Lagebericht Europa – Kurzkolumne für FORUM – Das Wochenmagazin

Zwei Wochen nach der Europawahl befindet sich Europa in Turbulenzen. Vollzogene oder bevorstehende nationale Wahlen sorgen für Unsicherheiten. Ein Beispiel: An beiden Ufern des Ärmelkanals tobt ein erbitterter Wahlkampf:
- Am 30. Juni wählen die Franzosen auf Betreiben des Präsidenten Emmanuel Macron eine neue Nationalversammlung.
- Auch im Nicht-mehr-EU-Land Großbritannien geht es an die Urne: Premierminister Rishi Sunak hat Engländer, Schotten, Nordiren und Waliser für 3.Juli zur Stimmabgabe aufgerufen.
Klatsche und Kantersieg
Beide Wahlen werden mit einem Schock ausgehen. Das sagen alle Auguren. In Paris drängen die Rechtsausleger von Marine Le Pen an die Macht. Deshalb könnte der liberal gesinnte Macron gezwungen sein, mit dem erst 28-jährigen Le-Pen-Zögling Jordan Bardella als Premierminister leben zu müssen.
Umgekehrt in London. Das wird wohl von Rechts auf Links schenken. Die regierenden Konservativen stehen vor der Abwahl. Die Sozialdemokraten unter Keir Starmer erwarten einen Kantersieg. Grund: Das Vereinigte Königreich ächzt unter ökonomischen und sozialen Brexit-Verwerfungen.

Bulgarien, die ärmste EU-Nation, hatte parallel zur EU-Wahl ein sechstes Mal innerhalb von drei Jahren abgestimmt. Die Kräfte um den hochumstrittenen Regierungschef Bojko Borisow haben gesiegt. Die Reformkräfte, die in Sofia große Menschenmengen mobilisiert hatten, gingen leer aus.
Borisow – der Korruption verdächtig – ist von Medienoligarch Deljan Peewski abhängig. Den sanktionieren die USA aus Rechtsstaatsgründen. Im Hintergrund lauert eine russlandfreundliche Partei. Somit ist die Stabilität weiter in Frage gestellt, auch wenn Bulgarien außenpolitisch firm bleibt.
Sisyphus lässt grüßen
Schließlich unser Nachbar Belgien. Das hat sich – wie Österreich! – am 9. Juni für scharf rechts entschieden. Der liberale Premierminister Alexander De Croo hat sein Amt zur Verfügung gestellt. König Philippe hat den rechtsnationalistischen Bart De Wever mit der Regierungsbildung in Brüssel beauftragt.
De Wever ist noch Bürgermeister von Antwerpen. Seine nun zugewiesene nationale Aufgabe ist im regionalistisch zersplitterten Belgien eine Sisyphusaufgabe. Sie dürfte Monate dauern. Wenn sie überhaupt zu einer tragfähigen Koalition führt …
Lagebericht Europa: Es bleibt spannend.
Wolf Achim Wiegand ist freier Journalist mit EU-Spezialisierung

Entdecke mehr von http://www.european.expert
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E‑Mail zu erhalten.
