Meine Meinung zum Wahlergebnis
Hamburg / Brüssel (waw) – Mit Ruhm bekleckert hat sich bei der Polit-Euro2024 niemand. Vor allem nicht die erste Garde der EU. Es war ein langweiliger Wahlkampf voller Fakes: Da wurden Plakatkandidaten gekleistert, die nicht auf dem Stimmzettel standen. Da wurden nationale Themen platziert, die im Europäischen Parlament gar nicht entschieden werden. Alles zum Gähnen. Richtig Feuer unter dem Hintern entfachte nur die “Eurofighterin” von der FDP. Aber auch da überwog Militärpolitik, wofür Europa kaum Zuständigkeiten hat.
So kann man das großartige Projekt Europäische Union nicht in die Herzen hämmern!

Gewinner sind folgerichtig die Underdogs geworden. Größte nationale Delegation aller 27 EU-Mitgliedsländer in Brüssel ist laut aktuellen Zahlen zwar nicht die französische Rechtsaußenpartei RN geworden – aber sie liegt nur hauchdünn hinter der schon bislang dominierenden CDU/CSU. Die ausgebuffte RN-Parteichefin Marine Le Pen und ihr junger Kandidat Jordan Bardella, 28, haben den Hass der “Provinzler” auf die schnieken Regierenden in Paris gelenkt. So konnten sie geschickt die “Rächer der Enterbten” spielen (wobei Le Pen als höhere Tochter und Dynastieerbin selbst zur Élite gehört).
Le Pen konnte mit dem PR-Stunt einer vermeintlich nicht mehr radikalen sondern gutbürgerlichen Politikerin etwa 30 % abräumen (wovon die ihr eklige AfD nur träumen kann). Macrons liberal ausgerichtete Bewegung “Rennaissance” erhielt als zweitstärkste Gruppe nur halb so viele Stimmen und wurde fast von den neuformierten Sozialisten unter Raphaël Glucksmann überrundet. Ähnlich erfolgreich waren Italiens postfaschistische Regierungschefin Giorgia Meloni und Österreichs Herbert Kickl. Der rechtsausgelegte Oppositionsführer in Wien ist jetzt mit der FPÖ erstmals die stärkste Partei seines Landes (Motto: “EU-Wahnsinn stoppen”).
In der EU hat es vor der Wahl vielerorts einen rechtslastigen Aufschrei gegen “die da oben” gegeben. Er war laut, zum Teil gewaltsam und wurde auch breit berichtet: Bauernproteste, Migrationsdruck oder überbordende Klimabürokratie. Die “Etablierten” haben das nicht wahrgenommen und glaubten wohl, das würde sich wieder legen. Grundlegende Vorschläge für eine Weiterentwicklung des größten Friedensprojektes unserer Geschichte hörte man im Wahlkampf jedenfalls nicht – trotz einer immer schwierigeren krisenhaften Weltgemengelage. Angedeutete Reförmchen werden die EU aber nicht retten. Es braucht Neuerungen an Haupt und Gliedern.
Ich werde in den kommenden fünf Jahren alles tun, damit es keinen Grund mehr gibt, die Extreme zu wählen – Das sagte Emmanuel Macron, bevor er bei der Euro2024 grandios scheiterte und noch am Wahlabend das Parlament auflöste, um schleunigst Neuwahlen abzuhalten.

Liegen Taubheit und Tatenlosigkeit vielleicht daran, dass kaum jemand aus der Brüsseler Blase Basiswurzeln hat? Wenige sind in der Kommunalpolitik politisch groß geworden. Viele sind Karrieristen ohne echte Berufserfahrung. Das Ohr zum Wähler ist bei vielen ganz weit weg und verliert sich in den Glaspalästen zu Brüssel und Strasburg. Europa braucht volksnähere VOLKSvertreter.
OK, “et hätt noch emmer joot jejange” – ist letztlich alles unterm Strich nochmal gut gegangen? Tout s’est bien passé? – Everything went fine? – ¿Todo salió bien?
Vieles liegt jetzt in Frauenhänden: Le Pen und ihre italienische Gesinnungsschwester, die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni (die ebenfalls stimmentechnisch abgesahnt hat), haben jetzt etwas zu sagen. Dagegen ist der deutsch-französische Motor von EU-Männerduo Emmanuel Macron und Olaf Scholz ins Stottern geraten.
Die neuen EU-Parlamentarier der Mitte werden sich tief aus dem Luftschiff Brüssel hinabbücken müssen, um in den nächsten fünf Jahren neue Verankerungen am Boden festzuzurren. Geschieht das nicht, fliegt ihnen die Euro2029 davon und gefährliche Mehrheiten nehmen ihre Parkpositionen ein.

Europas Mitte-Rechts-Frauentrio: Ursula von der Leyen (D), Giorgia Meloni (I), Marine Le Pen (F)


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