Israel Iran Ukraine: Was verbindet diese drei Kriegs­schau­plätze? Sehr viel mehr, als man zunächst denkt ... – Analyse.

Europa im Blickpunkt
Wiegand wills wissen

Eine Drohne. Drei Schauplätze. Ein neues Kriegsnetzwerk.

Von Wolf Achim Wiegand (Bilder: KI)

Israel Iran Ukraine

Hamburg/Kyjiw/Jerusalem (waw) – Was haben die Ukraine, Iran und Israel mitein­ander zu tun? Mehr, als es auf den ersten Blick scheint. Wer die Kriege des 21. Jahrhun­derts nur auf der Landkarte betrachtet, sieht drei weit vonein­ander entfernte Konflikte. Aber wer auf Waffen, Techno­logien und militä­ri­sches Wissen schaut, erkennt ein engma­schiges Netzwerk:

Am 7. Oktober 2023 wurde diese Verbindung eine zutiefst jüdische Erfahrung. Kurz nach Morgen­grauen durch­brachen Hamas-Terro­risten aus gaza den Grenzzaun zu Israel und überfielen mit Unter­stützung zahlloser arabi­scher Zivilisten und anderer bewaff­neter Gruppen die Ortschaften und Kibbuzim nahe der Absper­rungen. Sie massa­krierten unter grausamen Umständen rund 1.200 Menschen, verwun­deten etwa 5.000 Männer, Frauen und Kinder. 251 Überfallen wurden als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt, misshandelt und getötet oder zum Teil zwei Jahre in dunklen Tunneln gequält.

Damit wurde der Nahost­kon­flikt endgültig Teil jener neuen Kriegswelt, in der Waffen und Erfah­rungen keine Grenzen mehr kennen. Und genau hier beginnt die Geschichte von Israel, Iran und der Ukraine. Ihre Verbindung sind Tötungs­tech­no­logien und äußerste Grausamkeit auf tausende Kilometer vonein­ander entfernten und eben doch verbun­denen Kriegsschauplätzen.

Die Shahed verbindet die Kriege

Eine der wichtigsten Spuren führt zu den irani­schen Shahed-Drohnen. Seit 2022 setzt Russland sie gegen die Ukraine ein. Russland produ­ziert sogar eigene Varianten, entwi­ckelt sie weiter und setzt sie in großer Zahl gegen ukrai­nische Zivilisten ein. Die Ukraine hat dadurch gelernt, solche Drohnen abzuwehren – nicht aus Lehrbü­chern, sondern Nacht für Nacht in schreck­licher Praxiserfahrung.

Dieses Wissen ist zunehmend auch außerhalb Europas gefragt. Als iranische Drohnen 2026 für die Staaten am Persi­schen Golf zu einer akuten Bedrohung wurden, bot Kyjiw seine Erfah­rungen bei der Abwehr an. Ausge­rechnet die Ukraine, die selbst auf inter­na­tionale Rüstungs­hilfe angewiesen ist, wurde damit zum innova­tiven militä­ri­schen Ratgeber.

Israel kennt den Gegner

Israel wiederum beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit irani­schen Raketen und Drohnen. Aufklärung, elektro­nische Kriegs­führung, Luftver­tei­digung und Präzi­si­ons­an­griffe gehören zu den Bereichen, in denen das Land gezwun­ge­ner­maßen über große Erfahrung verfügt. Das zeigt der Krieg, den Israel zeitweise an US-Seite gegen die Armee der Mullahs und ihrer Revolu­ti­ons­garden geführt hat. 

Israel kennt den Gegner. Die Ukraine kennt seine Waffen.

Comic mit fünf Panels: Entwicklung Iran, Produktion Russland, Einsatz Ukraine, Analyse ukrainischer Ingenieure und Technologietransfer in den Nahen Osten.

Russland als Bindeglied

Hinter beiden Konflikten steht zunehmend derselbe Akteur: Russland.

Was als iranische Unter­stützung für den russi­schen Angriff auf die Ukraine begann, ist längst keine Einbahn­straße mehr. Russland hat die Shahed-Drohnen­tech­no­logie übernommen, eigene Produk­ti­ons­linien aufgebaut und die tödlichen unbemannten Fluggeräte weiter­ent­wi­ckelt. Eine iranische Waffe ist damit teilweise zu einer russi­schen geworden – und bedroht damit auch Europa.

Nun scheint sich der Wissens­transfer umzukehren. Eine aktuelle Recherche der Financial Times berichtet, dass Russland Iran bei der Entwicklung von Überschall-Marsch­flug­körpern unter­stützt. Kreml-Spezia­listen sollen an einem Programm beteiligt sein, das Teheran langfristig den Bau solcher Waffen ermög­lichen könnte.

Damit entsteht eine neue militä­rische Arbeits­teilung: Iran liefert Drohnen­tech­no­logie, Russland gibt militä­ri­sches Know-how zurück.

