Vor der Europawahl publiziere ich immer donnerstags meine Kurzkolumne “Wiegands Wahl Watch” im Printformat von FORUM – Das Wochenmagazin. Es geht um den Wahlkampf für die Abstimmung am 9. Juni. Was tut sich in den 27 EU-Ländern?
Sie können das auch online lesen. Hier Ausgabe 17/ 2024:
Auf dem Weg zur Europawahl

Rund 350 Millionen Menschen können vom 6. bis 9. Juni 2024 bei der Europawahl die Zusammensetzung des Europäischen Parlaments beeinflussen. Die Abstimmung ist frei und geheim. Allein in Deutschland können rund 66 Millionen Bürgerinnen und Bürger ihre Stimme abgeben. Erstmals ist das schon ab 16 Jahren möglich.
Hamburg/Brüssel (waw) - Manche Brüssel-Beobachter packt offenbar die Panik. Sie haben unschöne Visionen für die Zeit nach der Europawahl. Einer stellte kürzlich folgende Frage in den Raum: “Wird das die letzte Europa-Wahl?” Anlass für seine Furcht: Prognosen, wonach ein europaweiter Aufstieg rechts- und linkspopulistischer Parteien gesicherte proeuropäische Mehrheiten aushebeln könnte. So, dass das weltweit größte Friedensprojekt seit dem Zweiten Weltkrieg ins Chaos stürzen würde.
Ich halte das für übertrieben. Ja, es ist richtig, dass der 27-Staaten-Verbund knirscht. Er braucht frisches Öl. Das Getriebe des deutsch-französischen Duos scheint reparaturbedürftig zu sein. Es fehlen kompetente Mechaniker, die dem Motorschaden beherzt schraubend zu Leibe rücken.

Dennoch: Die Versuche der Radikalen, sich als die Retter des Abendlandes aufzuspielen, sind bei Lichte betrachtet nichts als aus dem Bauch quellender giftiger Wutschaum. Trotz aller Bürokratie, trotz allen interstaatlichen Geschachers und trotz enormer Ausgaben: Ohne EU stünde jede einzelne Nation einsam und verlassen mit abgewürgtem Motor am Rande der Weltgeschichte.
Erinnern wir uns: Keine der vielen Krisen in der Legislaturperiode 2019/2024 hat uns wirklich umgehauen. Schuldenkrise, Flüchtlingskrise, Brexit, Pandemie, Russeninvasion – wir leben noch. Und zwar komfortabel.

Die Radikalen wollen das – gewiss manchmal quietschende – Räderwerk zerstören. Sie behaupten, die Veränderungen unseres Lebens gingen zu schnell. Dabei sind sie es, die mit untauglichen Konstruktionsplänen an der größten Disruption Europas seit 75 Jahren schrauben wollen. Sie hoffen, dass es genügend Ängstliche gibt, die auf das zerstörerische Werk hereinfallen und nicht merken, welcher Getriebeschaden im Werkzeugkoffer liegt.
Der anfangs erwähnte Kolumnist schloss seinen pessimistischen Ausblick mit den Worten: “Das klingt nicht nur ratlos. Ich bin es.” Aber nein, nicht doch! Europa hat bislang immer bewiesen, dass es auch auf holprigen Strecken fahren kann – nicht immer schnell, aber es geht dann doch voran.
Insofern bin ich optimistisch: Die anderswo auf der Welt nirgendwo mögliche Abstimmung in völlig unterschiedlichen Ländern wird unter dem Strich zeigen, dass wir Europäer leere Versprechen wenig schätzen und stattdessen überwiegend Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat wählen.
Die EU ist nicht gut, so wie sie ist. Sie ist ein unperfektes System, ohne Garantien. Doch gäbe es oberhalb der Staaten nichts mehr, dann wäre der Weg zur Gewalt oft noch viel kürzer. – taz
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