Europa im Blick­punkt – Wiegand wills wissen” – Heute: Wie das Kaninchen auf die Schlange, so starrt die Europäische Union auf den Amtsan­tritt des gewählten US-Präsi­denten Donald Trump. Jetzt ist es so weit. Das Europa­par­lament, die EU-Kommission und Europäi­scher Rat müssen sich auf “unter­haltsame Zeiten” einstellen … Wohin treibt Trump die EU? 

Europa und Donald Trump

Europa im Blickpunkt
Wiegand wills wissen

Von Wolf Achim Wiegand

Europa und Donald Trump / Alle Bilder: KI

Montag, 20. Januar 2025 – “T‑Day”! Der Großun­ter­nehmer und Ex-Showmaster Donald Trump hat es geschafft. Er ist erneut Präsident der USA und zieht ins Weiße Haus ein.

Genau 6.216,58 km Luftlinie entfernt in Brüssel lässt genau das die Alarm­glocken läuten. Die Europäische Union (EU) erwartet, dass vom Atlantik eine Gewit­ter­wolke heranzieht.

Schon in der ersten Amtszeit Trumps (2017 bis 2021) hatte Ursula von der Leyen als Präsi­dentin der Europäi­schen Kommission gestöhnt: 

Wenn wir immer wieder mit unila­te­ralen Entschei­dungen konfron­tiert werden, die unsere gemein­samen Inter­essen gefährden, müssen wir uns fragen, wie wir unsere eigene Handlungs­fä­higkeit stärken können. – Ursula von der Leyen

Groß ist die Sorge, dass Europa vom Trump-Team an die Wand gedrückt wird. Die Spannungen und Konflikte könnten dieses Mal weit schärfer sein als beim ersten Mal. Doch was können die Europäer diesmal von dem 78 Jahre alte Populisten erwarten?

Der Angst­ver­bündete – wird er das Tuch zur Europa zerreissen?

Europa und Donald Trump

Einen Vorge­schmack lieferte Trump bereits. Erst verlangte er von jedem europäische NATO-Partner die irrsinnig hohe Inves­tition von fünf Prozent der Wirtschafts­kraft in Vertei­digung. Ein Wert, den sein Land selbst nicht erreicht. Dann forderte er die Zuschlagung der souve­ränen Nation Kanada, des dänischen Autono­mie­ge­bietes Grönland und des mittel­ame­ri­ka­ni­schen Panama­kanals in US-Hoheit. Notfalls wolle er Wirtschafts­sank­tionen einsetzen und Militär­gewalt nicht ausschließen.

Man reibt sich die Augen. Aber an sich bleibt Trump sich treu. Sein Leitthema lautet wie gehabt „America First“. Deshalb will er zum Schutz seiner inlän­di­schen Wirtschaft hohe Zölle gegen europäische Produkte einführen. Die Inter­essen der Verei­nigten Staaten gehen über alles andere – auch über die der Verbün­deten. Das hat Trump nochmals bekräftigt:

Amerika wird für uns immer an erster Stelle stehen. Die Sicherheit, der Wohlstand und das Wohlergehen unserer Bürger werden für mich immer oberste Priorität haben. – Donald Trump

Die Folgen einer natio­na­lis­ti­schen “Amerika zuerst”-Politik wird – wenn sie denn so durch­ge­führt wird – Ökonomen zufolge Handels­kon­flikte auslösen. Schon einmal hatte Trump fette Straf­zölle auf europäi­schen Stahl und Aluminium verhängt. Damit hatte er die einhei­mische Industrie geschützt, aber zugleich die Wirtschafts­be­zie­hungen mit dem Ostufer des Atlantiks erheblich belastet. Man darf erwarten, dass das den knall­harten Egoisten beim zweiten Mal auch nicht stört. 

Teuer, anstrengend, konfliktreich

So wie von 2017 bis 2021 als 45. US-Präsident könnte es wieder kommen: Die EU müsste Export­schäden mit dem scharfen Schwert von Sanktionen beant­worten. Ein Szenario, das Peter Adrian als Präsident der Deutschen Industrie- und Handels­kammer (DIHK) für möglich hält:

Die deutsche Wirtschaft muss sich auf stärkeren Protek­tio­nismus und höhere Handels­hürden einstellen.“ – Peter Adrian

Trumps Motto: “Amerika zuerst!”

Europa und Donald Trump

Absehbar teuer für Europa ist das Thema NATO-Beiträge. Wenn Europa auf die Trump­schen Erwar­tungen eingeht. In der EU gibt es ja durchaus die Einsicht, dass die Bedrohung durch Russland und dessen Angriffs­krieg gegen die Ukraine deutlich mehr Mittel als bislang erfordert – aber in verkraft­baren Maßen. Bundes­ver­tei­di­gungs­mi­nister Boris Pistorius:

Wir sind bereit, unseren Beitrag zur kollek­tiven Sicherheit zu leisten. Aller­dings müssen solche Forde­rungen realis­tisch und im Einklang mit den wirtschaft­lichen Möglich­keiten der Mitglied­staaten sein. - Boris Pistorius

Die Forderung Trumps, die NATO-Verbün­deten möchten ihre Wehretats auf mindestens zwei Prozent und am Besten auf fünf Prozent des BIP erhöhen, ist so und auf die Schnelle nicht umsetzbar. Viele EU-Länder haben ihre Ausgaben bereits erhöht und den finan­zielle Spielraum vorerst ausge­reizt. Darunter sind kleine Staaten wie die Balten­re­pu­bliken. Aber auch Polen, das so stark rüstet, wie kein anderer EU-Staat. 

