Europa: Themen der Woche

(Europäische Union) – Was hat die Macher in der EU und deren Beobachter vergangene Woche angefixt und umgetrieben? Was hat das Europa­par­lament entschieden? Was tut sich vor der Europawahl 2024?

  • Abtreibung soll ein Grund­recht für alle Europäe­rinnen werden: Siehe unten.
  • Der EU-Asylpakt erhitzt die Gemüter. Scrolle runter.
  • Starten bald Flugtaxis über Europas Straßen? Details siehe unten.

Das alles und noch viel mehr: von WOLF ACHIM WIEGAND

Europawahl 2024

Europaparlament: “Abtreibung ist Grundrecht” 

Der Schwan­ger­schafts­ab­bruch soll als Grund­recht in die Charta der EU aufge­nommen und damit verbindlich werden. Dafür hat das Europa­par­lament mit 336 zu 163 Stimmen bei Unter­stützung von Fraktionen der Mitte und der Linken gestimmt. Die Entscheidung folgte wenige Tage nachdem Frank­reich das Recht auf Abtreibung in seiner Verfassung verankert hat. 

Aller­dings ist der Schritt der EU-Gesetz­geber nur symbo­lisch, da er zur Umsetzung die Zustimmung aller 27 EU-Länder benötigt. Das ist nicht nur im stark katho­li­schen Polen und auf Malta auf absehbare Zeit kaum zu erwarten. Insofern hat das Europa­par­lament letztlich nur einen Beschluss auf Vorrat getroffen. rainews.it

Europas Politik

Krach um EU-Chefin: 

 Europaparlament Ursula von der Leyen
Ursula von der Leyen

Schon wieder Ärger für EU-Kommis­si­ons­prä­si­dentin Ursula von der Leyen. Dass sie zwei naheste­henden Personen wichtige Posten zuteilt, hat gleich vier ihrer Kommissare auf die Palme gebracht. In Brüssel spricht man von Selbst­herr­lichkeit der Christ­de­mo­kratin mitten im Europawahlkampf. 

Von der Leyens Kollegen Thierry Breton, Nicolas Schmit, Paolo Gentiloni sowie Außen­be­auf­tragter Josep Borrell fordern eine Beratung über die Vorgänge. Die Grünen mobili­sieren das Europa­par­lament. Kritiker fragen: Strau­chelt die Ex-Vertei­di­gungs­mi­nis­terin bei der geplanten Wiederwahl auf den EU-Topjob? rp-online.de

„Die Trennung von Amt und Wahlkampf wird unscharf!

Die taz lässt kein gutes Haar an Ursula von der Leyen

Asylpakt des Europaparlament bleibt umstritten:  

boy looking behind net outdoors  Europaparlament
Photo by Haider Hatem on Pexels.com

Die Kuh ist vom Eis – nach jahre­langen Verhand­lungen hat das Europa­par­lament schärfere Regeln zur Aufnahme Geflüch­teter gebilligt. Die Abstimmung blieb wegen knapper Mehrheiten bis zuletzt spannend – Konser­vative und Liberale empfahlen die Annahme, Grüne und Linke hatten Bedenken. Die EU-Regie­rungen müssen den GEAS-Pakt noch formell billigen, danach wird er spätestens in zwei Jahren wirksam. 

Die Verschärfung des EU-Asylrechts wird kontrovers kommen­tiert. Giorgia Linardi von Sea Watch Italia ärgert sich: „Die Reform wird es den Mitglied­staaten ermög­lichen, noch menschen­rechts­wid­riger zu handeln.“ Aus entge­gen­ge­setzter politi­scher Ecke – aber genauso skeptisch – ist die regie­rungsnahe Tages­zeitung “Magyar Nemzet” aus Ungarn: “Niemand schert sich darum, was dieser gewisse Migra­tions- und Asylpakt beinhaltet und zu welchen Konse­quenzen er führen kann.“

Die Frakti­ons­vor­sit­zende der Liberalen im Europa­par­lament Valérie Hayer jubelt hingegen: „Dies beendet das unerträg­liche Versagen der EU-Länder beim Finden einer gemein­samen Grundlage für den Umgang mit Migration – jetzt kommt es auf die Umsetzung an.europarl.europa.eu

„Deutschland wird jetzt sehr intensiv daran arbeiten, das GEAS schnellst­möglich umzusetzen”

