Europa Raumfahrt: “Im Blick­punkt – Wiegand wills wissen” – Bericht für FORUM – Das Wochen­ma­gazin. Heute: Europa will ganz oben mitspielen: im Weltall. Dazu bedarf es einer Raumfahrt­in­dustrie. Der Start­schuss dazu ist jetzt gefallen

Europa Raumfahrt

Europa im Blickpunkt
Wiegand wills wissen

Europaflaggen

Von Wolf Achim Wiegand

Europa Raumfahrt – Der Artikel ist in FORUM – Das Wochen­ma­gazin erschienen

Hamburg (waw) – Am Anfang war der Knall. Nicht in Houston oder Cape Canaveral, sondern im hohen Norden Europas: Eine kleine Rakete aus München, gestartet vom Weltraum­bahnhof Andøya in Norwegen, hob senkrecht ab, verlor die Orien­tierung, kippte zurück und explo­dierte über dem Meer.

Auf den ersten Blick wirkte das für Laien wie ein Fehlschlag. Doch für die Ingenieure von Isar Aerospace war dieser kurze Flug ein histo­ri­scher Moment: Es war der erste Start einer Orbital­rakete vom europäi­schen Festland. Ein Beweis, dass Europa bereit ist, im All endlich selbst durchzustarten.

Die Explosion von Andøya ist Symbol und Wende­punkt zugleich. Jahrzehn­telang flog Europa hinterher: techno­lo­gisch, politisch, strate­gisch. Zwar betrieb man mit der Ariane-Rakete ein solides Träger­system und baute exzel­lente Satel­liten, doch entschei­dende Impulse kamen meist von anderen Konti­nenten. Die USA zeigten mit SpaceX, wie privat­wirt­schaft­liche Dynamik und staat­liche Strategie einander beflügeln können. China schickte Mond-Sonden und Mars-Rover ins All. Und Europa? Beobachtete, verwaltete, zögerte.

Die Ziele: Weniger abhängig, mehr Kompetenz

Doch diese Zurück­haltung gehört der Vergan­genheit an. Europa hebt ab. Mit politi­schen Ambitionen, wirtschaft­lichem Pionier­geist und militä­ri­scher Entschlos­senheit. Der Orbit wird zur geopo­li­ti­schen Arena, und die EU positio­niert sich als eigen­stän­diger Akteur.

Das sicht­barste Zeichen für den neuen Aufbruch: Die Europäische Weltraum­or­ga­ni­sation ESA und die EU planen ein satel­li­ten­ge­stütztes Vertei­di­gungs­netzwerk. Das Budget? Satte 21 Milli­arden Euro. Ein Betrag, der zeigt: Es geht nicht mehr nur um Forschung oder Klima­beobachtung. Es geht um Sicherheit. Und um Macht. Bestandteil dieser Strategie ist auch die Stärkung der europäi­schen Präsenz in sicher­heits­re­le­vanten Erdbe­ob­ach­tungs­pro­grammen wie Coper­nicus oder Galileo.

Satel­liten sind die Nerven­bahnen der modernen Welt. Ohne sie funktio­niert kein Smart­phone, kein Contai­ner­schiff, keine militä­rische Operation. Der Ukraine-Krieg führt das drama­tisch vor Augen: Satel­li­ten­bilder lokali­sieren Truppen­be­we­gungen, führen Drohnen, ermög­lichen verschlüs­selte Kommu­ni­kation. Wer die Umlaufbahn kontrol­liert, kontrol­liert auch das Geschehen auf der Erde. Das hat Europa erkannt. Und handelt.

Ein Zeichen dafür kommt aus Berlin: Die Bundes­re­gierung hat ein eigenes Raumfahrt­mi­nis­terium einge­richtet. Das Ressort bündelt bisherige Zustän­dig­keiten aus den Minis­terien für Wirtschaft, Forschung und Vertei­digung. Nun wird das Sammel­surium strate­gisch koordi­niert und ausgerichtet.

Die Idee: Deutschland soll nicht nur in Brüssel mitreden, sondern auch national schlag­kräf­tiger agieren. Das Ziel: weniger Abhän­gigkeit von US-Diensten, mehr eigene Kompetenz. Schon Bundes­wirt­schafts­mi­nister Robert Habeck hatte seinerzeit erkannt, es sei „an der Zeit, Raumfahrt nicht länger als Randthema zu behandeln, sondern als Schlüs­sel­tech­no­logie des 21. Jahrhun­derts.

