Seit dem 1. Oktober 2024 ist Mark Rutte als NATO-General­se­kretär im Amt. Der 57-jährige Langzeit-Minis­ter­prä­sident der Nieder­lande ist Nachfolger des Norwegers Jens Stoltenberg (65). Er hat die North Atlantic Treaty Organization („Organi­sation des Nordat­lan­tik­ver­trags“) auf den Tag genau zehn Jahre durch spannungs­reiche Zeiten gesteuert. Was kommt auf den obersten Zivilisten des weltgrößten Militär­bünd­nisses zu?

Von Wolf Achim Wiegand

Hamburg / Den Haag (waw) – Nun hat es der „Manager der Firma Nieder­lande“ also geschafft. Mark Rutte führt die NATO. Hinter ihm liegen fast 14 Jahre als Minis­ter­prä­sident. So lange hat noch nie jemand das Land hinter den Nordsee­deichen regiert.

Der bürgerlich-liberale Politiker bringt Krisen­er­fahrung mit ins Brüsseler Bündnis-Haupt­quartier. Dort stehen ihm die wohl schwie­rigsten Heraus­for­de­rungen seit Gründung des Nordat­lan­tik­paktes vor einem Dreivier­tel­jahr­hundert bevor. Rutte muss den Pakt durch den Konflikt mit Russland führen. Und dabei muss er damit rechnen, dass die Unter­stützung der USA für Europa womöglich nachlässt. Ob Donald Trump oder Kamala Harris – es scheint unver­meidlich, dass ein europäi­scher NATO-Pfeiler einge­pflockt werden muss.

Noch eines ist sicher. Mark Rutte wird nicht mehr wie im kuschlig-heime­ligen Den Haag so, wie hundert­tau­sende Lands­leute, mit dem Fahrrad zur Arbeit radeln können. Das langjährige Aushän­ge­schild der Partei “Volks­partij voor Vrijheid en Democratie” (VVD) wird im betonierten Hochsi­cher­heits­trakt arbeiten. Dort muss er als politi­scher Vorge­setzter einen Apparat organi­sieren, der fast sechs Millionen Solda­tinnen und Soldaten sowie Reser­ve­ein­heiten und Parami­litärs mobili­sieren könnte. Rutte ist jetzt einer der bestbe­wachten Männer der Welt.

Foto: FORUM – das Wochenmagazin

360°-Blick voraus!

Die gegen­wärtige Sicher­heitslage rund um die NATO-Länder und weit über ihr Gebiet hinaus erfordert von Rutte glob­ales Denken. Das Wort „Weltkrieg“ fällt bei der NATO öffentlich niemand. Gedacht wird es aber in manchem Szenario schon. Zu sehr sind Konflikte hochge­lodert, die brand­ge­fährlich sind. Neben dem heißen Konflikt um die europäische Ukraine geht es um den explo­siven Nahen Osten. Es geht auch um das Vordringen Chinas und allerlei Regio­nal­kon­flikte etwa im Sudan oder in Libyen. Dazu braucht es eines militä­ri­schen 360°-Blicks. 

„Wir reden über die größte Sicher­heits­bedro­hung auf unserem Kon­ti­nent, über einen Krieg hier in Europa“ – So warnte Bun­deskan­zler Olaf Scholz bei der Münchner Sicher­heits­kon­ferenz 2024.

In der NATO-Zen­trale richt­en sich die Augen also weit über Europas und Nordame­rikas Gren­zen hin­aus. Schon 2002 hat­te der dama­lige Bun­desvertei­di­gungsmin­is­ter Peter Struck zum Afgha­nistan-Ein­satz erk­lärt: „Die Sicher­heit der Bun­desre­pub­lik Deutsch­land wird auch am Hin­dukusch vertei­digt.“ Manche belächel­ten das. Heute, 22 Jahre später, ist den meis­ten Struck-Kri­ti­k­ern das Schmun­zeln vergangen.

Ger­ade erst hat der schi­er explo­die­rende Nahe Osten gezeigt, dass die Welt sich in den Unsicher­heitsmodus gedreht hat. Fast alles hängt mit allem zusam­men. Dass Israel nach der bru­tal­en Massen­mord-Orgie mit mehr als 1.400 bes­tialisch umge­bracht­en und 240 ent­führten Men­schen die Hamas-Ter­ror­is­ten in Gaza jagt, hat mit dem Mul­lah-Régime im Iran zu tun. Es hat sich Stel­lvertreter geschaf­fen, um „Feinde Gottes“ anzugreifen. 

Neue Gegner fordern alles

Die hochge­rüstete His­bol­lah-Miliz im Libanon ist in einen Krieg mit Israel ver­wick­elt. Im Jemen beschießen propa­läs­ti­nen­sische Huthi-Terro­risten als Proxies Teherans auf Handels­schiffe im Roten Meer. So blockieren sie den Suezkanal, also die Lebenslin­ie des Han­dels zwischen Europa und Asien. NATO-Kriegs­schiffe sind vor Ort.

Die Gewal­torgien im Nahen Osten zeigen zudem, dass die NATO neue Geg­n­er hat. Kriege der Zukun­ft wer­den auch ein Anti-Ter­ror­kampf sein. Das bedeutet Abwehr hin­ter­hältiger „Angriffe ohne Absender“ unter Mis­sach­tung jeglich­er Regeln. Zum Reper­toire künftiger Kriege gehören Mas­sak­er eben­so wie das Durchtren­nen von Unter­seek­a­beln oder hybride Krieg­führung im Cyber­raum – alles längst schon in Gang. 