Bundes­in­nen­mi­nis­terin Nancy Faeser (SPD) ist mit dem EU-Beschluss im Reinen

Palästina, ein Staat? 

palestine flags waving behind tree  Europaparlament
Photo by Pok Rie on Pexels.com

Es zeigt die Zerstrit­tenheit Europas wg. Nahost: Während die israel­kri­tische Links­re­gierung Spaniens den – nicht­exis­tie­renden – Staat Palästina offiziell anerkennen will, bezeichnen die großen EU-Mitglieder wie Deutschland sowie die USA die Region weiterhin als “paläs­ti­nen­sische Gebiete”. 

Spaniens Minis­ter­prä­sident Pedro Sánchez trommelt nun europäische Verbündete zusammen. Irland, Malta und Slowenien sind schon im Boot. Neun andere der 27 EU-Staaten sind schon seit einiger Zeit im Paläs­ti­nalager. Wichtigste juris­tische Kriterien für Staat­lichkeit sind: Ein abgegrenztes Terri­torium, eine dort ansässige Bevöl­kerung und eine eigene Regierung. Demokratie oder Terror zählen rechtlich nicht. tagesschau.de

Gutes Klima für Klageomas: 

Die Schweiz tut zu wenig gegen den Klima­wandel. Sagt der Europäische Gerichtshof für Menschen­rechte (EGMR). Und gibt damit einer Beschwerde organi­sierter alter Damen gegen die Regierung in Bern statt. 

Begründung: Die Eidge­nos­sen­schaft habe kein CO2-Budget aufge­stellt und berühre damit das Menschen­recht auf ungehin­dertes Privat- und Famili­en­leben. Damit sind weitere ähnliche Klagen aus ganz Europa zu erwarten. Trotz des Präze­denz­falls: Der Gerichtshof in Straßburg kann keinen Staat zu mehr Klima­schutz zwingen. zdf.de echr.coe.int

Europawahl 2024

Munitionsschießbaumwollemangelproblem: 

Kaum zu glauben, aber offenbar wahr – die europäi­schen Rüstungs­an­stren­gungen stocken wegen fehlenden Zugriffs auf ein unent­behr­liches Grund­ma­terial für die Herstellung von Munition. Es heißt Nitro­zel­lulose, wird auch Schieß­baum­wolle oder Lintern genannt und ist ein Ausschuss­produkt der Baumwoll­pro­duktion. Rund 70 Prozent des Bedarfs beziehen die EU-Länder ausge­rechnet vom System­ri­valen China. 

Kein Gerin­gerer als Armin Papperger, Chef des Rüstungs­kon­zerns Rhein­metall, hat das Problem jetzt öffentlich gemacht. Es sehe das Risiko, dass China die Liefe­rungen aus politi­schen Gründen stoppt, warnte der Deutsche in der Financial Times. Die EU-Kommission glaubt, es sei sogar schon so weit… n‑tv.de/wirtschaft

Europawahl 2024

„Die Lieferung der Baumwoll-Lintern aus China ist vor ein paar Monaten wie zufällig einge­stellt worden“

EU-Binnen­markt­kom­missar Thierry Breton läutet sehr kräftig die Alarmglocke
Europas Wirtschaft

Start frei für Flugtaxis: 

Flugtaxis  Europaparlament
Foto: Frankfurt Airport

Die Europäische Kommission hat ein Maßnah­men­paket für die unbüro­kra­tische Einführung von Lufttaxis in der EU vorgelegt. Danach sollen einheit­liche Regelungen einen grenz­über­schreitend sicheren Verkehr mit Flugge­räten schaffen, die nicht viel größer als Autos sind. Diese benötigen weder Start- noch Landebahn, sondern können senkrecht in Rauf- und Runter-Position gehen. 

Außerdem regt die Kommission EU-weit geltende Piloten­li­zenzen an und will piloten­freie – also autonom funktio­nie­rende – Flugtaxis erlauben. Die Maßnahmen können laut Brüssel zur Entwicklung des Stadt­ver­kehrs im 21. Jahrhundert beitragen, da sie Staus überfliegen würden. ariva.de telepolis.de (Hinter­grund) 

EU legt sich mit China an: 

 Europaparlament Olaf Scholz

Kurz vor dem Besuch von Bundes­kanzler Olaf Scholz in China legt sich die Europäische Union mit der Regierung in Peking an. Wettbe­werbs­kom­mis­sarin Margrethe Vestager hat Unter­su­chungen wegen womöglich unerlaubter Staats­sub­ven­tionen an Hersteller chine­si­scher Windtur­binen angekündigt. Damit soll die Markt­füh­rer­schaft der Volks­re­publik im Bereich grüner Techno­logien einge­dämmt werden. Es drohen Sanktionen. 