Wenn Kriege voneinander lernen

Das verändert die Verbindung zwischen den Kriegen. Waffen, Geheim­dienst­in­for­ma­tionen und Erfah­rungen wandern zwischen den Schau­plätzen hin und her. Der Guardian (London) hat deshalb von einer zuneh­menden Überlappung des Ukraine- und des Iran-Krieges gesprochen.

Es geht dabei nicht um eine neue Allianz. Eher entsteht ein Netzwerk, in dem ein Konflikt den nächsten beein­flusst. Russland nutzt iranische Techno­logie, Iran profi­tiert von russi­scher Unter­stützung, Israel versucht iranische militä­rische Fähig­keiten zu schwächen und die Ukraine sammelt Erfah­rungen mit Waffen, die ursprünglich aus Iran stammen.

Die Kriege beginnen, vonein­ander zu lernen.

Das ist die entschei­dende Verän­derung. Im 20. Jahrhundert konnte man einen Krieg meist geogra­fisch verorten. Heute wandern Waffen und Techno­logien schneller über Grenzen. Eine Drohne kann in Iran entwi­ckelt, in Russland produ­ziert, in der Ukraine einge­setzt und dort analy­siert werden. Die daraus gewon­nenen Erfah­rungen inter­es­sieren anschließend Militärs im gesamten Nahen Osten, ja, sogar weltweit.

Die überraschende historische Verbindung

Doch die Verbindung zwischen Israel, Iran und Ukraine ist nicht nur militä­ri­scher Natur. Sie reicht viel weiter zurück – in die jüdische Geschichte.

Iran besitzt eine der ältesten jüdischen Gemein­schaften außerhalb Israels. Mit derzeit 8.000 bis 15.000 Menschen ist sie offenbar immer noch die größte jüdische Gemeinde in der islami­schen Welt. Aber vor der Islami­schen Revolution im Jahr 1979 lebten etwa 100.000 Juden im Land. Das Leben der Verblie­benen ist regle­men­tiert: Kontakt­verbot mit Israel, keine recht­liche Gleich­stellung und Berufs­verbot für hohe Ämter im Staat oder Militär.

Jüdisches Leben auf persi­schem Boden reicht mehr als zweieinhalb Jahrtau­sende zurück. König Kyros erlaubte den Juden nach der Eroberung Babylons die Rückkehr nach Jerusalem. Unter dem Schah waren sie enge Partner: Es gab militä­rische und geheim­dienst­liche Kontakte, wirtschaft­liche Zusam­men­arbeit und Ölgeschäfte.

Die Islamische Revolution von 1979 kehrte das Verhältnis ins Gegenteil. Heute sind Israel und Iran erbit­terte Feinde.

Die Ukraine und ihre jüdische Geschichte

Graphic with menorah monument, German soldiers, Jewish civilians, and German text: "BABYN JAR – SYMBOL DES MASSENMORDS AN DEN EUROPÄISCHEN JUDEN. Hier ermordeten deutsche Einheiten am 29. und 30. September 1941 über 33.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder. Insgesamt wurden hier während der deutschen Besatzung schätzungsweise rund 100.000 Menschen ermordet. Heute erinnert ein Mahnmal an die Opfer und mahnt zur Erinnerung."

Auch die Ukraine war über Jahrhun­derte ein Zentrum jüdischen Lebens. Kyjiw, Odessa, Lwiw, Charkiw und Uman gehörten zu den bedeu­tenden jüdischen Zentren Europas. Dann kam der Holocaust. In Babyn Jar bei Kiew ermor­deten deutsche Einsatz­gruppen Ende September 1941 innerhalb von zwei Tagen fast 34.000 Juden; bis 1943 wurden dort insgesamt rund 100.000 Menschen getötet.

Als 2022 russische Raketen in unmit­tel­barer Nähe der Gedenk­stätte einschlugen, wurde aus histo­ri­scher Erinnerung wieder aktuelle Realität. Der israe­lische Präsident Isaac Herzog erinnerte bei der Gedenk­feier zum 80. Jahrestag von Babyn Jar an die „lange und kompli­zierte Geschichte“ zwischen dem jüdischen Volk und der Ukraine.

Damit erhält das Dreieck eine überra­schende zweite Ebene: Seine militä­rische Verbindung ist neu, seine histo­rische Verbindung ist Jahrtau­sende alt. Und beides lässt sich an einem einzigen Wort festmachen: Shahed. Das persische und arabische Wort bedeutet „Zeuge“.

Vom Iran über Russland in die Ukraine

Heute steht Shahed für eine Drohnen­fa­milie, die zu einem Symbol des russi­schen Krieges gegen die Ukraine geworden ist. Eine Techno­logie aus Iran wurde zur Waffe in Europas Krieg. Russland hat sie übernommen und weiter­ent­wi­ckelt, die Ukraine gelernt, sie abzuwehren – und dieselben Erfah­rungen sind inzwi­schen für den gesamten Nahen Osten interessant.

