Kuriose Natio­nal­fei­ertag-Bräuche in Europa: Natio­nal­fei­ertag muss nicht immer Militär­parade und Staatsakt bedeuten. Europa kann auch Kinder marschieren lassen, Berge anzünden – oder einen kleinen Pinkler einkleiden … – Bericht.

Europa im Blickpunkt
Wiegand wills wissen

Europa kurios: Die ungewöhnlichsten Nationalfeiertags-Bräuche

Von Wolf Achim Wiegand (Bilder: KI)

Kuriose Natio­nal­fei­ertag-Bräuche in Europa

Hamburg/Brüssel (waw) – Natio­nal­fei­ertag – da denkt man schnell an Fahnen, Militär­pa­raden, Staats­reden und große patrio­tische Gesten. Doch Europa kann auch anders. In manchen Ländern wird die Nation erstaunlich unmili­tä­risch gefeiert, anderswo brennen Feuer auf den Bergen, ein Fürst lädt sein Volk auf die Schloss­wiese – und in Brüssel bekommt ausge­rechnet ein nackter kleiner Junge regel­mäßig ein neues Kostüm.

Fünf ungewöhn­liche Natio­nal­fei­er­tags­bräuche zeigen, wie unter­schiedlich Europas Länder ihre Geschichte und ihre nationale Identität feiern.

🇳🇴 Norwegen: Kinder marschieren

17. Mai: Die Kleinsten übernehmen den Staat.

Während in vielen Ländern Soldaten den Natio­nal­fei­ertag prägen, gehören in Norwegen die Straßen den Kindern. Am 17. Mai, dem Verfas­sungstag, ziehen landesweit Schul­klassen mit Fahnen und Musik­ka­pellen durch die Städte.

In Oslo führt die große Kinder­parade sogar am König­lichen Palast vorbei. Dort steht die könig­liche Familie auf dem Balkon und winkt den vorbei­zie­henden Kindern zu. Mehr als 120 Schulen nehmen an der Parade in der Haupt­stadt teil.

Militä­ri­sches Zeremo­niell? Gibt es auch. Aber es steht nicht im Mittel­punkt. Der norwe­gische Natio­nal­fei­ertag ist vor allem ein Fest für Kinder, Familien und die gesamte Bevöl­kerung – inklusive Trachten, Musik, Hotdogs und jeder Menge Eis.

Das passt zur Geschichte: Die norwe­gische Kinder­parade gibt es bereits seit dem 19. Jahrhundert. Sie wurde zu einem festen Bestandteil des 17. Mai und macht den Natio­nal­fei­ertag zu einem der ungewöhn­lichsten in Europa.

Offizielle Infor­ma­tionen zum 17. Mai – Stadt Oslo

🇫🇮 Finnland: Zwei Kerzen für die Freiheit

6. Dezember: Es werde Licht …

Wenn es am finni­schen Unabhän­gig­keitstag dunkel wird, beginnt ein bemer­kenswert stilles Ritual: In vielen Fenstern leuchten zwei blau-weiße Kerzen. Damit feiert Finnland am 6. Dezember seine Unabhän­gigkeit von Russland, die 1917 erklärt wurde.

Der finnische Feiertag ist aber auch staats­tragend – mit Gedenk­ver­an­stal­tungen, Gottes­diensten, Fackel­zügen und dem großen Empfang des Präsi­denten. Doch die beiden Kerzen machen den Tag für alle Finnen besonders. Sie verwandeln ganze Straßen in ein Meer aus blau-weißem Licht und verbinden den staat­lichen Feiertag mit einem privaten Ritual in den eigenen vier Wänden.

Natio­nal­stolz muss also nicht immer laut sein. Manchmal genügt ein Fenster.

Offizielle finnische Infor­ma­tionen zum Unabhängigkeitstag

🇨🇭 Schweiz: Feuer auf den Bergen

1. August: Die Alpen erglühen in Flammen.

Die Schweiz feiert ihren Natio­nal­fei­ertag mit einem Anblick, der fast mittel­al­terlich wirkt: Nach Einbruch der Dunkelheit werden überall im Land Höhen­feuer entzündet. Besonders auf Bergen und Anhöhen sind die riesigen Feuer weithin sichtbar.