Zu was will Trump Europa zwingen? 

Doch trotz der Anstren­gungen erwartet man in vielen EU-Haupt­städten, dass Trump mehr will. Das befeuert Debatten über eine EU-Vertei­di­gungs­po­litik, die sich autono­mi­siert. Das heißt: Militä­rische Anstren­gungen so organi­sieren, dass Europa “kriegs­tüchtig” (Pistorius) wird, ohne auf die USA angewiesen zu sein. Um mehr Geld kommen wir also nicht herum, aber – so meine persön­liche Meinung – wir sollten es nicht nach US-Diktat einsetzen, sondern nach eigenen Vorstellungen.

Ein zentraler Aspekt von Trumps Außen­po­litik bis 2021 war der unorthodoxe Umgang mit Russland. Seine vermeintlich enge Beziehung zu Wladimir Putin hatte Europa beunruhigt. Dieses Mal vernebelt Trump seine heutigen Absichten etwa zur Ukraine. Deren Präsident Wolodymyr Selenskyj macht auf Zweckoptimismus:

Ich glaube, dass Donald Trump die notwen­digen Quali­täten besitzt, um entscheidend dazu beizu­tragen, Wladimir Putin zu stoppen und den Krieg zu beenden. – Wolodymyr Selenskyj

Ist die Hoffnung aus Kyiv realis­tisch? Oder wird Trump eine Rückzugs­po­litik machen? Letzteres könnte die Geschlos­senheit der EU in der Russland­po­litik erodieren. Schon jetzt machen Ungarn und die Slowakei nicht mehr mit, Öster­reich unter FPÖ-Chef Herbert Kickl könnten dieses Lager verstärken. Und wissen wir, was in Frank­reich oder gar in Deutschland passiert? Appease­ment­ge­danken sowie antieu­ro­päische und natio­na­lis­tische Kräfte haben überall Aufwind (auch in der SPD).

Überschnei­dungen der Trump-Politik mit EU-Positionen könnte es bei der US-China­po­litik geben. Peking gilt beidseits des Atlantiks als syste­mi­scher Rivale. Aller­dings ist fraglich, ob Trumps Ansatz, auf bilaterale Deals zu setzen, vereinbar ist mit dem EU-Multi­la­te­ra­lismus. Europa muss aufpassen, nicht zu sehr ins aufge­wir­belte wilde Fahrwasser des Trump-Tankers zu geraten. So rät es Jorge Toledo, der EU-Botschafter in Peking:

Was auch immer im Weißen Haus geschieht, bedeutet nicht, dass sich die unfairen Handels- und Inves­ti­ti­ons­be­zie­hungen mit Europa von selbst ändern werden. – Jorge Toledo

Schlechtes Klima

Ein weiterer Bereich für poten­zielle trans­at­lan­tische Diffe­renzen ist die Klima­po­litik. Die EU ist strikt bei der Reduzierung von Treib­haus­gasen. Trump dagegen will auf fossile Energie­träger setzen und könnte Klima­schutz­pakte erneut kündigen. Dies würde die globale Koope­ration im Kampf gegen Erder­wärmung erschweren und europäische Bemühungen torpe­dieren. Der grüne „Kanzler­kan­didat“ Robert Habeck fordert:

Man braucht gegenüber Trump eine klare Haltung. - Robert Habeck 

Die sei notwendig, um globale Bemühungen nicht zu gefährden.

Die Migra­ti­ons­po­litik wird ebenfalls ein sensibler Punkt bleiben. Trumps harte Haltung gegenüber illegal Einge­wan­derten wird neue Heraus­for­de­rungen bringen und auf Europa abstrahlen. Das umso mehr, sollte es im Gefolge aufge­flammter und neuer Konflikte rund um die EU herum wieder zum Anstieg globaler Flücht­lings­be­we­gungen kommen.

Was heckt dieser Mann aus?

Europa und Donald Trump

Europa muss Schulaufgaben machen

Kurz vor dem Wieder­an­tritt im Weißen Haus ist in Brüssel aber immer noch nicht genau geklärt: Wie soll die EU auf Trump II reagieren? Experten raten der Politik zu stärkerer interner Geschlos­senheit und klarerer strate­gi­scher Ausrichtung. Dafür müssten sich die EU-Regie­rungen darauf einigen, die europäische Autonomie voran­zu­treiben. Und zwar sowohl im militä­ri­schen als auch im wirtschaft­lichen Bereich.

Parallel ist ein konstruk­tiver Dialog mit Washington notwendig. Es geht darum, gemeinsame Inter­essen wie Stabi­lität der Weltordnung und Kontrolle über neue Techno­logien zu wahren – ein Balanceakt!

Fazit: Donald Trumps Zweit­prä­si­dent­schaft wirft viele Fragen für Europa auf. Die EU muss eine Quadratur des Kreises schaffen. Sie muss zugleich ihre strate­gi­schen Inter­essen wahren und die Bezie­hungen zu den USA zu hüten. Das wird die trans­at­lan­tische Partner­schaft hart testen, glaubt Wolfgang Ischinger, Ex-Vorsit­zender der Münchener Sicherheitskonferenz:

Wir können in einer Welt, in der es eher mehr als weniger Nukle­ar­mächte geben wird, nicht bestehen, wenn wir diese trans­at­lan­tische Verbindung nicht haben. – Wolfgang Ischinger

Tröstlich? Überlebt die EU die kommenden Trump-Jahre unbeschadet, könnte sie stärker sein als je zuvor…

Demnächst mehr aus Europa.

Europa und Donald Trump

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