Immer wieder donnerstags publiziere ich meine Kurzkolumne “Wiegands Wahl Watch” im Printformat von FORUM – Das Wochenmagazin. Es geht um den Stimmenkampf für die Europawahlen am 9. Juni. Was tut sich in den 27 EU-Ländern?
Sie können das auch online lesen. Hier Ausgabe 10 / 2024:
Auf dem Weg zur EU-Wahl

Freiwillige Selbstbeschränkung bei Europawahlen
Harte Bandagen gehören zum Wahlkampf wie Ketchup zum Burger. Die Wahlen zum Europäischen Parlament sind jedoch einer besonderen Herausforderung ausgesetzt: SocialMedia. Via Facebook, Instagram, TikTok & Co kann jedermann Stammtischparolen, Gerüchteköchelei und Hassbotschaften um die Welt schicken.
Um die schlimmsten Auswüchse einzudämmen haben alle europäischen politischen Parteien – bis auf die Rechtspopulisten – einen freiwilligen Verhaltenskodex unterzeichnet. Damit verpflichten sie sich, „ethische und faire“ Wahlkampfpraktiken einzuhalten. Sie, keine irreführenden Inhalte zu produzieren, zu verwenden oder zu verbreiten. Dazu zählen auch Bilder und Videos aus Künstlicher Intelligenz.
Kommissionsvizepräsidentin Věra Jourová, die in Brüssel das Ressort Werte und Transparenz leitet, beglückwünscht die Parteien für den Kodex. Er sei ein gutes Mittel, das Vertrauen der Europäer in den Wahlprozess zu stärken. Wahlen sollten die Bühne für den Wettbewerb der Ideen sein und „nicht für schmutzige Manipulationsmethoden wie KI-Deepfakes.“ Ob sich die Parteien und Kandidaten alle daran halten werden bleibt abzuwarten.

Eines haben Europas Politiker indessen nicht geschafft: Die Einführung transnationaler Wahllisten. Darunter versteht man die Möglichkeit, bei Europawahlen nicht nur nationale Kandidaten ankreuzen zu können, sondern auch Bewerber aus jedem anderen der 27 EU-Mitgliedsländer. Die EU-Regierungen hatten dieser im EU-Parlament gewünschten Umsetzung des europäischen Miteinander-Gedankens einen Strich durch die Rechnung gemacht.
Europawahlen: Transnationale Wahllisten erst 2029
Doch die Liberalen mit der FDP und die EU-Grünen wollen nicht lockerlassen. Sie haben das Ziel, grenzüberschreitende Wahllisten zur europäischen Wahl im Jahr 2029 durchzusetzen. Die Kleinpartei VOLT hat schon gehandelt: Als erste und einzige Gruppe hat sie Kandidaten aus 20 verschiedenen Ländern unter demselben Programm und Namen auf nationaler und europäischer Ebene aufgestellt. Spitzenkandidaten sind der deutsche Europaabgeordnete Damian Boeselager (36) und seine niederländische Kollegin Sophie in ‘t Veld (61).
Zurück zu den Gefahren virtueller Wahlkampf-Kampagnen. Die Sicherheitsbehörden waren davor, dass Parteien und Politiker so stark wie nie im Fokus von Hackern stehen. „Wir erwarten ein erhöhtes Angriffsaufkommen,“ sagt ein Experte. Dazu gehören Phishingangriffe, also Versuche, Netznutzern vertrauliche Informationen wie Bankdaten zu entlocken. Mit dieser Beute können Desinformationskampagnen gestartet werden, um die öffentliche Meinung zu manipulieren.

Es ist kein Geheimnis, dass Russland versucht die Europawahlen mit einer Flut von Propaganda zu beeinflussen. Besonders gerne verbreiten Trolle falsche Behauptungen über den Krieg in der Ukraine. So werden Flüchtlinge aus dem überfallenen Land als gewalttätige Kriminelle dargestellt oder das Team um Präsident Wolodymyr Selenskyj als korrupt beschrieben.
Solche Behauptungen sind unwahr, verfangen aber bei Gutgläubigen und stärken den Zuspruch für kremltreue nationalistische und populistische Parteien. Experten raten: Nicht alles glauben, was im Netz auftaucht, und genau hinsehen, wer der Absender ist.
Nächste Woche mehr.
Wolf Achim Wiegand ist freier Journalist mit EU-Spezialisierung.
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