Die Ostsee: Ein fried­liches Meer. So sollte man meinen. Aber auf seinen Gewässern herrscht Turbulenz. Politisch und militä­risch gesehen. Russland wird immer aktiver gegen NATO und EU. Ein Lagebe­richt: Europa im Blick­punkt – Ostsee Vertei­digung.

Europa im Blick­punkt – Ostsee Verteidigung

Von Wolf Achim Wiegand

Hamburg (waw) – Die Ostsee gilt als eines der ruhigsten Meere der Welt – zumindest wetter­tech­nisch. Ihre geschützte Lage, umrahmt von den Landmassen Skandi­na­viens, des Baltikums und Mittel­eu­ropas, sorgt für milde Bedin­gungen. Es gibt weniger hohe Wellen, als in Nordsee und Atlantik, sowie schwä­chere Stürme. Auch an den Küsten ist es milder, als an anderen Meeren. Allein die Zahl der Deutschen, die jährlich an der Ostsee ihren Urlaub machen, beträgt 6,5 Millionen Menschen.

Doch unter der vermeintlich ruhigen Oberfläche brodeln geopo­li­tische Spannungen. Sie machen das Binnenmeer zu einem der zentralen Schau­plätze inter­na­tio­naler Sicher­heits­fragen. Angesichts von Zwischen­fällen und militä­ri­schem Aufmarsch ist die Ostsee bereits eine Art Kriegsgebiet. 

Geopolitischer Sturm auf friedlichem Meer

Politisch gesehen herrscht auf dem weltweit größten Brack­was­sermeer ein regel­rechter Sturm. Geopo­li­tische Rivali­täten und militä­rische Aktivi­täten prägen die Region zunehmend. Ein aktuelles Beispiel ist der Vorfall mit einem chine­si­schen Fracht­schiff unter russi­schem Kommando, das offenbar absichtlich Unter­see­kabel beschä­digte. Diese Kabel sind essen­ziell für die Kommu­ni­kation zwischen Skandi­navien und Mitteleuropa.

Europa im Blick­punkt – Ostsee Verteidigung

Die Ostsee ist seit Jahren im Fokus der NATO. Doch der russische Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 hat ihre strate­gische Bedeutung noch verstärkt. Russland nutzt die Region für Spionage und militä­rische Macht­de­mons­tra­tionen. So werden Offshore-Energie­an­lagen ausge­kund­schaftet, während russische Kriegs­schiffe und Flugzeuge immer wieder provokant agieren.

Russlands Offensive und Kaliningrads Bedeutung

Russland agiert in der Ostsee nicht defensiv, sondern offensiv. Mit dem östlichsten Ostsee­hafen St. Petersburg hat der Kreml einen bequemen Zugang für seine Baltische Flotte. Die Schlüs­sel­rolle spielt indessen die russische Exklave Kaliningrad. Zwischen Polen und Litauen gelegen, gehört sie zu den am stärksten milita­ri­sierten Gebieten der Russi­schen Föderation. 

In Kaliningrad, dem früheren Königsberg, sind seit 2018 Iskander-Raketen statio­niert. Reich­weite: 500 Kilometer. Das reicht, um weite Teile Polens und des Baltikums zu erreichen. Russlands Raketen können auch norddeutsche Städte wie Rostock und Schwerin zerstören. Im Radius Russlands liegen weitere wichtige Ziele wie Südschweden mit der Großstadt Malmö und die strate­gisch bedeutsame Insel Gotland. 

Europa im Blick­punkt – Ostsee Verteidigung

Stockholm Stadt Europa im Blickpunkt - Ostsee Verteidigung
Foto: Mylo Kaye, Pexels.com

Die NATO reagiert

Die NATO hat ihre Präsenz in der Ostsee in den letzten Jahren deutlich erhöht. Allein zwischen Januar 2023 und September 2023 sollen rund 200 russische Flugzeuge über der Ostsee abgefangen worden sein. Mehrmals wöchentlich gibt es Aufstiegs­alarm für NATO-Kampfjets – ein klares Zeichen dafür, ständig wachsam zu sein.