Zum NATO-Blick­hor­i­zont gehört seit Längerem selbst die geogra­fisch weit abgelegene aber hochrüs­tende Volk­sre­pub­lik Chi­na. Das glob­ale Han­del­sim­peri­um krallt sich wie ein Drache ganze Ein­flusszo­nen im Indopaz­i­fik. Es ist ein Wet­tbe­wer­ber und sys­temis­ch­er Rivale des Westens, der mit Handel und Ideologie bis nach Lateinameri­ka und Afri­ka greift. Aber selbst in der Ostsee sind schon chine­sische Marine­schiffe aufge­taucht. Zugle­ich schwindet Europas Ein­fluss auf Gegen­den mit drin­gend benötigten Rohstoffen.

Das Bünd­nis muss sich weit­er­en­twick­eln, um neu gewachsene Bedro­hun­gen entschieden und anpas­sungs­fähig abfed­ern zu kön­nen. Indessen wenden die USA als weitaus größter NATO-Partner ihre Aufmerk­samkeit weg vom Atlantik. Sie schauen mehr und mehr auf den Pazifik, dessen Anrainer sie ja auch sind. Europa wird aus nor­damerikanis­ch­er Sicht zum Randgebiet.

Europa braucht mehr eigene Kraft

Immer wichtiger wird das Heran­bilden eines stark­en europäis­ch­en NATO-Pfeil­ers. Daran hapert es noch, wie Mark Rutte weiß. Sein Problem: Nicht jed­er in Europa hat erkan­nt (oder will es erkennen), dass mil­itärisch­er Gle­ich­schritt nur funk­tion­iert, wenn das Auss­chre­it­en eine gemein­same Tak­tung hat. Inzwi­schen sind Kräfte groß geworden, die das gar nicht wollen. Unter­werfung ist ihnen lieber, als klare Kante für unsere freiheit­lichen Werte.

Immer­hin: Europa hat die Gemein­same Sicher­heits- und Vertei­di­gungspoli­tik (GSVP) geschaf­fen. Sie erlegt den EU-Mit­glie­d­­staat­en in Ergänzung zur NATO konkrete Zielset­zun­gen für Resilienz auf. Neue Bedeutung hat nun, dass NATO-Alliierte, die auch der EU angehören, nicht nur gemäß Artikel 5 des NATO-Vertrags zum Beistand verpflichtet sind. Sie garan­tieren sich unter­ein­ander auch nach Artikel 42.7 des EU-Vertrags militä­rische Hilfe­leistung. Die USA braucht man dazu nicht.

Auch die Gründung eines EU-Vertei­di­gungs­kom­missars im „Kabinett“ der Ursula von der Leyen zeigt: Europa hat verstanden. Der ebenfalls neue Vertei­di­gungs­aus­schuss im Europäi­schen Parlament birgt ebenfalls Hoffnung, dass good old Europe sich besinnt. Aber noch müssen sich die frischen Brüsseler Akteure genügend Kompe­tenzen und Mittel erkämpfen. Nur so kann das Ziel koordi­nierter Rüstungs­an­stren­gungen für die Armeen aller 27 EU-Mitglieds­länder erreicht werden. 

Trotz wach­senden europäis­chen Miteinan­ders: Außer an Europas extre­mis­ti­schen Außen­rändern stellt nie­mand die transat­lantis­che Zusam­me­nar­beit infrage. Gemein­sam arbeit­et man an der Ein­rich­tung von NATO-„Durchmarschkorridoren“ von Por­tu­gal bis Polen und von Stock­holm bis Sizilien. Eine Art „mil­itärisches Schen­gen“ soll bürokratis­che Vorgänge beim Trans­portieren von Per­son­al und Mate­r­i­al ein­dampfen. „Inter­op­er­abil­ität“ heißt das Zauber­wort für har­mon­isierte Stan­dards beim Miteinan­der von Men­schen, Tech­nik und Munition.

Freiheit liegt nicht im Billigregal

Die Auf­gaben, vor denen die NATO in ihrem 75. Jubiläum­s­jahr liegt, sind enorm – sowohl poli­tisch wie organ­i­sa­to­risch-logis­­tisch und finan­ziell. Rus­s­land baut ange­blich atom­are Wel­traumwaf­fen, die wichtige Kom­mu­nika­tion­ssatel­liten im All auss­chal­ten kön­nen. Die NATO-Sicher­heit muss also nicht nur am Hin­dukusch vertei­digt wer­den, son­dern bald wohl auch am Mond.

Der schei­dende Nato-General­se­kretär Stoltenberg hatte in seiner Abschiedsrede fünf Lehren für die Zukunft formu­liert. Dazu zählte er die Erkenntnis: 

Der Preis für die Freiheit muss bezahlt werden.

Und, das Band zwischen Europa und den USA dürfe niemals als gegeben angesehen werden, mahnte Stoltenberg.

Rutte könnte schon sehr bald an den Ratschlag seines Vorgängers erinnert werden. Am Dienstag, 5. November 2024, wird sich entscheiden, wer künftig in das Weiße Haus einziehen wird. Vielleicht wird der neue NATO-Chef dann nicht nur dafür sorgen müssen, dass das zarte Band der trans­at­lan­ti­schen Allianz straff bleibt. Er wird auch Nerven aus Stahl benötigen.  



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