Vor der Europawahl publiziere ich immer donnerstags meine Kurzkolumne “Wiegands Wahl Watch” im Printformat von FORUM – Das Wochenmagazin. Es geht um den Wahlkampf für EU-Wahl am 9. Juni. Was tut sich in den 27 EU-Ländern?
Sie können das auch online lesen. Hier Ausgabe 18/ 2024:
Auf dem Weg zur EU-Wahl

An diesem Wochenende ist es so weit. Sonntagabend 18:00 Uhr werden rund 350 Millionen Bürgerinnen und Bürger in den 27 EU-Mitgliedsländern die Qual der Wahl gehabt haben. In allgemeiner, unmittelbarer, freier und geheimer Wahl wird entschieden sein, welche Zusammensetzung das zehnte Europaparlament haben wird. In Deutschland zählen bei der EU-Wahl erstmals auch die Stimmen junger Menschen ab 16 Jahren.
Es ist großartig: Wir in Europa haben die einzige direkt gewählte Mehr-Länder-Volksvertretung der Welt. Diese Tatsachenfeststellung ist historisch gesehen spektakulär. Denn das hat es noch nie gegeben, dass Länder unterschiedlicher Sprachen, Kulturen und politischer Systeme gemeinsam festlegen, wer ihre Interessen vertritt. Aus dem jahrhundertelang zerstrittenen Kriegskontinent Europa ist eine Region der gegenseitigen Achtung geworden.
Die EU-Wahl 2024 findet allerdings vor dem Hintergrund enormer Herausforderungen statt. Im Osten der Friedenszone Europäische Union versucht ein unverantwortliches Régime, ein freiheitsliebendes Volk daran zu hindern, den eigenen Weg zu gehen. Der seit bald zweieinhalb Jahren andauernde illegale Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine hat die lange für unumstößlich gehaltene europäische Balance ausgehebelt.
„Leute, wollt ihr euch wirklich auf den Schoß von Putin setzen – links sitzt Sahra Wagenknecht und rechts sitzt Gerhard Schröder?“, fragte der ehemalige Industrieboss und AfD-Abtrünnige Hans Olaf Henkel kürzlich in einer Talk Show. Damit wollte er diejenigen ansprechen, die den Schuss immer noch nicht gehört haben. Es geht bei dieser EU-Wahl auch um das Überleben unserer europäischen Ordnung, die uns seit 1945 vor ausufernden bewaffneten Konflikten geschützt hat.
Werden wir weiterhin auf einer „Insel der Glückseligkeit“ leben können? Der Ausdruck ist zutreffend, wenn man die politische Weltwetterlage anschaut. Die Antwort hängt mit von Ihrer und meiner Stimme ab. Bei der Frage, wo das Kreuz hinsoll, gilt es zu schauen, welche Kandidaten ausgefeilte Konzepte für die Zukunftsgestaltung anbieten und welche nur hohle Sprüche absondern. Die Welt ist zu kompliziert geworden, als dass wir sie Abenteurern und Dilettanten überlassen dürften.
Ja, Europa ist nicht perfekt. Das komplizierte Räderwerk knirscht und muss geölt oder umgebaut werden. Aber wir haben einen Werkzeugkoffer mit passenden Instrumenten. Es sind die EU-Verträge. Wenn die politischen Akteure daraus die richtigen Geräte herausholen, sind Reformen zur Verbesserung Europas möglich. Die anzustoßen und umzusetzen ist eine Hauptaufgabe für das nächste EU-Parlament.
Ein Journalistenkollege schrieb neulich bei der Betrachtung Europas:
„Ich klinge nicht nur ratlos. Ich bin es.”
Aber nein, lieber Kollege, nicht doch! Europa hat bislang immer bewiesen, dass es auch auf holprigen Strecken fahren kann – nicht immer schnell, aber es geht dann doch voran. Schauen wir also trotz aller Herausforderungen in und um Europa herum zuversichtlich nach Brüssel, Strasburg oder Luxemburg.
Ich jedenfalls bin optimistisch: Wir haben eine Volksabstimmung in völlig unterschiedlichen Ländern auf die Kette gekriegt. Die EU-Wahl wird zeigen, dass wir resistent gegen Rattenfänger sind. Die Mehrheit Europas von Stockholm bis Sizilien und von Portugal bis Polen möchte Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat. Bleiben wir dabei!
Danke für Ihr Interesse an meiner hiermit beendeten Kolumne “Wiegands Wahl Watch”.
Wolf Achim Wiegand ist freier Journalist mit EU-Spezialisierung
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