Vor den Europawahlen publiziere ich immer donnerstags meine Kurzkolumne “Wiegands Wahl Watch” im Printformat von FORUM – Das Wochenmagazin. Es geht um den Europawahlkampf und die Europawahl am 9. Juni. Was tut sich in den 27 EU-Ländern?
Sie können das auch online lesen. Hier Ausgabe 15 / 2024:
Auf dem Weg zur EU-Wahl

Überdimensioniertes EU-Parlament?
Nur noch zwei Wochen. Dann geht die zweitgrößte demokratische Wahl der Welt für ein Gebiet von 450 Millionen Menschen über die Bühne. Lediglich Indien mit über einer Milliarde betroffener Menschen macht eine gewaltigere organisatorische Kraftanstrengung. Auf dem Subkontinent dauert die Abstimmung wegen der schieren Größe monatelang – sie läuft schon seit April. In den 27 EU-Mitgliedsstaaten wählen wir vom 6. bis 9. Juni, was mit nationalen Gewohnheiten zu hat.
Indien als bevölkerungsreichster Staat der Erde mit fünftausendjähriger Geschichte im Rücken vergibt für das nationale Parlament in Neu-Delhi genau 543 Sitze. Unsere Europawahlen drehen sich um 720 Mandate im Europäischen Parlament. Ich finde, die europäische Politik sollte darüber nachdenken, ob wir nicht mit weniger kostspieligen Mandaten auskommen könnten.

Ein Teil der langwierigen, lähmenden und umständlichen europäischen Entscheidungswege liegt in unserem Bemühen, auch noch die letzte Minorität zu bedenken. Das EU-Parlament hat bei dieser Wahl keine Kraft gehabt, eine Sperrklausel einzuführen. Und so kommt es, dass auch Mikroparteien die Chance auf einen Sitz haben – 35 Parteien stehen dieses Mal auf deutschen Stimmzetteln. Etliche dürften bei den Europawahlen einen oder zwei Sitze in der einzigen direkt gewählten EU-Institution ergattern. Ist das wirklich zielführend?
Nichts gegen die Kleinen. Aber sind z. B. Einthemenparteien, die sich nur auf Klimawandel, Tierschutz oder Weltverbesserung – oder gar auf Satire! – fokussieren, wirklich eine Bereicherung für Politik in einer hochkomplexen Welt? Die Zeiten sind herausfordernd. Sandkastenspiele können wir uns nicht leisten.
Wo bleiben die Visionen für Europa?
„Jetzt realisieren wir, dass wir in einer Vorkriegszeit leben“, sagt der angesehene bulgarische Politologe Ivan Krastev. Die Idee eines anhaltenden Friedens in Europa sei geplatzt. Bei der EU-Wahl komme es darauf an, wohin Europa sich bewege. Entscheidend sei, ob die Wähler der Politik die nötige Tatkraft zutrauen: „Wir halten viele Dinge für unmöglich, nur weil wir zu faul sind, sie zu tun.“

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat sich im Europawahlkampf als einziger Staatsmann mit kreativen Vorschlägen hervorgetan. Seine in EU-Hauptstädten verhalten aufgenommene Devise ist: Europa müsse zur Weltmacht werden. Inklusive eigener Atomwaffen. Nur so könne die EU im Wettbewerb zwischen den USA und China vermeiden, ins Hintertreffen zu geraten, und Russland ans Messer zu gehen. Europa benötige „ein neues Geschäftsmodell“.
Man mag Macrons Entwürfe für gut oder falsch halten. Bedauerlich ist, dass solch grundsätzliche Überlegungen im Europawahlkampf kaum vorkommen. Zu sehr sind die Parteien im nationalen Kleinklein verfangen. Die tschechische Partei ANO hat ihre EU-Kampagne unter das Motto gestellt: “Tschechien, alles für dich”. Wieso nicht „Europa, alles für dich“? Warum baumeln Wahlplakate am Laternenmast, auf denen die deutsche Altersrente thematisiert wird? Ja, wichtig, nur kein EU-Thema.
Die Europawahl ist einzigartig. Nirgendwo sonst auf der Welt wird eine Parlamentswahl über Ländergrenzen hinweg organisiert. Es ist der „Versuch, Demokratie jenseits des Nationalstaates auszuüben“, sagt Alisa Rieth von der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung. Schauen wir genau hin, was die Kandidaten uns auftischen!
Nächste Woche mehr.
Wolf Achim Wiegand ist freier Journalist mit EU-Spezialisierung.
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