Vor den EU-Wahlen publiziere ich immer donnerstags meine Kurzkolumne “Wiegands Wahl Watch” im Printformat von FORUM – Das Wochenmagazin. Es geht um den Europawahlkampf und die Europawahl am 9. Juni. Was tut sich in den 27 EU-Ländern?
Sie können das auch online lesen. Hier Ausgabe 14 / 2024:
Auf dem Weg zur EU-Wahl

Täuschen Sie sich nicht, es sind unbequeme Zeiten für die Europäer. Wir stehen vor unangenehmen Herausforderungen. Es gibt keinen bequemen Weg nach vorn. Es gibt keine Möglichkeit, es allen recht zu machen. Es müssen schwierige Entscheidungen getroffen werden.
Worte der Spitzenkandidatin der Liberalen bei der Europawahl, Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP).
In der Tat: Wir Europäer stehen am Scheideweg. Werden wir es schaffen, die Europäische Union so stark zu machen, dass sie trotz aller Stürme das größte Friedensprojekt der Geschichte bleibt? Oder lassen wir uns an den Rand des Geschehens drücken und fallen in die Bedeutungslosigkeit?
Der Europawahlkampf in allen 27 Mitgliedsländern zeigt, wie polarisiert wir sind. Das wirkt bis auf die Straße. In Deutschland haben wir die blutige Attacke auf Berlins Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey, den SPD-Europaabgeordneten Matthias Ecke und grüne Wahlkämpfer in Dresden gesehen. Selbst periphere Orte wie Siegen-Wittgenstein (NRW) am Rothaargebirge melden Hassbotschaften an Autos, Briefkästen oder Haustüren von Kandidaten. Ein ähnliches Bild mancherorts im Ausland.

Es sind aber nicht nur Hiebe, sondern auch Worte, die Europa auseinandertreiben können. In Polen behauptet der weit rechts stehende Ex-Europaabgeordnete Stanisław Żółtek, die EU werde von Deutschland und Frankreich „regiert“. In Prag hat eine Partei das Wahlkampfmotto: „Tschechien, alles für dich“ ausgegeben. Auch extremen Linken ist das Einfache-Antworten-auf-komplexe-Fragen-geben keineswegs fremd. Ihr neuer Kopf ist Regierungschef Robert Fico in der Slowakei, den ein einheimischer Pistolenschütze vor wenigen Tagen schwer verletzt und um ein Haar umgebracht hat.
Erinnere dich immer daran, dass es Freiheit und Demokratie nicht immer gab
– so heißt es in 33 Sprachen auf dem YouTube-Kanal des Europäischen Parlaments. Damit wirbt die Volksvertretung mit diesen Worten wirbt das Europaparlament in einem Kurzvideo für die zweitgrößte demokratische Wahl der Welt nach der Parlamentswahl in Indien. Die EU-Errungenschaften könnten wir „sehr leicht verlieren“, heißt es weiter. Das wirkt erschreckend real.
Laut Umfragen legen hart rechte Parteien etwa in Belgien, Rumänien, Portugal, Zypern und Frankreich zweistellig zu. Fast drei Dutzend deutsche Großunternehmen wollen das nicht hinnehmen: BMW, BASF, Deutsche Bank und andere Schwergewichte trommeln per SocialMedia gegen Extremismus, weil der wirtschaftsschädlich sein.

Jean Asselborn, Ex- Außenminister des EU-Kernlandes Luxemburg, warnt eindringlich vor Fantasien über eine Zerschlagung Europas. Würde das geschehen, würde Europa „nicht mehr auf die Beine kommen,“ mahnt das vielfach ausgezeichnete Mitglied der Lëtzebuerger Sozialistesch Aarbechterpartei. Ein vereintes Europa sei möglich und Aufgabe „der nächsten beiden Generationen,“ so der agile 75jährige.
Die zehn Jahre jüngere Strack-Zimmermann wirbt genauso leidenschaftlich für Europa. „Die Menschen wollen vor allem kompetente Politiker, die ihre Aufgaben erfüllen können,“ schreibt die Vereidigungsexpertin im Nachrichtenportal Politico. Und fährt fort: „Was bekommen die Wähler? Populistische Rhetorik, die zwar schön klingt, aber noch nie eine einzige Lösung für reale Probleme gebracht hat.“
Genau. Es bleibt zu hoffen, dass am 9. Juni keine Parteien zum Zuge kommen, die für Dunkelzeit in Europa stehen, sondern Kandidaten, die eine helle Zukunft vor Augen haben.
Nächste Woche mehr.
Wolf Achim Wiegand ist freier Journalist mit EU-Spezialisierung.
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