Während auf dem europäi­schen Kontinent konser­vative und teils sehr rechts­extreme Parteien in Macht­po­si­tionen kommen, hat Großbri­tannien sich bei der Wahl vom 4. Juli 2024 für links entschieden. Premier­mi­nister Rishi Sunak ist unter­ge­gangen, während die Labour Party mit Keir Starmer einen der größten Siege ihrer Geschichte feiert. Das hat Folgen für die Welt. Und auch für die Europäische Union, dem das Verei­nigte König­reich seit vier Jahren nicht mehr angehört.

Von Wolf Achim Wiegand

Titelbild: KI

Hamburg / London (waw) – Erstmals seit 14 Jahren und nach fünf schil­lernden konser­va­tiven Premierminister(inne)n ist wieder ein Sozial­de­mokrat in die Downing Street Nr. 10 einge­zogen. Mit Sir Keir Rodney Starmer (61) übernimmt kein Volks­tribun wie Boris Johnson oder ein Mäuschen wie Liz Truss die Regierung Ihrer Majestät King Charles III, sondern ein Langweiler. Das ist nicht abfällig gemeint. Das Wort beschreibt die Hoffnung, dass in London weniger Jahrmarkt der Eitel­keiten statt­findet und mehr Taten die Politik des seit 1701 Verei­nigten König­reiches bestimmen werden.

Großbritannien Keir Starmer Labour Party
Foto: Labour Party

Die Aufgaben für den bedäch­tigen Ex-Menschen­rechts­anwalt und ehema­ligen Chefstaats­anwalt der Krone sind gigan­tisch. Es gilt nicht nur die Wohnungsnot in den Griff zu bekommen, sondern auch den kosten­losen maroden staat­lichen Gesund­heits­dienst (NHS). Außerdem leidet Großbri­tannien an veral­teter Infra­struktur in unter­fi­nan­zierten Kommunen. Schließlich muss es hoffnungslos veraltete öffent­liche Einrich­tungen wie Schulen, Hospi­täler oder Gefäng­nisse erneuern. 

Dazu muss etwas gegen die Unmut erzeu­gende irreguläre Migration und die zuneh­mende Verarmung durch wirtschaft­lichen und sozialen Niedergang getan werden. Für viele Menschen sind die Lebens­hal­tungs­kosten unermesslich hoch geworden. Erschwing­liche Wohnungen sind Mangelware. Die Brexit-Folgen wirken sich bis zu Auftritts­mög­lich­keiten briti­scher Pop- und anderer Künstler in der Europäi­schen Union aus, siehe mein Bericht.

Der Wandel, den wir in diesem Land herbei­führen wollen, ist nicht wie das Umlegen eines Schalters. – Keir Starmer

Großbritannien Keir Starmer

Starmer braucht langen Atem

Jedes einzelne dieser Projekte wird jahrelang dauern. Starmer kann sich zwar auf eine erdrü­ckende absolute Rekord­mehrheit im Unterhaus stützen. Doch die Zahl an Sitzen sagt nichts aus über die Möglich­keiten zur Finan­zierung aus – und die Staats­kassen des United Kingdom sind leer. Der 2020 vollführte Brexit hat zwischen vier und sechs Prozent­punkte der wirtschaft­lichen Wertschöpfung gekostet.

Die satte Führung im Unterhaus ist auch kein Garant dafür, dass sich die Behör­den­bü­ro­kratie schnell in den Erneue­rungs­galopp peitschen lässt. Der Sohn ein­er Kranken­schwest­er und eines Werkzeug­mach­ers wird Geduld und Durch­hal­te­ver­mögen benötigen. So, wie auf dem langen Karrie­rewerk von der Klein­stadt Oxted in der engli­schen Grafschaft Surrey bis ins Londoner Machtzentrum.

Wir können dem Chaos Einhalt gebieten, das Blatt wenden und mit dem Wieder­aufbau unseres Landes beginnen,” verspricht das Labour-Manifest.

Erfolg nicht garantiert

Wie Starmers Labour Party die Vorhaben wuppen will, hat sie im Wahlkampf eher schwammig beant­wortet. Die künftige Schatz­kanz­lerin Rachel Jane Reeves (45, Foto: Guardian), als erste Frau in diesem Amt, hat versprochen: Keine Erhöhung der Einkommens- und Mehrwert­steuer oder der Sozial­ver­si­che­rungs­bei­träge. Statt­dessen will die Wirtschafts­wis­sen­schaft­lerin mit Bankiers­hin­ter­grund spezielle Steuer­schlupf­löcher in Großbri­tannien stopfen, Privat­schulen stärker zur Steuer­kasse bitten und Immobi­li­en­käufe von Ausländern höher belasten. 

