Grönland USA Trump Vance – “Europa im Blickpunkt – Wiegand wills wissen”: Die Drohung von US-Präsident Donald Trump, sich notfalls mit Waffengewalt die dänische Region Grönland einzuverleiben, hat weltweit Besorgnis ausgelöst. Ein angekündigter hoher Besuch aus Washington trug auch nicht zur Beruhigung bei – im Gegenteil! Doch die Grönländer haben sich durchgesetzt – vorerst.
Europa im Blickpunkt
Wiegand wills wissen
Von Wolf Achim Wiegand (Titelfoto: #greenlandmeme / X)
Grönland USA Trump Vance
Kopenhagen/Hamburg/Nuuk (waw) – Grönland ist flächenmäßig sechsmal so groß wie Deutschland. Es ist damit die ausgedehnteste Insel der Welt. Dennoch leben in dem Gebiet weniger Menschen, als Zuschauer in eines der Erstligastadien von Stuttgart, Hamburg oder Gelsenkirchen passen.
Gerade haben die knapp über 56.000 Grönländer einen triftigen Grund zum Feiern. Erfolgreich hat das kleine Volk der Weltmacht USA gezeigt, wo der Hammer hängt. Sie haben es geschafft, den Besuch einer nicht willkommenen hochrangigen Delegation aus Washington abzuwehren.

Grönland USA Trump Vance
US-Vizepräsident JD Vance und seine Frau Usha hatten sich persönlich für dieses Wochenende angekündigt. Sie wollten zur nationalen Hundeschlittenmeisterschaft „Avannaata Qimussersu“ in der Tundra-Ortschaft Sisimiut kommen. Ganz „privat“, wie es hieß. Trotz des angeblichen Eheausfluges befanden sich wichtige Figuren im Gefolge: Der Nationale Sicherheitsberater Mike Waltz und Energieminister Chris Wright. Schon das weckte Misstrauen über die Lauterkeit der zwei Touristen.

Äußerlich hatte alles routinemäßig angefangen. Schon vor Tagen hatte der US Secret Service mehrere schwarze Panzerlimousinen in die Hauptstadt Nuuk geflogen. Sie benutzten dafür Transporter der US Air Force.
Gemein: Eheleute Vance sollten in Clinton-Suite schlafen
Misstrauisch hatten Einheimische verfolgt, wie die schweren Autos mit den abgedunkelten Fenstern in Unterstände gerollt wurden. Anschließend screenten Geheimdienstler die ortsbeste Herberge “Hotel Hans Egede” (Foto oben) bis in die hinterste Ecke auf Sprengstoff. Besonders unter die Lupe kam der gesamte zweite Stock des funktionalen Gebäudes an der Hauptstraße Aqqusinersuaq. Hier sollte das Presse‑, Planungs- und Personenschutzteam Quartier beziehen – ein ziemlicher Aufwand für einen “Privatbesuch”.
Die Vances selbst sollten in dem Hotel den größten Raum erhalten. Der ist ausgerechnet benannt nach der einstigen US-Außenministerin und Ex-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton: „Clinton Suite“. Das Role Model der Demokratischen Partei hatte hier 2011 bei einem Arktis-Gipfel genächtigt.
Nun aber ist alles ganz anders gekommen. Nur einen Tag vor dem Eintreffen der Amerikaner packte das Vorauskommando alles wieder zusammen. Grund: Die Politpromis aus dem 3.300 Kilometer entfernten Washington hatten alle touristischen Programmpunkte abgesagt.

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Vance ließ plötzlich mitteilen: Er wolle nur noch die Thule Air Base besuchen, die auf Grönländisch Pituffik heißt (deutsch “Wo man etwas festmacht”). Das ist der nördlichste Stützpunkt der Vereinigten Staaten. Also kein Schlittenrennen und keine “kulturellen Begegnungen” mehr. Auf diese Weise umgingen die USA das diplomatische Tabu, offizielle Vertreter uneingeladen in ein fremdes Land zu schicken.

Der eigentliche Plan:
Ursprünglich hatte Usha Vance angekündigt, mit einem ihrer drei Kinder “historische Stätten besuchen” und “das grönländische Erbe kennenlernen” zu wollen. Das dänische Außenministerium erklärte dazu, es sei nicht in solche Planungen involviert.
Traurig? Nö.
Bedauern über das Fernbleiben der Trump-Gesandten blieb aus. Im Gegenteil: Wohl nahezu allen Grönländern dürfte ein Stein vom Herzen gefallen sein. Manche jubelten sogar. Der dänische Außenminister Lars Løkke Rasmussen begrüßte es ausdrücklich, den Besuch auf Pituffik zu beschränken.

