission: Hier klicken.
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