Das sind alles keine aus Staats­sicht besonders lukra­tiven Töpfe, weshalb weitere Schul­den­auf­nahme möglich ist. Es bleibt abzuwarten, ob der Spagat zwischen Wohltaten und Steuer­ge­schenken gelingt. Und ob sich geplante Inves­ti­tionen auszahlen: Starmer hat angekündigt Schlüs­sel­be­reiche zu fördern. Das betrifft Finanz­wirt­schaft, Exzel­lenz­for­schung, spezia­li­sierte Dienst­leis­tungen, hochent­wi­ckelte Fertigung und kreative Indus­trie­zweige wie Künst­liche Intel­ligenz und Daten­zentren. Handels­schranken zwischen Großbri­tannien und der EU sollen abgebaut oder flexi­bi­li­siert werden.

“Vorsich­tiger Optimismus” ist eine der enthu­si­as­tischsten Einschät­zungen, die man in Wirtschafts­kreisen über die Durch­schlags­kraft der künftigen Regierung hört. So erwartet man bei der Briti­schen Handels­kammer in Deutschland (BCCG) keine Wunder. Eine Rückkehr von Großbri­tannien in den EU-Binnen­markt und die Zollunion sei ausge­schlossen. Denkbar dagegen sind Erleich­te­rungen im Handel über den Ärmel­kanal und eine Stärkung wirtschaft­licher Verbin­dungen. Anderer­seits befürchten Insider, Labour werde zu zögerlich sein, um sofort große Neuerungen durch­setzen zu können.

Großbritannien Big Ben

Der Mann fürs Äußere

Vor diesem Hinter­grund lohnt es sich, einen Blick auf David Lammy zu werfen. Er wird als Außen­mi­nister eine zentrale Rolle in der künftigen Aufstellung des Verei­nigten König­reiches spielen. Der 51-jährige Jurist war der erste schwarze Brite, der die US-Elite­uni­ver­sität Harvard Law School besucht hat. Seit drei Jahren schon bereitet er sich als Schat­ten­au­ßen­mi­nister auf das neue Amt vor. In dieser Zeit hat er sich bereits mit den Vertretern von 61 Regie­rungen getroffen und ein weltweites Netzwerk gespannt.

Großbritannien Außenminister David Lammy
Foto: New Statesman

Lammy ordnet sich politisch als “progres­siver Realist” ein – fortschrittlich bei Klima­schutz und inter­na­tio­nalem Recht. Aber down to earth, was die Weltver­hält­nisse angeht. Als Realist wolle er über Unter­schiede hinweg die Hand ausstrecken. So schildert es Jason Cowley, Heraus­geber des linken Magazins New Statesman. Dass er Oppor­tunist sei, kontert der Politiker mit dem Argument, „seriöse Menschen“ änderten nun mal ihre Meinung, „wenn sich Fakten ändern.

Ich inter­es­siere mich für Gemein­sam­keiten, und das ist die Geschichte meines Lebens. – David Lammy, künftiger Außenminister

Rückt die Insel Großbritannien wieder näher an Europa heran?

Zu den Fakten gehört, dass der Brexit-Gegner Lammy zur Kenntnis nehmen muss, dass sein Land sich durch die EU-Loslösung weitgehend isoliert hat. Eine seiner Aufgaben wird es sein, den engen Schul­ter­schluss von Großbri­tannien mit dem europäi­schen Kontinent zu suchen, insbe­sondere bei Sicherheit und Verteidigung. 

Lammy bringt einen neuen Sicher­heitspakt zwischen London und Brüssel ins Gespräch. Gedacht wird an regel­mäßige Treffen und Kontakte auf offizi­eller Ebene. Bei Labour sprechen manche von „neuer geopo­li­ti­schen Partner­schaft“ mit der EU, auch als Antwort auf Distan­zie­rungen der USA zu Europa.

New Statesman

Lammy und Starmer hätten die Chance, Großbri­tannien in Europa wieder relevant zu machen, meint Cowley. „Nicht so relevant, wie wir es in der EU waren, aber als weltweite Stimme der Vernunft und des Fortschritts.“

Dabei müsse die Verschiebung auf dem Festland einbe­zogen werden. So seien Frank­reich und Deutschland keine zentralen Führungs­mächte mehr. Die Macht verschiebe sich nach Polen und in den Osten. Das massive militä­rische und politische Einstehen Großbri­tan­niens für die Ukraine werde eindeutig bleiben. Hier sei das Land längst „kein Zaungast, sondern ein europäi­scher Anführer.“

Wir brauchen einen neuen Ansatz für die Diplo­matie mit Europa und eine neue geopo­li­tische Partner­schaft mit der EU. Das bedeutet, europäisch zu sprechen. – David Lammy.