Eine Waffe wurde Träger von Wissen

Die neue Dimension moderner Kriege liegt darin, dass Techno­logien, Produk­ti­ons­ketten und militä­rische Erfah­rungen Grenzen überschreiten – und zwar lange bevor sich politische Bündnisse verändern. Deshalb gibt es auch keine Dreier­al­lianz Israel–Iran–Ukraine.

Israel und die Ukraine rücken zusammen

Selbst zwischen Israel und der Ukraine gibt es politische Spannungen. Lange Zeit verhielt sich die Regierung in Jerusalem gegenüber Kyjiw zurück­haltend, um die Bezie­hungen zu Moskau nicht zu gefährden. Die brauchte Israel im syrischen Luftraum direkt an Israels Grenze.

Die Bezie­hungen zwischen Jerusalem und Kiew gelten seit Beginn des russi­schen Angriffs­krieges gegen die Ukraine als kompli­ziert. – Jüdische Allge­meine

Die vorsichtige Politik hat sich grund­legend gewandelt. Am Rande der Trauer­feier für den verstor­benen US-Senator Lindsey Graham in Washington trafen Israels Regie­rungschef Benjamin Netanjahu und der ukrai­nische Präsident Wolodymyr Selenskyj erstmals seit Jahren persönlich aufein­ander. Sie wechselten einige Worte und begrüßten sich mit einem Handschlag. Zum ursprünglich geplanten offizi­ellen Treffen kam es jedoch nicht.

Zum Umdenken des kleinen Frühlings in den zuvor frostigen Bezie­hungen hat er gemeinsame Gegner Iran geführt. Israel liefert Rüstungs­güter und hochent­wi­ckelte Waffen­systeme an die Ukraine, etwa das Patriot-Luftab­wehr­system. Beide Länder sehen sich mit ähnlicher Militär­tech­no­logie ihrer Feinde konfron­tiert – die Folge ist ein opera­tiver Austausch. Auch diplo­ma­tisch vertiefen die beiden Regie­rungen ihre Kontakte konti­nu­ierlich und koope­rieren bei Wirtschaft, Innovation und Technologie.

Ein gemeinsames militärisches Netzwerk

Infographic text: ШАХЕД-136; ГЕРАНЬ-2; SHAЕD-136 / GERAN-2; FROM IRAN TO RUSSIA... USED IN UKRAINE SINCE 2022.; CHEAP, LOUD, AND... EFFECTIVE.; SYMBOL OF NEW WARFARE.; PRODUCED & DEVELOPED IN RUSSIA.; EXPENSIVE AIR DEFENSE SYSTEM; TARGETS MYSELF.; ANOTHER DRONE? THIS MISSILE COST MILLIONS!; THEY CHANGE THE EQUATION OF WAR.; A COMPARATIVELY CHEAP DRONE... CAN ENGAGE A MUCH MORE EXPENSIVE ANTI-AIRCRAFT MISSILE.

Inzwi­schen hat sich ein wachsendes militä­ri­sches Netzwerk gebildet – ohne tiefe Freund­schaft. Die Shahed macht diese Entwicklung sichtbar: Sie beginnt ihren Weg im Iran, wird in Russland zur Geran, fliegt über die Ukraine und liefert dort neue Erkennt­nisse über moderne Kriegs­führung. Gleich­zeitig hilft Russland dem Iran beim Aufbau neuer Waffentechnologien.

So rücken drei weit vonein­ander entfernte Länder in den gegen­sei­tigen Fokus. Teheran, Kyjiw und Jerusalem liegen auf den Schlacht­feldern des 21. Jahrhun­derts erstaunlich nah beiein­ander. Der Nahost-Konflikt und der Ukraine-Krieg sind eng mitein­ander verwoben.

Der 7. Oktober 2023 war deshalb nicht nur ein Einschnitt für Israel und die jüdische Welt. Er macht sichtbar, wie eng die Konflikte des 21. Jahrhun­derts mitein­ander verbunden sind. Die Shahed ist das Symbol: eine Waffe, die Grenzen überquert – und dabei Wissen mitnimmt.

Für Israel erhält diese Entwicklung seit dem Massaker vom 7. Oktober eine besonders bedrü­ckende Bedeutung. Der Angriff auf jüdische Gemeinden im Süden des Landes war ein brutaler Beweis dafür, dass die Bedrohung nicht abstrakt ist. Zugleich zeigt die weitere Entwicklung, dass hinter den einzelnen Fronten keine vonein­ander isolierten Konflikte stehen.

Teheran, Kyjiw und Jerusalem liegen geogra­fisch weit ausein­ander. Auf dem Schlachtfeld des 21. Jahrhun­derts sind sie einander jedoch nah. Der 7. Oktober hat ein grenz­über­schrei­tendes Bedro­hungsnetz offen­gelegt. Die Kriege im Nahen Osten und in der Ukraine beein­flussen sich gegenseitig.


Israel Iran Ukraine

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