Kein einziger Politiker aus den fünf Parlamentsparteien wollte mit den Vances gesehen werden. Auch kein Bürgermeister oder ein anderer bedeutender Repräsentant.
Jeder von Rang und Namen hatte den Besuch mit ätzenden Worten kritisiert:
Ich muss sagen, dass der Druck, der in dieser Situation auf Grönland und Dänemark ausgeübt wird, inakzeptabel ist. Es ist ein Druck, dem wir uns widersetzen werden. –Dänemarks Regierungschefin Mette Frederiksen.
Der äußerst aggressive Druck der Amerikaner auf die grönländische Gesellschaft hat nun ein so ernstes Ausmaß erreicht, dass er nicht weiter eskalieren kann. –Grönlands Premierminister Múte B. Egede.
Wir werden ihnen den Rücken zukehren, wenn sie vorbeifahren. - Per Nørgård (92), einer der größten dänischen Komponisten und Kundgebungsorganisator.
Das Problem: Donald Trump hat großen Appetit auf die abgelegene Weltgegend. Die von schwerreichen Geschäftsleuten dominierte Regierung des „Deal Makers“ hat Kaufangebote für Grönland gemacht. Sie waren allerdings vergiftet: Für den Fall der Kaufablehnung drohe Trump mit militärischer Besetzung.
Die Begierde ist unterirdisch
Allen auf Grönland, in Dänemark und anderswo ist klar: Die USA-Oligarchen wollen an die Ressourcen gelangen. Diese liegen unter dem ewigen grönländischen Eis und könnten in Kürze durch klimawandelbedingtes Abschmelzen zugänglich werden.

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Es geht um Bodenschätze. Seltene Erden. Uran, Öl und Gas. Auch Metalle, Eisen, Zink, Kupfer und Gold gehören dazu. Außerdem Nickel und Platinmetalle, Grafit, Lithium und Edelsteine. Schließlich Diamanten und andere Mineralien.
Das kommt nicht in die Tüte. Das hatten alle Beteiligten in Nuuk und Kopenhagen das rasch klar gemacht. Der ultranationalistische Republikaner hatte sein Ansinnen schon unverblümt in der Regierungserklärung formuliert. Er hatte damit ernste Ängste ausgelöst.
Die Aversion wurde noch verstärkt. Dies geschah, als Trump den Deal telefonisch in rauem Ton der Chefin der königlich-dänischen Regierung, Mette Frederiksen, „ans Herz“ legen wollte. Die Unterhaltung war offenbar so heftig, dass die Sozialdemokratin umgehend in Brüssel bei EU und NATO im Beistand bat.
Dänemark herrscht seit 1721 – nicht immer geschickt – über Grönland. Damals gründete der Missionar und Entdecker Hans Egede eine Kolonie. Im Jahr 1953 wurde es offiziell Teil des Königreichs Dänemark. Im Jahr 1979 erhielt es weitgehende Selbstverwaltung. Seit 2009 firmiert Grönland als ein autonomes Gebiet. Die Regierung in Kopenhagen unter dem heutigen König Frederik X. zahlt fast die Hälfte des grönländischen Staatshaushaltes.
Trumps Obsession mit Grönland grenzt an Stalking. – Peter Kleim, Journalist und USA-Experte

Unabhängigkeit? Ja bitte. Aber auch von den USA.
Allerdings: Der Wille der Grönländer, sich von der über 10.000 Kilometer von Nuuk entfernten Ost- und Nordseemonarchie zu trennen, war noch nie so groß wie heute. Für viele ist „Unabhängigkeit“ ein Zauberwort. Die steht ihnen auch verfassungsmäßig nach einem entsprechenden Referendum zu.
Doch die Menschen in dem eisigen Land sind keine Hitzköpfe. Sie werfen nicht einfach eine hundert Jahre dauernde gemeinsame Geschichte über Bord. Sie sind mit Dänemark in guten Gesprächen.
Die Zugehörigkeit zu den USA wünscht auf der Insel praktisch niemand. Das zeigen Umfragen und die gerade stattgefundenen Wahlen. Trump und Vance behaupten, die Grönländer würden sie rufen. Sie sagen die Unwahrheit – bewusst oder uninformiert? Beides wäre gleich schlimm…
Wir – alle Parteiführer – können die wiederholten Äußerungen über eine Annexion und Kontrolle Grönlands nicht akzeptieren. – Gemeinsame Stellungnahme der im Parlament vertreten Parteien.
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Nun scheint es, als taumele Trump mit seinem Plan, das lukrative Land in sein Reich einzugliedern. So, wie er es auch mit Kanada und Panama gerne täte. Für ihn bleibt wohl vorerst nur der unwirtliche Stützpunkt Pituffik übrig.
Die US-Basis liegt 885 Kilometer östlich des magnetischen Nordpols. Sie gehört seit 1992 zum Weltraumkommando der US Air Force. Ihre Bedeutung liegt in der zentralen Rolle bei Raketenabwehr und Weltraumüberwachung. Von hier aus funktioniert die Frühwarnung vor ballistischen Raketen.