Dazu kommen Feuerwerk, Lampions, Alphörner, Jodel­chöre und Trachten. Auf der legen­dären Rütli­wiese am Vierwald­stät­tersee findet eine der bekann­testen Feiern statt.

Die Feuer haben dabei eine lange symbo­lische Tradition. Einst dienten Höhen­feuer als Warn- und Signal­zeichen. Heute sind sie Teil des natio­nalen Festes – und sorgen dafür, dass der Schweizer Natio­nal­fei­ertag nicht nur am Himmel, sondern auch auf den Bergen leuchtet.

Offizielle Infor­ma­tionen der Schwei­ze­ri­schen Eidge­nos­sen­schaft zum Nationalfeiertag

🇱🇮 Liechtenstein: Der Fürst lädt zum Staatsfest

15. August: Wiesen-Zeremonie – dann Volksfest.

In Liech­ten­stein hat der Natio­nal­fei­ertag einen beson­deren Schau­platz: die Schloss­wiese unterhalb von Schloss Vaduz. Dort findet zunächst der offizielle Staatsakt statt. Der Erbprinz und der Landtags­prä­sident halten Reden, anschließend wird das Land gesegnet. Danach verwandelt sich Vaduz in ein großes Volksfest. Am Abend folgen unter anderem Fackelzug, Höhen­feuer und Feuerwerk.

Das Ganze hat eine bemer­kens­werte Mischung aus Monarchie, Staat und Volksfest. Der Fürst gehört zur Zeremonie – aber die Bevöl­kerung ist ausdrücklich Teil des Festes.

Der Staats­fei­ertag wurde am 15. August 1940 einge­führt. Er verbindet den kirch­lichen Feiertag Mariä Himmel­fahrt mit dem Gedenken an Fürst Franz Josef II. Heute ist er eines der wichtigsten Gemein­schafts­feste des kleinen Fürstentums.

Offizielle Seite zum Liech­ten­steiner Staatsfeiertag

🇧🇪 Belgien: Neuer Zwirn für eine Statue

21. Juli: Brüssel ehrt seinen Pinkler.

Belgien hat eine besondere Art, mit Natio­nal­stolz umzugehen: In Brüssel bekommt Manneken-Pis regel­mäßig neue Kleidung. Die berühmte kleine Brunnen­figur besitzt eine Garderobe mit mehr als 900 Kostümen. Zu beson­deren Anlässen wird die Ministatue an der Grande Place von einem Mitar­beiter der Stadt angezogen. Auch nationale Feiertage gehören dazu.

Das klingt nach Folklore – ist aber längst Teil der offizi­ellen Stadt­kultur. Die Tradition des Einkleidens reicht bis ins 17. Jahrhundert zurück. Die Stadt Brüssel organi­siert sogar offizielle Überga­be­ze­re­monien für neue Kostüme.

Zum belgi­schen Natio­nal­fei­ertag am 21. Juli wird aus dem berühm­testen kleinen Pinkler der Welt also kurzerhand ein patrio­ti­scher Ehrengast.

Offizielle Infor­ma­tionen der Stadt Brüssel über Manneken-Pis und seine Kostüme

🇬🇧 Und Großbritannien?

Ein Sonderfall ist schließlich das Verei­nigte König­reich von Großbri­tannien und Nordirland. Einen einheit­lichen Natio­nal­fei­ertag nach klassi­schem konti­nen­tal­eu­ro­päi­schem Muster gibt es dort nicht. Statt­dessen haben die Landes­teile eigene nationale Gedenk- und Feiertage – etwa St Andrew’s Day am 30. November in 🏴󠁧󠁢󠁳󠁣󠁴󠁿Schottland, den St. David’s Day (Dydd Gŵyl Dewi) am 1. März in 🏴󠁧󠁢󠁷󠁬󠁳󠁿Wales oder St Patrick’s Day am 17. März in Nordirland. Die offizi­ellen Feier­tags­ka­lender unter­scheiden sich entspre­chend zwischen diesen Mitglieds­ländern des UK.


Kuriose Natio­nal­fei­ertag-Bräuche in Europa

Kuriose Natio­nal­fei­ertag-Bräuche in Europa


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