Schockie­render Wahlhammer in Paris, wo Premier­mi­nister Gabriel Attal den Rücktritt angekündigt hat: Die zum Teil links­extreme „Volks­front“ ist größter Block der Natio­nal­ver­sammlung geworden. 

Die Liberalen von Präsident Emmanuel Macron kontrol­lieren die zweit­meisten Mandate. Sensation: Der seit Monaten als Gewinner prognos­ti­zierte rechts­na­tio­na­lis­tische Rassem­blement National von Marine Le Pen ist nur dritt­stärkste Fraktion geworden. 

Voraus­ge­gangen waren taktische Wahlab­sprachen zwischen den Linken und dem Macron-Lager, um Stimmen gegen die Rechte zu bündeln. Das hat funktio­niert. Der Preis: Keine klaren Mehrheits­ver­hält­nisse. (Details, klicken!)

Frankreich

MEINUNG von Wolf Achim Wiegand

Das bisweilen verklärte Bild von Frank­reich als Land des Savoir-vivre hat vorige Nacht einen Knacks bekommen. 

Unser oft mit Rotwein, Camembert und Baguette assozi­ierter Nachbar könnte im Chaos versinken. Niemand will mit jemand koalieren. Aber keiner hat eine eigene regie­rungs­fähige Mehrheit. 

Es scheint, als tanzte Frank­reichs Élite den Cancan ohne akkurat ausge­führte Spagat­s­prünge. Das ist ein unkoor­di­nierter politi­scher Bühnen­schautanz. Den schaut man sich nicht gerne an.

Unter­dessen hat der sieges­trunkene Linkschef Jean-Luc Mélenchon an seinen drei Allianz­par­teien vorbei trotzig angekündigt, 1. keinerlei Koalition zu versuchen, 2. den Premier stellen zu wollen und 3. streng das Links­pro­gramm – und nur das Links­pro­gramm – verwirk­lichen zu wollen. Ohne Partner?

Der lautstarke und rücksichtslose Mann ist ein beinharter Kapita­lis­mus­kri­tiker. Er hasst die EU. Er bewundert Putin. Er will Frank­reich aus der Nato führen. Käme das, würde der Westen zerbröseln.

Jean-Luc Mélenchon Frankreich

Juden sehen den passio­nierten Palästina-Freund Mélenchon als Antise­miten an. Der Oberrab­biner von Paris hat seine Glaubens­brüder zum Auswandern aufge­rufen (was in der Community umstritten ist). Dennoch:

Das linke Partei­en­bündnis Nouveau Front Populaire (NFP) werde von “wilden Antise­miten” angeführt, stellt Daniel Dahan klar, der Oberrab­biner von Lyon. Der frühere “Nazijäger” Serge Klarsfeld sieht das genauso. 

Schlimmer hätte es mit den Le-Pen-Rechts­aus­legern auch nicht kommen können. Wieso das Inter­na­tionale Auschwitz Komitee der KZ-Überle­benden von einer „ungeheuren Erleich­terung“ spricht, entzieht sich meinem Verständnis.

Große Sorge auch in der Ukraine. Präsident Wolodymyr Selenskyj wartet auf zugesagte franzö­sische Flugzeuge und Raketen. Wird die Finan­zierung des Projektes von einem linken Premier­mi­nister gestoppt? Allein schon, um dem für Vertei­digung und Äußeres zustän­digen Präsident Emmanuel Macron in die Parade zu fahren? Das berührt unsere Sicherheit, ja, die ganz Europas.

Die einzige Atommacht der EU und einzige EU-Nation mit Dauersitz im UN-Sicher­heitsrat gibt kein gutes Bild an die Außenwelt ab.

Für das zerstrittene Frank­reich zeichnet sich indessen eine Ära der Insta­bi­lität ab. Neuwahlen sind ein Jahr lang verboten. Die Dauer­krise kann weit darüber hinaus bis 2027 dauern. Dann wird ein Erbe für Zocker­prä­sident Macron gewählt.

Heute hat der Kreml gut lachen. Die Europäische Union aber hat ein weiteres Problem.


Bedarf Frank­reich eines unver­klär­teren Blickes?

“Süßes Frank­reich, teures Land meiner Kindheit, die einge­bettet war in eine zärtliche Unbeschwertheit“ (Douce France, Cher pays de mon enfance, Bercée de tendre insouciance)

Das Chanson „Douce France“ von Charles Trénet sollte den Menschen während der deutschen Besatzung Frank­reichs ihre nationale Identität ins Gedächtnis rufen. Wie aktuell ist es heute wieder? Meinungen bitte unten in die Kommen­tar­spalte schreiben… 


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