Horchposten für den Weltraum
Ausländische Mächte haben sich schon öfter auf Grönland eingenistet. Zuletzt während des Zweiten Weltkriegs, als Dänemark von Nazi-Deutschland besetzt war. Damals übernahm die US-Regierung die Verteidigung und Kontrolle Grönlands, was die deutsch gegängelte dänische Regierung allerdings für ungültig erklärte. Dennoch trafen US-Truppen in Grönland ein.
Bis heute ist Pituffik der nördlichste Stützpunkt der Vereinigten Staaten. Exakt 116 Grönländer wurden bei seinem Bau zwangsumgesiedelt. Sie konnten erst 1999 eine Entschädigung vom dänischen Staat erstreiten. Seit 2023 hält eine mehrheitlich grönländische Firma den Servicevertrag. So bleiben die Steuern auf der Insel. Arbeits- und Ausbildungsplätze für Einheimische werden gesichert. Die Kooperation soll bis 2035 laufen und auf Grönland rüttelt niemand daran.
Die Begehrlichkeiten Trumps haben weit über Grönland hinaus Besorgnis ausgelöst. Theoretisch ist es möglich, dass das NATO-Land Dänemark die NATO um Beistand bittet, falls die NATO-Vormacht USA dort einmarschiert. Ein absurdes, aber nicht unmögliches Szenario.
Auch anderswo schaut man hochinteressiert auf die Entwicklungen in dem abgelegenen Außenposten Europas. Das gilt besonders für Taipeh, die Hauptstadt Taiwans. Dort verursacht die Unberechenbarkeit Trumps in internationalen Beziehungen erhebliche Zweifel über die Verlässlichkeit. Wie würden die USA die ostasiatische Insel verteidigen, wenn China sie angreift? In Ostasien sieht man Parallelen zwischen Trumps Argumentationen im Falle Grönland und Chinas Anspruch auf Taiwan.
Wenn Trump Grönland einnimmt, wird das der Welt signalisieren, dass es kein Problem damit gab, dass Putin große Teile der Ukraine eingenommen hat. Oder dass China Taiwan eingenommen hat. Oder dass Ruanda jetzt den Ostkongo einnimmt. Usw. usw. usw. Ist es das, was Trump entfesseln will? – Kenneth Roth, US-Jurist und Ex-Geschäftsführer von Human Rights Watch
Ja, man kann dort leben…
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Unterdessen hat Grönland nach Jahren der Agonie so etwas wie einen positiven Lauf. Nach dem Studium auf dem Festland kommen wieder mehr junge Menschen nach Nuuk. Das ist mit nur rund 19.000 Einwohnern eine der kleinsten Hauptstädte der Welt. Der Ort war bereits von Inuit bewohnt, als der Kolonisator Egede herkam: Es gab zwei Häuser mit zwölf Familien. Auch heute noch bestimmt die Natur den Alltag. Monatelang türmt sich Schnee an den kurzen Wintertagen.
Dennoch ist Nuuk keineswegs isoliert. Schnelle Internetverbindungen sind selbstverständlich. Neue Wohnviertel entstehen. Zwar leben manche Menschen wie in Vorzeiten vom Jagen, Fischen oder Kunsthandwerk. Aber zugleich gibt es moderne Glasbauten, eine Universität, Cafés und ein Kino. Traditionelle Trommeltänze und elektronische Disco-Musik – das existiert hier nebeneinander.
Eine kürzliche Umfrage zeigt, dass 85 % der Grönländer gegen eine Eingliederung in die USA sind. Lediglich sechs Prozent finden das reizvoll. Und das, obwohl die Beziehungen zum Mutterland Dänemark wegen verschiedener dänischer Verfehlungen historisch belastet ist. Dass Trump nicht lockerlässt, scheint den Widerstand der Grönländer nur zu verstärken.

Hätten Usha und JD Vance von all diesen Schattierungen grönländischen Lebens etwas mitbekommen? Wohl kaum. Sie wären von Geheimdiensten und Personenschützern hermetisch abgeschirmt worden. Vor allem vor den geplanten Unmutsbekundungen.
Und so feiern die Grönländer einen gar nicht so kleinen Sieg. Fast alle dürften diese Analyse teilen:
Dies ist eine Charmeoffensive ohne Charme, und alle sind verärgert, weil es so offensichtlich ist, dass es darum geht, die grönländische Bevölkerung einzuschüchtern und Dänemark zu provozieren. – Noa Redington, Analystin und ehemalige Beraterin der früheren dänischen Premierministerin Helle Thorning-Schmidt.
Nun ist Ruhe – aber wie lange?
Grönland USA Trump Vance

Grönland hat noch nie so stark im Blickpunkt der Weltöffentlichkeit gestanden, wie dieser Tage. Falls Trump nicht doch noch auf dumme Gedanken kommt, ist dort das politische Unwetter abgezogen. Das Hundeschlittenrennen auf dem 40-Kilometer-Kurs findet wie traditionell ohne begehrliche Ausländerblicke statt.
Im “Hotel Hans Egede” ist wieder die gewohnte Ruhe eingezogen. Echten Sturm gibt es bisweilen nur an der wenige Steinwürfe entfernten und oft windgepeitschten Küste des Nordatlantiks.

Eine Beitrag von Wolf Achim Wiegand, freier Journalist mit EU-Spezialisierung
Demnächst mehr aus Europa.
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