Ex-Empire will weltweit wirken

Besorgt zeigt sich der Mann aus dem multi­kul­tu­rellen und sozialen Londoner Brenn­punkt Tottenham über die Bezie­hungen Großbri­tan­niens zum Globalen Süden. Hier könnte er glaub­würdig um Verbes­se­rungen werben. Denn die Wurzeln Lammys liegen im südame­ri­ka­ni­schen Karibik­staat Guyana. Und: Der Außen­mi­nister kann seine Abstammung auf den atlan­ti­schen Sklaven­handel zurückführen.

Von roten Linien hält der Londoner Chefdi­plomat wenig:

Unsere Außen­po­litik muss sich auf die Welt einstellen, wie sie ist, und in diesem Sinne ist der Postko­lo­nia­lismus vorbei. Es gibt in der Außen­po­litik keinen Platz für Cancel Culture; vergessen Sie es: Das inter­es­siert niemanden! – David Lammy.

Die Schlacht wird in Großbritannien zu Hause geschlagen

Großbritannien Tee trinken

Ob das Verei­nigte König­reich mit England, Schottland, Wales und Nordirland wieder in die Erstliga der Nationen springen kann, hängt weniger von außen­po­li­ti­schen Diplo­matie-Durch­brüchen ab, sondern vom Geschehen an der Heimat­front. Starmer verspricht, er werde ein neues Kapitel aufschlagen, um das Land aus seiner ökono­mi­schen Depression zu führen.

Mehr Wohlstand zu schaffen, ist unsere oberste Priorität. – Keir Starmer

Unter­dessen träumen in Brüssel manche von einem baldigen Ende der Eiszeit zwischen den beiden Ufern des Ärmel­kanals. Mike Galsworthy, Vorsit­zender des European Movement UK, das Brexit rückgängig machen will, steht schon auf dem Sprung: “Einmal an der Regierung, ändert sich für Labour die Verant­wortung für die Bürger und das Land. Starmer kann nicht ignorieren, dass ihn ein proeu­ro­päi­sches Lager an die Macht gebracht hat.“ Eine Rückkehr in die EU, meint Galsworthy, sei unvermeidlich. 

Der erste Test, ob und wie die Labour-Regierung den Blick über die Kreide­felsen von Dover hinaus richten wird, kommt am 18. Juli. Dann empfängt Starmer im Schloss Blenheim Palace beim Ort Woodstock (Grafschaft Oxford­shire) rund 40 europäische Staats- und Regie­rungs­chefs zu einem Gipfel­treffen. Bis dahin:

Abwarten, engli­schen Tee trinken. 


Übrigens – Once upon a time:

Vor genau hundert Jahren kam der erste Labour-Premier­mi­nister mit der ersten Labour-Regierung der Geschichte ins Amt: Ramsay MacDonald. Das unehelich Kind eines Farmar­beiters und eines Hausmäd­chens schaffte den Aufstieg aus dem nordost­schot­ti­schen Fischerdorf Lossie­mouthand ohne akade­mische Bildung. Das war im vikto­ria­ni­schen Großbri­tannien alles andere als selbstverständlich.

In seinem Geburtsjahr 1866 geboren wurde, gab es die “Arbeits­partei” noch gar nicht. Als 1914 der erste Weltkrieg ausbrach, plädierte MacDonald als einer ihrer ersten Abgeord­neten in der Opposition für Neutra­lität. Das trug dem damaligen Pazifisten jahrelang den Vorwurf von Feigheit und Vater­lands­verrat ein. Bis heute gilt er als Vater des “appeasement” (Beschwich­tigung).

Dennoch schaffte es MacDonald mit seiner neuen Partei der Arbeiterklasse2024 die damals führenden Liberalen zu verdrängen. Zu Verdiensten gehören eine Renten­reform, eine großzü­gigere Versorgung der Arbeits­losen und ein Gesetz für bessere Löhne und Arbeits­be­din­gungen im Bergbau. Auch die Berufung der ersten weiblichen Minis­terin in der Geschichte des UK geht auf sein Konto. Der zuletzt kränk­liche MacDonald starb 1937 während eines Urlaubs auf einem Kreuz­fahrt­dampfer im Atlantik, wo er sich eigentlich erholen wollte.

Das nur so nebenbei… 


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