Europa: Themen der Woche
(Europäische Union) – Kurz vor den EU-Wahlen: Was hat Macher und Europa-Beobachter vergangene Woche an- und umgetrieben?
- Mordanschlag in der Slowakei: Premier Fico fast getötet – Entsetzen und Erklärungsversuche. Siehe unten.
- Tanken, täuschen, Türkei: Zweifelhafte Geschäfte mit Treibstoff aus Russland. Scrolle runter.
- Einsam und vergessen: Seeleute als Geiseln am anderen Ende der Welt … Details siehe unten.
Das alles und noch viel mehr: von WOLF ACHIM WIEGAND

Mordanschlag erschüttert Brüssel:

Der Mordanschlag auf den linkspopulistischen Regierungschef der Slowakei, Robert Fico (59), hat das Europageschehen diese Woche in Brüssel überschattet. Die Nachricht, auf ihn seien nach einer Kabinettssitzung in der Stadt Hanlova mehrere Schüsse abgefeuert worden, hatte sich am Mittwoch bei den EU-Institutionen wie ein Lauffeuer verbreitet. Die Tat eines als verdächtig verhafteten Ex-Sicherheitsdienstlers (71) wurde scharf verurteilt.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen: „Solche Gewalttaten haben in unserer Gesellschaft keinen Platz“. Bundeskanzler Olaf Scholz: „Feiges Attentat“. Österreichs Bundeskanzler Karl Nehammer: „Der Anschlag schockiert mich zutiefst.“ Polens Ministerpräsident Donald Tusk: „Robert, meine Gedanken sind bei dir“. n‑tv.de/mediathek (Tatortvideo)
Die angespannte Atmosphäre des Hasses war unser gemeinsames Werk – Präsidentin Zuzana Čaputová will die zerstrittene Slowakei wieder zusammenbringen.
Hintergrund:
Der russlandfreundliche Fico ist eine politisch spaltende Person. In der EU gilt er seit seinem Comeback im Herbst neben Ungarns Victor Orbán als weiteres Enfant terrible der EU. Gerade erst hat seine Regierung die öffentlich-rechtliche Medienanstalt RTVS aufgelöst. Dagegen läuft die liberale Opposition Sturm. Das politische Klima ist extrem aufheizt, nun um so mehr. So bezeichnete der Vizepräsident des slowakischen Parlaments, Andrej Danko, kritische Medien als Schuldige für das Attentat. Er nannte Journalisten der regierungskritischen Zeitung „Denník N“ in einem Statement „Schweine“. sueddeutsche.de
Georgien: Statt Europäische Union bald Kreml-Vasall?
In Brüssel wachsen Befürchtungen, der EU-Beitrittskandidat Georgien könnte entgegen dem Willen vor allem junger Leute zum Wurmfortsatz Moskaus werden. Es wäre nach Serbien der zweite Mitgliedsanwärter, der in die Fänge des Kremls geriete. Nachdem die prorussische Regierung des Schwarzmeerlandes trotz wochenlanger Massenproteste ein Gesetz durchs Parlament gepeitscht hat, das die Opposition einschränken könnte, sagte EU-Chefdiplomat Josep Borrell, das widerspreche „den grundlegenden Normen und Werten der EU“.

Unterdessen werden EU-freundliche Aktivisten, Journalisten und Familien von Oppositionellen bedroht, festgenommen und verprügelt. Die baltischen Außenminister und SPD-Außenpolitiker Michael Roth MdB sind demonstrativ nach Georgien gereist, um zu signalisieren, dass das Land zu Europa gehört. rnd.de/politik (Repression) tagesschau.de/ausland (Reaktion) twitter.com/MiRo_SPD (Roth)
Diejenigen, die die Regierung kritisieren, werden psychologisch unter Druck gesetzt… Es ist eine Brutalität, die ich vor meiner Reise nicht vermutet hätte – erst recht nicht bei einem EU-Beitrittskandidaten – Investigativ-Journalist Can Merey war fürs RedaktionsNetzwerk Deutschland vor Ort

Türkei: Tanken und täuschen …
Das Land am Bosporus ist zu Putins “Boxenstopp” für den getarnten Verkauf von Brennstoffen an die EU avanciert. So beschreibt das Nachrichtenportal Politico die List des Kremls, trotz Sanktionen sein Gas in der Türkei umzuetikettieren und mit großen Tankschiffen in die – wirklich nichtsahnende? – Europäische Union zu liefern.
Möglich macht das ein gesetzliches Schlupfloch. Danach erlaubt die EU die Einfuhr „gemischter“ Kraftstoffe, wenn sie als nicht-russisch gekennzeichnet sind. Durch das Umtanken in der Türkei generiert Russland mit einem an sich verbotenen Produkt Milliardeneinnahmen für seine Kriegsmaschinerie gegen die Ukraine – und die Türkei verdient mit. politico.eu/article

Wir müssen die Zügel anziehen und Wege finden, die Umgehung von Sanktionen zu verhindern – Estlands Außenminister Margus Tsahkna ruft die EU zum Handeln auf
Kritik an China-App Temu:

Verbraucherschützer aus 17 EU-Ländern haben der höchst erfolgreichen chinesischen Kaufplattform Temu vorgeworfen, mit unsauberen Methoden Umsätze zu machen. Das System beruhe auf „manipulativen Techniken“, die Verbraucher dazu brächten, mehr Geld auszugeben, als sie wollten. Das verstoße gegen das EU-Gesetz für digitale Dienste (DSA) und die Behörden müssten daher einschreiten.
Die App für angeblich extreme Schnäppchen hat in der EU mehr als 75 Millionen Nutzer monatlich. Temu versprach, sich an die „lokalen Gepflogenheiten“ anpassen zu wollen. spiegel.de/netzwelt
Kaninchen vor Schlange:
Die Entscheidung von US-Präsident Joe Biden, chinesischen Produkten durch Strafzölle von 25 bis 100 Prozent (E‑Autos) den Weg in die Staaten zu versperren, wird in Europa nach außen hin zurückhaltend aufgenommen. Von der EU-Kommission hieß es lediglich, man „prüfe“, welche Auswirkungen der Schritt auf Europa haben könnte. Insider befürchten ein Dumping unverkäuflicher China-Ware in die EU.
Brüssel erwägt selbst, den gigantischen Warenfluss aus Fernost mit Zöllen einzudämmen. Aber: Solcherlei Entkoppelung könnte das Billigproduktionsland China zur Vergeltung treiben – Peking kündigte schon mal nebulös „entschlossene Maßnahmen“ gegen die US-Barrieren an. heise.de/news gmx.net/magazine
Ich sehe keine rechtliche Grundlage für die zusätzlichen Zölle der USA – Harsche Kritik am Weißen Haus übt Bernd Lange (SPD), Vorsitzender des mächtigen Handelsausschusses im Europäischen Parlament bernd-lange.de
Brennerautobahn: Österreich verärgert Europäische Union

Die Verbotsmaßnahmen der Regierung in Wien zur Entlastung der chronisch verstopften Brenner-Autobahn bringen nicht nur die Nachbarländer auf die Palme, sondern auch die EU-Kommission. Nachtfahrverbot, Transportverbot für “schienenaffine” Güter oder Winterfahrverbote – das alles schränke den freien Warenverkehr auf der wichtigen Nord-Süd-Linie ein und diskriminiere ausländische Unternehmen, teilt Brüssel mit.
Hintergrund: Der Lkw-Verkehr über die Alpenstrecke hat so zugenommen, dass es auf dieser für die Europäische Union wichtigen Logistikroute immer wieder zu langen Staus kommt. Die Eindämmungsreaktionen Österreichs – begründet mit Schutz von Anwohnern und Umwelt – sorgt immer wieder für Streit zwischen Bayern und Tirol. Vorläufiger Höhepunkt: Italien will Österreich beim Europäischen Gerichtshof verklagen. verkehrsrundschau.de
Eine Klage vor dem EuGH wird weder den Brenner breiter machen noch auch nur einen Lkw auf die Schiene bringen – Österreichs Europaministerin Karoline Edtstadler schäumt über die Regierung Meloni
Seeleute: Gefangen im eigenen Schiff

Die Deutsche Seemannsmission hat daran erinnert, dass 25 Matrosen, Offiziere und Techniker des Autotransporters „Galaxy Leader“ als Geiseln in der Hand islamistischer Huthi-Terroristen im Jemen schmoren – seit einem halben Jahr. Erst jetzt durfte das Rote Kreuz die Crew kurz besuchen. Die Entführer zwangen die Männer dabei, Palästinenserschals umzulegen. Es geht ihnen aber äußerlich relativ gut.
Das Schiff war im November „aus Solidarität mit Palästina“ gewaltsam auf hoher See im Roten Meer entführt worden, weil ein israelischer Geschäftsmann zu den Miteigentümern gehört. Seitdem meiden Reedereien wie Hapag-Lloyd das Seegebiet. Die EU hat Kriegsschiffe entsandt. x.com/DSM_Seeleute https://t.co/EO1cI4W2b3

Europäische Union im Hitzeschild: „Klimawandel tötet“:

Nicht ganz neu, aber nachdrücklich warnt ein aktueller Bericht vor den Folgen des Klimawandels in Europa. Internationale Wissenschaftler haben ihn in der renommierten britischen Fachzeitschrift Lancet veröffentlicht. Die gewählten 42 Indikatoren zeigen meistens einen Trend zum Schlechteren. So steigen die Temperaturen in Europa doppelt so schnell an als weltweit.
Folge: Mehr Hitzetote, mehr Leben in Innenräumen, mehr Anfälligkeit für Infektionskrankheiten. Im Norden bedrohen Bakterien und die Borreliose-Überträger Zecken die Menschen. Im Süden sind es eher Mücken, die ernste Krankheiten bringen können wie West-Nil-Fieber, Chikungunya oder Dengue. Sozial schlechter gestellte Menschen leiden laut Studie besonders stark an Folgen des Klimawandels, der damit auch eine (un)soziale Seite hat. sueddeutsche.de/gesundheit

17.315
Die Europäische Union hat im ersten Vierteljahr 2024 rund 17.315 illegale Grenzübertritte von Flüchtlingen auf der Ost-Mittelmeer-Route registriert (Januar – April 2024). Über die Westafrika-Route sind es 16.212 Menschen gewesen.

Nachspiel zum ESC:

Die Europäische Kommission hat beim Eurovisions-Veranstalter EBU (Europäische Rundfunkunion) Beschwerde dagegen eingelegt, dass beim ESC das Zeigen der Europaflagge verboten war. „Aus unserer Sicht gibt es absolut keinen Grund dafür“, sagte ein Sprecher in Brüssel. Denn:
Das Tuch der Europäische Union ist in allen 27 Mitgliedsstaaten neben der ESC-zulässigen Nationalflagge ein offizielles Symbol. ESC-Sieger Nemo (Schweiz) hatte bewusst eine verbotene Nichtbinär-Flagge hineingeschmuggelt und geschwenkt. Das hat die EBU nicht sanktioniert, während EU-Flaggen am Eingang einkassiert wurden. merkur.de
Entdecke mehr von http://www.european.expert
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E‑Mail zu erhalten.