Neue Komman­do­zen­tralen sollen die Zusam­men­arbeit der Ostsee-Anrai­ner­staaten verbessern. Dazu gehört das kürzlich in Rostock eröffnete Marine-Haupt­quartier (“Commander Task Force Baltic”, CTFB). Es geht um militä­rische Koordi­nation zwischen Deutscher Marine und elf weiteren Partnern. Jedes Flugzeug und jedes Schiff auf einer Fläche von mehr als 400.000 Quadrat­ki­lo­metern erscheint auf großen Radars. Ungewöhn­liche Kursab­wei­chungen werden bemerkt und ggf. militä­risch beantwortet. 

Es geht bei den Kontrollen auch um den Schutz des zivilen Seever­kehrs. Rund 20 größere Häfen von Abenraa bis Trelleborg besorgen den Waren­aus­tausch. Über 100 Fährver­bin­dungen sind gleicher­maßen für die Wirtschaft und den Perso­nen­verkehr zwischen Skandi­navien und Mittel­europa unver­zichtbar. Schon in Zeiten der Wikinger war dies der Fall. Im Hochmit­tel­alter spielte der Städtebund der Hanse eine dominie­rende Rolle in Europa.

Fähre auf dem Meer - Europa im Blickpunkt - Ostsee Verteidigung

Europa im Blick­punkt – Ostsee Verteidigung

Hier verlaufen maritime Lebens­adern, die Wachstum und Wohlstand sichern. Kommu­ni­kation und Energie. Hier wird Seehandel betrieben, von dessen Dynamik unsere Volks­wirt­schaften in hohem Maße abhängig sind. – Bundes­ver­tei­di­gungs­mi­nister Boris Pistorius

Mit Schweden und Finnland sind 2024 zwei weitere Ostsee-Länder der NATO beigetreten. Das stärkt die Vertei­di­gungs­fä­higkeit des 32-Staaten-Bündnisses. Gleich­zeitig erhöhen sich dadurch die Spannungen mit Russland, das auf die verstärkte NATO-Präsenz kritisch reagiert. Stockholm und Helsinki arbeiten jetzt auch bilateral enger zusammen, etwa im Rahmen der Nordic Defence Coöpe­ration (NORDEFCO). Ziel ist eine gemeinsame Sicherheitsstrategie.

Kritische Infrastruktur im Visier

Eine der größten Heraus­for­de­rungen in der Region ist der Schutz kriti­scher ziviler Infra­struktur. Das sind vor allem Unter­see­kabel und Pipelines. Wieder­holte Sabota­geakte – mutmaßlich durch russische Akteure – verdeut­lichen die Verwund­barkeit der Region. Der Schutz dieser Infra­struktur erfordert eine noch engere inter­na­tionale Zusam­men­arbeit, sowohl militä­risch als auch zivil:

Es muss nun eine Reaktion der Stärke (Art. 4 Konsul­ta­tionen, Ausweitung Unter­stützung Ukraine, Ausweitung Sanktionen gegen Russland, uvm) erfolgen, ansonsten wird Russland nicht abgeschreckt. – CDU-Vertei­di­gungs­experte Roderich Kiese­wetter bei X

Fazit

Die Ostsee bleibt ein komplexes Spannungsfeld, das weit über die Region hinaus Bedeutung hat. Ihre geopo­li­tische Lage macht sie zum Schau­platz eines Macht­spiels zwischen Russland, der NATO und ihren Partnern. Neben militä­ri­schen Antworten sind langfristige Strategien zur Stabi­li­sierung der Region notwendig – sowohl für die Sicherheit als auch für die Lebens­grundlage der Anrainerstaaten.

Mädchen schaut mit Fernrihr aufs Meer Europa im Blickpunkt - Ostsee Verteidigung
Greifs­walder Bodden / Foto: Wiegand

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