Vorige Woche schon hatte die Kommission Checks gegen chine­sische Bieter beim Bau von Solar­parks einge­leitet. Außerdem läuft eine EU-Analyse über Hersteller chine­si­scher E‑Autos. unternehmen-heute.de

EU-Schifffahrt, aufgepasst! 

Als sei es noch die Ära zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert, als Seeräuber die Handels­routen zwischen Europa und der Neuen Welt bedrohten: Das Inter­na­tionale Schiff­fahrtsbüro (IMB) meldet einen „besorg­nis­er­re­genden“ Anstieg der Freibeu­terei vor den Küsten Asiens und Afrikas. Allein in den ersten drei Monaten dieses Jahres regis­trierte das IMB 33 bewaffnete Raubüber­fälle. Dabei wurden 24 Schiffe geentert, zwei entführt und 35 Seeleute als Lösegeld-Geiseln genommen. 

Besonders gefährlich sei die Lage vor dem kolla­bierten Staat Somalia, wo Piraten selbst Schiffe weit draußen auf hoher See angreifen, sagt das IMB. Als Mutter­schiffe nutzen sie arabische Dhaus (Segel­schiffe) und getarnte Fischereifahrzeuge.

800 Mafia-Familien wühlen in Europa

Die tiefge­hendste Analyse über bedroh­liche Banden­kri­mi­na­lität in Europa hat die EU-Polizei­be­hörde Europol vorge­stellt. Danach verfügen die Fahnder über Insider­wissen zu mehr als 800 krimi­nellen Netzwerken mit rund 25.000 Verbre­chern. Diese sind auch in Deutschland tätig.

man in black jacket standing beside man in black jacket Europaparlament
Photo by RDNE Stock project on Pexels.com

Rund die Hälfte dieser “Familien” ist in den Drogen­handel verwi­ckelt. Dabei geht es meistens um Kokain, synthe­ti­sches Rauschgift und Cannabis. Rund zwei Drittel der Unter­weltler wendet Gewalt an. Daneben geht es vorwiegend um Betrugs­de­likte. Ein Drittel der Netzwerke operiert langfristig und schon seit mehr als zehn Jahren über die EU-Staats­grenzen hinweg aktiv.

Viele Mafiosi sind mit legalen Wirtschafts­be­reichen wie Impor­teuren, Sport- und Einkaufs­zentren sowie Restau­rants verwoben, um ihre krimi­nellen Handlungen zu verschleiern oder ihre Gewinne zu waschen. Multi­na­tional struk­tu­riert ist die sogenannte “Mocro-Mafia”. In Deutschland werden ihr Hunderte Spren­gungen von Geldau­to­maten zugerechnet. tagesschau.de/ausland

14,11 %

Deutschland hat mit 14,11 % den größten Bevöl­ke­rungs­anteil unter den 27 Ländern der Europäi­schen Union. Den kleinsten hat Malta: Genau 0,09 % der rund 450 Millionen Europäer stammen von der Mittelmeer-Inselrepublik. 

eiffel tower under blue sky  Europaparlament

Spieleverderber Putin: 

Russland plant die Olympi­schen Sommer­spiele in Paris massiv zu stören. Das behauptet der franzö­sische Präsident Emmanuel Macron. Präsident Wladimir Putin bemühe sich schon jetzt darum, Zweifel und Ängste über den Ablauf des weltgrößten Sport­festes zu schüren, sagte Macron zu Reportern. 

Wie “barock und bedrohlich” die Desin­for­ma­ti­ons­taktik des Kremls sei könne man auch daran erkennen, dass die Regierung in Moskau versuche zu impli­zieren, es gebe eine franzö­sische Verwicklung in den verhee­renden islamis­tisch motivierten Anschlag auf das Publikum eines Popkon­zertes kürzlich nahe der russi­schen Haupt­stadt. express.co.uk


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