Schluss mit Behäbigkeit, ran an die Innovationen

Der neue europäische Weltraum­bahnhof Esrange in Nordschweden, 2023 eröffnet, steht sinnbildlich für diesen Kurswechsel. Er ist das erste Start­zentrum auf EU-Festland und ein Meilen­stein für die strate­gische Autonomie. Hier geht es nicht um Prestige, sondern um praktische Unabhän­gigkeit. Europa will seine Satel­liten nicht mehr von anderen ins All bringen lassen. Es will selbst starten, steuern, sichern. Auch andere Standorte – etwa Caniçal auf Madeira oder die portu­gie­si­schen Azoren – werden als ergän­zende Start­plätze diskutiert.

Die ESA selbst zieht Konse­quenzen aus den politi­schen Boostern. Lange als schwer­fäl­liger Verwal­tungs­koloss kriti­siert, hat sich die einstige Behörde umgewandelt in eine zwischen­staat­liche Organi­sation. Heute ist sie eine eigen­ständige, unabhängige Einrichtung, die die europäische Raumfahrt koordi­niert und fördert. Dabei ist sie offen für Start-ups und private Akteure.

Mit Programmen wie „Moonlight“ oder der neuen Ariane 6 will die ESA eigene Infra­struk­turen für den Mond und darüber hinaus schaffen. Das mag ambitio­niert klingen, ist aber notwendig. Denn während Elon Musk von Marsko­lonien spricht, will Europa zumindest nicht auf der Zuschau­erbank verharren. Mit dem Projekt IRIS² (Infra­structure for Resilience, Inter­con­nec­tivity and Security by Satellite) – das aller­dings zum Redak­ti­ons­schluss auf der Kippe stand – soll ein eigen­stän­diges europäi­sches Satel­li­ten­netzwerk entstehen. Es wird verschlüs­selte Kommu­ni­kation für Regie­rungen und Unter­nehmen sicher­stellen, so der Plan.

Nicht nur dabei, sondern relevant

Derweil entstehen überall auf dem Kontinent schlanke, agile Raumfahrt­firmen. Sie entwi­ckeln Klein­sa­tel­liten, daten­ba­sierte Anwen­dungen oder neuartige Raketen­an­triebe. Gefördert durch europäische Fonds, nationale Agenturen und zunehmend auch durch privates Kapital. Die Logik dahinter: Raumfahrt ist keine Spiel­wiese mehr, sondern Zukunfts­industrie. Mit Milliardenpotenzial.

Neben Isar Aerospace mischen auch Firmen wie Rocket Factory Augsburg, PLD Space aus Spanien oder Exotrail aus Frank­reich im Wettbewerb um Träger­ra­keten, Antriebe und Satel­li­ten­systeme mit. Laut der ESA wurden allein im Jahr 2023 über 100 neue Start-ups im europäi­schen Raumfahrt­sektor gegründet. Zudem entstehen Innova­ti­ons­cluster wie „NewSpace Valley“ von Liech­ten­stein über die Schweiz bis nach Bayern oder das „Space Campus Nordwijk“ in den Niederlanden.

Doch es bleibt viel zu tun. Europas Raketen sind bislang nicht wieder­ver­wendbar, die Kosten pro Start sind höher als bei der Konkurrenz, und nationale Egoismen bremsen oft gemeinsame Projekte. Der politische Wille ist da, aber die Umsetzung hängt noch zu oft am Protokoll. Die Integration privater Akteure steckt in Kinder­schuhen. Und die inter­na­tionale Konkurrenz schläft nicht.

Optimistischer Blick nach oben

Trotzdem: Die Richtung stimmt. Europa hat erkannt, dass das All nicht nur eine Wissen­schafts­frage ist, sondern eine Frage der Souve­rä­nität. Wer seine Daten, Kommu­ni­kation und Sicherheit unabhängig gestalten will, muss in der Umlaufbahn präsent sein. Nicht als Statist, sondern als Hauptdarsteller.

Der Knall von Andøya, der wie ein Fehlschlag aussah, war in Wahrheit ein Start­schuss zum Aufbruch. Die Explosion über dem norwe­gi­schen Meer markierte kein Ende eines Traums, sondern seinen Anfang. Europa hebt ab. Mit neuen Ideen, neuen Akteuren und einem klaren Ziel: im All nicht nur anwesend, sondern relevant zu sein. Das wird noch spannend werden.

Europa Raumfahrt

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